Kapitel 2: Willkommen zurück

Es war fast 2 Wochen her, dass Jude die quälende Elektroschocktherapie von Arden und Mary Eunice bekam. Noch immer hatte sie Gedächtnislücken und egal wie sehr sie sich bemühte diese zu füllen, es gab immer noch einige Löcher in ihren Erinnerungen, die sich einfach nicht schließen wollten. Wie oft hatte sie in den 2 Wochen ein Glas umgekippt oder ihre Gabel fallen lassen? Sie wusste es nicht mehr. Auch jetzt noch, war sie nicht wieder im Vollbesitz ihrer motorischen Fähigkeiten. Ihre Hände fingen immer wieder an zu zittern und sie hatte Probleme damit Gegenstände anzuheben. Auch das ständige rauschen in ihren Ohren war noch nicht ganz weg und es verursachte schreckliche Kopfschmerzen. Es war ein Teufelskreis, immer wieder wollte sie instinktiv ihre Schläfen reiben um den Kopfschmerz zu lindern und erreichte damit genau das Gegenteil, als sie an ihre empfindliche verbrannte Haut kam.

In diesen 2 Wochen, kamen sich Lana und Jude als Freunde näher. Lana konnte Judes Zustand nur allzu gut nachvollziehen, sie selbst hatte diese barbarische Behandlung über sich ergehen lassen müssen. Lana dachte zuerst sie würde sich freuen oder besser fühlen, dass Jude eine Dosis ihrer eigenen Medizin bekam aber das war nicht so. Im Gegenteil, sie fühlte sich schlecht für Jude weil sie wusste, sie bekam diese Therapie genau wie sie zu unrecht. Genau wie sie war sie hier eingesperrt ohne ein Verbrechen begangen zu haben. Lana hatte Schwester Jude als kaltes berechnendes Miststück kennen gelernt, aber eines hatte sie nie in Jude gesehen….eine Mörderin. Nein, die Geschichte das Jude ausgerechnet Frank ermordet hatte, glaubte Lana von Anfang an nicht. Leider waren sie und Kit die Einzigen, die Jude für unschuldig hielten. Die Schwestern und Pfleger hier, behandelten Jude noch schlimmer und härter als den Rest der Patienten. Für sie war sie eine Nonne, die sich von Gott abgewandt hatte um den Bösen zu dienen. Sie war in Ungnade gefallen, für jeden hier. Am schlimmsten war Mary Eunice, die keine Gelegenheit ausließ um Jude auf irgendeine Art und Weise bloßzustellen oder zu matern. Lana wusste nicht, was in die junge Nonne gefahren war aber sie hatte sich so sehr verändert. Nichts war mehr von den lieben Mädchen übrig, dass sie kennen lernte. Für Jude muss es eine Wohltat gewesen sein, dass sich Mary Eunice schon 3 Tage nicht hat blicken lassen….es war für alle eine Wohltat.

Gemeinsam saßen Lana und Jude zusammen in dem Gemeinschaftsraum von Briarcliff und ließen den Tag an sich vorüberziehen. Was auch sollten sie tun? Tag ein, Tag aus, immer die gleiche Routine und während sich schon alle anderen Patienten hier mit dem Gedanke angefreundet hatten, dass sie hier leben und sterben würden, so hatten Lana und Jude die Hoffnung auf Gerechtigkeit noch nicht aufgegeben. Die Hoffnung, eines Tages diese dunklen Mauern als freie Menschen verlassen zu können. Manchmal unterhielten sie sich, was sie tun würden, wenn dieser Tag kommen würde. Dinge die sie früher als Alltäglich angesehen hatten, schienen plötzlich zu etwas ganz besonderen zu werden. Alles außerhalb dieser Mauern war etwas Besonderes.

Lana war so in ihren Gedanken versunken, dass sie zuerst gar nicht bemerkte, wie Jude verzweifelt versuchte sich eine Zigarette anzumachen. Erst ihr wütendes „Verdammt" riss Lana aus ihren Tagtraum und ließ sie zu Jude hinüber blicken.

„Warte, ich helfe dir!" Lana setzte sich zu Jude auf die Couch und nahm ihr die Streichhölzer aus der Hand. Sie zündete eines an und half Jude ihre Zigarette anzuzünden.

„Danke Lana!" Jude inhalierte den Rauch und schüttelte den Kopf „Ich kann nicht glauben, dass ich nicht einmal in der Lage bin, mir eine verdammte Zigarette anzumachen."

Lana beobachtete Jude und seufzte, sie konnte sich vorstellen wie schwer es für jemanden wie Jude sein musste, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Jemand der vorher so unabhängig und selbstständig war, war nun plötzlich nicht mehr in der Lage die einfachsten Dinge des Alltags zu bewältigen „Das wird schon wieder, bald werden die Nebenwirkungen nachlassen."

Jude lachte bitter auf und sah zu Lana „Glaubst du das wirklich? Sobald Arden und Mary Eunice bemerken, dass es mir besser geht, werden sie wieder mein Gehirn grillen und das machen sie so lange, bis von mir nicht mehr übrig ist, als ein sabberndes - vor sich hin vegetierendes Etwas. Wenn es soweit ist Lana, dann schupps mich bitte einfach die Treppe herunter."

In diesen Moment, klang es wie das sarkastische Gerede einer frustrierten Frau aber Lana erkannte, dass es Judes ernst war und auch wenn sie die Vorstellung abscheulich fand, so konnte sie es verstehen. Würde sie denn so leben wollen? Nein, sie würde auch lieber sterben.

„Vielleicht kommt es ja nicht dazu. Ich habe Mary Eunice seit Tagen nicht gesehen und auch Arden nicht. Wer weiß, vielleicht sind sie ja nicht mehr hier."

Jude wollte gerade etwas sagen, als ihr Blick auf die Tür fiel und sie sah wie zwei Pfleger jemanden in den Gemeinschaftsraum brachten. Jude dachte zuerst sie hätte eine Halluzination und schaute noch einmal genau hin. Sie riss die Augen weit auf und schnappte nach Luft „Oh mein Gott, das kann doch nicht wahr sein."

Lanas Blick folge den von Jude. Am Eingang des großen Saals stand Mary Eunice, gefesselt in einer Zwangsjacke. Ihr Gesicht war blass und ihre Augen verweint. Völlig panisch, sah sich die junge Frau um und schien nicht zu wissen, was sie nun tun sollte.

Jude ließ geschockt ihre Zigarette fallen und starrte auf Mary Eunice, die jetzt auch Jude hier entdeckt hatte. Langsam und unsicher ging die junge Frau auf Lana und Jude zu. Mit jeden Schritt, den sie tat, begann sie mehr und mehr zu weinen. Jude wusste nicht, wie sie reagieren sollte und blieb nur wie gelähmt sitzen, als sie sah das Mary Eunice direkt auf sie zu kam. Schniefend stand sie bald direkt vor Jude und blickte mit roten Augen auf Jude herab.

„Schwester Jude…ich…." Mehr brachte Mary Eunice nicht heraus, stattdessen ließ sie sich auf ihre Knie fallen und begann immer heftiger zu weinen. Immer wieder sagte sie etwas, was wie ‚es tut mir leid' klang, doch durch ihr lautes unaufhörliches weinen, konnte man es kaum verstehen. Da kauerte sie nun, direkt vor Judes Füssen und japste nach Luft.

Jude rutschte etwas näher an Mary Eunice heran und packte ihr Gesicht zwischen ihre Hände. Grob riss sie ihren Kopf hoch und zwang Mary Eunice sie anzusehen. Lana wusste nicht was Jude vorhatte, zuerst hatte sie die Befürchtung Jude würde sie würgen oder etwas derartiges, doch das tat sie nicht. Stattdessen blickte sie Mary Eunice direkt in die Augen, als würde sie nach etwas suchen und das tat sie auch. Sie versuchte etwas von dem Bösen und Dunklen zuerkennen, was sie in den letzten Wochen und Monaten in den Augen der jungen Frau gesehen hatte. Doch es war nicht mehr dort, stattdessen blickte sie wieder in die unschuldigen guten Augen, der Frau die sie wie eine Tochter geliebt hatte. Ein seltsames lächeln bildete sich auf Judes Gesicht, als sie Mary Eunice ansah und Tränen bildeten sich in ihren Augen.

„Willkommen zurück Mary Eunice."