La la la la lee
A little bird lit down on Henry Lee
Lie there, lie there, little Henry Lee
Till the flesh drops from your bones
For the girl you have in that merry green land
Can wait forever for you to come home
And the wind did howl and the wind did moan
Der Gang zum Schlafzimmer erweist sich als umständlich. Ihre immernoch kalten Füße tragen sie nur schwankend zur ebenholzenen Tür. Ihre Augen sind schwer, ihre Lider drücken wie Gewichte auf sie, und ihr Kopf dreht sich fast so sehr wie ihre Gedanken, die einfach keinen Fokus finden wollen.
Der innere Zwang, etwas zu tun, schenkt ihr ein unbehagliches Gefühl - Unterstützt durch jenes in ihrem Magen, welcher sich fast nach innen auszuhöhlen scheint, so schmerzend.
Es scheint sich alles nach innen zu kehren.
Selbst ihre Augen wollen tiefer zurück in ihren Schädel, so sehr liegt die bleierne Müdigkeit auf ihnen.
Abhilfe schafft erst die wärmende Dunkelheit, die sie umfängt, als sie ihr Schlafzimmer betritt.
Im nächsten Moment sieht sie sich fast wieder am Boden, kann jedoch mit letzter Kraft und viel Glück die Kante ihrer Kommode fassen.
Der kurz nachhallende Windhauch, gebildet durch das ruckartige Zufallen der Tür hinter ihr, streift ihre Haare und ihre rechte Wange.
Die zarten Finger der jungen Frau berühren die Elfenbeinhaut beinahe erführchtig, bevor sie sich an der Wand entlang tasten, zum Kleiderschrank hin.
Kleiderschrank ist eine große Untertreibung - Und dieser Gedanke zaubert ein Lächeln auf ihr blasses Gesicht.
Ein recht aufmerksamer Beobachter würde die Intensität dieser Mimik bemerken. In den trotz der Schwärze starr aufgerissenen Augen fänden sich bei Helligkeit wohl in der Lichtspiegelung der Metallvase auf dem Beistelltisch keinerlei Emotionen wieder, die Reflexion der Glasvitrine im Wohnzimmer überträge sich schlicht auf Iris und Pupille übertragen, in dem schwächlichen Versuch etwas zu verdecken, von etwas abzulenken, was in Wahrheit nicht vorhanden ist.
Sie ist sich dessen bewusst, und das scheint ihr Lächeln noch zu verstärken.
Die vermeintliche Ironie des Schicksals hat es so gewollt.
Nach wenigen Augenblicken finden ihre Hände den Griff, ziehen mit einem schleifenden Geräusch die Türen auseinander. Sie tastet blind nach Kleidung, ihre Fingerkuppen streifen über verschiedenste Stoffe.
Das unbehagliche Gefühl in ihrem Magen wird noch weiter untermauert, als sie den rauen Stoff des schwarzen Oberteils spürt - ein enganliegendes Shirt, halblange Arme, schlicht, gemütlich, angenehm - und erreicht einen einschneidenden Höhepunkt, als sich Erinnerungsfetzen wie ein Donnerschlag in ihrem Hirn zu einem Gesamtbild vernetzen.
Der Wein war etwas zu gut gewesen. Rot, lieblich, charaktervoll, hatte er ihre Zunge bezirzt, ihren Gaumen verführt und ihre Sinne belebt.
Spöttisch in sich hineingrinsend verscheuchte sie die Vorstellung eines gewissen düsteren Mannes vor ihrem inneren Auge, welcher enthusiastisch einer Gruppe junger, nicht minder motivierter Menschen bereitwillig und durchaus furchteinflößend die Kunst am Zusammenpanschen verschiedenster, appetitanregender Zutaten versuchte schmackhaft zu machen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die kurze, geistige Abwesenheit war auch ihrem Gegenüber aufgefallen - jener blickte nun mit schiefgelegtem Kopf in ihre Richtung und ließ es sich nicht nehmen, den rechten Mundwinkel in einer lieblichen Geste amüsiert anzuheben. 'Perfekt!', dachte sie und beglückwünschte sich imaginär zu ihrem Snape-Klon - Wenn man auch auf einen Blick sah, dass die hellbraunen Haare und die grünen Augen nicht völlig dem Bild entsprachen, dass ihr Lieblings Harry-Potter-Charakter hergab. "Ist irgendwas, Abbs?", fragte der junge Mann und hätte sie die Augen geschlossen - Sein Lächeln hätte man sogar hören können. "Niemals!", versicherte die ihm mehr als halbherzig, und lenkte das Gespräch in andere Bahnen. Bahnen die ins Nirgendswo fuhren, sich irgendwann verloren und letztendendes schwiegen. Die Sitze und Fenster beschmiert mit rotem Graffiti, kaum leserlich und doch eindeutig. Es ist falsch. Doch daran wollte sie nicht denken. Als er ihre Hände berührte und sanft streichelte, seine Finger unmerklich an dem groben Stoff ihres Hemdes zogen, erhellte ihre Züge ein strahlendes Lächeln.
Wären die Vorhänge nicht vorgezogen, könnte man den Blitz vernehmen. Doch so bleibt nur ein lautes Donnern, dass ihr gewiss werden lässt, ihre Erinnerungen beruhten nicht nur auf der Vorstellung, ein Gewitter sei dort - es war dort.
Das unbehagliche Gefühl weitete sich auf ihre Lungen aus. Sie greift abrupt nach dem Hemd, zieht es sich über und lässt irgendeinen Rock folgen, den sie als erstes findet.
Dann stürmt sie mit Bestimmtheit aus dem Zimmer, hinein in gleißendes Licht.
Steriles Licht.
Kaltes Licht.
Licht muss man suchen, um es zu finden. Die Dunkelheit ist bereits da und umfängt einen sanft.
Sie greift in ihre Haare, bemerkt ihren verwahrlosten Zustand. Die auf der Ablage neben der Couch liegende Bürste ist bald in ihrer Rechten, und sie kämmt ihr schwarzes Haar.
Unendlich verknotet, sie muss geschwitzt haben während des Schlafes. Eine unbändige Wut nimmt sie plötzlich ein und bringt sie dazu, heftiger zu bürsten, sich die Haare reihenweise auszureißen. Doch der Schmerz wird irgendwann zu groß, und sie kann nur mit Mühe und Not einen weiteren Heulkrampf unterbinden.
Die Hornspange hält ihre dünnen Haare kaum, und das kalte Wasser aus dem Waschbecken in der Küche verschafft ihr kein Gefühl von Frische - Nur von Kälte. So kalt wie ihre immernoch unsicheren Beine.
Der Rock war eine schlechte Idee.
Ein Blitz erhellt für einen kurzen Moment das leer wirkende Apartement, und fast zeitgleich schellt es an der Tür.
Sie möchte dort nicht hin, alles in ihr wehrt sich. Der Druck auf ihren Augen ist wieder da, drückt sie fast Schritte zurück.
Wie zwei Magneten, die sich zu oft umeinander gedreht haben, und nicht dahin kommen, sich mit den unterschiedlichen Polen einander zu zuwenden - sondern stur geradeaus rennen, und sich folglich immer wieder abstoßen - zwingt sie sich dennoch dazu, ihren wackeligen Gang zum Wohnungseingang fortzusetzen.
Sie schaut durch den Späher, erblickt grüne Landschaften.
Mit dem nächsten Donnerschlag öffnet sie die Tür.
Dort steht er, und blickt sie besorgt an.
Liebevoll.
Und unsicher.
'Was ist er? Licht? Dunkelheit?'
'Kann ich ihn suchen? Ist er da?'
'Und ist es die geliebte Dunkelheit, die dort hämisch auf dem Stuhl in der Ecke neben der Garderobe sitzt und mich wissend anschaut?'
"Abbs."
Die Finsternis erhebt sich, und stellt sich wärmend hinter sie. Ihre langen, dürren Finger berühren sachte ihre Schultern, und mit einem dünnen Hauch von Spott flüstert sie ihr etwas ins Ohr.
"Tony..". Ihre Stimme zittert.
Mit einem Schritt ist er bei ihr und zieht sie in seine Arme.
Die Worte der Schwärze hallen in ihr nach.
"Von allen die du kennst, ist die Dunkelheit der beste Beobachter."
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Wie immer - um Review wird gebeten :) Merci
Anna
