Blutdurst

Jade führte mich durch einen dichten Wald, der mich an die Wälder um die Akademie in Montana erinnerte. Wir liefen zügig, während ich mit meinen neuen Sinnen die Welt um mich herum erfasste. Ich war sprachlos, wie anders ich bekannte Geräusche, Gerüche und Bilder nun wahrnahm. Alles schien intensiver und klarer zu sein und mein Kopf schien vor Informationen zu bersten, die verarbeitet werden wollten. Überwältigt von den verschiedenen Eindrücken schloss ich die Augen und verringerte meine Atmung auf das nötige Minimum. Es war für mich kein Problem, Jade blind zu folgen. Ich hörte sie nicht nur, ich spürte sie geradezu.

„In ein paar Tagen hast du dich daran gewöhnt", erklärte meine Begleiterin irgendwann.

Ich hatte nicht vor lange genug eine Strigoi zu bleiben, um mich daran zu gewöhnen, aber ich nickte trotzdem.

„Diese Venatrix hat uns also mit ihrer Frauenpowergruppe an der Uni angegriffen?", erkundigte ich mich.

„Ja, das waren wir", bestätigte Jade. „Aber wir haben nicht die Königin angegriffen. Wir wussten, dass das nicht klappen würde."

Verwundert schaute ich zu ihr hinüber. „Was war dann das Ziel?"

Meine Begleiterin warf mir einen schnellen Blick zu. Sie schien über die Frage nicht glücklich zu sein. „Wir wollten jemanden aus ihrer Wächtergruppe. Einen Insider, der uns helfen kann, an den Hof zu kommen."

„Ich verstehe." Ich hatte den Angriff also nicht abgewehrt. Ich war der lebende – oder zumindest existierende – Beweis dafür, dass sie mit ihrer Attacke Erfolg gehabt hatten.

„Zu dumm für Goldlöckchen, dass ich ihr nicht helfen werde."

„Das könnte eine Gratwanderung werden. Ich verstehe, dass du die Königin nicht verraten willst, aber denke auch daran, dass du eine Rolle zu spielen hast."

Ich wollte Jade noch nichts von meinen Fluchtplänen erzählen, also beschloss ich das Thema zu wechseln.

„Erzähl mir von Goldlöckchens kleiner Gruppe."

„Venatrix ist nicht ihr richtiger Name", begann Jade. „Ich glaube, sie heißt Sarah. Das war ihr für ihr neues Leben zu gewöhnlich. Venatrix ist der lateinische Begriff für Jägerin. Wie du sicher gesehen hast, war sie mal eine Moroi. Zwei von den anderen Frauen in der Gruppe waren ihre Wächterinnen."

„Sie waren ja nicht sehr erfolgreich in ihrem Job", stellte ich fest.

Jade lächelte schwach. „Oh doch, das waren sie. Sie konnten Goldlöckchen immer retten, nur sich selbst nicht. Eine von ihnen hat Venatrix verwandelt, nachdem sie selbst Strigoi geworden waren."

Entsetzt riss ich die Augen auf. „Sie haben ihren eigenen Schützling verwandelt?"

„Natürlich, was sollte sie davon abhalten? Übrigens ist dieses Schicksal genau das, was sie auch für die Königin geplant haben. Verwandelt werden von ihrer eigenen Wächterin."

Ich spürte, wie sich tief in meiner Kehle ein Knurren bildete und ich unwillkürlich meine Lippen zurückschob, sodass meine Zähne für Jade zu sehen sein mussten. „Niemals!"

„Sie wollen die Königin der Moroi und Dhampire haben, denn sie als eine Strigoi, das könnte die Grundfesten der Moroiwelt erschüttern", fuhr Jade unbeeindruckt fort. „Aber keine Sorge, bis es soweit ist, haben wir noch etwas Zeit. Du wurdest gerade erst verwandelt. Die Königin und ihre Wächter sind momentan in Alarmbereitschaft. Es wäre dumm jetzt anzugreifen, wo alle geradezu paranoid sind, was die Sicherheit der Königin angeht."

„Wie tröstlich", erwiderte ich sarkastisch. „Wie will sie das überhaupt schaffen? Eure Gruppe ist bei Weitem zu klein, um einen Angriff auf den Hof durchführen zu können."

Jade legte den Kopf schief und schaute nachdenklich in den Nachthimmel. Auch sie konnte sich auf ihre anderen Sinne verlassen, wenn es darum ging, den Weg durch den Wald zu finden. „Unterschätze Goldlöckchen nicht. Sie ist natürlich nicht so stark wie die von uns, die zuvor Dhampire gewesen waren. Sie ist auch nicht sonderlich klug, aber sie hat Charisma und natürlich ihre beiden treu ergebenen Wächterinnen, die übrigens auch jetzt nie von ihrer Seite weichen. Venatrix hat Verbindungen zu vielen anderen Strigoi und wenn sie erst einmal einen realistischen Plan vorlegen kann, wie wir den Hof der Moroi attackieren können … was glaubst du, wie viele Strigoi ihr liebend gern folgen werden? Allein damit, dass sie dich verwandelt hat, hat sie viele Strigoi dazu gebracht, zu ihr aufzuschauen. Die berühmte erste Wächterin der Königin ist eine von uns geworden. Das galt als ziemlich utopisches Vorhaben."

Ich verzog das Gesicht und drängte meinen verletzten Stolz zurück. Ich hatte mich ernsthaft von einer ehemaligen Moroi überwältigen lassen?

Jade interpretierte meine Mimik korrekt und lachte. „Keine Sorge. Sie hat darauf bestanden, dass nur sie dich verwandeln darf, aber vorher hat sie dich von fünf Strigoi überwältigen lassen. Übrigens auch einigen externen Helfern. Es waren nicht nur unsere Leute, die angegriffen haben."

Das fand ich tatsächlich tröstlich. Von einem Dutzend Frauen mit Emanzipationsproblemen fertig gemacht zu werden, während man selbst angeblich zur Elite der Wächter gehörte, war nicht gerade förderlich für das eigene Ego.

Wir hatten die Waldgrenze erreicht und fanden uns auf einem Feld wieder. In der Ferne konnte ich vereinzelte leuchtende Punkte erkennen.

„Eine Kleinstadt, nur etwa eine Stunde nördlich von der Universität", erklärte Jade. Ich nickte und folgte ihr über das Feld auf die Stadt zu. Eigentlich hatte ich mich jetzt, wo ich wieder in der Zivilisation war, von ihr trennen wollen, doch mit den Lichtern nahm auch der Geruch der Stadt zu. Und ich roch hauptsächlich eines: Blut. Ich hatte zuvor keinen Durst verspürt, doch je näher der verführerische Duft kam, desto trockender wurde meine Kehle und mir wurde bewusst, dass es wahrscheinlich besser war, mir von Jade zeigen zu lassen, wie ich am besten jagen konnte, ohne dabei mein Opfer töten zu müssen. Meine Mitstreiterin warf mir ein wissendes Lächeln zu.

„Beeindruckend was für einen Effekt dieser Geruch auf uns hat, nicht wahr? Und das hier ist nur Menschenblut. Warte, bis du einem Dhampir oder sogar einem Moroi gegenüberstehst. Wir mögen unsere Seelen noch haben, aber körperlich sind wir Strigoi und wir haben ihre physischen Bedürfnisse." Das Lächeln verschwand aus Jades Gesicht und sie schaute konzentriert nach vorn. „Ehrlich gesagt, glaube ich sogar, dass dieses Wesen, dieses Monster, das normalerweise unsere Seele ersetzt und für uns handelt, wenn wir Strigoi werden, auch ins uns ist. Es kann nur unsere Seele nicht so gut verdrängen, wie es bei anderen der Fall ist."

Der Gedanke war beunruhigend, doch der zunehmende Blutgeruch und meine Reaktion darauf sagten mir, dass Jade wahrscheinlich richtig lag. Irgendwo in mir gab es ein Monster und sobald ich für einen Moment schwach wurde, würde es für kurze Zeit die Kontrolle übernehmen können. Ich dachte daran, wie ich mich in Russland gefühlt hatte, als ich geradezu süchtig nach Dimitris Bissen gewesen war. Der Drang, den ich nun in mir fühlte, war stärker. Nur wollte ich dieses Mal die Rolle des Trinkenden.

Wir erreichten die Stadtgrenze und ich hatte Mühe, meinen Körper zu stoppen, als Jade meinen Arm nahm und mich in eine Seitengasse zwischen zwei Mehrfamilienhäusern zog. Mein Körper war angespannt. Ich wollte mich losreißen und diesem verführerischen Duft folgen, der schwer in der Luft lag. Mit Mühe hielt ich mich davon ab, Jade anzuknurren.

„Wir werden ins Stadtzentrum gehen", erklärte sie, während sie immer noch meinen Arm festhielt. Offenbar war ihr bewusst, wie sehr mich der Blutduft anzog. „Dort gibt es zwei, drei Clubs, in denen auch gedealt wird."

„Und warum ist das für uns interessant?", fragte ich ungeduldig.

Jade zwinkerte mir zu. „Weil Drogenabhängige der ganzen Stadt erzählen können, dass eine junge Frau sie gebissen und von ihnen getrunken hätte, es wird ihnen keiner glauben. Aber normalerweise kommt es gar nicht dazu. Deine Opfer werden selbst glauben, dass sie sich im Rausch alles nur eingebildet haben und es niemandem erzählen. Es ist amüsant, wie Menschen versuchen sich unsere Bisswunden zu erklären."

Ich nickte beeindruckt. Auf die Idee musste man erstmal kommen.

„Menschen, die Drogen nehmen, haben einen weiteren Vorteil", klärte Jade mich auf, während sie mich unbeirrt durch ein Gewirr aus Nebenstraßen führte. „Blut, das mit Drogen versetzt ist, schmeckt furchtbar."

„Das soll ein Vorteil sein?", fragte ich skeptisch.

Jade nickte. „Es senkt die Wahrscheinlichkeit, dass du dein Opfer versehentlich umbringst."

Dieser Satz ließ mich den lockenden Blutgeruch für einen Moment vergessen und ich bemühte mich, das Verlangen in mir zurückzudrängen. Jade hatte Recht. Ich musste mich beherrschen, sonst würde ich zur Mörderin werden.

Lange bevor wir den Club sahen, hörte ich die wummernden Bässe aus dem Inneren des heruntergekommenen Gebäudes. Ich war überrascht wie viele Jugendliche Schlange standen, um in ein Haus zu kommen, das „einsturzgefährdet" schrie.

Jade hatte sich bei mir untergehakt und wir wirkten wahrscheinlich wie gute Freundinnen, die Lust auf eine Party hatten. Meine trockene Kehle sagte mir allerdings, dass ich auf etwas ganz anderes Lust hatte.

„Schau die Menschen nicht so an! Wir müssen unauffällig vorgehen. Wenn sich morgen alle an eine Frau erinnern, die sie angestarrt hat wie ein Raubtier seine nächste Mahlzeit, dann schöpfen sie doch noch Verdacht."

„Ja, und bestimmt ist das Erste, was ihnen einfällt, auf Vampire zu tippen", spottete ich. Abgesehen von dem Brennen in meiner Kehle fühlte ich mich plötzlich großartig. Um mich herum hing der verführerische Duft von Blut und zusammen mit dem Wissen, dass mir jede einzelne Person in meiner Umgebung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein würde, wenn ich das wollte, ließ mich ein größeres Hochgefühl verspüren als es einer dieser Junkies je erreichen würde.

Ich brachte meine Mimik trotzdem unter Kontrolle und als wir uns in die Schlange einreihten, die vor dem Club wartete, beobachtete ich die Menschen um uns herum. Sie alle wirkten entspannt. Einige waren geradezu euphorisch und aufgekratzt. Jade deutete mit einem Nicken auf einen Jungen, der nur einen guten Meter von uns entfernt stand. „So wie er sich verhält, ist er high."

Ich ging unauffällig etwas näher an ihn heran. Der Junge trug eine Lederjacke und Jeans. Seine blonden Haare hätten mal einen Kamm vertragen können und insgesamt machte er den Eindruck, dass etwas mehr Körperpflege wahre Wunder an ihm getan hätten. Sein Verhalten fiel mir nicht auf, dafür sein Geruch. Sein Blut roch … würziger, allerdings nicht auf eine angenehme Weise. Eher als hätte jemand eine wirklich appetitliche Mahlzeit versalzen. Ich rümpfte die Nase und Jade gluckste hinter mir. Schön, dass sie sich amüsierte.

Wir warteten fast eine halbe Stunde und ich wurde zunehmend ungeduldiger. Jade ließ meinen Arm nicht los. Einerseits war ich dankbar dafür, andererseits ärgerte es mich. Inzwischen hätte ich den Jungen leicht überreden können, mir in eine nette, lauschige Gasse zu folgen. Aber Jade hatte mir zugeflüstert, dass das hier draußen zu auffällig wäre. Seine Freunde – vor allem eine anhängliche Brünette, die seinen linken Arm als ihr Eigentum anzusehen schien - konnten mich dank der Beleuchtung vor dem Club deutlich sehen und würden ihren Freund schnell vermissen. Drinnen, wo sich die Massen auf engstem Raum zusammendrängten und das Discolicht bestenfalls Bruchteile von Sekunden deutlich mein Gesicht zeigen würde, bestand diese Gefahr nicht.

Endlich wurde die Gruppe vor uns hineingelassen und damit mein erstes potenzielles Opfer. Ich prägte mir sein Aussehen, seinen Duft und seine Art sich zu bewegen ganz genau ein. Zwei Minuten später konnte ich ihm folgen. Jade blieb bei mir, bis wir seine sandfarbenen Haare in der Menge entdeckten. Mein Opfer war sofort auf die Tanzfläche gegangen und tanzte mit dem Mädchen, das ihn schon draußen in Beschlag genommen hatte. „Die wirst du loswerden müssen, bevor du dich um ihn kümmern kannst", bemerkte Jade. Ich lächelte sie unbeeindruckt an. „Keine Sorge. Ich weiß, wie ich die ungeteilte Aufmerksamkeit von Männern kriege und Frauen reagieren normalerweise allergisch darauf, wenn ihr Freund eine andere mehr beachtet als sie."

Jade nickte, zögerte aber. Wahrscheinlich wollte sie mich nicht so schnell allein lassen, aber auch sie spürte das Brennen in ihrer Kehle.

„Wir treffen uns in zwei Stunden vor dem Club", sagte sie schließlich. „Achte darauf, nur Menschen zu nehmen, die weggetreten genug sind. Und sorg dafür, dass sie danach nicht mitten im Club zusammenbrechen."

Ich nickte ungeduldig und machte mich ohne einen weiteren Blick in Jades Richtung auf den Weg zu meiner ersten Mahlzeit als Strigoi.

Als hungrige Untote konnte ich mir nichts Besseres wünschen, aber als Frau fühlte ich mich eindeutig unterfordert. Ich tanzte kaum zwei Minuten in der Nähe des Pärchens und hatte mein potenzielles Opfer nur einen kurzen Moment lang angelächelt, schon starrte er mich unentwegt dümmlich grinsend an. Meine ungesunde Hautfarbe und die etwas schmuddelige Kleidung schien ihn nicht im Geringsten zu stören. Gut, er sah mit seinem „Ich-sitze-23-Stunden-am-Tag-in-meiner-Wohnung-und-gehe-nur-für-die-nötige-Ration-Tiefkühlpizza-nach-draußen"-Teint auch nicht gerade wie der Gewinner des nächsten Modellcastings aus. Sein Anhängsel schien das anders zu sehen und warf mir mörderische Blicke zu, als ihr Freund - oder was auch immer er war - seine Aufmerksamkeit mir zuwandte. Sie versuchte vergeblich den Jungen in ein Gespräch zu verwickeln und gab es schließlich auf. Mit einem letzten Blick voll purer Mordlust in meine Richtung, den ich mit einem kleinen Winken und meinem süßesten Lächeln erwiderte, verließ sie die Tanzfläche.

Nun konnte ich mich in aller Ruhe um mein Opfer kümmern. Ich tanzte näher an ihn heran, bis sich unsere Körper fast berührten und ich neben seinem dümmlichen Grinsen auch seine Bartstoppeln erkennen konnte. Wunderbar, er hatte sich nicht nur jeglichen IQ zumindest für diesen Abend weggeraucht, sondern sah auch noch aus wie Robinson Crusoe persönlich. Natürlich hatte er nicht das Glück, dass Bartstoppeln ihm sonderlich gut standen.

„Wie heißt du, Schönheit?", fragte er mit schleppender Stimme. Wahrscheinlich hätte ihn ein Mensch über den ganzen Lärm hinweg nicht einmal verstanden.

„Rose", erklärte ich schlicht.

Das dümmliche Grinsen wurde breiter. „Ich bin Rob."

Wie passend.

Wir tanzten einige Minuten schweigend. Gut, ich tanzte und Rob versuchte nicht umzufallen. Ich erwischte mich dabei, wie ich immer wieder auf seinen Nacken starrte, dessen Haut mit den blutgefüllten Adern zunehmend verführerisch aussah. Ich versuchte zu schlucken, doch meine Kehle war staubtrocken. Ich musste Rob von der Tanzfläche runterkriegen. Er konnte sich schon jetzt kaum auf den Beinen halten. Nach meinem Biss würde er heute nicht mehr ansprechbar sein.

Ich legte mit einem hoffentlich eher verführerisch als verhungert aussehendem Lächeln meine Arme um seinen Hals und tanzte langsam mit ihm an den Rand der Tanzfläche. Sein vernebelter Blick blieb an meinem Mund hängen und für einen Moment glaubte ich schon, er wolle mich allen Ernstes küssen, doch sollte er diesen Gedanken gehabt haben, war der dank der genaueren Betrachtung meines Lächelns schnell verschwunden.

„Wow, was ist denn mit deinen Zähnen passiert?"

Verdammt! Innerlich fluchte ich. Als Dhampir hatte ich meine Zähne nie verstecken müssen, doch nun musste ich meine Gewohnheiten eindeutig anpassen.

„Zahnaufsatz. Sieht ziemlich cool aus, oder?", sagte ich laut.

Rob hatte meine Antwort wahrscheinlich nicht wirklich erfassen können, nickte aber brav und ließ sich von mir weg von den tanzenden Menschen ziehen.

Ohne auch nur nach dem Warum zu fragen, ließ er sich von mir in eine der Sitzecken werfen, die ein wenig Privatsphäre garantierten. Offenbar hatte er sich aber schon eigene Vorstellungen davon gemacht, was ich mit ihm vorhatte, und versuchte mich ungeschickt auf seinen Schoß zu ziehen. Ich ließ es geschehen, da mir diese Position einen perfekten Zugriff auf seinen Nacken bescheren würde.

Robs Hände wanderten sofort zielsicher zu meinem Hintern, doch ich kümmerte mich nicht weiter darum. Ich beugte mich stattdessen über seinen Hals und atmete tief ein. Jep, das Blut der meisten anderen Menschen roch definitiv besser, aber ich war am verhungern oder verdursten oder wie auch immer die Strigoi es nannten, und ich würde nehmen, was ich kriegen konnte.

Während Rob damit beschäftigt war mein Dekoltee genauer in Augenschein zu nehmen, legte ich meine Lippen an seinen Hals und spürte im nächsten Moment seinen Puls an meinem Mund. Meine Zähne sendeten ein schmerzhaftes Ziehen aus und mein Mund öffnete sich wie von allein.

Rob kicherte – ja, kichern! - , als er meine Zähne an seiner Halsbeuge spürte. „Du gehst aber ran."

„Du hast ja keine Ahnung", erwiderte ich leise und war selbst überrascht wie kalt und gierig meine Stimme klang. Ich erkannte sie nicht mehr, aber ich konnte mich in diesem Moment auch nicht dazu bringen, mir deswegen Sorgen zu machen. Ich konnte an überhaupt nichts anderes denken, als an das köstliche Blut, das nur wenige Millimeter von meinem Mund entfernt durch mein Opfer floss.

Rob packte mich an der Hüfte und versuchte mich noch etwas näher an ihn heran zu schieben. Mit dieser kleinen Verschiebung bewirkte er, dass meine Zähne die ersten dünnen Hautschichten durchstießen, aber den Schmerz fühlte er offenbar nicht. Das letzte Bisschen meiner Selbstbeherrschung verabschiedete sich allerdings in den wohlverdienten Urlaub und ich schlug meine Zähne mit einem leisen Knurren tiefer in Robs Fleisch.

Wie aus weiter Ferne hörte ich sein Stöhnen, das im ersten Moment erschrocken klang, bevor sich die Strigoiendorphine in seinem Körper ausbreiten konnten. Doch wenige Augenblicke später musste ich mir keine Sorgen mehr um jegliche Gegenwehr meines Opfers machen. Dazu war ich auch nicht mehr in der Lage, als die ersten Tropfen warmen Blutes meine Zunge berührten. Ich saugte gierig an der Wunde, die ich verursacht hatte, und fieberte jedem neuen Schwall Blut hungrig entgegen. Ich spürte kaum, wie der Körper unter mir schlaff zu werden begann, sondern konzentrierte mich ganz auf das wundervolle Gefühl, das meinen Körper durchströmte. Meine Kehle hörte endlich auf zu brennen, als sie mit dem Blut in Berührung kam, doch das minderte meinen Blutdurst mit im Geringsten. Ich spürte, wie etwas Blut an meinen Lippen entlang den Hals meines Opfers hinuntersickerte und plötzlich hatte ich Dimitri vor Augen, wie er als Strigoi vor mir stand und ich das Blut seines letzten Opfers auf seinem Gesicht entdeckte. Dimitri.

Ich riss entsetzt die Augen auf und sprang von Rob herunter. Er protestierte nicht. Er reagierte gar nicht. Seine Augen waren geschlossen und seine Hautfarbe konnte mit meiner eigenen konkurrieren. Ich biss die Zähne zusammen, um nicht nach Hilfe zu rufen, und wischte mir verstohlen mit der Hand über den Mund, um jegliche Blutspuren zu beseitigen. Erst, als ich mich wieder ein wenig gesammelt hatte und mich davon überzeugen konnte, dass niemand auf mich und Rob achtete, ging ich wieder näher an ihn heran, wobei ich darauf achtete, durch den Mund zu atmen. Dem Blutgeruch wollte ich mich nicht sofort wieder aussetzen. Rob hatte sich immer noch nicht gerührt, doch als ich meinen Finger an seinen Hals legte, konnte ich seinen Puls noch fühlen. Erleichtert bedeckte ich mit seiner Jacke die Bisswunde und zog ich mich wieder zurück, um nach seiner Freundin zu suchen.

Das Mädchen war nicht begeistert, als ich ihr erzählte, dass ihr Freund offenbar eine Überdosis genommen hatte. Sie machte sich glücklicherweise sofort auf den Weg zu ihm, sodass ich den Club verlassen konnte. Ich hatte zwar noch Zeit, bis ich mich mit Jade treffen würde, doch ich hielt es zwischen den Menschen nicht mehr aus. Dimitris Gesicht geisterte vor meinem inneren Auge. Ich sah ihn als Strigoi, wie er emotionslos über die von ihm getöteten Menschen sprach und sie als Nahrung bezeichnete und ich sah sein Gesicht vor mir, als er wenige Monate wegen eben dieser genommenen Menschenleben fast zugrunde ging.

Benommen stolperte ich in eine Seitengasse. In meinem Mund klebte ein schaler, etwas salziger Geschmack, den ich in meinem Blutrausch zuvor nicht bemerkt hatte. Wahrscheinlich war das der Effekt der Drogen. Hoffentlich bemerkte ich ihn das nächste Mal bevor es für mein Opfer zu spät war. In der Gasse konnte ich noch immer die Musik aus dem Club hören, aber hier war ich allein. Langsam ließ ich mich an der nächstbesten Hauswand hinuntergleiten und zog die Knie an meinen Oberkörper. Ich hätte fast einen Menschen getötet. Trotz meiner angeblich noch vorhandenen Seele, obwohl ich wusste, wie falsch das war. Ich hatte Dimitri immer wieder gesagt, dass es nicht er gewesen war, der diese Menschen in Russland getötet hatte, dass er machtlos gewesen war. Aber für mich galt das nicht. Ich hatte die Wahl und heute Nacht hätte ich fast die falsche getroffen.