Die Gang
Chloe ließ die Hand sinken. Ohne es sich selbst wirklich einzugestehen, hatte sie bereits die Hoffnung gehegt, dass Claudette Antworten haben würde. Antworten auf all ihre Fragen und eine Erklärung, warum Max einfach verschwunden blieb. Doch Claudette wusste genau so wenig wie sie selbst.
Kopfschüttelnd setzte sich Chloe auf ihr Bett und legte das Handy zur Seite. Sie wusste nicht, was sie sich überhaupt erwartet hatte und warum es sie auf einmal so schwer traf, dass sie wieder einmal keinen Schritt weitergekommen war. Dann merkte sie, dass es ihre letzte Option gewesen war. Nun hatte sie wahrhaft keine Ahnung mehr, wie es weitergehen sollte. Nachdem sie jede Nummer angerufen und an jeder Stellte vorstellig geworden war, war Claudette ganz einfach ihre letzte Hoffnung gewesen.
Chloe ließ sich nach hinten fallen. Mit dem Rücken traf sie auf die weiche Matratze, die für einen Moment auf und abschwang, bis die Energie ihres Falls verebbte. Einen Augenblick lang krächzten noch die Metallfedern. Dann füllte Stille das kleine Zimmer und alles was blieb, war Chloes einsamer, verlassener Atem.
Vollkommen allein.
Sie verbarg das Gesicht in den Händen und kämpfte gegen das überwältigende Gefühl absoluter Verzweiflung an, das sich langsam in ihrer Brust nach oben schob. Gierig griff es nach ihrem Herzen und infiltrierte ihren Verstand. Aber Chloe wollte nicht einfach so stattgeben.
Mit einem tiefen Atemzug riss sie die Hände wieder nach unten und zwang sich die Augen zu öffnen. Sie spürte die weiche Bettdecke unter ihren Handflächen, während ihr Blick an der Zimmerdecke entlang hinüber auf den kleinen, schwarzen Kreis glitt, den sie vor einer Ewigkeit an die Wand gemalt hatte. Es war ihr Loch in ein anderes Universum.
Wie oft hatte sie sich schon gewünscht einfach darin verschwinden zu können und im Nichts aufzugehen. Einfach alles loswerden, die ganzen Sorgen und Lasten dieser Welt und alles hinter sich lassen. Schließlich war immer sie es, die hilflos und verlassen zurückbleiben und sich mit den Ereignissen abfinden musste. Zuerst war es ihr Vater gewesen, dann Max und schlussendlich Rachel.
Und jetzt war es wieder Max.
„Chloe?"
Eine dumpfe Stimme hatte sich durch die geschlossene Tür hereingewagt, zusammen mit einem zögerlichen Klopfen. Chloe antwortete nicht. Sie kannte die Stimme und sie hatte im Moment absolut kein Verlangen danach mit irgendjemandem zu sprechen. Seltsam eigentlich, wo sie sich doch so einsam fühlte. Aber vielleicht war ja gerade das ihr Fluch. Ihr ständiger Kampf gegen sich selbst.
Langsam öffnete sich die Tür und eine zaghafte Gestalt erschien im Halbdunkel. Zuerst nur der Kopf, der suchend durch das Zimmer schaute, dann ein Brustkorb und schließlich der restliche Körper. Einen Augenblick später setzte sich Joyce neben Chloe aufs Bett.
„Hi, Mom"
Joyce antwortete nicht. Ihr Blick wanderte langsam über ihre Tochter, die ihrerseits die Augen knallhart auf die Decke gerichtet hielt. Chloe trug ihre typischen, zerrissenen Jeans in Kombination mit einem der schmuddeligen Tanktops, unter denen stets ihr BH kess hervorblitzte. Etwas zu gewagt, wie Joyce fand. Doch sie hatte bereits vor langer Zeit gelernt, sich aus dem Kleidungsstil ihrer Tochter herauszuhalten.
„Ich habe dich zum Essen gerufen", sagte Joyce: „Vor einer Dreiviertelstunde."
Es lag nichts Anschuldigendes in ihrem Ton, kein Vorwurf oder Urteil. Es war ganz einfach eine Feststellung, die ihr offensichtlich Sorgen bereitete.
„Ich habe keinen Hunger", brummte Chloe. Sie hatte die Hände auf dem Bauch verschränkt und behielt eine ausdruckslose Maske über ihrem Gesicht. Für einen Außenstehenden hätte es vielleicht so ausgesehen, als ginge hier nichts Bemerkenswertes vor sich. Aber nicht für eine Mutter.
Joyce konnte ganz genau sehen, dass ein Sturm hinter Chloes blauen Augen wütete und sie wusste, dass ein solcher Sturm sehr wohl im Stande war, sie einfach mitzureisen und davonzutragen. Es war bereits früher passiert und Joyce würde es niemals wieder zulassen, sofern sie es verhindern konnte. Koste es was es wolle.
„Wirklich nicht?", fragte sie und berührte Chloe sanft an der Schulter: „Ich habe Schmorbraten gemacht."
Chloe antwortete nicht. Vehement starrte sie weiterhin an die Decke und vermied jeglichen Blickkontakt. Mit einem Seufzen wandte sich Joyce nun ebenfalls ab und schaute hinüber zur Tür. Vielleicht war es besser, Chloe einfach in Ruhe zu lassen. Zumindest für den Augenblick. Vielleicht brauchte sie einfach etwas Zeit für sich.
Nein, entschied sich Joyce. Sie wusste genau, was Chloe brauchte und das war definitiv nicht Einsamkeit.
„Ich bin sicher, Max kommt bald zurück", sagte sie behutsam und wandte sich wieder ihrer Tochter zu: „Das FBI ist nicht unser Feind. Wenn sie sie mitgenommen haben, dann wird das seine Gründe haben und ich bin sicher, dass es ihr gut geht. Sie hat schließlich Rechte und sie hat nichts verbrochen."
Chloe sagte nichts.
„Wenn du allein sein willst, dann brauchst du es nur zu sagen."
Doch Chloe sagte nichts. Es war die Bestätigung, die Joyce brauchte. Chloe brauchte irgendjemanden. Sie war ganz einfach nur vollkommen unfähig es auszudrücken.
„Seit du aus Paris zurückgelehrt bist", sagte Joyce so vorsichtig sie konnte: „Kommst du mir anders vor."
Sie legte eine kurze Pause ein und suchte nach einer Reaktion. Als sie keine erhielt, sprach sie weiter. Leise, fast flüsternd.
„Als ich dich in den Nachrichten gesehen habe, da kam es mir so vor als würde ich ersticken und erst als ich dich am Flughafen wieder in den Armen halten konnte, da habe ich wieder Luft bekommen. Glaub mir, es gibt kein Wort auf der Welt, das beschreiben könnte, wie froh und erleichtert ich war, dich nicht verloren zu haben."
Joyce hielt inne und fixierte ihren Blick auf das Gesicht ihrer Tochter. Es war ausdruckslos geblieben, fast leer, und doch schien sich irgendetwas geändert zu haben. Ein zuckender Muskel, ein unwillkürliches Blinzeln, Joyce wusste es nicht. Noch nicht.
„Ich liebe dich", sagte sie: „Das weißt du. Und ich sehe, dass es dir nicht gut geht. Seit du wieder hier bist, bist du so still, so verschlossen. Du hast dich verändert und das verstehe ich auch. Bei Gott, ich wäre besorgt, wenn es dich nicht verändert hätte, das was dir wiederfahren ist."
Joyce seufzte und griff nach Chloes Hand. Endlich drehte sie ihr die Augen zu.
„Ich weiß, dass es schwer sein kann, nach solchen Dingen nach Hause zu kommen. David hat mir davon erzählt und von seinen Erlebnissen im Gefecht. Davon erholt man sich nicht einfach so. Man kann es nicht einfach irgendwo hinschieben, aber das ist auch ganz normal. Das ist keine Schwäche."
Chloes Brust hob und senkte sich unter regelmäßigen Atemzügen und ihre blauen Augen blitzten unter ihrer Kappe hervor. Es war einer der seltenen Momente, in der Joyce wirklich das Gefühl hatte, als würde sie ihr zuhören.
„Von David weiß ich auch, dass Menschen ganz unterschiedlich damit umgehen", fuhr sie fort: „Aber alle haben ihre Schwierigkeiten damit. Das Schlimmste ist jedoch, es einfach zu verdrängen und so zu tun, als ob es nie geschehen wäre. Dann frisst es einen von innen heraus auf. Davor habe ich Angst, Chloe, und ich will nicht, dass dir das passiert."
Plötzlich spürte Joyce ein leichtes Zittern in Chloes Fingern und sofort verstärkte sie den Druck ihrer eigenen Hand.
„Ich war in Paris nicht dabei", sagte sie: „Ich habe den Livestream nicht gesehen. Ich weiß nicht genau, was du erlebt hast und ich muss es auch nicht wissen. Du kannst es mir sagen, wenn du willst, aber du musst nicht. Das liegt ganz bei dir. Aber bitte, vertrau dich jemandem an. Und ich will, dass du weißt, dass ich für dich da bin. Jederzeit."
Chloe antwortete nicht. Stattdessen stützte sie die Ellbogen gegen die Matratze und setzte sich langsam auf, sodass sie sich Schulter an Schulter mit ihrer Mutter befand. Joyce musterte aufmerksam ihr Gesicht, während Chloe ihren Blick nachdenklich nach vorne gerichtet hatte. Schweigend starrte sie ins Leere, bevor sie eine ganze Weile später flüsterte: „Max und ich, wir… wir sind in Paris gelandet."
Joyce hörte ihr genau zu. Sie hatte Angst davor, was Chloe ihr erzählen würde, doch sie wollte alles wissen.
„Am Flughafen sind wir in ein Taxi gestiegen und in ihre Wohnung gefahren. Dort haben wir Claudette getroffen. Ihre Mitbewohnerin. Gemeinsam haben wir uns die Stadt angesehen und… und wir sind auf den Eiffelturm hinauf. Es war gewaltig. Wir haben die ganze Stadt gesehen."
Chloe legte eine kurze Pause ein. Joyce nickte leicht und wieder spürte sie ein leichtes Zittern durch die Hand ihrer Tochter fahren.
„Am Abend waren wir dann wieder in der Wohnung", sagte Chloe: „Und ich habe Pfannkuchen gemacht. Genau wie du´s mir gezeigt hast. Ein paar Minuten später hat´s an der Tür geklopft und ich bin aufgestanden und habe aufgemacht. Da waren maskierte Männer. Sie sind hereingestürmt, haben mich zu Boden gedrückt und betäubt."
Joyce spürte wie ihr Herz einen Schlag aussetzte, als sie sich vorstellte, wie ihre Tochter von mehreren Terroristen entführt wurde. Chloe hingegen atmete einmal tief durch, wobei ihr Atem leicht flatterte.
„Ich bin in einem Raum wieder aufgewacht", erzählte sie weiter: „Und hatte Infusionsnadeln in den Armen. Wenig später kam Claudette herein und sie haben sie gezwungen, ihre Hand in ein Fass mit ätzender Säure zu stecken. Sie haben gesagt, wenn sie es nicht tun würde, dann würden sie mir eine Überdosis LSD verabreichen."
Chloe starrte immer noch nach vorne und ihr Gesicht war immer noch flach und ausdruckslos. Ihre Brust hob und senkte sich unter tiefen Atemzügen, während sich ihre Hand immer fester an die ihrer Mutter klammerte.
„Als nächstes haben sie uns in einen Raum geschickt, mit einer metallenen Box. Da war noch ein Mädchen…"
Chloe musste kurz Luft holen.
„Sie war in einen Stuhl gefesselt und… und…"
Vor ihrem inneren Auge tauchten dunkle Bilder auf, von der Vorrichtung, in der sie Jade gefunden hatten und dem grausamen Metallkasten, mit den beiden Löchern für ihre Arme. Chloe schüttelte den Kopf und schloss kurz die Augen, um sich zu sammeln.
„Sie haben uns gesagt, wir müssen sie befreien."
Sie spürte, wie ihr Herz zu schlagen begann. Immer schneller hämmerte es gegen ihren Brustkorb und versetzte ihr jedes Mal einen unangenehmen Stich.
„Und diese Metallbox…", sagte Chloe: „Ich war… war auf der anderen Seite, und… und…"
Ihre Stimme brach, als sich plötzlich ein unsichtbares Band um ihre Kehle legte und gnadenlos zudrückte. Es war als würde sie ersticken. Ihre Lungen schienen keine Luft mehr zu bekommen und ihr ganzer Körper spannte sich schmerhaft an. Einen Augenblick später rannen bereits die Tränen über ihre Wangen und ihr Kopf schnellte herum zu ihrer Mutter.
Sie brauchte Hilfe.
Sie brauchte Schutz.
Und Joyce war hier für sie. Sofort nahm sie ihre Tochter in die Arme und drückte sie an sich, so fest sie konnte. Chloes Kopf ruhte auf ihrer Brust, direkt über ihre Herzen und sie spürte, wie ihr Oberkörper von wiederkehrenden Schluchzern geschüttelt wurde. Verzweifelt klammerte sich Chloe an ihre Schultern, während Joyce behutsam über ihren Hinterkopf strich. Sie war für sie da und sie würde es, wenn nötig, die ganze Nacht über sein.
Dwight hievte sich aus dem Bett. Er hasste den Ton seines Weckers, das nervtötende Gepiepse, das aus dem kleinen Lautsprecher an der Rückseite kam. Doch es war wirksam und er brauchte es, um in der Früh auf die Beine kommen zu können.
Gähnend setzte er sich auf die Bettkante und rieb sich die Augen. Dann drehte er sich um und schaute über die Schulter hinüber zu Claudette, die gestern neben ihm eingeschlafen war. Doch sie war nicht mehr da.
Im nächsten Moment hörte er das leise Surren einer elektrischen Zahnbürste aus dem Badezimmer und kopfschüttelnd stand er auf. Versteh einer diese Studenten. Sie hatte heute den ganzen Vormittag frei und trotzdem quälte sie sich noch vor ihm aus dem Bett, obwohl sie gestern erst so spät nach Hause gekommen war.
Unbeholfen hob Dwight seine Jeans vom Boden auf und griff nach seinem T-Shirt, das über der Lehne des Bürostuhls an Claudettes Schreibtisch hing. Seine Socken lagen in gegenüberliegenden Ecken des Raumes. Er hatte keine Ahnung wie sie dort hingekommen waren, doch im Moment war es ihm auch egal. Er war einfach zu müde, um sich Gedanken darüber zu machen.
Verschlafen und lustlos wankte er hinüber ins Badezimmer, wo sein Blick sofort auf seine Freundin fiel. Sie stützte sich mit einer Hand am Waschbecken ab, während sie mit der anderen ihre Zähne putzte. Ihre schwarzen Haare fielen ihr unordentlich den Rücken hinunter und sie hatte sich noch nicht vollständig angezogen. Ihr Oberköper steckte in einer ihrer Blusen, doch ansonsten trug sie nur eine Unterhose.
„Guten Morgen", wünschte Dwight und trat zu ihr hinein. Ihre Blicke trafen sich über den Spiegel, als er seine Arme um ihren Bauch schloss und sein Kinn auf ihre Schulter legte. Sie schenkte ihm ein Lächeln so gut sie konnte, mit einer Zahnbürste im Mund, was ihn wiederum zu einem Schmunzeln anregte.
„Warum bist du denn schon so früh auf?", fragte er: „Ich dachte, deine erste Vorlesung wäre erst um zwei."
Claudette beugte sich hinunter und spülte sich hastig den Mund aus. Anschließend stellte sie die Zahnbürste weg und drehte sich um.
„Ist sie auch."
„Du bist verrückt."
„Warum das?"
„Wenn du schlafen kannst, dann schlaf doch", antwortete Dwight: „Da drüben steht ein kuscheliges, warmes Bett, das du den ganzen Vormittag nur für dich allein hast."
„Meg hat angerufen", erwiderte Claudette und schaute zu Boden. Sorgenfalten hatten sich auf ihrer Stirn gebildet. „Sechs Mal, über die ganze Nacht verteilt."
„Was wollte sie?"
Dwight trat nach vorne und legte seine sanften Hände um ihre Hüfte. Claudette blickte zu ihm auf und schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Mein Handy war ausgeschaltet und heute früh ist sie nicht mehr rangegangen. Ich fahr zu ihr hin und schau nach, ob alles in Ordnung ist."
„Bist du sicher?", fragte Dwight: „Glaubst du, dass sie sich mittlerweile abgekühlt hat?"
„Ich hoffe es."
„Hör zu, sie soll sich bei dir entschuldigen, okay? Ich weiß nicht was sie getan oder gesagt hast, aber du bist gestern in Tränen hier aufgekreuzt. Das geht nicht. Hast du mich verstanden?"
Claudette nickte.
„Wenn sie noch einmal so mit dir umgeht, dann gehe ich hin und sag ihr meine Meinung. Rollstuhl schön und gut, aber sie ist nicht die einzige, die etwas durchgemacht hat."
Die Haare der Kanadierin kitzelten Dwight am Kinn, als sie sich nach vorne lehnte und den Kopf seitlich an seine Brust legte. Mit geschlossenen Augen umarmte sie ihn und lauschte nach seinem Herzen. Es verlieh ihr Kraft.
„Was würde ich nur ohne dich machen?", flüsterte sie, während er ihr langsam über den Rücken strich. Für ein paar Sekunden standen sie einfach nur da. Dann lösten sie sich wieder voneinander und Dwight streckte sich mit einem herzhaften Gähnen.
„Heute bin ich früh dran", sagte er: „Ich geh noch schnell duschen. Kommst du mit?"
Claudette schien unentschlossen, doch dann schüttelte sie den Kopf.
„Heute Abend vielleicht."
„Wie du willst."
Gemütlich warf er seine Kleider auf eine kleine Abstellbank und zog sich die Unterhose aus, bevor er zur Dusche hinübertrat. Mit einem Ruck öffnete er die milchige Glastür, stieg hinein und zog sie hinter sich wieder zu. Dann legte er die Hand an den Wasserhahn. Als er die Finger zur Seite drückte, ergoss sich ein kalter, beißender Strom auf ihn herab und es dauerte einen Augenblick, bis ihn das warme, angenehme Wasser erreichte.
Seufzend ließ er die Arme sinken, schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Er spürte die heiße Flüssigkeit über seine Brust bis zu seinen Zehen hinabrinnen. Heute hatte Dwight mal wieder überhaupt keine Lust auf seine Arbeit, aber wenigstens würde Feng da sein. Wenn es ihm zu langweilig wurde, konnte er jederzeit hinüber zu ihrem Arbeitsplatz kommen und sich für eine Weile von ihr ablenken lassen. Sie war ja selbst über jede Unterhaltung erfreut.
Eine viertel Stunde später drückte Claudette Dwight einen Kuss auf die Lippen, bevor sie sich am Gehsteig in die andere Richtung wandte und davonging. Dwight musste in die Stadt hinein, während sie selbst die Vororte ansteuerte. Claudette war sich nicht sicher, ob Meg sie angerufen hatte, um sich bei ihr zu entschuldigen, oder ob ihr Wutanfall angehalten hatte. Sie hoffte, dass ersteres der Fall gewesen war.
Meg war seit ihrer Verletzung unberechenbar geworden und selbst nach allem, was sie Claudette gestern an den Kopf geworfen hatte, glaube die Kanadierin immer noch daran, dass sie sich ganz einfach nicht unter Kontrolle hatte. Meg hatte es nicht so gemeint. Sie war immer noch ihre beste Freundin. Daran hatte sich nichts geändert.
Als Claudette in den Bus stieg, kam ihr noch ein anderer Gedanke. Vielleicht hatte Meg angerufen, weil sie verzweifelt gewesen war. Vielleicht hatte sie Hilfe gebraucht. Vielleicht war irgendetwas passiert, mit dem sie nicht zurechtgekommen war. Hoffentlich ging es ihr gut.
Claudette brütete über dem Gedanken, bis sie die Vororte Waltonfields erreichte und wieder hinunter auf die Straße sprang. Von der Haltestelle aus war es nur noch ein kurzer Fußweg bis zu Megs Haus. Die Fairfields wohnte auch in der Nähe und Neas Familie war ebenfalls nicht weit entfernt. Wenn etwas passiert war, hätte sich Meg auch an sie wenden können.
Während Claudette die Straße hinabging, wanderten auch ihre Gedanken umher. Was wenn Meg sich selbst etwas angetan hatte? Claudette wollte kaum daran denken, doch sie konnte nicht abstreiten, dass sie Meg in ihrer gegenwärtigen Verfassung so einiges zutraute. Alles, was es brauchte, war eine einzige Kurzschlusshandlung in einem unglücklichen Moment.
Claudette beschleunigte ihre Schritte. Wieso hatte sie ihr Handy abgeschaltet? Sie hatte doch gewusst, dass Meg es nicht so gemeint hatte. Sie hatte ihr damals versprochen, dass sie sie immer und jederzeit anrufen könne. Auch mitten in der Nacht.
Hastig kramte sie in ihrer Tasche nach dem Zweitschlüssel, den sie immer noch bei sich trug und legte schließlich die letzten Meter bis zu Megs Haustür zurück. Dort angekommen steckte sie den Schlüssel in das dazugehörende Schloss, drehte einmal herum und trat ein.
„Meg?", rief sie vorsichtig den langen Flur entlang. Ihre Stimme verhallte in der Stille. Niemand antwortete ihr und auch sonst gab es keine Reaktion. Ohne die Schuhe auszuziehen machte Claudette einen Schritt nach vorne. Ihr Blick ging hinüber in das Bad. Aber dort war niemand.
Claudette schaute wieder voraus und ging nun etwas schneller den Gang entlang. Als erstes beschloss sie, das Schlafzimmer zu kontrollieren. Vorsichtig klopfte sie an die verschlossene Tür.
„Meg?", rief sie zögerlich: „Ich bin´s"
Keine Antwort.
„Ich komm jetzt rein."
Langsam drückte sie die Klinke nach unten und schob die Tür auf. Zuerst setzte sie einen Fuß durch die Tür. Dann folgte sie mit ihrem Kopf und lugte vorsichtig in das Schlafzimmer. Es war leer. Niemand lag auf dem Bett und auch Megs Rollstuhl war nicht zusehen. Ihr Nachthemd lag immer noch zusammengefaltet im türlosen Nachtkästchen.
Claudette machte einen Schritt rückwärts und zog die Tür wieder zu. Dann drehte sie sich um und ging quer durch den Flur hinüber in die Küche. Ein schneller Blick verriet ihr, dass sich niemand die Mühe gemacht hatte, aufzuräumen. Alles war noch genau so, wie sie es gestern Abend verlassen hatte. Das Pizzablech lag immer noch umgekehrt auf dem Boden und die Tomatensoße war mittlerweile etwas eingetrocknet. An der Wand prangte auch noch das Loch, das Meg gestern mit der Tasse geschlagen hatte.
Aber die Scherben fehlten.
Claudette schaute sich um. Jemand hatte die Scherben weggeräumt. Der ganze Rest hatte sich nicht geändert, aber die Scherben waren verschwunden. Sie drehte den Kopf und schoss einen Blick hinüber ins Wohnzimmer mit den beiden Sofas und dem großen Fernseher.
Dort, am zentralen Tisch, saß eine gebückte Gestalt in einem Rollstuhl. Sie hatte den Kopf auf ihre verschränkten Arme gebettet und zwei zerzauste, rote Zöpfe fielen hinunter auf die Tischplatte. Ihr Rücken hob und senkte sich unter regelmäßigen, sanften Atemzügen. Meg war in tiefem Schlaf versunken.
Claudette spürte ein leichtes Lächeln über ihre Lippen wandern, als ihr ein Stein vom Herzen fiel. Die Schlafposition sah zwar äußerst unangenehm aus, aber ansonsten ging es ihr gut. Oder zumindest den Umständen entsprechend.
Behutsam ging Claudette hinüber in das Wohnzimmer, wo sie zwei Objekte auf dem Tisch vor Meg entdeckte. Das eine war eine kleine, gelbe Tube, die einst Sekundenkleber enthalten hatte. Jetzt war sie komplett leer. Das andere war eine halb beschädigte, weiße Tasse, die aus unzähligen winzigen Scherben zusammengeklebt worden war. Zumindest soweit der Kleber gereicht hatte. Ein Teil des oberen Rands und der gesamte Henkel lagen immer noch in einem Haufen Splitterstücke daneben.
Claudette zog sich ein Stuhl heran und setzte sich neben Meg an den Tisch. Sie ließ ihren Blick über das schlafende Mädchen gleiten. Dann hob sie eine Hand, legte sie behutsam auf Megs Rücken und gab ihr einen Ruck.
„Meg"
Die ehemalige Athletin erschauderte. Ihre Finger zuckten ein wenig, als sie langsam zu Sinnen kam und sich aus ihrem unbequemen Schlaf befreite. Blinzelnd richtete sie sich auf und kniff die Augenlider zusammen, als sie von der hereinfallenden Sonne geblendet wurde. Ein unangenehmer Krampf fuhr durch ihren Nacken und veranlasste Meg zu einer gequälten Grimasse. Dann drehte sie endlich den Kopf.
„Hi", sagte Claudette vorsichtig. Ein zaghaftes Lächeln flog über ihre Lippen. Wie würde Meg reagieren? Doch Claudettes Sorgen stellten sich sofort als unbegründet heraus, als Meg sich nach vorne beugte und in unkontrolliertes Schluchzen ausbrach.
„Claudette! Ich… Ich hab´s nicht so gemeint. Bitte. Ich war einfach nur so schrecklich wütend auf alles und auf mich selbst und… und ich habe nicht mehr nachgedacht was ich sage und ich wollte dir nicht wehtun. Niemals. Bitte, du musst mir glauben. Ich weiß nicht was in mich gefahren ist. Was ich gesagt habe war so furchtbar. Aber ich hab´s nicht so gemeint. Bitte. Du bist überhaupt nicht schuld. An gar nichts."
Claudette hörte die ganze Zeit über nur mit hochgezogenen Augenbrauen zu. Ihr rechter Mundwinkel zuckte leicht amüsiert nach oben, doch sie bemühte sich, ein ausdrucksloses Gesicht zu bewahren. Schließlich wollte sie Meg nicht unterbrechen.
„Ich bin eine schreckliche Freundin. Wenn… Wenn du nichts mehr mit mir zu tun haben willst, dann versteh ich das. Ich…"
„Ach, jetzt komm schon", sagte Claudette endlich und griff nach Megs Hand. Ihre dunklen Finger schlossen sich um die hellen der Athletin, während ihre Augen den Blickkontakt suchten. Meg verstummte, doch ihre Unterlippe zitterte ein wenig.
„Bist… bist du mir nicht böse?"
„Doch", sagte Claudette: „Und wie."
Meg schlug die Augen nieder.
„Aber deswegen lasse ich dich doch nicht einfach hängen", sprach sie weiter: „Wir haben schon ganz andere Sachen durchgestanden, wir zwei. Oder etwa nicht?"
Meg sah wieder auf und ein unsicheres Lächeln erschien in ihrem Gesicht. Claudette konnte genau sehen, dass sie sich schämte und am liebsten im Erdboden versinken würde. Und das war auch gut so. Meg hatte sie gestern schwer getroffen. Aber Claudette wusste auch, dass es nicht wirklich sie gewesen war, die gesprochen hatte.
„Kannst du mir verzeihen?", fragte Meg und Claudette nickte sofort: „Natürlich. Ich… Jetzt fang doch nicht an zu heulen!"
Aber Meg war schon wieder in Tränen ausgebrochen und so konnte Claudette nichts anderes tun als sie einfach nur in den Arm zu nehmen. Dabei musste sie sich weit nach vorne beugen, um sie in ihrem Rollstuhl auch wirklich umfassen zu können. Megs Atem strich in leisen Schluchzern über ihre Schultern.
„Ich verzeih dir doch", flüsterte Claudette, bevor sie nach einem Moment etwas forscher hinzufügte: „Also reiß dich zusammen."
Meg löste sich wieder von ihr und versuchte ihre Tränen zu unterdrücken. Sie fuhr sich mit der linken Hand über die Augen und wischte die Feuchtigkeit weg, während sie ihre Rechte an die Armlehne des Rollstuhls klammerte.
„In deiner Küche siehts aus wie auf einem Schlachtfeld", verkündete Claudette: „Ich mach das jetzt sauber. Allein. Und du rollst mit deinem Ferrari derweil ins Bad. Dann gehen wir dich waschen und legen dich ins Bett. Du siehst furchtbar aus."
Claudettes ton war amüsiert streng, doch er ließ keinen Wiederspruch zu. Meg nickte gehorsam. Sie war einfach nur froh, dass sie keine Freundin verloren hatte und dass Claudette war, wer sie nun mal war. Sie hatte ein riesiges Herz und Meg nahm sich eisern vor, niemals wieder wegen irgendetwas das Wort gegen sie zu erheben. Dazu hatte sie kein Recht mehr.
Auf der anderen Straßenseite, direkt gegenüber der kleinen Bank, stand ein unauffälliger, dunkelblauer Pickup Truck. Die Türen waren geschlossen, die Scheiben getönt und niemand konnte den zwielichtigen Mann mittleren Alters sehen, der gelassen auf dem Fahrersitz saß. Seinerseits blickte er hinüber auf das Geldinstitut.
Sein Körper steckte in einem eleganten, schwarzen Anzug, seine dunklen, grau melierten Haare waren ordentlich nach hinten gekämmt und hin und wieder kratzte seine Hand über den säuberlich gestutzten Bart. Dunkle Pupillen verliehen seinem Blick ein bedrohliches Stechen und seine Augenbrauen zogen sich immer wieder berechnend zusammen.
„Wie siehts aus?"
Ein junger Mann, knapp über zwanzig, saß mit nervösem Gesichtsausdruck auf dem Beifahrersitz und versuchte ebenfalls einen Blick auf die Bank zu erhaschen. Er hatte kurze Haare. Eine gehakte Nase markierte ein kantiges Gesicht und dunkelbraune Augen schossen ruhelos umher. Doch der Mann auf dem Fahrersitz antwortete nicht.
„Dallas?"
„Ganz ruhig, Junior", meldete sich eine tiefe Stimme aus dem Ladebereich des Trucks. Dort, auf einer unbequemen Bank an der rechten Seite, saß ein Afroamerikaner mit kurz geschnittenen Haaren, gekleidet in eine dicke, kugelsichere Weste und bewaffnet mit einer brutalen, abgesägten Schrotflinte. Ein ledriger Munitionsgürtel, der mit Schrotpatronen und Granaten gespickt war, hing von seinen Schultern und neben ihm auf der Bank lag eine unheimliche Clownsmaske. Seine Hände steckten in blauen Kunststoffhandschuhen.
„Das ist nicht mein Name, Nick", schnauzte der junge Mann auf dem Beifahrersitz.
„Jetzt schon"
Der Afroamerikaner, dessen Spitzname Chains lautete, ließ ein hämisches Grinsen über seine Lippen fahren, bevor er sich wieder seine Schrotflinte zu wandte. Ihm gegenüber auf der anderen Seite des Pickups saßen zwei weitere Männer. Genau wie Dallas waren sie in schicke, schwarze Anzüge gekleidet und bewaffnet mit unauffälligen, kurzen Karabinern, die sie leicht unter den Jacketts verstecken konnten.
Der eine, jener mit den kurzen Haaren und dem Stoppelbart, hieß Ulf Andersson. Doch alle nannten ihn Wolf. Der andere hatte genau dieselbe Hakennase wie Junior, ein schmales, kantiges Gesicht und dunkle, stechende Augen. Das war James Hoxworth. Sein Spitzname lautete Hoxton. Er war Brite, was an seinem Akzent leicht zu erkennen war und eigentlich das vierte und letzte Mitglied der Payday Gang.
„Sieht gut aus", murmelte Nathan Steele, oder Dallas, auf dem Fahrersitz. Junior richtete seinen Blick nun wieder nach vorne. Seine Zunge fuhr nervös über seine Lippen.
„Dann geht´s also los?"
„Ganz ruhig, Junior", meldete sich wieder Chains von der Rückbank, doch bevor eine Diskussion entstehen konnte, ergriff Dallas das Wort.
„Ruhe", sagte er: „Bain ist dieses Mal nicht dabei, wir haben also kein Backup. Wenn sie euch erwischen, seid ihr am Arsch."
Wolf schnaubte verächtlich. Ein humorloses Grinsen entstellte sein grausames Gesicht und der Mann schwedischer Abstammung streichelte blutrünstig über seine Schusswaffe.
„Sollen sie´s nur versuchen."
„Reiß dich zusammen, Wolf", knurrte Hoxton. Dann schaute er nach vorne zu Dallas: „Das ist wahrscheinlich das tausendste Mal, dass wir so eine Bank ausrauben. Was soll den passieren? Verdammt, Boss, du tust hier so als wären wir blutige Anfänger."
„Wir haben auch einen dabei", murmelte Dallas und nickte hinüber auf Junior. Dann richtete sich sein Blick wieder auf die Bank.
„Ich pass schon auf ihn auf", brummte Hoxton, als er sich ein Messer in den linken Stiefel steckte.
„Du hast deinen alten Herrn gehört, Junior", murmelte Dallas: „Der Plan steht. Alles verhält sich wie erwartet."
Er griff nach einer Clownsmaske auf dem Armaturenbrett.
„Gehen wir´s an."
Hoxton nickte grimmig und stieß dann die Hintertür des Pickup Trucks auf. Mit leichten Füßen sprang er hinunter auf den schwarzen Asphalt. Er ging an der Seite des Fahrzeugs entlang, wo gerade Junior vom Beifahrersitz kletterte und übernahm dann die Führung.
Die beiden steuerten auf den Gehsteig neben der Bank zu, während sich Wolf und Dallas zielstrebig auf den Haupteingang zu bewegten. Nichts weiter als kleine Wölbungen zeugten von der versteckten Ausrüstung unter ihren Jacketts und jeder Passant würde sie wohl für ungewöhnliche Falten halten. Nichts Aufsehenerregendes.
„Hast du deine Maske?", fragte Hoxton ohne sich umzudrehen. Junior war ihm dicht auf den Fersen, als sie das Eck der Bank erreichten und ihre Teamkameraden aus den Augen verloren.
„Ja", hauchte Junior. Anspannung zog an seiner Stimme. Immer wieder warf er verstohlene Blick über die Schulter, ganz so als ob er nach einem Hinterhalt Ausschau halten würde. Es war kompletter Schwachsinn. Niemand wusste, dass sie kamen.
„Lass das", fauchte Hoxton: „Wegen dir fliegen wir noch auf."
„Sorry"
„Und entschuldige dich nicht immer, verdammt."
Die beiden bogen nun auf einen kleinen Parkplatz etwas abseits von der Hauptstraße ein. Zu ihrer linken befand sich das Bankgebäude, mit seinen massiven, undurchdringlichen Mauern und der weißen, abgeschlossenen Hintertür. Das war ihr Ziel.
Hoxton wusste, dass sich zwei Wächter in der Bank befanden und dass sie regelmäßig nach dem Rechten sahen. Sie patrouillierten durch das gesamte Gebäude, kontrollierten die Kunden und warfen einen näheren Blick auf alles, was ihnen verdächtig erschien. Glücklicherweise hatten sich die beiden Idioten dabei an fixe Pfade gewöhnt. Die Payday Gang hatte sie genauestens beobachtet.
„Okay", rauschte Wolfs Stimme durch ein Miniheadset in Hoxtons Ohr: „Er ist gerade an der Tür vorbeigekommen. Rein mit euch."
Hoxton warf einen schnellen Blick über die Schulter, vergewisserte sich, dass sich niemand in der Nähe befand und ging dann vor der weißen Hintertür in die Knie. Zwischen seinen Fingern war ein filigraner Dietrich aufgetaucht, der bereits einen Augenblick später in dem robusten Türschloss verschwand. Junior hatte sich derweil umgedreht und beobachtete die Umgebung.
„Wäre doch gelacht", murmelte Hoxton. Beinahe spielerisch machte er sich an dem Schloss zu schaffen, drehte den Dietrich mal hierhin, mal dahin und summte die ganze Zeit über eine leise Melodie. Seine Waffe hatte er auf den Boden gelegt. Doch es dauerte nicht lange, bis ein leises Klicken ertönte und Hoxton den Karabiner wieder aufhob. Mit einem zufriedenen Nicken drehte er sich um.
„Also gut", knurrte Hoxton: „Reiß dich zusammen und bau keinen Scheiß, kapiert?"
Mit angelegter Waffe wandte er sich nun wieder der Tür zu und lugte um die Ecke, bevor er sich in das dahinterliegende Dämmerlicht stahl. Hoxton betrat das Gebäude zum ersten Mal, aber er hatte die Pläne studiert. Daher wusste er, dass sich zu seiner Rechten ein Treppenhaus befand. Der schmale Gang zu seiner Linken, der nur von einer schummrigen Neonleuchte erhellt wurde, führte direkt in den Hauptraum der Bank, allerdings nicht ohne vorher den Kameraraum zu passieren.
Dort mussten sie hin. Hoxton würde sich in die kleine Kammer schleichen, den Beamten dort ausschalten und auf diese Weise dafür sorgen, dass niemand einen Alarm auslöste, sobald die Jungs vorne ihr Ding durchzogen. Sein nervöser Sohn musste dazu eigentlich nichts weiter tun, als ihm schweigend zu folgen.
Ein Kinderspiel, dachte Hoxton, als er auf die unverschlossene Tür zu schlich. Er hatte Erfahrung mit diesen Dingen, eigentlich mehr als ihm lieb war und auf die Crew war absolut verlass. Junior musste sich schon außerordentlich blöd anstellen, um die Operation zu gefährden. Andererseits sollte man niemals einen Idioten unterschätzen.
Hoxton war sich immer noch nicht vollkommen sicher, auf was er sich eingelassen hatte, als er sich vor all den Jahren mit einer schottischen Diebin auf einen Raubzug begeben hatte. Wie ein törichter Jungspund hatte er sich verliebt, die ganze Sache gegen die Wand gefahren und war schlussendlich einfach davongelaufen.
Nun, dreiundzwanzig Jahre später, hatte er plötzlich einen Brief erhalten. Es war ihre Handschrift gewesen, zweifellos. Und sie hatte von einem Sohn geschrieben, den sie gemeinsam gehabt hatten und der in Kürze auf sich allein gestellt sein würde. In ihrem Brief hatte sie von einer schweren Krankheit geschrieben und dass sie von ihm – Hoxton – erwartete, dass er seine verdammte Pflicht als Vater übernahm.
Er hatte sie dreiundzwanzig Jahre lang nicht mehr gesehen und doch hatten ihn genau ihre Augen angestarrt, als kurze Zeit später Jack – Junior – vor seiner Haustür erschienen war. Und wie ein guter Vater hatte er ihn in die Familie aufgenommen. Jetzt lag es an ihm sich zu bewähren.
„Junior" zischte Hoxton. Der junge Mann beeilte sich seinem Vater zu folgen, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf ihn ja nicht zu enttäuschen. Er war sich immer noch nicht ganz sicher, auf was er sich da einließ, aber… Hoxton war sein Vater, oder nicht?
„Siehst du die Tür?"
„Das ist der Sicherheitsraum", sagte Junior: „Ich kenne die Pläne. Ich habe sie alle studiert und…"
„Ich weiß", knurrte Hoxton. Er schaute über die Schulter und seine Augen blitzten in der Dunkelheit auf.
„Schau gut zu und lern von den Profis."
Ehe Junior etwas sagen konnte, hatte Hoxton bereits eine Hand auf den Türgriff gelegt, die Tür aufgezogen und war in den Sicherheitsraum geschlüpft. Vier leuchtende Bildschirme erhellten die Kammer. Auf einem abgewetzten Drehstuhl saß ein rundlicher Wachmann, der sich nun überrascht herumdrehte. Sein Blick fiel auf Junior, dessen Clownsmaske natürlich nur eines bedeuten konnte. Schrecken zeichnete sich auf dem Gesicht des Wachmanns ab.
Doch bevor er nach dem roten Alarmknopf greifen, bevor er sich überhaupt rühren konnte, tauchte plötzlich wie aus dem Nichts Hoxton hinter ihm auf und legte ihm die linke Hand über dem Mund. Der Schrei des Mannes erstickte zwischen seinen Fingern und das panische, dumpfe Wimmern passte perfekt zu dem hämischen Grinsen auf Hoxtons Maske.
Der Bankräuber legte nun den rechten Arm um den Hals des Wachmannes. Mit angespannten Muskeln drückte er zu und schnürte ihm die Atemwege ab, während Beine des Mannes verzweifelt über den Boden scharrten und seine Hände am Griff seines Peinigers zerrten. Aber es half nichts. Hoxton hatte ihn gnadenlos umschlungen und einen Moment später rührte er sich nicht mehr.
„Hey, Junge", zischte er: „Komm rein hier, schnell."
Mit einem dumpfen Knall ließ Hoxton den Wächter auf den Boden fallen. Junior glaubte seine Nase brechen zu hören, als er zu seinem Vater in den Raum schlüpfte und hinter sich die Tür zuzog. Auf den Bildschirmen konnte er die Innenräume und Umgebung der Bank erkennen. Seine Aufmerksamkeit galt allerdings immer noch hauptsächlich dem Wachmann, der leblos auf dem Boden lag.
„Hast du ihn umgebracht?"
Hoxton, der seinen Blick bereits auf die Monitore gerichtet hatte, drehte den Kopf und schaute Junior aus den Augenlöchern seiner grinsenden Maske heraus an.
„Kommt vor, Bursche", knurrte er: „Gewöhn dich dran."
Junior antwortete nichts. Unter seiner Maske spürte er feuchte Schweißtropfen über seine Stirn rinnen und seine Finger klammerten sich leicht zitternd um den Griff seiner Waffe. Sie kam ihm auf einmal so schwer vor. Wortlos stellte er sich neben Hoxton und machte dabei einen großen Bogen um den Leichnam. Dann hörte er ein Kichern.
„Was ist los?"
Hoxton verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich auf den Sessel des Wächters fallen. Gelassen warf er beide Beine auf den Schreibtisch.
„Relax, Junge, der Fettwanst schläft nur. Ich habe ihn ausgenockt, mehr war gar nicht nötig."
Junior schaute wieder hinunter auf den Wachmann.
„Wir sind keine Monster", sagte Hoxton und drehte den Kopf in Richtung der Bildschirme: „Versteh mich nicht falsch, ich habe keine Skrupel abzudrücken. Aber nur wenn´s nötig ist."
Er griff an sein Headset.
„Hey, Dallas. Die zweite Wache kommt jetzt wieder zurück in den Sicherheitsraum. Ich und Junior kümmern uns um ihn. Ihr könnt vorne loslegen."
„Verstanden"
„Und passt auf den Kerl neben der Topfpflanze auf. Der sieht mir wie ein Ex Militär aus."
„Alles klar"
Hoxton nickte zufrieden und schaute wieder zu Junior. Es war erstaunlich wie ruhig der alte Ganove inmitten eines Bankraubs blieb und Junior konnte kaum glauben, dass sie noch nicht entdeckt worden waren. Er hatte es kaum für möglich gehalten, dass sie einfach so in den Sicherheitsraum gelangen konnten. Aber hier waren sie nun.
„Geh mal zur Seite", sagte Hoxton: „Wir kriegen gleich Besuch."
Junior riss sich von den Bildschirmen los. Hoxton nickte kurz mit dem Kopf und kaum hatte sich Junior von der Tür entfernt, wurde die Klinke auch schon nach unten gedrückt. Leise pfeifend trat der Wachmann herein. Er war ein Afroamerikaner, trug einen mit Kaffee gefüllten Pappbecher in der Hand und lief Hoxton vollkommen ahnungslos in Arme.
„Hey, Bob, hier ist dein Kaff…"
„Hallöchen du Witzfigur!"
Hoxton war blitzschnell von dem Sessel aufgestanden, hatte seine Waffe angelegt und hielt sie dem Wachmann nun direkt Zentimeter vor die Nase. Der Lauf war genau zwischen seine weit aufgerissenen Augen gerichtet. Doch ihm entfuhr kein Laut.
„Halt ja die Fresse", knurrte Hoxton: „Wenn du deine Familie wiedersehen willst, dann tust du genau was ich dir sage, Arschloch."
Der Wachmann hob langsam die zitternden Hände. Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn und die Pistole an seiner Hüfte steckte gesichert und außer Reichweiter in seinem Holster.
„Komm rein", schnarrte Hoxton: „Da an die Wand. So ists brav. Umdrehen!"
Der Wachmann gehorchte ihm aufs Wort und Junior tat nichts weiter, als tatenlos danebenzustehen. Er kannte seinen Vater nun schon seit einem halben Jahr, doch es war das erste Mal, dass er ihn so sprechen hörte. Hoxton schien wie verändert. Selbst wenn der Lauf nicht auf ihn gerichtet war, so spürte Junior trotzdem ein mulmiges Gefühl in der Magengrube bei all den Drohungen.
„Bitte. Ich habe eine Frau."
„Halt deine hässliche Schnauze", rief Hoxton und drückte dem Wachmann die Waffe gegen den Hinterkopf, sodass seine Kappe auf den Boden fiel. Ein Schaudern fuhr durch den Körper des Mannes.
„Auf die Knie."
Der Wachmann tat sofort wie geheißen. Schweigend und stoßartig atmend ging er in die Knie, fiel jedoch einen Moment später vornüber, als Hoxton ihm den Griff seines Karabiners gegen den Schädel knallte. Der Mann war sofort bewusstlos.
„Viel Spaß mit der Gehirnerschütterung", knurrte Hoxton und drehte sich zu Junior um. Sein Blick ging jedoch an ihm vorbei hinüber auf die Bildschirme, wo Dallas und Wolf bereits Herren der Lage waren. Die Kunden der Bank lagen allesamt auf dem Boden, einige hatten bereits Kabelbinder um die Handgelenke geschnallt bekommen, andere kauerten noch panisch in den Ecken.
Während Wolf vorne die Geiseln eine nach der anderen fesselte, stand Dallas hinter den Schaltern und hielt die Bankangestellten in Schach. Keiner von ihnen hatte schnell genug reagiert, um den roten Knopf an der Unterseite der Tische zu drücken und nun schauten sie direkt in den Lauf von Dallas Sturmgewehr. Mit einem Wink signalisierte er ihnen, Abstand zu nehmen.
„Wunderbar", murmelte Hoxton: „Wir sind im Geschäft."
Er stützte sich auf der Tischplatte ab und ließ den Blick über die Monitore gleiten, wobei er zuerst die Innenräume und anschließend die Umgebung der Bank kontrollierte. Dann drehte er sich zu Junior um.
„Geh nach vorne und schau zu, ob du dich nützlich machen kannst."
Junior nickte und machte auf den Absätzen kehrt. Er schaute kurz hinunter auf die beiden Wachmänner, die bewusstlos in einer Ecke lagen und versuchte seinen Atem unter Kontrolle zu halten. Seine Finger zitterten unter Aufregung, doch eine seltsame Euphorie hatte sich in seinem Brustkorb ausgebreitet.
Der Überfall war voll im Gange. Er war wirklich dabei und alles lief wie am Schnürchen. Jetzt mussten sie nur noch den Tresor knacken, das Geld in ihre Taschen packen und sich aus dem Staub machen. Sie würden reich sein.
„Halt die Schnauze", brüllte Wolf, als er sich mit seinen Kabelbindern über die letzte Geisel, eine Frau mittleren Alters, hermachte und sie anschließend in eine Ecke warf. Selbstzufrieden klatschte er in die Hände. Dann hängte er die verbleibenden Kabelbinder zurück an seinen Gürtel und schaute sich um.
„Junior. Gerade richtig. Mach eine Runde durch die Bank und schließ alle Fenster, die du findest. Je weniger man von draußen sieht, umso besser."
Junior nickte und wiederstand dem Impuls, sich die Clownsmaske vom Kopf zu ziehen, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Mit einem weiten Schritt stieg er über eine der Geiseln und ging hinüber zur Fensterfront, durch die er einen guten Blick auf den Lieferwagen der Gang hatte. Chains saß immer noch im Fahrzeug, doch heute würden sie seine martialischen Fertigkeiten nicht benötigen.
So schnell er konnte lief Junior durch die Bank, griff nach den Seilen der Rollläden und ließ einen nach dem anderen herunterfahren. Nach einer halben Minute hatte er alle Fenster geschlossen. Nun ging er zurück in Richtung des Vordereingangs, der von Dallas gerade abgesperrt wurde. Der Anführer der Gang hängte ein Schild an den Türgriff, auf dem „Geschlossen" stand. Wolf hatte die Geiseln derweil so platziert, dass sie von außen nicht zu sehen waren.
„Fresse nach unten", kommandierte der Schwede: „Wenn du Scheiße baust, fängst du dir ne Kugel ein."
Seine Worte galten einem jungen Mann, der ihm einen trotzigen Blick zugeworfen hatte. Sofort schaute er wieder zu Boden, als sich der Lauf von Wolfs Waffe auf sein Gesicht richtete.
„So ist´s brav"."
„Hey, ich habe die Fenster zugemacht", rief Junior in Erwartung einer neuen Aufgabe. Sein Blick glitt kurz über die verängstigten Zivilisten, die im Falle eines Zwischenfalls die Polizei auf Abstand halten würden. Dann schaute er wieder nach vorne, als Dallas vor ihm auftauchte.
„Sieh einfach zu, dass keine der Geiseln irgendwelche Faxen macht. Wir kümmern uns um den Rest."
Junior nickte und Dallas ging an ihm vorbei hinüber zu Wolf. Der Schwede stand bereits vor dem Tresor und kramte in einem großen Rucksack, den er vorhin auf dem Rücken getragen hatte.
Während sich die beiden an der Stahltür zu schaffen machten, wandte sich Junior den Geiseln zu. Er hob seine Waffe und beobachtete die gefesselten Menschen. Nur die wenigsten wagten es, aufzuschauen und keiner hielt seinem Blick stand. Ein sonderbares Gefühl der Allmacht floss durch seine Adern. Er war der Boss.
„Wie sieht´s aus?", fragte Hoxton, der nun auch aus dem Sicherheitsraum gekommen war. Ohne aufzusehen stellte Dallas eine Gegenfrage: „Ist die Hintertür geschlossen?"
„Da hinten kommt keiner rein."
„Wunderbar. Wir bereiten gerade den Bohrer vor." Er nickte auf ein kantiges, oranges Objekt, das von Wolf an die Tresortür gehoben wurde. „Wenn alles gut geht sind wir in fünf Minuten drin. Aber du kennst ja diese Scheißteile…"
„Relax", flötete Hoxton: „Wir haben alle Zeit der Welt."
Ein regelmäßiges Kreischen ertönte, als sich der Bohrer zu drehen begann und kurz drauf in Kontakt mit der Stahltür kam. Funken sprühten umher und langsam, aber sicher fraß sich der Bohrkopf durch die Panzerplatte des Tresors.
Der Vorgang erzeugte einen seltsamen Geruch. Einige der Geiseln husteten und verhielten sich dabei so leise sie konnten. Die Bankräuber hingegen blieben gelassen und beobachteten die Maschine mit verschränkten Armen. Hin und wieder ließen sie ihre Blicke über die Zivilisten gleiten, doch es gab keinen Grund zur Aufregung. Niemand machte auch nur den geringsten Mucks.
„Wie lange noch?", fragte Dallas nach einer kurzen Weile. Wolf warf einen Blick auf seine Armbanduhr und antwortete: „Wir müssten gleich durch sein. Aber bei diesen Modellen weiß man nie… Vielleicht muss ich vorher noch den Bohrkopf austauschen."
Dallas nickte nur und verfiel wieder in Schweigen. Vom Zentrum der Bank aus hatte er einen guten Überblick über das Geschehen und nichts entging seinem gebieterischen Blick. Hoxton hingegen lehnte neben einem der Fenster, warf hin und wieder einen Blick nach draußen und summte leise in sich hinein. Wolf hockte vor dem Bohrer und Junior drüben an den Schaltern.
Junior spürte, wie der Schweiß unter seiner Maske langsam eintrocknete. Der anfängliche Adrenalinschub war verebbt und hatte einer dumpfen, konstanten Anspannung Platz gemacht. Seine Hände klammerten sich um den Griff seiner Waffe. Es war eine kleine Maschinenpistole, die Hoxton ihm am Abend zuvor gegeben hatte. Nicht besonders teuer, etwas heruntergekommen und immer noch gesichert diente sie nur dazu, die Geiseln einzuschüchtern. Für ein Feuergefecht war das Teil wohl nicht mehr zu gebrauchen.
Aber glücklicherweise würde es zu keinem kommen. Die Polizei hatte keine Ahnung, dass sie hier waren, draußen auf der Straße verhielt sich alles ruhig und niemand versuchte in die Bank zu gelangen. Dallas hate die Lage unter Kontrolle und Wolf stand kurz davor in den Tresor vorzudringen. Junior musste nichts weiter tun, als Geiseln zu bewachen, die ohnehin viel zu verängstigt waren, um etwas zu unternehmen.
Plötzlich gellte eine Sirene durch die Bank. Schwere Sicherheitsgitter rauschten vor den Türen zu Boden und unter Schock drehten sich alle Köpfe hinüber zu den Schaltern. Eine der Bankangestellten, die dort gefesselt worden war, hatte sich blitzartig aufgebäumt und in einem Moment der Unachtsamkeit ihre Hände gegen den roten Knopf an der Unterseite der Tische gerammt. Nun hatte sie den Alarm ausgelöst.
„Fuck", rief Junior und sprang zu ihr hinüber. Bei ihr angekommen wusste er jedoch nichts mit ihr anzufangen. Wimmernd kauerte sie auf dem Boden, hielt die Hände über den Kopf und erwartete wohl jeden Moment exekutiert zu werden. Aber Junior ging dieser Gedanke gar nicht erst durch den Kopf. Sprachlos stand er einfach nur über ihr, bis er von einer Hand an der Schulter brutal herumgerissen wurde.
„Verdammt Junge, du solltest doch ein Auge auf sie halten."
Dallas dunkle Augen funkelten zornig unter seiner Maske hervor, doch Junior fehlten die Worte. Er wusste, dass er soeben einen massiven Fehler begangen hatte, aber er wusste nicht, wie er sich nun verhalten sollte. Sollten sie nicht so schnell wie möglich verschwinden?
„Ich bin durch", rief Wolf vom Tresor herüber, stand auf und zog die schwere Metalltür auf. Hoxton hatte sich derweil mitten in den Raum gestellt und hielt seine Waffe auf die Geiseln gerichtet. Mit finsterem Blick achtete er darauf, dass keine weitere auf dumme Gedanken kam. Dallas ließ Junior nun unsanft los und drehte sich um. Eiligen Schrittes ging er hinüber zu Wolf, während er nach seinem Headset griff und eine Verbindung zu Chains herstellte.
„Junior hats verschissen", sagte er.
„Ich hab´s gehört", kam die rauschende Antwort des Ex-Soldaten über die Funkleitung: „Bin schon unterwegs."
Einen Moment später schlug Chains auch schon eines der Fenster ein und kletterte durch die Scherben in das Bankgebäude. Er hatte sich ein leichtes Maschinengewehr über die Schulter geschnallt, hielt eine Schrotflinte in den Händen und trug eine dicke, kugelsichere Weste, die in Kombination mit der grinsenden Clownsmaske beinahe albern aussah. Mit einem Ruck entsicherte er seine Shotgun.
„Okay, ihr Flachwichser, noch einmal so eine Aktion und ihr kriegt eine Ladung verpasst", brüllte er durch den Raum und stellte seinen Fuß demonstrativ auf die Brust einer der Geiseln. Zornig glitzerten seine Augen durch die Bank, wobei sie kurz an Junior hängen blieben. Dieser war wie versteinert. Erst als Hoxton über einen der Schalter sprang und der Geisel, die den Alarm ausgelöst hatte, einen unangenehmen Tritt versetzte, löste er sich aus seiner Starre.
„Sollten wir nicht abhauen?", rief Junior mit Panik in der Stimme. Seine Augen zuckten durch die Rollläden hinaus auf die Straße, doch noch war niemand zu sehen. In wenigen Minuten würde die Bank von Polizeiautos umstellt sein.
„Halt die Fresse", knurrte Hoxton und warf ihm einen vernichtenden Blick zu: „Wir haben an die fünfzehn Geiseln hier drin. Die Schweine sollen nur versuchen uns zu stürmen. Außerdem sind wir schon drin im Tresor. Wir müssen die grünen Scheinchen nur noch raustragen, dann können wir Leine ziehen. Chains gibt uns Feuerschutz."
Junior warf einen schnellen Blick hinüber auf Wolf, der bereits die erste mit Geld gefüllte Tasche nach draußen warf. Dallas stand direkt hinter ihm und mit einem wütenden Wink signalisierte er Junior herüberzukommen. So schnell er konnte, leistete er der Aufforderung folge.
„Schmeckts?"
Meg schaute auf und bemühte sich um eine zuversichtliche Miene, was ihr jedoch nicht recht gelingen wollte. Jake bemerkte ihr Missfallen natürlich sofort und lachte kurz auf, bevor er ihr den Hot Dog wieder abnahm.
„Mir auch nicht", sagte er: „Nächstes Mal bleib ich woanders stehen."
„Bist du eigentlich zu Fuß bis hierhergelaufen?", fragte Meg und lehnte sich wieder zurück in ihren Rollstuhl. Draußen vor dem Fenster hatte sich bereits die Nacht über Waltonfield gelegt und eine angenehme Ruhe über die Vororte ausgebreitet. Ausnahmsweise verzichtete auch ihr Nachbar heute auf seine üblichen heimwerkerischen Aktivitäten.
Meg saß zusammen mit Jake an ihrem Wohnzimmertisch. Mit Mühe und Not hatten die beiden an paar Bissen ihrer Hot Dogs heruntergewürgt, bevor sie zu dem einvernehmlichen Schluss gekommen waren, dass sie absolut ungenießbar waren. Kein Wunder, dass Jake nicht lange hatte anstehen müssen.
„Ist gar nicht mal so weit", antwortete Jake nun und kratzte sich am Kopf.
„Wie lange bist du denn unterwegs von deiner Hütte bis hier her?", wollte Meg wissen. Sie konnte sich noch vage daran erinnern, wo sich die provisorische Behausung befand, doch immerhin war es bereits über zwei Jahre her, dass sie das letzte Mal in die Nähe dieser Wälder gekommen war.
„So etwa zwei Stunden", sagte Jake. Auf seinem Gesicht waren immer noch Spuren seiner Entführung zu sehen, doch die Wunden waren verheilt und die Narben weitgehend verblichen. Und auch sein Geist schien sich – zumindest allem Anschein nach – gut erholt zu haben.
„Also vier Stunden, hin und zurück", folgerte Meg: „Ist dann doch ein ganz gutes Stückchen."
„Ach, das geht schon." Jake winkte ab. „Ich bin gern in der Natur und Spaziergänge haben mir immer schon gutgetan. Besonders nach all der Aufregung. Ich mag die Ruhe."
„Sonst würdest du auch nicht da draußen leben."
„Nein, wahrscheinlich nicht."
Meg legte ihren Hot Dog nun endgültig zur Seite und eine miesmutige Stille legte sich über den Raum. Das Gespräch hatte sich schon den ganzen Abend über etwas träge dahingezogen, doch nun, da selbst das Essen, das Jake mitgebracht hatte, die Erwartung knallhart unterboten hatte, hatte die Stimmung einen neuen Tiefpunkt erreicht. Und Meg wusste, dass sie schuld war. Doch es war ihr egal.
Claudette, Feng, Nea, Dwight und auch hin und wieder David und Jake schauten regelmäßig bei ihr vorbei, manchmal zu Mittag, manchmal in der Früh oder auch am Abend, um ihr Gesellschaft zu leisten und ihr mit den Mahlzeiten zu helfen. Manchmal brachten sie etwas mit, manchmal kochten sie etwas.
Meg war sich ziemlich sicher, dass sie auf sich allein gestellt wohl gerade mal eine warme Mahlzeit in drei Tagen zu sich nehmen würde, was keineswegs daran lag, dass sie nicht dazu im Stande wäre. Mit etwas Hilfe hier und da konnte sie viele Sachen ganz gut selbst unternehmen. Viel mehr lag es daran, dass ihr einfach die Motivation fehlte.
Sie verspürte nicht mehr den Drang, der sie früher dazu angetrieben hatte ihr Bett zu machen, die Fenster zu putzen, etwas zu kochen oder kurz gesagt einen funktionierenden Haushalt zu führen. Seitdem Claudette ihr vor ein paar Tagen so großherzig vergeben hatte, fühlte sie nichts mehr außer stetig absinkende Motivation. Sie war in einen Trott gefallen, lebte von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde.
„Ich glaube ich sollte gehen", sagte Jake mit einem Blick aus dem Fenster: „Es ist schon dunkel und wie schon gesagt: Ich habe noch einen weiten Weg vor mir."
Mit einem Gähnen erhob er sich, packte die beiden abscheulichen Hot Dogs wieder ein und schob dann seinen Stuhl unter die Tischplatte zurück.
„Ich habe hier immer noch ein Bett frei", sagte Meg, während sie mit ihrem Rollstuhl etwas nach hinten rollte: „du könntest ruhig hier schlafen."
„Ach nein, das geht schon. Aber danke trotzdem."
Er drehte sich um und Meg begleitete ihn hinaus in den Flur, wo Jake seine Schuhe anzog und anschließend nach der Jake am Kleiderhaken griff. Mit einer ausholenden Bewegung warf er sich das zerrissene Kleidungsstück aus grünem Stoff um die Schultern. Dann drehte er sich noch Mal zu Meg um.
„Wenn bei dir alles in Ordnung ist, dann auf Wiedersehen… ähm… soll ich dir noch ins Bett helfen?"
„Nein, nein, das kann ich mittlerweile auch allein", beeilte sich Meg zu antworten. Ihr Wutausbruch gegen Claudette hatte sie eines Besseren belehrt, gut gemeinte Hilfe allzu energisch abzulehnen und so bemühte sie sich um ein Lächeln. Innerlich stieß es ihr jedoch sauer auf, dass sie von allen Seiten umsorgt wurde. So fühlte sie sich als keine eigenständige Person mehr.
„Also gut, dann bis Demnächst", sagte Jake und zog die Tür auf: „Ich schau die Tage sicher noch Mal vorbei."
„Bis dann", rief Meg ihm noch hinterher, bevor die Tür ins Schloss fiel. Aus dem Fenster konnte sie noch eine Silhouette auf die Straße hinausgehen sehen. Dann verschwand Jake in der Dunkelheit und Meg war wieder allein.
Lustlos fasste sie an die Räder ihres Rollstuhls, wuchtete das Gerät herum und begab sich hinüber ins Badezimmer. Dort angekommen schnappte sie sich ihre Zahnbürste. Ohne wirklich darauf zu achten, tupfte sie etwas Zahnpasta auf das borstige Köpfchen und machte sich anschließen daran, ihre Zähne zu putzen. Dabei ging sie weder wirklich gründlich noch gewissenhaft vor.
Als sie fertig war, reckte sie den Hals nach vorne um mit dem Kopf übers Waschbecken zu gelangen. Aus ihrem Rollstuhl heraus musste sie die Arme jedes Mal in die Höhe heben, wenn sie sich die Hände waschen wollte und im Spiegel an der Wand sah sie sowieso nur ihre rot glänzenden Haare. Auch der Kasten zu ihrer Rechten war bis auf die unteren beiden Regale viel zu hoch.
Meg steckte die Zahnbürste zurück in einen kleinen, durchsichtigen Plastikbecher. Die Zahnpasta warf sie achtlos daneben und beinahe wäre die silberne Tube vom Waschbeckenrand hinunter auf den Boden gefallen, von wo Meg sie mit Sicherheit nicht mehr aufgehoben hätte.
Ihr Blick ging geradeaus und fing sich im unteren Rand des Spiegels. Sie konnte ihre glasigen Augen sehen, die ihr entgegenstarrten und denen absolut jede Emotion fehlte. Wie eine Fremde kam sie sich vor, wie jemand, den sie kaum kannte. Und doch war es nur sie, den sie hier im Spiegel anschaute.
Mit einem Seufzend lehnte sie sich nach vorne und legte den Kopf in ihre Hände. Wenn sie sich selbst schon kaum mehr kannte, wie musste es dann erst für ihre Freunde sein? Claudette hatte so viel miterlebt und nun musste sie sich hier auch noch um ihre verkrüppelte Freundin kümmern, die sie aller Wahrscheinlichkeit kaum wiedererkannte. Erneut schwirrte ihr ein Gedanke durch den Kopf, den sie seit ihrer Verletzung immer wieder gehabt hatte.
Warum weitermachen?
In den letzten Tagen war es Meg immer schwerer gefallen, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Sie wollte Claudette nicht das Herz brechen, doch was nützte sie ihr wirklich? Sie wollte ihrem Vater nicht wehtun, doch was schuldete sie ihm? Sie wollte ihre Zukunft erleben, doch was konnte die jetzt noch für sie bereithalten?
Auf dem Waschbecken lag eine Rasierklinge. Unschuldig und blitzend scharf zog sie Megs Augenmerk auf sich und für eine ganze Weile starrten sie sich einfach nur an. Meg und die Rasierklinge. Und es war nicht das erste Mal. Was sie jedoch zuvor noch nie getan hatte, war die Hand auszustrecken und die Klinge aufzuheben. Das Metall legte sich eiskalt auf ihre Fingerkuppen.
War heute der Tag?
Meg zuckte zusammen, als sie plötzlich ein dumpfes Poltern hörte. Überrascht drehte sie den Kopf und schaute hinaus in den dunklen Flur, doch sie konnte nichts etwas erkennen. War jemand in das Haus eingebrochen? Sie war sich absolut sicher, etwas gehört zu haben.
Mit einem mulmigen Gefühl legte sie die Klinge zurück auf das Waschbecken und griff stattdessen nach den Rädern ihres Rollstuhls. Zwischen Gang und Badezimmer befand sich eine leichte Schwelle und Meg musste einen kleinen Ruck vollführen, um das Hindernis zu überwinden. Auf diese Weise rollte sie einigermaßen schnell hinaus in den Flur, wo sie genau in der Mitte zwischen den beiden Wänden zum Stehen kam.
Ihr Kopf schoss hinüber zur Haustür, die jedoch fest verschlossen war. In der Dunkelheit konnte sie kaum etwas erkennen, doch wäre die Tür offen gewesen, hätte das Licht der Straßenlaterne den Flur beleuchtet. Im Wohnzimmer war auch niemand und die Fenster waren ebenfalls allesamt unbeschädigt.
Als Meg sich jedoch umdrehte, stockte ihr plötzlich der Atem. Am unteren Ende des Flurs, in der Nähe der Schlafzimmertür, war ein oranges Licht aufgetaucht. Nur ein kleiner Punkt, kaum größer als ein Fingernagel, schwebte dort mitten in der Finsternis. Suchend glitt er hin und her, wandte sich in verschiedene Richtungen bevor er schließlich an dem rothaarigen Mädchen hängen blieb. Aber das konnte doch gar nicht sein. Das war doch unmöglich.
„Sally?"
Weiße Zähne formten sich in der Dunkelheit zu einem freundlichen Lächeln.
„Hallo, Meg"
