Im Banne der Vergangenheit
Kapitel 2
Sie war umgeben von vollkommener Dunkelheit. Der Gedanke an ein weißes Licht und einen Tunnel jagte durch ihren Kopf. Humbug. Das Danach schien sehr dunkel zu sein. Und schwerelos. Blieb nur der Kopf zurück? Das Denken? Die Seele? Doch sie spürte nichts. Um sie herum gab es nur Dunkelheit. Ein großes, dunkles Nichts. Na, das würde nicht zu einem Bestseller werden, sollte sie je jemandem davon erzählen.
Kein weißes Licht, keine Vollkommenheit, keine Glückseligkeit, kein Paradies.
Nur Dunkelheit.
Bis auf den gelblichen Streifen Licht, der langsam deutlicher wurde, ehe sie plötzlich in einer Lache von warmem Sonnenlicht lag. Ein tiefer Atemzug entwich ihrer Kehle und dann war alles um sie herum wieder klar und deutlich zu erkennen.
Sie lag auf einem Feldbett, unbequem und hart. Neben dem Bett sah sie nichts außer grau-grünlichen Stoffwänden. Ein Zelt. Sie lag in einem Zelt. Das Licht, dass sie geweckt hatte, kroch durch die Öffnung, die entstanden war, als jemand die Plane des Zeltes hochgeschlagen hatte. Amanda blinzelte ins Licht. Vor dem Zelt sah sie tropische Pflanzen und weitere kleine Zelte.
Sie richtete sich langsam auf, überrascht darüber, dass sie sich so problemlos bewegen konnte. War sie doch gestorben und in einem Expeditionscamp im Himmel wieder aufgewacht? Sie strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und erhob sich. Ihre Kleidung fühlte sich noch immer nass an, ihre Shorts klebten an ihrer Haut. Ihr rechter Fuß war nackt.
Allzu lange konnte sie noch nicht in diesem Zelt liegen. In der Hitze Perus wären ihre Klamotten längst wieder trocken gewesen. Langsam schritt sie zum Zelteingang, als leise Stimmen sie erstarren ließen. Amanda zwängte sich gegen eine Wand des Zeltes und lauschte.
Die Stimmen waren direkt vor ihrem Zelt, männliche Stimmen, die sich über irgendetwas unterhielten. Allerdings erreichten nur Gesprächfetzen ihr Ohr.
„- muss von dieser Expeditionsgruppe sein –", hörte sie eine Stimme sagen.
„- ziemliches Glück –", klang es von einer anderen Stimme.
„- alles eingestürzt -", sagte eine weitere Stimme.
Ehe die Stimmen verstummten, hörte sie den einzigen vollständigen Satz.
„Hol Rutland."
Dann bewegten sich Schritte von ihrem Zelt weg und es wurde wieder ruhig. Amanda nutzte die Gelegenheit und wagte sich an den Eingang des Zeltes. Vorsichtig spähte sie um die Ecke, in die Richtung, aus der die Stimmen gekommen waren.
Sie fand sich inmitten eines kleinen Lagers wieder. Zwischen Zelten standen diverse Expeditionsutensilien herum, Kisten, Werkzeuge und –
„Waffen?", murmelte sie, als sie einen Gewehrlauf aus einer der Kisten ragen sah.
Amanda runzelte die Stirn und setzte einen weiteren Schritt ins Freie. Langsam sah sie sich um. Niemand zu sehen, dem die Stimmen hätten gehören können. Sie wandte sich gerade um, als die Erscheinung eines großen, dunkelhaarigen Mannes vor ihr auftauchte. Hinter ihm sah sie drei uniformierte Männer, die aussahen wie Söldner, schwere Waffen ragten über ihre Schultern.
Erschrocken wich sie zurück, doch der Mann hob beschwichtigend die Hände.
„Keine Angst, die tun nichts", sagte er mit einem schweren amerikanischen Akzent und deutete hinter sich. Anscheinend hatte er Amandas angstvollen Blick aufgefangen.
„Wo bin ich?", fragte sie und spürte, dass ihre Kehle wie ausgedörrt war.
„In meinem Lager", erwiderte der Mann, der sie mit einem schiefen Lächeln musterte. „Meine Männer haben dich am Ufer des Flusses gefunden."
Amanda hob eine Augenbraue und starrte ihr Gegenüber ein wenig verwirrt an. „Wie –"
„Ich schätze, die Ausgrabungsstätte deines Teams ist eingestürzt und du konntest dich nur mit Mühe retten."
Amanda verstand kein Wort. Wie war das möglich? „Ich... woher wissen Sie von unserer Ausgrabungsstätte?", fragte sie und musterte den Amerikaner skeptisch. Weitere Zweifel machten sich in ihr breit.
„Wir waren ja sozusagen Nachbarn", lachte er.
Amanda legte den Kopf schief. „Nachbarn? Worauf haben Sie gewartet? Dass wir etwas finden, damit Sie es uns dann wieder wegnehmen können?" Sie starrte dabei an ihm vorbei auf seine bewaffneten Söldner.
Der Mann war sichtlich überrascht. Er legte eine Hand auf seine Brust und antwortete in einem beruhigenden Ton: „Meine Liebe, ich bin schwer enttäuscht, dass du so von uns denkst. Peru ist doch groß genug, dass mehr als ein Expeditionsteam sich hier breit machen kann."
„Ein etwas seltsamer Zufall", entgegnete Amanda.
„Du vertraust mir nicht?"
„Ich vertraue keinen Männern mit Waffen!"
Der Mann hob beide Augenbrauen, ehe er sich zu seinen Männern umwandte und ihnen zu verstehen gab, sie allein zu lassen.
„Wozu brauchen Sie Männer mit Waffen?", fragte Amanda und blickte den Söldnern nach.
„Die Welt ist schlecht", erwiderte der Mann und lächelte.
„Die Welt ist nur so schlecht wie die Menschen, die sie bevölkern. Sie gehen da nicht gerade mit gutem Beispiel voran."
„Warum so gereizt, meine Liebe?"
Amanda starrte ihn an, während sie die Arme vor der Brust verschränkte.
„Nun gut, du hast deine Gründe, nehme ich an. So eine eingestürzte Ausgrabungsstätte kann schon eine Last sein."
„Sie haben ja keine Ahnung", murmelte sie und wandte sich zu ihrem Zelt um. „Wieso haben Sie mich hierher gebracht?"
„Du warst bewusstlos, was sollten meine Männer tun? Dich am Ufer liegen lassen?"
„Zumindest wirken die so, als wären sie dazu fähig!"
„Was bist du doch für ein misstrauisches Mädchen", grinste der Mann, ehe er sich einen genervten Blick Amandas einfing. „Verrat mir deinen Namen."
„Sie denken auch, Sie bekommen alles, was?"
„Richtig."
Amanda hob eine Augenbraue.
„Verrat mir deinen Namen", wiederholte er.
„Warum sollte ich das tun?"
„Weil es höflich ist."
„Wer sind Sie?", fragte Amanda argwöhnisch, ihr Gegenüber eingehend musternd. „Was macht ein Mann wie Sie in dieser Gegend?"
„Ein Mann wie ich?"
„Sie wirken nicht so, als würden Sie im Dreck buddeln", sagte sie und deutete auf sein tatsächlich teuer aussehendes Hemd und sein polierten Schuhe.
„Ich habe meine Mittel, Schätzchen", erwiderte er mit einem Grinsen.
„Ich werde jetzt gehen", sagte Amanda nach einer Weile des stummen Anstarrens und drehte sich um.
Doch der Herr des Lagers schien das nicht zu wollen. Als sie seine Hand auf ihrer Schulter spürte, begann etwas in ihr zu köcheln. Wie brennendes Öl rann es durch ihre Adern. Sie griff nach der Hand auf ihrer Schulter und wirbelte herum, die Zähne zusammengebissen, die Augen wütende Schlitze. Als sie den Stein in ihrer Hosentasche aufglimmen spürte, zuckte sie jäh zusammen und ließ die Hand ihres Gegenübers fallen wie eine heiße Kartoffel.
Erschrocken machte sie einen Satz zurück. Was war bloß los mit ihr? Noch nie hatte sie sich so jähzornig, so angriffslustig, so wütend gefühlt. Nachdenklich ließ sie ihre Hand in ihre Hosentasche gleiten, während sie sich langsam immer mehr von dem Mann entfernte, der sie mit gehobenen Brauen beobachtete. Sein Grinsen war von seinem Gesicht gefegt.
Amandas Finger umschlossen den Stein. Er war warm, wärmer als er in ihrer Tasche hätte sein sollen. Sie wagte nicht ihn herauszuholen; der Mann ihr gegenüber war ihr immer noch nicht ganz geheuer. Reiche Männer, die sich bewaffnete Söldner hielten, hatten nie Gutes im Sinn. Sie versuchte ihren Atem zu beruhigen, obwohl sie sich immer noch so fühlte, als hätte sie einen langen Sprint hinter sich. Sie ließ den Stein wieder tiefer in die Tasche fallen und zog die Hand heraus.
Was war nur mit ihr geschehen? Sie fühlte sich verändert – und sie wusste, das hatte nichts damit zu tun, dass sie es unglaublicherweise doch lebend aus der Ausgrabungsstelle geschafft hatte. Oder doch? Hatte dieser Stein übernatürliche Kräfte? Hatte er sie vorm Ertrinken bewahrt? Trotz der Tatsache, dass Amandas Leben vom Wesen der Metaphysik beeinflusst war, konnte sie daran einfach nicht glauben.
Allerdings hatte sich ihr Glaubensbild stark verzerrt, als sie beobachten musste, wie ihre Freunde von dem körperlosen Wesen getötet worden waren. Sie war geprägt vom Grauen. Mehr als sie sich selbst denken konnte.
Amanda wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als sie Schüsse aus weiter Ferne die Luft zerreißen hörte. Sie zuckte zusammen und sah sich panisch um. Pistolenfeuer hatte sie schon immer nervös gemacht. Auch der Mann hatte sich zu der Richtung gewandt, aus der die Schüsse gekommen waren.
„Wahrscheinlich nur ein paar Tiere", sagte er gerade, während er sich umdrehte und ein paar Schritte auf Amanda zuging.
Sie starrte ihm argwöhnisch entgegen.
„Hör zu, ich glaube, wir hatten einen ziemlich schlechten Start", sagte er und schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln. „Lass uns noch mal von vorn anfangen."
„Was bleibt mir anderes übrig?", erwiderte Amanda mit einem Blick durch das Lager. Hinter jedem Baum sah sie einen Söldner stehen. Hier kam sie nicht raus, wenn sie es sich mit dem Boss verscherzte.
„Ich halte dich hier nicht gefangen, okay? Meine Männer haben dich hergebracht. Du kannst gehen, wann immer du willst. Ich dachte nur, dass du vielleicht etwas Hilfe brauchst, so ganz allein in Peru."
„Ich bin nicht allein", sagte sie trotzig. „Ich –"
Doch da fiel ihr ein, dass Lara sie sicher für tot hielt und wohl nicht nach ihr suchen würde. Diese Verräterin. Auf ihre Hilfe konnte sie nicht mehr zählen. Lara Croft war endgültig aus ihrem Leben gestrichen. Im Grunde war Amandas komplettes vorheriges Leben gestrichen.
Was diesen Mann anging... vielleicht konnte er tatsächlich etwas für sie tun.
„Wie heißen Sie?", fragte sie.
Der Mann musterte sie erneut, ihren plötzlichen Sinneswandel bemerkend. „Rutland, James Rutland –"
„Wie der Senator?"
„– Junior", fügte er hinzu.
Amanda nickte. Sie hatte von den Rutlands gehört. Einflussreiche Menschen in den Staaten.
„Und dein Name?"
„Amanda, Amanda Evert", sagte sie.
„Amanda", wiederholte er ihren Namen mit einem Lächeln. „Freut mich", ergänzte er und streckte seine Hand aus.
Amanda blickte ihn an und ergriff seine Hand rasch. „Mr. Rutland."
„Nenn mich James."
„James", sagte sie mit einem Grinsen.
Sie ahnte, dass ihr diese Verbindung noch einige Vorteile bringen würde.
A/N: So lernte Amanda also James Rutland kennen. Mehr vom Evil Dream Team gibts bald xD
Disclaimer: siehe Prolog
Würde mich über Reviews freuen!
