Kapitel3 - Unangenehme Lebensweisheiten

„Trink einen Schluck, Lisa! Das macht das Leben länger!" Elena war wie so oft in den letzten Tagen mit einem breiten, herzlichen Lächeln und einem kleinen Schnapsglas voll gelblicher Flüssigkeit auf Lisa zugekommen. „Ach Elena! Ich werde hier noch zum Trinker!" Mit diesen Worten nahm die junge Frau das Glas, leerte es mit einem Zug und zog wieder einmal eine furchtbare Grimasse. Elena lachte herzlich. „Ach kleine Lisa! Was machen wir nur mit dir?" „Wieso, es ist doch alles in Ordnung." Lisa blickte Elena ängstlich an. „Oder haben sich Gäste beschwert?" „Oh nein, alle sind sehr zufrieden mit dir!", entgegnete die Angesprochene beruhigend. „Außer eine."

Lisa sah sie erschrocken an. „Wer denn?" „Sie heißt Lisa." antwortete Elena sanft und nahm ihre Hand. „Sie heißt Lisa und dass sie nicht zufrieden ist, würde sie selber niemals zugeben. Sie redet sich nämlich mit aller Kraft ein, zufrieden zu sein. Sie kann sich nicht satt sehen an der Schönheit der natur, lernt, unsere Gerichte zu kochen und unsere Sprache zu sprechen. Diese Lisa scheint eine hektische Zeit hinter sich zu haben und sie saugt die Ruhe in sich auf wie ein Schwamm. Ja, sie versteht es, zu genießen und weiß die Gaben der Natur zu schätzen. Sie liebt die Berge, das Meer und die Ziegen und die Olivenhaine. Aber ihr Herz, ihr Herz ist irgendwo anders. So lange es aber nicht mit ihr hier ist, wird es ihr niemals gelingen, wirklich irgendwo anzukommen, wie schön der Ort auch sein mag und was immer sie auch probiert. Deshalb wird sie nie aus tiefstem Herzen zufrieden sein, diese Lisa." „Ach Elena,", seufzte die junge Frau und blickte traurig zu Boden. . „Du kennst diese Lisa wohl besser, als sie sich selbst?!", Bewegt drückte sie bei diesen Worten die Hand ihrer mütterlichen Freundin, die ihr in der kurzen Zeit schon so sehr ans Herz gewachsen war.

Die beiden kannten sich noch nicht lange. Als Lisa vor 6 Wochen hier gelandet war, und die Stadt, auf der ihr Finger die Landkarte berührt hatte schließlich fand, war sie zuerst einfach nur entsetzt und enttäuscht. Sie hatte auf Ruhe gehofft und traf auf eine Flut von Touristen. Nachdem sie aber den ersten Schock überwunden hatte, fasste sie sich, suchte eine Touristeninformation und bat um ein Zimmer weit ab von den Massen. „Dann bist Du wohl bei meiner Mutter am besten aufgehoben!", hatte die junge, sympathische Frau hinter der Theke gesagt. So war sie zu Elena vermittelt worden. Vom ersten Augenblick an hatte es Lisa gefallen bei dieser herzlichen Frau, die zu ihrem großen glück auch noch perfekt deutsch sprach, weil sie die Hälfte ihres Lebens in Köln verbracht hatte. Ja, Elena war ein wunderbarer Mensch. Sie hatte Lisa in ihrer Taverne eingestellt und ihr dafür freie Kost und Logis gewährt. Ohne dass Die junge Frau viel erzählt hätte, hatte die Besitzerin des kleinen Gästehauses ihr ganz von sich aus dieses Angebot unterbreitet, nachdem Lisa ihr auch drei Wochen nach ihrer Ankunft noch nicht sagen konnte, wie lange sie bleiben wollte. Sie war sich deshalb durchaus der Tatsache bewusst, dass Elena ihre innere Not und Verzweiflung wohl irgendwie gespürt haben musste. Aber dass sie sie so gut kannte, das hätte sie wirklich nicht geglaubt.

„Weißt du kleine Lisa", nahm Elena das Gespräch wieder auf: „Raki mit Honig verlängert das Leben. Aber nur dann, wenn man es auch will. Du aber bist hier hergekommen, um zu sterben. Du glaubst, Du hättest Dein Leben schon gelebt, aber höre eine alte Frau an, dafür bist du viel zu jung! Sag mir, kann ich etwas tun, damit du diese herrliche Insel noch einmal lebendig erleben kannst – voller Freude auf die Zukunft?" „Aber Elena", antwortete Lisa entsetzt. „Wie kommst Du darauf, dass ich zum Sterben hergekommen bin? Es ist wunderschön hier, und ich habe vor, das noch lange, lange zu genießen!" Elena strich ihr mit der freien Hand sanft übers Haar. „nun, Du machst den Eindruck, als gäbe es in Deinem Leben nichts mehr, wovon Du träumst." Entgegnete sie dann. „Du erwartest nichts mehr von diesem Leben. Und wer nichts mehr vom Leben erwartet und keinen Traum mehr zulässt, der wartet nur noch auf das Ende."

Lisa sah sie nachdenklich an. So hatte sie das noch nie gesehen. Wartete sie wirklich auf das Ende? „Ich kann nicht sagen, dass ich keinen Traum mehr habe.", gab sie schließlich nachdenklich zurück. „Ich träume davon, endlich Ruhe zu finden, zufrieden zu sein, von der Gelassenheit, alles so annehmen zu können, wie es jetzt eben nun mal ist, und so endlich anzukommen…" „Nun gut", unterbrach Elena sie. „Aber du wagst nicht mehr, zu fragen, was du dafür wirklich brauchst." „Oh doch, Elena. Das habe ich schon herausgefunden. Ich weiß, dass ich dazu die Natur brauche, und viel Ruhe. Einen Neuanfang eben.„ „Ja ja, und es muss weit, sehr weit weg sein von Berlin, um ja keinen Erinnerungen über den Weg zu laufen, hab ich recht?" Lisa errötete und senkte den Blick. Elena seufzte leicht.

„Ach, kleine Lisa. Ich weiß nicht, was Dich so bitter gemacht hat in deinem jungen Leben.", sprach sie schließlich weiter. „Und du musst mir auch nicht davon erzählen, wenn du nicht willst. Aber Du willst einfach einen Deckel auf einen brodelnden Topf stülpen, ohne das Herdfeuer abzustellen. Und so was funktioniert nicht." „Wie meinst du das?" Lisa sah Elena fragend an. „Nun, wie kann ich das erklären…", Die alte Frau überlegte kurz. „Viele Menschen, auch du, kleine Lisa, denken, man könne Unangenehmes aus der Vergangenheit einfach abhaken, ohne sich damit auseinanderzusetzen. Deckel drauf und gut eben. Ganz neu anfangen, nie mehr daran denken. Aber das geht nicht. Sieh mal, Wenn man einen Deckel auf einen Brodelnden Topf stülpt, ohne das Herdfeuer zu löschen, dann bahnt sich der Wasserdampf irgendwann seinen Weg. Im dümmsten Falle wird der druck so groß, das der Deckel einfach wegfliegt, oder der Topf explodiert." Sie schwieg für einen Moment. „Was ich dir sagen will ist, du läufst vor deiner Vergangenheit davon. Aber ohne die Vergangenheit zu begreifen und zu akzeptieren, gibt es nun mal auch keine Zukunft, sondern nur noch ein darauf Warten, das es endlich vorbei sein möge. Deine Erfahrung ist das Fundament, auf dem Du Dein Haus erbaust. Im Moment versuchst Du also, Dir ein Haus zu bauen, ohne Fundament. Und das kann immer nur ein Luftschloss sein, kleine Lisa. Denn so lange Du vor deiner Vergangenheit flüchtest, flüchtest Du auch vor Dir selbst und Deinen Gefühlen. Weißt du, alles, was geschieht hat seine Konsequenzen, vor denen kann man nicht davonlaufen. Man muss sie annehmen. Sonst lebt man nicht, man existiert nur noch."

Damit erhob sie sich und ging mit einem leisen Lied auf den Lippen ins Haus zurück. Lisa seufzte. War sie wirklich nur auf der Flucht vor sich selbst? Was geschehen war, konnte schließlich nicht rückgängig gemacht werden! War es also nicht die einzig richtige Konsequenz, sich nach all den Katastrophen, die sie für sich und andere verursacht hatte, endgültig zurückzuziehen in ein einfaches, bescheidenes Leben? War das nicht der einzig mögliche Weg, weitere Katastrophen zukünftig zu verhindern? Wie sollte sie das Brodeln denn abstellen? Warum sollte es überhaupt noch brodeln?

Eine heiße Träne rann Lisas Wange hinab, als sie etwas weiches an ihrem Bein spürte. Sie sah hinunter und entdeckte Nikos, den dicken Kater. Immer wenn sie traurig war, pflegte er, sofort um Lisas Beine zu streichen. Jetzt sah er sie mit seinen leuchtend grünen Augen an und maunzte erbärmlich. ‚Er kommt sofort, wenn es mir nicht gut geht', dachte Lisa für sich, ‚und er kommt verdammt oft'. „Na, komm her!", rief sie leise, indem sie sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel klopfte. Sogleich sprang Nikos auf ihren Schoß und streckte sich genüsslich. Lisa begann ihn zu kraulen, was er mit lautem zufriedenem Schnurren quittierte. „Ach Nikos!", seufzte Lisa. „Dein Katzenleben möchte ich haben. Wenn jemand traurig ist, findet er Trost bei dir und in dir brodelt bestimmt keine Vergangenheit, die dich nicht in Ruhe leben lässt."