Alec sah sich nach einem weiteren freien Platz um. Möglicher Weise suchte er den Klassenraum auch nach einem Galgen ab. Es gab es keines von beidem. Das war ein schlechter Scherz. Er hatte sich im Klassenraum vertan. Alec sah in das strenge Gesicht seiner Lehrerin und das gab ihm das ungute Gefühl, dass er sich doch nicht im Klassenraum geirrt hatte. Er steuerte den einzigen freien Platz neben Magnus an und versuchte gar nicht erst, seinen missmutigen Gesichtsausdruck zu verbergen. Hatte Simon nicht gesagt Magnus wäre der beliebteste Schüler? Wie kommt es dann, dass er alleine an dem Tisch sitzt? Das ergab keinen Sinn. Heute ergab nichts einen Sinn.
Er setzte sich neben Magnus, der Rucksack rutschte von Alecs Schulter und viel auf den Boden. Erst bei diesem Geräusch sah Magnus auf.Als hätte er Alec erst jetzt bemerkt.Vorher hatte er wie hypnotisiert seinen Tisch angestarrt.
Alec runzelte die Stirn und begann seine Arbeitsmaterialien auszupacken.
Mrs Wrayburn hatte sich nicht zu seiner Verspätung geäußert, bemerkte Alec erleichtert. Was hätte Alec auch Antworten sollen? Es tut mir leid, dass ich zu spät bin. Ich habe mich umgezogen weil mein Pullover nach Nudeln mit undefinierbarer Gemüsebrühe riecht und so aussieht als hätte ich damit Tische in der Kantine geputzt?
„Ich habe bereits letzte Woche angekündigt, dass ab heute eine Partnerarbeit beginnt. Ich werde euch gleich Artikel zu verschiedenen Themen geben und ich möchte, dass ihr euch mit eurem Sitznachbarn damit befasst. In vier Monaten möchte ich, dass ihr eure Unterlagen und eure Arbeit zum Thema wieder abgebt."
Vier Monate. Vier Monate mitihm. Alecs Ansprüche hatten sich verringert. Er brauchte keinen Galgen mehr, ein Seil würde völlig ausreichen. Die Lampe über ihm sah unheimlich stabil aus.
„Das war nicht so gep..Können wir nicht noch einmal die Partner tauschen?" Magnus war aufgestanden und hatte Alec damit aus seinen Gedanken gerissen. Mrs Wrayburn schüttelte den Kopf und legte einen Stapel Blätter vor Alecs Nase ab. „Nein Magnus, du arbeitest mit Alexander zusammen. Jeder hat jetzt seinen festen Partner, ihr könnt also mit der Arbeit beginnen. Ich bitte darum, ruhig zu sprechen damit sich die anderen Schüler konzentrieren können."
Magnus hatte sich wieder gesetzt und warf Alec einen aufgebrachten Blick zu. „Wir teilen die Arbeit auf, du machst die eine Hälfte und ich die andere. Dann müssen wir nicht miteinander reden." Alec sah von den Arbeitsblättern auf. „Das wird nicht funktionieren. Hier sind auch Aufgaben die auf Kommunikation ausgerichtet sind. Können wir es nicht einfach so schnell es geht fertigkriegen und dann nie wieder miteinander reden?" Magnus lehnte sich in seinem Stuhl zurück und nahm Alec die Arbeitsblätter ab. „Das sollte gehen."
Alec war gerade in seinen Text vertieft, als er spürte wie Magnus ihn anstarrte. „Was ist? Warum starrst du mich so an?", fragte Alec während er aufsah. Magnus blinzelte kurz und sah dann den Text in seinen Händen an. „Dein Shirt", sagte er, „sieht absolut bescheuert aus."
Jetzt war Alec derjenige der ihn anstarrte. „Du..Rate mal wessen schuld es ist, dass ich das tragen muss?" Magnus schwieg. „Was ist überhaupt dein Problem? Was hast du für ein Problem mit mir?", rief Alec etwas zu laut und kassierte damit den neugierigen Blick von einem Schüler, welcher einen Tisch weiter saß. Magnus hob den Kopf und sah Alec an. Er sah ihm nicht die Augen, aber er sah Alec definitiv an. „…Ich habe kein Problem mit dir. Ich habe nur meine Pflicht erfüllt." Alec blinzelte. Er wurde mit jedem Wort das Magnus von sich gab wütender und gleichzeitig verständnisloser.
„DeinePflicht?" „Meine Pflicht ist es, Versagern wie dir zu zeigen, wo sie an dieser Schule stehen. So sind die Dinge hier eben. Kapiers endlich." Magnus sah Alec immer noch nicht in die Augen. „Ich bin ein Versager? Wie…? Woher willst du wissen welche Art von Mensch ich bin?" „Wenn du keiner wärst dann würde ich dich in Ruhe lassen. Besser du akzeptierst das."
Alec war fassungslos. Hatte er gerade wirklich dieses Gespräch geführt? Hatte Magnus diesen Unsinn wirklich gesagt?Hatte Alec sich gerade wirklich diesen Stuss anhören müssen?
„Ich bin mir nicht sicher ob du wirklich so ein Arschloch, oder einfach nur ein Idiot bist."
Magnus war sich da selbst nicht mehr ganz sicher.Vielleicht war er beides Vielleicht war er nur ein Lügner.
Alecsah auf die Uhr. Noch fünf Minuten. Den Rest der Stunde, hatte er kein einziges Wort mehr mit Magnus gewechselt.
Alec hatte seinen Schriftlichen Teil angefangen und noch nicht gerade viel geschafft.
Er sah zu Magnus und betrachtete ihn nachdenklich. Seine Haare waren perfekt hochgelegt. Alec gab sich nie so viel Mühe mit seinen Haaren. Alec gab sich offensichtlich mit nichts an seinem Aussehen so viel Mühe wie Magnus es tat. Sein Gegenüber hatte die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst und seine Augen waren auf die Blätter in seiner Hand gerichtet. Alec nutzte die Gelegenheit, um sie aus der Nähe zu betrachten.
Magnus Augen waren eine Mischung aus einem hellen Braun und einem leichten Grünstich. Alec konnte immer noch nicht sagen ob es Kontaktlinsen waren. Sie wirkten zu intensiv, zu honigfarben, zuschön.
„Was ist? Warum starrst du mich so an?", fragte Magnus während er aufsah. Alec blinzelte und sah den Stift in seiner Hand an. „Deine Frisur", log er, „Sieht absolut dämlich aus."
Alecversuchte sich aus Jace Klammergriff zu befreien. „Wohin zerrst du mich?", fragte er und zwang Jace dazu stehen zu bleiben. Eigentlich hatte Alec, nachdem er die Kantine betreten hatte vorgehabt sich zu Clary und Simon an einen Tisch zu setzten. Aber dann war Jace aufgetaucht, hatte ihn Wortlos am Handgelenk gepackt und ihn hinter sich her geschleift.
„Jace, komm schon, was soll das?" Alec sah ihn an. Jace deutete in Richtung eines Tisches und Alec folgte mit seinem Blick Jaces ausgestrecktem Zeigefinger. Es war der Tisch mit denbeliebtenSchülern. Magnus saß neben einem Mädchen mit hellblondem, fast weiß aussehendem Haar.
Alec entriss sich dem Griff seines Stiefbruders. „Ich gehe da nicht hin." Jace sah ihn bittend an. „Komm schon Alec. Es ist doch nur ein Haufen Schüler."Ein Haufen Arschlöcher. Alec verneinte erneut und Jace sah ihn an, wie ein getretener Welpe. „Okay", sagte Alec, „Okay." Vielleicht stimmte er nur zu, weil er Jace so gut wie nichts abschlagen konnte. Vielleicht lag es nicht an Jace.
„Du bist wirklich Jaces Stiefbruder?" Ein Junge mit Armen wie Baumstämmen sah Alec interessiert an. „Ich bin Jon Cartwright. Jace und ich sind Freunde", sagte der Junge. „Er hat dir bestimmt von mir erzählt." Alec warf Jace einen Blick zu, welcher lediglich verwirrt mit den Schultern zuckte.
„Der Versager ist wirklich dein Stiefbruder?" Fragte der weißhaarige Typ. „Warum ist er nicht an Lewis Tisch? Hatte er noch nicht genug Suppe in seinen Klamotten um zu checken, dass er sich von hier verpissen soll?" Und plötzlich hatte Jace ihn am Kragen gepackt und ihn gegen seine Rückenlehne gedrückt. „Sei lieber still Ragnor, oder ich-"Alec unterbrach Jace mitten im Satz durch sein ruckartiges aufstehen. „Lass gut sein Jace. Ich hatte eh nicht vor hier zu bleiben."
Er drängte sich und schon vorbei und steuert auf den Tisch zu an dem Simon und Clary saßen. Er spürte wie ihm eine Hand auf die Schulter gelegt wurde. „Komm schon Alec, komm zurück." Alec drehte sich um und funkelte Jace wütend an. „Wieso sollte ich? Um mir ihren Mist anzuhören?" Jace seufzte. „Nein, Alec du verstehst es nicht, k-" „Nein du verstehst es nicht Jace! Du verstehst offensichtlich nicht, dass du an einem Tisch mit Leuten gelandet bist, die noch herablassender mit Menschen umgehen als du! Du verstehst offensichtlich nicht, dass es wichtigeres gibt als einen sozialen Status zu Pflegen denn du nach deinem Abschluss hier nicht mehr brauchen wirst! Fang an zu denken, Jace." Alec drückte Jaces Hand von seiner Schulter und marschierte wütend auf den Tisch zu an dem seine Freunde saßen.
Es war ihm egal, dass er die letzten paar Sätze fast geschrien hatte. Eigentlich war er nicht die Art von Mensch, die Laut ihre Meinung laut herumposaunte. Aber das bedeutete doch auch nicht, dass er sie für sich behalten musste.
„Du warst episch, alter! Du warst wie Peter Parker. Alle dachten du wärst der Versagertyp, aber dann wurdest du badass und hast allen gezeigt, dass du es draufhast! Das war dein Offenbarungsmoment, das war…" Clary warf Simon einen warnenden Blick zu und er verstummte. „Ist alles okay?", fragte sie und beobachtete Alec während er sich hinsetzte. „Ja, ich kann nur nicht verstehen warum Jace sich mit denen abgibt."
Magnuspresste sich sein Handy ans Ohr um besser verstehen zu können was Ragnor sagte. „Die Party steigt diesen Freitag", sagte Ragnor gerade. Magnus seufzte innerlich.
„Komm am besten noch eine halbe Stunde früher, ich brauche jemanden der mir dabei hilft die Bude aufzupeppen und alle Arten von Gefäßen zu verstecken. Im ernst, meine Mutter ist letztes Mal ausgerastet als jemand in ihre Ming-Vase gekotzt hat." Ragnors Eltern waren wie auch die Eltern von Magnus, die Art von Menschen die es sich leisten konnten, dass sich jemand in ihre Ming-Vase übergab.
Nachdem Magnus zugesagt und aufgelegt hatte, schloss er die Haustür auf. Er stellte seinen Rucksack neben der Tür ab, streifte seine Schuhe ab und sah sich im Wohnzimmer um. Seine Eltern waren noch nicht zuhause.
Er ging die Treppe hoch zu seinem Zimmer und fuhr sich frustriert durchs Haar. Vor der Mittagspause hatte Magnus sich Alecs Nummer von Jace geben lassen. Er hatte ihm gesagt, dass er sie für die Partnerarbeit brauchte. Das war nicht gelogen. Er brauchte sie um einen Treffpunkt mit Alec auszumachen, richtig?
Magnus setzte sich aufs Bett und starrte sein Handydisplay an. War es komisch, wenn er ihn jetzt einfach anschreiben würde? Würde es so rüberkommen als würde er ihn stalken? Vielleicht würde Alec gar nicht erst antworten. Er würde es verstehen, wenn er nicht täte aber… Magnus würde sich miserabel fühlen, wenn Alec nicht antwortete. Nicht weil er Alec unbedingt eine Antwort vonAlecbekommen wollte. Es war nur… Gab es einem nicht immer ein schlechtes Gefühl, wenn man ignoriert wurde? Das war es. Niemand wurde gerne Ignoriert. Magnus sollte Alec am besten selber nach seiner Nummer fragen. Was wenn Alec ihm nicht seine Nummer geben wollte? Es gab jedem ein schlechtes Gefühl wenn jemand einem nicht seine Nummer geben wollte, oder?
Magnus bemerkte noch während er dachte, wie idiotisch seine Gedanken und komplexe doch waren. Er beschloss Alec einfach eine Nachricht zu schreiben. Er bereute es sofort, nachdem er sie abschickte.
Magnus sah von der Gitarre auf, die er auf dem Schoß liegen hatte als seine Mutter in sein Zimmer kam. Seine Eltern hatten darauf bestanden das er mindestens ein Musikinstrument beherrschen sollte und Magnus hatte sich damals für die Gitarre entschieden. Irgendwie entspannte es ihn, eine vertraute Melodie zu spielen und sich in ihr zu verlieren. Es zwang Magnus dazu, sich vollkommen auf die Musik zu konzentrieren und damit das Denken an die viel zu vielen Dinge die im durch den Kopf gingen zu vernachlässigen.
Manchmal waren es einfach kleine Dinge wie Gitarre spielen in seinem Leben, die Magnus genug Luft zum Atmen gaben.
„Magnus, wie war es in der Schule?", seine Mutter erwartete offensichtlich keine Antwort denn sie redete weiter ohne ihm Zeit zum Reden zu geben, wir hatten Heute ein Geschäftsessen mit den Belcourts. Wie läuft es denn mit dir und Camille? Du musst gut auf sie Acht geben. Sie tut dir gut und sie tut uns auch gut." Magnus räusperte sich. „Alles in Ordnung", antwortete er schließlich. Ihm viel einfach keine bessere Antwort ein.
Es hatte eine Zeit gegeben in der er für Camille geschwärmt hatte. Er hatte ihre Stärke, ihre Intelligenz und ihre Schönheit bewundert. Er hatte erst nachdem er mit ihr zusammengekommen war bemerkt, was für ein Biest sie doch seien konnte. Ihre Arroganz, ihre Überheblichkeit und ihr Unmut gegenüber anderen widerten Magnus jeden Tag aufs Neue an. Das schlimmste jedoch war, dass er genauso war. Und außerdem war Magnus irgendwie abhängig von ihr. Sie half ihm, seinen Status an der Schule aufrecht zu halten und ihre Familie half seiner. Möglicherweise war sie genauso von Magnus abhängig wie er von ihr. Er wusste es nicht.
„Gut. Dein Vater und ich müssen nächste Woche zu einem Meeting außerhalb von Ohio. Ich wollte, dass du das weißt falls Camille und du…Falls ihr etwas Privatsphäre braucht." Magnus Hand schloss sich um den Hals der Gitarre und er starrte auf sie herum. Dieses Gespräch begann, in eine für ihn unangenehme Richtung zu gehen.
Er wollte gerade etwas auf ihre Worte erwidern, als er bemerkte, dass seine Mutter gerade dabei war, sein Zimmer zu verlassen.
Magnus war gerade dabei seine Gitarre bei Seite zu legen als sein Handydisplay kurz aufleuchtete und damit eine neue Nachricht ankündigte.
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