Er rieb sich die Stelle, in die Hermine gerade ihren Zeigefinger gebohrt hatte und auch wenn das Grinsen aus seinem Gesicht verschwunden war, so blieb doch ein schalkhaftes Glitzern in seinen Augen zurück. „Ich erinnerte mich gerade nur daran, dass ich nach unserem zweiten Kuss keinen einzigen Gedanken daran verschwendete, dass das was wir taten illegal ist oder das man jeden Grund gehabt hätte dich von der Schule zu schmeißen und mir zu kündigen." – „Das wundert mich nicht. Sobald sich ein bestimmtes Körperteil bei euch Männern einschaltet, gestaltet sich das Denken ja ohnehin schwierig." Remus krallte eine Hand in ihre Haare und zog ihren Kopf vorsichtig nach hinten, um ihr mit gespielter Empörung ins Gesicht zu blicken. „Miss Granger, was erlauben Sie sich eigentlich? Immerhin sprechen Sie hier mit einer Respektperson." Hermine antwortete nur mit einem leisen Kichern, dass er jedoch schnell mit einem Kuss unterband.
Als sie sich wieder voneinander lösten blickte er sie nachdenklich an. „Was hast du damals eigentlich gedacht, als ich dir sagte, dass du nachsitzen musst?"
Verwirrt
verließ Hermine Remus Unterrichtsraum. Unangenehme Folgen? Ja,
natürlich hatte er Recht. Es war Wahnsinn, was sie gerade getan
hatten. Der erste Kuss ließ sich immerhin ein wenig durch den
Alkohol, den sie beide ohne Zweifel im Blut gehabt hatten,
entschuldigen, aber was war das nun gewesen? Er war ihr Lehrer. Und
er könnte ihr Vater sein. Und – doch das störte sie noch
weniger als die anderen Dinge – er war ein Werwolf. Wer würde
diese Beziehung tolerieren? Aber Halt. Gab es überhaupt etwas zu
tolerieren? Eilten ihre Gedanken nicht schon wieder viel zu weit? Wer
würde gleich aus zwei Küssen eine Beziehung machen?
Vollkommen in Gedanken versunken war sie mitten im Gang stehen
geblieben. Zum Glück hatte sie gerade eine Freistunde, denn so
konnte sie sich gewiss nicht auf den Unterricht konzentrieren. Einen
Moment lang überlegte sie, ob sie in den Gemeinschaftsraum der
Gryffindors gehen sollte, doch dort würden Harry und Ron
unweigerlich Fragen stellen. Warum sie so spät kam. Warum sie so
abwesend sei. Sie beschloss in die Bibliothek zu gehen, denn dort
würde sie sicher ein Buch finden, dass sie von ihrem sinnlosen
Brüten abbringen würde.
Aber
sie fand kein Buch, dass sie ablenkte. Sie zog das nächstbeste
Buch aus dem Regal und schlug es auf. „Der Begriff „Werwolf"
bezeichnet das Mysterium, dass sich ein Mensch unter besonderen
Umständen nachts in ein Tier verwandeln kann und …" und
schon waren ihre Gedanken wieder bei ihm. Warum wollte er von ihr,
dass sie um 20 Uhr zu seinen Räumen kam? Das Nachsitzen war nur
ein Alibi vor seinen Schülern, das war ihr klar. Aber was wollte
er? War er auf der Suche nach ein wenig schnellem Sex? Bisher hatte
sie es ihm tatsächlich verdammt leicht gemacht. Ja, das musste
es sein. Was konnte ein gebildeter Mann wie Remus Lupin sonst von
einer unscheinbaren Schülerin wollen? Aber was wollte sie
eigentlich von ihm? Ohne Zweifel, er war attraktiv. Wenn sie an seine
dunklen lockigen Haare dachten, die sich genauso weich anfühlten,
wie sie aussahen oder seine bernsteinfarbenen Augen in denen hin und
wieder der Schalk aufblitzte, die wenn er wütend war förmlich
blitzten, dann spürte sie ein angenehmes Kribbeln im Magen. Aber
er war auch intelligent, höflich, gutmütig, stark und ...
Sie
schüttelte den Kopf. Nun saß sie hier tatsächlich und
schwärmte von ihrem Angebeteten. Sie tat genau das, wofür
sie andere Mädchen in ihrem Alter immer verachtet hatte. Und die
hegten wenigstens Gefühle für Mitschüler und nicht für
ihre Lehrer. Hermine straffte die Schultern, als ihr endlich klar
wurde, was sie tun musste. Sie musste sich herausreden. Ihm erzählen,
dass sie eine Wette mit irgendjemandem am Laufen hatte, dass sie es
schaffen würde einen Lehrer zu küssen. Ja, das war eine
gute Idee. Oder auch nicht. Das würde ihn sicher verletzten. Und
wenn schon, das war besser, als wenn man sie erwischen würde.
Und vielleicht oder sogar ziemlich wahrscheinlich, lag ihm gar nichts
an ihr, sondern nur an ihrem Körper. Sie ignorierte die leise
Stimme, die sagte, dass sie gar nichts anderes wollte, als in seinen
Armen zu liegen und das es für den Moment egal war, ob er nun
sie oder ihren Körper wollte.
Im
Laufe des Tages wurde diese Stimme immer lauter, doch Hermine hielt
ihr entgegen, dass dies auch von ihrer Seite nur ein körperliches
Verlangen sei, dass gewiss bald wieder vergehen würde. Je später
es wurde, desto nervöser wurde sie und als sie beim Abendessen
kaum einen Bissen hinunter bekam, wurden auch Harry und Ron langsam
misstrauisch. Ron beäugte sie, wie er normalerweise seine
achtbeinigen „Freunde" begutachtete. „Was ist los Hermine? Du
wirst doch nicht etwa krank oder? Von wem soll ich denn dann meine
Hausaufgaben abschrei … äh … korrigieren lassen?" Hermine
blickte von ihrem Teller auf, auf dem sie die Erben mit der Gabel
schon seit bestimmt fünf Minuten von einer Ecke in die nächste
schob. „Nein, keine Sorge. Ich … ähm … Mum und Dad haben
mir ein großes Fresspaket mit Muggelessen geschickt und ich
konnte mich vorhin einfach nicht zurückhalten." Es schien so,
als wolle Ron noch weiterfragen, doch Hermine sprang nach einem
kurzen Blick auf die Uhr schnell auf. „Oh, so spät schon?"
Tatsächlich war es erst 19 Uhr, doch sie hatte keine Lust ihre
Freunde noch weiter zu belügen. Und je schneller sie nun
verschwand, desto weniger würden sie auf die Idee kommen, sie zu
fragen, wo sie hinwolle. Ron und Harry würden ihr sicher nicht
glauben, dass Remus sie zum Nachsitzen verdonnert hatte. Sie würde
ihnen hinterher einfach erzählen, dass sie den Abend in der
Bibliothek verbracht hatte, aber wenn sie ihnen das jetzt schon
erzählen würde, dann würden sie vielleicht auf die
Idee kommen mitzukommen. Tatsächlich hatte sie vor noch ein
wenig in die Bibliothek zu gehen, einfach aus dem simplen Grund, dass
sie ihre Freunde nicht anlügen, sondern ihnen nur verschweigen
musste, dass sie nicht den ganzen Abend dort gewesen war.
Als
Alibi zog sie ein Buch aus dem Regal und schlug es auf, doch wie
schon einmal an diesem Tag gelang es ihr nicht sich auf das
Geschriebene zu konzentrieren. Stattdessen malte sie sich aus, wie
der Abend verlaufen würde. Sie würde Remus – nein, Herrn
Lupin, verbesserte sie sich selbst in Gedanken – erklären,
dass ihr furchtbar leid tue, was geschehen sei und dann würde
sie ihm die Geschichte mit der Wette auftischen. Anschließend
würde sie sofort seine Räume verlassen und schnurstracks
zurück zur Bibliothek gehen.
Um
Viertel vor acht hielt sie es nicht mehr aus und verließ die
Bibliothek. Sie zwang sich langsam zu gehen und nahm ein paar Umwege,
doch sie stand trotzdem fünf Minuten später vor den Räumen
des Lehrers. Sie hob die Hand, um anzuklopfen, zögerte jedoch.
Was machte das für einen Eindruck zehn Minuten vor der
verabredeten Zeit vor der Tür zu stehen? Das musste so wirken,
als könne sie es nicht abwarten. Noch während sie mit sich
kämpfte zu klopfen oder doch lieber noch zu warten, erledigte
sich dieses Problem von alleine, denn die Tür schwank von
alleine auf. Verdutzt blickte Hermine auf und blickte in Remus
lächelndes Gesicht. Ihr Blick schweifte von seinen strahlend
weißen Zähnen zu den bernsteinfarbenen Augen und sie
spürte wieder das mittlerweile vertraute Kribbeln im Magen.
Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie immer noch mit der zum
Klopfen erhobenen Hand vor der Tür stand. Plötzlich kam sie
sich wie ein Idiot vor. Es fehlte nicht viel und sie hätte sich
umgedreht und wäre so schnell sie ihre Beine tragen weggelaufen,
doch da packte der immer noch lächelnde Remus sie am Handgelenk
und zog sie durch die Tür.
