2. Kapitel
Unbemerkt gelang es Valjean, sich von den Feierlichkeiten von Cosettes und Marius' Hochzeit zu stehlen. Er hatte alles perfekt geplant, die gefälschten Papiere über Cosettes Herkunft, die Vollmacht für M. Gillenormand, seine eigene vorgetäuschte Verletzung…
Doch es war natürlich nicht zu planen gewesen, Cosette, sein Kind, in die Obhut eines anderen Mannes zu geben und dabei die Fassung zu bewahren. Er hatte sich nach seinem eigenen Dafürhalten ganz gut gehalten. Seit Marius von seiner Vergangenheit wußte, war Valjean sicher gewesen, daß er Haltung bewahren konnte und einfach aus Cosettes Leben verschwinden würde. Doch je weiter die Feier fortschritt, desto unerträglicher wurde es, all dem Treiben zuzusehen.
Schließlich ergriff Valjean die Flucht, warf einen letzten, verzweifelten Blick auf die überglückliche Cosette und hoffte, daß sie die Ausrede, er sei auf Reisen gegangen, nicht in Frage stellen würde. So unauffällig wie möglich und bemüht, niemandes Aufmerksamkeit zu erregen, verließ er das Haus.
Es war mehr eine Gewohnheit von langen Jahren auf der Flucht, denn eine Notwendigkeit, trotzdem blickte Valjean die Straße entlang auf der Suche nach einem Verfolger - und erstarrte für einen Moment.
An einer Hausecke, schräg gegenüber des Hauses, in dem M. Gillenormand, seine Tochter, Marius und nun auch Cosette lebten, lehnte in einen langen grauen Mantel gehüllt Javert.
Während Valjean sich noch bemühte, sein Erschrecken niederzukämpfen und nicht dem Drang nachzugeben, schnellstmöglich zu flüchten, stieß Javert sich von der Hauswand ab und kam gemessenen Schrittes auf ihn zu. „Valjean", sagte Javert mit dem Hauch eines Kopfnickens.
„Was um Gottes Willen tun Sie hier?" Valjean hatte sein Entsetzen niedergerungen und seine Sprache wiedergefunden.
„Das, was ich seit Ihrem Besuch bei mir tue. Oder vielleicht die letzten zwanzig Jahre." Beinahe hätte Javert sich ein kurzes selbstironisches Grinsen gestattet. „Ich behalte Sie im Auge."
„Aber wieso?"
„Weil ich weiß, was Sie vorhaben, Valjean. Ich werde nicht zulassen, daß Sie tun, was Sie mir verboten haben."
Valjean wollte sofort heftig protestieren, doch Javert unterbrach ihn.
„Oh, sicher, natürlich weiß ich, daß Sie niemals von einer Brücke springen werden, es sei denn, um jemanden zu retten. Nein, was Sie vorhaben, ist ein Selbstmord auf Raten. Sie trennen sich von allem, was Ihnen etwas bedeutet, geben auf, ziehen sich zurück. Aber ich werde nicht erlauben, daß Sie das tun."
„Mit welchem Recht nehmen Sie sich heraus, mir vorzuschreiben, was ich zu tun habe?" Eigentlich ohne Absicht war in Valjeans Stimme wieder der Tonfall zu hören, den M. Madeleine benutzt hätte, um seinem Polizeichef zu befehlen, jemanden nicht ins Gefängnis zu werfen.
„Mit jedem Recht, verdammt." Auch Javerts Stimme wurde lauter. „Wer, wenn nicht ich, hat das Recht, Sie von einer solchen Dummheit abzuhalten? Seit wann nehmen Sie sich Rechte heraus, die Sie anderen nicht gönnen?"
„Es gibt absolut nichts, was Sie tun könnten, Javert."
„Da bin ich anderer Meinung." Javert verzog keine Miene. „Sie haben gesagt, Sie wollten Paris verlassen, vielleicht nach Süden reisen? Gut, wunderbar, dann begleiten Sie mich. Ich habe dort etwas zu erledigen."
„Sie haben nicht gerade ernsthaft vorgeschlagen, daß wir beide gemeinsam eine Reise antreten sollen, oder?" Valjean zweifelte an seinem Gehör, auch wenn dieses trotz seines Alters bisher einwandfrei funktioniert hatte. „Das ist lächerlich."
„Wieso sollte es das sein?" Das Gefühl, wenigstens einmal im Leben Valjean überrumpelt zu haben, war reiner Triumph. „Sie wollen in den Süden, ich will in den Süden, keiner von uns hat eine große Auswahl von Reisebegleitern. Und, wir würden uns nicht durch sinnloses Gerede auf die Nerven gehen."
„Wohl kaum." Dem letzten Punkt konnte Valjean schwerlich widersprechen.
„Sie schulden mir etwas, Valjean." Javert wußte genau, daß ein Appell an die Schuldgefühle seines alten Kontrahenten niemals vergebens sein würde. „Sie haben mir ein Leben aufgezwungen, das ich nicht will. Jetzt geben Sie mir wenigstens ein paar Wochen Zeit, Sie davon zu überzeugen, daß mein Leben sinnlos geworden ist, Ihres jedoch keineswegs. Wenn Sie danach immer noch meinen, sich selbst aufgeben zu wollen, tun Sie es."
„Das Ganze ist Ihnen ernst", stellte Valjean fest.
„Haben Sie mich etwa jemals scherzen gesehen?" fragte Javert trocken.
„Nein", antwortete Valjean. „Gescherzt haben Sie nie mit mir."
„Etwa mit anderen?" Für einen kurzen Moment wirkte Javert irritiert.
„Ich erinnere mich an einen Hut im Haus Gorbeau", erwiderte Valjean fast nebenbei. „Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, wenn ich Sie begleite. Meinen Sie nicht, daß wir uns schon an den Toren von Paris gegenseitig an die Kehle gehen würden?"
„Nun, würden wir uns gegenseitig beseitigen, hätten wir doch beide unser Ziel erreicht, oder?" Das Lächeln, was sich auf Javerts Lippen gestohlen hatte, gab seinem Gesicht etwas ungewöhnlich anziehendes, wie Valjean auffiel, der sich im nächsten Moment fragte, was die Worte „Javert" und „anziehend" im selben Satz zu suchen hatten.
„Was haben wir also zu verlieren?" fuhr Javert fort. „Also?"
Valjean blickte über die Schulter zurück zu dem Haus, aus dem er gekommen war, dann zu Boden und schließlich erneut Javert an. „Ich muß gestehen, daß ich keine Ahnung habe, warum ich das eigentlich mitmache, aber… Ja, ich werde Sie begleiten."
„Gut." Javerts Lächeln wurde ein wenig breiter.
„Wann wollen Sie aufbrechen?"
„Morgen früh. Ich hole Sie ab."
„Sie wissen ja, wo Sie mich finden."
„Sie waren so freundlich, es mir mitzuteilen." Javert warf einen Blick auf die Schlinge, in der Valjean seinen Arm trug und fragte neugierig: „Wird Sie das behindern?"
„Eher nicht." Valjean zog den Arm aus der Schlinge und nahm diese dann ab. „Ich wollte nur vermeiden, daß ich die Heiratspapiere unterschreiben muß. Keiner meiner zahllosen Namen wäre dafür geeignet gewesen."
In Javerts Nicken lag so etwas wie widerwillige Bewunderung. Die Tatsache, daß Valjean solche Dinge bedachte, würde das gemeinsame Reisen erleichtern, wenn sie beide derart vorrausschauend handelten. „Morgen früh um acht werde ich bei Ihnen sein."
Valjean nickte noch einmal und ging dann davon.
Javert blickte ihm nach. Er hatte nicht wirklich geplant, als er erkannte, was Valjean vorhatte, ihn zu seinem Reisebegleiter zu machen. Der Entschluß war langsam in ihm herangereift; je eindringlicher die Frauenstimme aus diesem Traum, den er seither jede Nacht gehabt hatte, nach ihm rief, desto tiefer fühlte Javert sich in einem Zwiespalt gefangen. Er konnte entweder Valjean im Auge behalten, oder aber dem Ruf Folge leisten. Da erschien es als die einzig logische Lösung, zusammen mit Valjean zu reisen.
Die Logik gab ihm leider keine Antwort darauf, wie er wochenlang mit diesem heiligen Sträfling in unmittelbarer Nähe und auf dem engen Raum einer Postkutsche leben sollte, ohne den Verstand zu verlieren.
XXX
Valjean war nicht in der Lage, in dieser Nacht ein Auge zuzumachen. Da waren der Kummer und die Verzweiflung darüber, daß Cosette ihn verlassen hatte und, hierdurch bedingt, das Gefühl, selbstsüchtig zu sein, anstatt sich über ihr Glück zu freuen.
Und dann dieses vollkommen absurde Angebot, das Javert ihm gemacht hatte… Statt sein Leben in Stille und Einsamkeit zu beenden, wie Valjean es vorgehabt hatte, würde er zusammen mit dem Mann, der ihn jahrelang rast- und erbarmungslos gejagt hatte, quer durch das Land reisen. Das war nicht nur absurd, das war völlig verrückt!
Nun, dachte Valjean, als er sich zum wiederholten Male von einer auf die andere Seite warf, da ich das Angebot angenommen habe, macht mich das dann wohl zu einem völlig Verrückten.
Ihm fehlte jegliche Vorstellung davon, wie so eine Reise, bei der er Javert den ganzen Tag um sich herum haben würde, aussehen sollte. Worüber sollten sie reden? Über die Vergangenheit? Viel zu schmerzlich, und außerdem viel zu streitträchtig. Über die Zukunft? Gab es denn eine Zukunft im Leben zweier nicht mehr junger, unglücklicher Männer?
Valjean hatte Visionen von ihm und Javert, wie sie sich stundenlang in einer Kutsche schlichtweg anschwiegen. Das war mit Sicherheit nicht das Leben, das er sich für die Zeit nach Cosettes Heirat ausgesucht hatte. Doch es schien, als habe er keine andere Wahl. Er hatte zugesagt, Javert zu begleiten, also mußten sie zumindest, bis sie im Süden von Frankreich angekommen waren, miteinander auskommen.
