Auf dem Weg zum Ruhm

16. März-15. April 2012

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Am Abend des 15. März als ich mit John am Kamin gesessen hatte, war ich letztlich fast genau so sehr neben der Spur gewesen wie am Abend zuvor. Nur in die entgegengesetzte Richtung. Musste wohl auch noch an der Droge
liegen.
Ich hatte mich...psychisch irgendwie ganz anders gefühlt als sonst
meistens. Normalerweise nehme ich so etwas nicht bewusst wahr, weil solche Befindlichkeiten nur hinderlich sind.
Ich hatte mich zugleich verletzlich und geborgen gefühlt. Erleichtert
darüber, dass John zu mir hielt – aber auch genau deshalb besorgt.

Gefühle sind nicht von Vorteil, pflegt Mycroft zu sagen. Und er hat recht.
Es war ärgerlich und fatal, dass sie mich ausgerechnet jetzt so
heimsuchten. Ich durfte mich jetzt nicht hinreißen lassen.
Es ist bestimmt noch die Droge, sagte ich mir. Sie MUSS es sein!

Was hatte ich da nur gerade abgesondert? Über ...Freundschaft...?

Deshalb beschloss ich, dem ein Ende zu setzen.

„John. ...ich bin ziemlich erschöpft. ...glaube, ich brauche mal wieder
...etwas Schlaf. Weck mich nicht morgen. Warte einfach ab, bis ich mich melde..."

„Okay, Sherlock. Wäre ja auch nicht schlimm, wenn wir dann einen weiteren Tag bezahlen müssten. Henry hat uns ja fürstlich entlohnt. Also: Schlaf gut."

Die nächsten Stunden verbrachte ich mit Aufräumarbeiten im
Gedächtnispalast. Doch ich musste feststellen, dass ich mit den Emotionen dieser letzten drei Tage noch nicht ganz zurechtkam.
Die Angst vor Moriarty und die Angst um John...und auch Mrs Hudson und Lestrade...vielleicht auch um Molly – über sie hatte er damals immerhin den ersten Live-Kontakt zu mir hergestellt...

Vor allem dieses letzte Gespräch mit John... Ich wusste, ich würde es
wegräumen, aus meinem Bewusstsein verbannen müssen. Es wäre mir sonst sicherlich früher oder später ein rechter Klotz am Bein.
Aber ich brachte es einfach noch nicht übers Herz, diese ungewohnten Gefühle gleich wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen.
Sonst fühlte ich mich lebendig, wenn ich gegen die Zeit ermittelte, einem Mörder hinterher rannte – wenn ich Adrenalin spürte. Lebendig und kraftvoll.
Das hier war so ganz anders. Endorphine? Serotonin?
Gefühle sind ein chemischer Defekt, der auf der Verliererseite zu finden
ist.
Auch das hier gab mir ein Gefühl von Lebendigkeit, von Wärme – und auch von Schwäche, Verwundbarkeit, von Sterblichkeit.
Eine Seele, ein fühlendes Herz..., das hatte auch ich. Doch das war gerade für die nächste Zeit hinderlicher denn je! Ich würde kalt und absolut sachlich und pragmatisch vorgehen müssen...
Lass niemals dein Herz deinen Kopf regieren...

Jetzt noch nicht...
Ein paar Tage noch..., beschloss ich.
Ich musste über mich selbst den Kopf schütteln.
Jetzt war ich doch tatsächlich ein wenig wie John, der mich gebeten hatte, die fürchterliche Weihnachtsdeko in unserer Wohnung noch bis zum 6. Januar
hängen zu lassen. Wir haben dann einen Kompromiss geschlossen. Der
Firlefanz wurde also am 1. Januar entfernt.
So würde ich es jetzt mit diesem Gespräch auch machen.
Es noch ein paar Tage 'draußen' stehen lassen, wo ich jederzeit einen Blick darauf werfen konnte...sozusagen im Vorübergehen.

Noch hatte John nicht durchschaut, dass ich ihm Hundeknurren vorgespielt, ihn in dem Labor eingesperrt hatte. Wie er wohl reagieren wird...?

Klingeln weckte mich.

Scheiße...!

12:04...!

Ich hatte lange gebraucht, um zu Ruhe zu kommen, letzte Nacht...

Mein iPhone hatte ich sogar ausnahmsweise abgeschaltet – aber nun schrillte neben mir das Festnetztelefon auf dem Nachttisch. Natürlich hätte ich akkurat artikulieren und einen freundlichen Ton anschlagen können – aber
wozu denn, bitte?

„Sherlock Holmes...?", nuschelte ich griesgrämig in den Hörer.

„Verzeihung, Sir. Ein externer Anruf für Sie. Er...meinte, es sei wirklich
dringend."

„Okay, jetzt bin ich sowieso wach!" stöhnte ich.

„Brüderchen. Noch nicht aus den Federn gekommen?" neckte ein wohlbekannter geschmeidiger Tenor.

„Mycroft! Was soll das?!" schnauzte ich.

„Nun, ich dachte, es würde dich freuen zu hören, dass du und John euer kleines Abenteuer wirklich unbeschadet überstanden habt. Es wird keinerlei Nachwirkungen geben. Und: Major Barrymore zeigt sich recht kooperativ.
Ach ja: Und soweit ich gehört habe, soll unser Cousin Jim heute aus dem
Krankenhaus entlassen werden."

„Wie erfreulich!"

„Und ich musste heute schon wieder einmal den Chefredakteur spielen."

„Oh, da sehe ich wohl besser mal nach..."

„Ja. Melde dich, ehe ihr aufbrecht."

„Wie besprochen."

„Gute Reise. Pass auf dich auf."

Ich legte auf und griff zum Smartphone, rief Johns Blog auf und überflog seinen neuen Eintrag „Die Hounds von Baskerville"...

'Eines Tages bring' ich ihn um!' hatte John meinen Versuch, ihn zu
vergiften kommentiert, doch das ließ mich nur schmunzeln.

Aha. Lestrade unterschlug er seinen Lesern komplett. Ein weiteres Indiz,
dass Mycroft ihn geschickt hatte...!

...oh, bitte...! Schon wieder Irene Adler, schon wieder sollte mich etwas menschlicher gemacht haben...!

Seufzend las ich zu Ende: Sentimentaler John! Das war für ihn das Wichtigste: Dass ich Verständnis für Henry gezeigt hatte, dass ich Angst und Zweifel empfunden hatte, dass ich mich geirrt hatte. Dass ich auch nur
ein Mensch bin.

Andererseits...hatte ich nicht selbst zu ihm gesagt: Mach aus Menschen
keine Helden?

Doch für unseren Plan würde ich alles daran setzen müssen, in den Augen der Welt nun doch ein Held zu werden.

Unser Plan...es war immer noch merkwürdig, diesen Ausdruck zu denken: Ich und Mycroft und ein gemeinsamer Plan... ein Plan, in den wir John wohl wirklich nicht einweihen konnten...

Nochmals glitten meine Augen über die Zeilen.

„Henry, ein normal aussehender Kerl Ende Zwanzig..."

...John ist ein ziemlich unkomplizierter Kerl, hatte Henry gesagt, aber das wusste John nicht. Wer ist hier jetzt unhöflich?
Klar, John hatte damit sagen wollen, dass Henry nicht wie ein Spinner
gewirkt hatte, aber... Schön: Dann werde ich mich zu diesem Kritikpunkt äußern! dachte ich.

„Henry war ein normal aussehender Kerl? Wirklich John, du solltest nur noch als Schriftsteller arbeiten!" spöttelte ich um genau 12:22.

Dann schwang ich mich aus dem Bett und begann mich fertig zu machen.

„Wo steckst du? SH" simste ich eine Dreiviertelstunde später an John.

„Sitze vor dem Pub. Wie geht's dir?"

„Gut. Komme gleich. SH"

Ich warf nochmal einen Blick auf die Kommentare zu Johns neuem Posting:
Harry hatte sich gemeldet. Murray kommentierte: Hunde, die bellen beißen nicht. (Eine der dümmsten Redensarten, wie ich schon am eigenen Knöchel erfahren musste!)
Sowersby meinte dazu bloß: LOL!
Na, danke! Dieser Hund wird mich bestimmt eine Weile verfolgen! meldete sich Mike.
Noch ein LOL! von Sowersby.
„Schluss jetzt!" kommentierte ich, steckte das Handy ein und verließ samt meinem Gepäck das Zimmer.

John saß draußen an einem Tisch.

Ich begreife nicht, warum Menschen so scharf darauf sind, Nahrung im Freien zu sich zu nehmen.

„Morgen, Sherlock!"

„John."

„Frühstück?"

„Keinen Appetit. Mrs Hudson wird uns heute bestimmt noch mästen wollen..."
Dann sah ich, dass John nur einen leeren Kaffeebecher vor sich hatte. „Oh.
Verstehe, du wolltest mit dem Frühstück auf mich warten... Ehm..., soll ich dir einen Kaffee mitbringen?" bot ich an. „Ohne Zucker."

„Okay..."

Als ich zurückkam, hatte Billy ihm gerade einen Teller vorgesetzt. John
bedankte sich. Total unnötig, wo wir doch diese überteuerten Preise
zuzüglich Trinkgeld zahlten! Was, bitte! gibt es da denn zu danken!?
Ich hatte beschlossen, wieder auf kühl umzuschalten. Sollte John mich auf gestern Abend ansprechen – womit ich jedoch nicht rechnete – konnte ich mich auf die Droge rausreden...

„Die haben ihn also nicht einschläfern lassen, den Hund", begann ich ein wenig unbeholfen die Konversation.
„Offensichtlich. Sie konnten es wohl nicht übers Herz bringen."
Eine Formulierung die mir letzte Nacht auch durch den Kopf gegangen war.
Seltsam...
„Mhm... Verstehe", brummte ich.
„Eh.. Nein. Tust du nicht", widersprach John.
„Nein, wohl nicht", gab ich zu. „Gefühle?" fragte ich verständnislos.
„Gefühle."
„Ah!" machte ich abfällig.

Auch John sah nicht so erholt aus, wie er sollte. Einschlafprobleme. Ein
Albtraum...

„...eh, was ist in diesem Labor mit mir passiert?" fragte er.
„Möchtest du Soße dazu?" versuchte ich ihn abzulenken.
„Ich war nicht in der Schlucht, also wieso hab ich das alles da drin
gehört? Angst und Stimulus, sagtest du?"

Gleich hat er's...

„Du musst das Gas woanders eingeatmet haben...vielleicht irgendwo im Labor.
Die alten Rohre, hast du die gesehen? ...waren löchrig wie ein Sieb...und durch die floss das Gas, also – ehm: Ketchup oder die braune…?"

...braune Soße? ...sieht...nicht so vegetarisch aus...

„Sekunde! Du dachtest es wäre der Zucker. Du warst fest davon überzeugt!"

„Besser wir machen uns auf den Weg, in einer halben Stunde geht ein Zug, vielleicht könntest du – "

...dich etwas beeilen!

„Oh, Gott...!"

Der Penny fällt.

„DU warst das! DU hast mich in dem Labor eingesperrt...!"

„Ja, es war ein Experiment...", gebe ich gelassen zu.

„Ein Experiment...?!" faucht er zurück.

„Shhh!" mache ich beschwichtigend.
„Es war grauenhaft, Sherlock! Ich hab mich zu Tode geängstigt!" schimpft er.

Ja, ich weiß, John. Und es tut mir Leid...! denke ich, doch ich gebe mich ungerührt.

„Dachte, die Droge ist im Zucker, also tat ich Zucker in deinen Kaffee. Es
war alles abgesprochen mit Major Barrymore. Streng wissenschaftlich unter Laborbedingungen. Buchstäblich. – Ich kannte die Auswirkungen auf einen
überlegenen Intellekt, wie es auf einen durchschnittlichen wirkt, musste ich testen. – Du weißt, wie ich das meine!"

„Aber sie war nicht im Zucker!" korrigiert mich John. Ja. War ja klar, dass er sich daran festbeißen würde!

„Naja, ich konnte ja nicht wissen, dass du dem Gas bereits ausgesetzt
warst...", versuche ich mich herauszureden.

„Also lagst du falsch!"

„Nein."

„Hm – du lagst falsch: Es war nicht der Zucker! Du lagst falsch!"

„Ein bisschen – wird nicht wieder vorkommen..."

Nein: Ich darf mir keine Fehler erlauben: Der nächste Irrtum könnte tödlich sein...

„Irgendwelche Langzeitwirkungen?"

„Nein, keine. Sobald du sie ausscheidest, bist du wieder wie neu, wie wir alle."

„Dann könnte sich das schon erledigt haben..."

Ich entschuldige mich kurz. Vor der langen Zugfahrt ist es sinnvoll, hier
nochmal eine saubere Toilette aufzusuchen.

Doch hauptsächlich will ich noch einen Kommentar posten.

„Das klingt mir nach einer Scoobydoo-Geschichte!" hat Bill Murray inzwischen geschrieben.

Ich füge hinzu: „John, hol mir meinen Revolver!"

Wir erwischten den Zug um 14:25 und hatten ein Abteil für uns alleine. John studierte den Streckenplan.

„Drei Stunden 24? Ein Bummelzug?! Wir kommen erst um Sechs zuhause an?
Wieso hast du mich denn dann so gehetzt? Der um 15:01 ist früher in
Paddington als der hier in Waterloo! Ich denke, du weißt solche Dinge?!"

„Was willst du? Genieß einfach die Aussicht."
„Oh, natürlich: Damit es für den Rest des Tages bei nur einer Mahlzeit bleibt, richtig?"

Ich grinste nur.

Das monotone Rattern brachte John bald zum Einschlafen.

Ja, ruh' dich aus. Ich passe auf dich auf..., dachte ich und betrachtete
meinen Freund nachdenklich.

„Ist er nicht süß? Ich verstehe, wieso Sie ihn gerne um sich haben. Nur werden die Leute immer so sentimental, wenn's um ihre Haustiere geht! ...so rührend loyal!" hallte plötzlich Moriartys Stimme durch meinen Kopf.

Ich schauderte unwillkürlich und zog meinen Mantel enger um meinen Körper.

Erst um Zehn nach sechs setzt uns ein Taxi vor dem Haus ab. Ich überrasche John, indem ich unser Gepäck schnappe. Mrs Hudson erwartet uns natürlich schon mit einem High Tea, von dem ich mich locker eine ganze Woche ernähren
könnte.
John lobt besonders den Apfelkuchen.
„Habe ich extra für euch gebacken, als ich merkte, dass euer Fall
abgeschlossen ist. Das war ja eine fürchterliche Geschichte, John! Ich
würde noch wochenlang Albträume haben! Fast wie eine Werwolfstory, nicht?
Ich weiß gar nicht, was ich da kommentieren soll! Wie kann ein Mensch so etwas tun? Ein Brite! Naja, die Amys haben ihn verdorben, schätze ich!"

Tja, Mrs Hudsons Erfahrungen mit Amerika und Amerikanern waren nicht gerade gut. Dabei angefangen, dass sie früher in den zweiten Weltkrieg hätten
einsteigen sollen, über ihren Mann – bis hin zu diesem CIA-Kerl...

Was wohl weder sie noch John ahnten, war, dass ich mir Neilson auch deshalb so gründlich vorgeknöpft hatte, weil er vier Monate zuvor befohlen hatte,
John zu erschießen, wenn ich den Safe nicht öffne...

Ohne ihr nerviges Geplauder hätte es so eine entspannte Mahlzeit sein
können...!

John musste ihr alles nochmal haarklein berichten. Seltsamerweise
verschwieg er, dass ich ihn eingesperrt und ihm unheimliche Knurrgeräusche vorgespielt hatte... Hatte er mir das also wirklich schon vergeben?
Ich hatte mir schon gedacht, dass es nicht einfach werden würde, ihn
abzuschütteln, aber das überraschte mich nun doch.

Erst gegen halb elf ließ uns Mrs Hudson aus ihren allzu mütterlichen Klauen und wir erklommen vollgefressen und leicht angeschickert die Treppe.
John holte sogleich seinen Laptop heraus – manchmal zeigt er wirklich
Symptome von Internetsucht. Vor allem, wenn er mal wieder etwas
veröffentlicht hat!
Doch diesmal hätte er es wirklich besser gelassen.

„Was...? Sherlock?! ...Sherlock, das musst du dir ansehen! ...Scheiße...!
Das ist ER! Moriarty! Sieh, doch, er war hier! Er war hier drin!
...Apfelkuchen? Denkst du, das war heute? Heute Nachmittag?! …und er fragt sich, wie dein Schädel sich bei ihm an der Wand machen würde! ...da, schon
wieder! Jetzt zitiert er Hamlet!" rief John mit wachsendem Entsetzen.
Hilflos tippte er: „Was zur Hölle? Wann ist das passiert?!" – was nicht nur sinnlos war – sondern obendrein auch reichlich dumm wirkte.

Moriarty hatte seinen Blog gehackt. Und was John wirklich schockierte war, dass er diesen Film gepostet hatte. (Ich würde euch ja gerne den Link nennen, aber ihr werdet selbst auf youtube suchen müssen, sorry)

Ich sah, wie er blass wurde und seine Hände zu zittern begannen.

„Ist das dein Ernst? Dieser Kommentar? Denkst du nicht, das ist genau das, was er von dir lesen möchte?"

John sah mich keuchend an. „Ist das alles, was dir dazu einfällt?!" ächzte er.

„Nein. Ich hätte nicht gedacht, dass er so diskret sein würde. Obwohl er
bestimmt auch in meinem Zimmer gewesen ist. Er hat keinen Film darüber ins Netz gestellt. Aber er weiß natürlich, dass ich mir das denken kann."

„Er will deinen Schädel als Wandschmuck! Und er ist hier eingedrungen!
Sherlock, das reicht allemal für eine Strafanzeige!"

„Bei Scotland Yard? Mach dich nicht lächerlich! Was glaubst du, was die
ausrichten können?"

„Das weiß ich auch! Aber denkst du ernsthaft, es reicht, dass du einen
Revolver besitzt?!" brüllte John außer sich.

„Nein. Aber es reicht, dass ich ein Gehirn habe und es zu gebrauchen weiß",
entgegnete ich spöttisch.

„Das..., das ist nicht dein Ernst. So arrogant kannst nicht mal du
sein...!" stammelte er und spielte den Film ein zweites Mal ab.

Als ich sah, dass sich sein Atem noch mehr beschleunigte, trat ich zu ihm und legte meine Hand auf seinen Rücken.

„Schon gut, John. Beruhige dich..."

Er rang nach Fassung, erhob sich und reckte sich zu seiner vollen Größe auf – was mich immer fast zum Lachen reizt – und erklärte entschlossen: „Du wirst die nächste Zeit nichts alleine machen, hörst du? Wir trennen uns nicht! Keine Alleingänge! Du kommst mit einkaufen und ich werde mich nicht
mehr verabreden!"

„Nun dreh mal nicht gleich durch! Er spielt mit mir. So etwas hätte er
jederzeit tun können, schon seit über einem Jahr! Nun hat er es eben in die Tat umgesetzt. Als die Frau plötzlich in meinem Bett auftauchte, hast du dich doch auch nicht so aufgeregt."

„Das war ja wohl etwas anderes! Und das war bevor wir wussten, dass ER ihr Nachhilfestunden gegeben hat! – Komm schon! Wir müssen die Wohnung durchsuchen! Vielleicht gibt es eine Bombe! Oder er hat unsere Lebensmittel vergiftet!"

Oh, das wird schwieriger als ich dachte...! Was, wenn er uns schon verwanzt hat? Denn...
Aber natürlich! Deshalb! Er WILL dass wir alles absuchen! Er hat noch keine Kamera installiert. Wir sollen alles durchchecken und uns dann sicher fühlen. Erst danach wird er beginnen, uns zu überwachen. Simpel und doch genial! Gleich morgen wird er Gelegenheit bekommen: Während der Vernissage werden wir alle drei weg sein, auch Mrs Hudson und auch die Turners und ihre Mieter.

Also begann John alles abzusuchen, während ich Fenster und Türschlösser begutachtete und dann unsere Lebensmittel überprüfte. Bis hin zum Zucker und Kaffee...

Gegen halb zwölf simste mir Lestrade.

„Dieser Clip! War das Moriarty? Wenn Sie Anzeige erstatten, kann ich Personenschutz erwirken. Ich weiß: Sie rollen jetzt mit den Augen! Aber denken Sie an Mrs Hudson! Und John hatte er ja damals auch schon gekidnapped! Melden Sie sich! Seien Sie vorsichtig, Sherlock!"

Natürlich ignorierte ich ihn.

John kontrollierte alle Sitzmöbel und Betten auf Tretminen, inspizierte
sogar jede einzelne Patrone und sämtliche Putzmittel und ähnliches.
Bis in die frühen Morgenstunden waren wir auf diese Weise sinnlos
beschäftigt.

Nach ein paar Stunden Schlaf machten wir uns fertig für die Vernissage...

Sektgläser klirren und ich habe noch das Gesülze des Museumskurators in den Ohren – fast meine ich zu spüren, dass es bei mir zwei reichliche Portionen Ohrenschmalz erzeugt hat.

"Sherlock?"

Der Turner ist wieder da und alle sind zufrieden. Sie sind solche Idioten. Denken, das sei wichtig. Eine aufgespannte Leinwand und ein paar gefällige Farbkleckse in Öl.
Riesensache!

„Sherlock!"

„Hm?"

„Ich versteh dich nicht. Erstens ist dir Geld sonst nicht wichtig, zweitens bekommst du eine beträchtliche Belohnung von der Versicherung. Ich meine, du bist schließlich nicht so mittellos wie Mozart, der allen Grund hatte,
sich über Ringe und Schnupftabaksdosen und dergleichen aufzuregen!"
„Du kannst die Manschettenknöpfe gerne haben. Könnte allerdings Gerede geben, denn ich bin fast sicher, dass sie graviert sein werden..."
„Ach darum geht es doch jetzt gar nicht! Ich meine: Warum machst du so ein Theater darum, dass du keine Manschettenknöpfe gebrauchen kannst?"
„Weil das ein weiterer Beweis dafür ist, wie schlecht diese Leute hier
beobachten! Was würdest du denn denken, wenn dir jemand ein Zigarettenetui schenkt?"
„Sagt der Kerl, der mal für mich einen Aschenbecher hat mitgehen lassen.
Nun ich würde vielleicht Pflaster und Aspirin darin transportieren...oder
Latexhandschuhe und Plastikbeutel..."
„Okay. Das Beispiel war noch zu praktisch...", brumme ich.

„Mr Holmes! Miller vom Guardian: Was gibt es neues über Baskerville?"
„Lesen Sie seinen Blog nicht? Mehr wird es nicht geben. Alles andere ist
streng vertraulich", knurre ich.
„Na, gut. Aber, was unsere Leser wirklich interessiert: Mögen Sie Hunde?
Wie stehen Sie zu Tierversuchen? Was wurde aus Bluebell und haben Sie irgendwelche Nachwirkungen wie Albträume oder Angstzustände?
Und...last but not least: Gibt es eine Frau in Ihrem Leben?"

Ich kann förmlich fühlen, wie sich John rechts neben mir versteift.

„Ich bin mit meiner Arbeit verheiratet. Und ich denke, ich kann sagen, der Erfolg gibt mir recht. Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe gerade da hinten einen Taschendiebstahl beobachtet..."

Als nächstes gelang es mir, einen entführten Banker zu finden und die
Nummer Eins auf der Fahndungsliste von Interpol in eine Falle zu locken.
Dann folgte der mysteriöse „Selbstmord" des Henry Fishguard.
Trotzdem bin ich inzwischen „der Reichenbachheld". Es gab wirklich weitaus beachtlichere Leistungen – aber Spitznamen kann man sich nicht aussuchen.
Ich pickte mir nun nur noch jene Fälle heraus, die das meiste Prestige, die größten Schlagzeilen versprachen. Und ich lehnte ein paar sehr mysteriöse kleine Fälle ab, die mich um vieles mehr gereizt hätten.
Spaß machte mir das nicht.
Besonders übel war die Sache mit diesem...albernen Hut, den ich nun auch noch geschenkt bekam!
„Das Privat in Privatdetektiv kannst du streichen!" belehrte mich John –
vier Wochen nach der Vernissage. Offenkundig ohne zu merken, dass ich vor neun Monaten in seinem Beisein zu Lestrade gesagt hatte: „Ich bin Privatdetektiv. Das Letzte, was ich brauche, ist ein öffentliches Image!"
John musste denken, mir sei der Ruhm zu Kopf gestiegen. Schon erkannte er das Risiko, das ich einging, meinte, ich solle mal nur einen kleinen Fall übernehmen.
„Die Presse wird eine Kehrtwende machen, unweigerlich – und sie wird sich gegen dich wenden!"

Doch genau danach sollte es ja aussehen: Als sei ich auf dem besten Wege ein Opfer meiner eigenen Hybris zu werden. Wie jene überragenden alten Griechen, die den Sagen nach teuer dafür bezahlen mussten, dass sie sich
selbst vor den Göttern brüsteten.
Es war dann nur noch eine Frage der Zeit, bis Nemesis zuschlug...

Den Startschuss zu unserem letzten Spiel hätte ich beinahe verpasst. Er
fiel einen Monat nach Baskerville.

Mein Handy nervte ohnehin ständig in diesen Tagen. Hätte ich mir jede
eintreffende SMS gleich ansehen wollen, wäre ich zu gar nichts mehr
gekommen.
John sah schließlich nach. Ich wollte mich zuerst nicht unterbrechen lassen.
Doch dann sagte er – angespannt aber gefasst: „Er ist wieder da."

Ich spürte, wie mein Herz gleich zwei Gänge hochschaltete, nahm mein iPhone und las:

'Kommen Sie spielen. Tower Hill. Jim Moriarty x'

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Epilog – Abschied

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Es war der Abschied von einem Lebensabschnitt, von meinem Zuhause, von London...und von Menschen, von denen ich niemals geglaubt hätte, dass ich sie vermissen könnte.
Menschen...waren doch nicht wichtig...!

"Er ist wieder da!" hatte John gesagt. Und dann alarmierte uns auch schon Lestrade, dass er Moriarty soeben am Tatort verhaftet hätte: Im vollen Ornat der historischen Kronjuwelen thronend, hatte er hoheitsvoll seiner Häscher geharrt, als kämen sie zu einer Audienz.

Im allerersten Moment hatte mich sein Comeback ziemlich verwirrt! Mit einem solchen Dreifachcoup ohne unmittelbaren Personenschaden und vor allem mit
der Festnahme hatte ich nicht gerechnet.
Doch im nächsten Augenblick verstand ich es. Es war genial. Er war genial.
Genialer denn je. Doch auch noch durchgeknallter als bei unserem letzten Schlagabtausch.
John regte vor allem dieses GET SHERL CK! auf.
Den Smiley meint Moriarty wohl als Zitat dessen über meinem Sofa...

Wie das bei unserem Rechtssystem nun mal leider so läuft, dauerte es fast sechs Wochen, bis der Prozess begann. Sechs Wochen, in denen ich natürlich nicht untätig blieb – und in denen ich sowohl außerhalb unserer Wohnung –
aber noch mehr drinnen – Theater spielte. Nicht nur, weil uns Moriarty
beobachten ließ, auch weil ich mich bemühte, unausstehlicher denn je zu sein. Doch John blieb unerschütterlich an meiner Seite, sah mir so ziemlich alles nach, wohl weil er einfach vermutete, dass ich wegen Moriarty unter schier unerträglichem Stress stünde...

Wann habe ich jemals etwas so albernes getan, wie zu beten? Nun, wenn überhaupt, dann vielleicht in Kindertagen. Ob das nun ein Wunsch beim Anblick einer Sternschnuppe war oder die Hoffnung, meine Konzentration
könne jemanden telepathisch zu meinen Gunsten beeinflussen, sind nur unwichtige Details. Alle Spielarten davon sind gleichermaßen irrational und
sinnlos.
Doch am Morgen der Urteilsverkündung, als ich machtlos zuhause abwarten musste, hatte ich nicht nur den ungebetenen Augen und Ohren in unserem Hause eine Vorstellung abzuliefern, die Moriarty vorgaukeln sollte, dass ich auf eine Haftstrafe spekulierte; nein, da klammerte sich ein Teil von mir wirklich inständig an die schwache Chance, dass sie ihn doch verurteilen würden. Was jedoch auch nichts geholfen hätte: Er hatte
Pentonville schon einmal bezwungen: Er konnte es jederzeit wieder tun.

Dann rief mich John an: Stinkwütend und in heller Aufregung, dass Moriarty
sich nun gleich an mir rächen werde.
Er begreift nicht einmal die einfachsten Grundregeln dieses Spiels.
Ich ignorierte ihn, vertauschte den Morgenmantel mit einem Sakko, holte das gute Service hervor, machte Tee und begann Geige zu spielen.

Er kam. So wie ich es erwartet hatte. Er setzte sich nicht in den Sessel, den ich ihm anbot – weil er mich dort haben wollte, denn eine Kamera hatte ihn im Visier.
Ich sagte ihm auf den Kopf zu, wie er die Geschworenen manipuliert hatte.

Gelassen fragte ich: "Gut, wie wollen Sie's machen? Mich verbrennen...?"

"Nun, das ist das Problem. Das letzte Problem. Haben Sie schon
rausgefunden, was es ist? Was ist das letzte Problem?

Ich habe es Ihnen schon gesagt. Haben Sie denn auch zugehört?"

Zumindest vermutete ich es, hatte Theorien, doch ich tat, als tappe ich
doch noch total im Dunkeln, was ich aber nicht zugeben mochte, und als
ärgere ich mich über seine kryptischen Anspielungen.

Er klopft mit den Fingern einen Rhythmus – oh, ich erkenne ihn... Er weiß doch, dass ich das kenne! ...soll ich glauben, das sei der Code? Es kann keinen Universalcode für alles geben! So etwas gibt es nur bei den Idioten, die für einfach alles dasselbe Passwort benutzen. Vielleicht könnte man ein Programm schreiben, das alles entschlüsseln kann, aber keinen Code, das würde Mycroft wissen, wenn es ein geheimes Universalpasswort gäbe, mit dem man alles, was im Vereinigten Königreich, der EU, der Welt elektronisch gesichert ist, umgehen kann!
Allenfalls könnte es die Webadresse samt Zugangscode zu einem genialen Dechiffrierungscomputer sein – aber das wäre wohl wirklich zu ironisch, oder?

"Wie schwer fällt es Ihnen zu sagen: Ich weiß es nicht?"

"Ich weiß es nicht?"

Er gab sich übertrieben amüsiert.

Ich erklärte ihm, dass mir durchaus klar sei, dass seine Aktion eine
Werbekampagne sei, woraufhin er selbstverliebt auseinandersetzte, welche Bedeutung all das hatte.

"Ich will das Problem lösen. Unser Problem. Das letzte Problem.
Es wird schon bald so weit sein. Der Fall.
Aber Sie müssen keine Angst haben. Fallen ist wie fliegen, mit dem Unterschied, dass man ein verbindliches Ziel hat", erklärte er dann, diabolisch lächelnd.

Und dann machte er ein lautmalerisches Fallgeräusch mit anschließendem Aufprall.

"Rätsel konnte ich noch nie leiden...", brummte ich.

"Gewöhnen Sie sich dran. Denn ich schulde Ihnen einen Fall, Sherlock: Ich schulde es Ihnen."

Auch nachdem er gegangen war, tat ich ratlos, besah mir den Apfel, als
könne ich mit seinen Hinweisen wirklich noch gar nichts anfangen. Doch ich weiß, was das sollte: NLP. Neurolinguistisches Programmieren. Er will, dass ich buchstäblich falle, dass ich in den Tod springe.

Dann traf John ein.

"Sherlock? Alles Okay? Ich hab' mich beeilt - aber irgendwie steckte die Tube zwischen zwei Stationen fest, also - "

Er sah die beiden Teetassen.

"Du hattest Besuch...? Moment... Mrs Hudson ist nicht da... Warst DU das?!"

Ja, John. Du hast mich erwischt: Ich kann Tee kochen!

Er starrte mich an. Dann begann er mechanisch den Kopf zu schütteln.

"Nein...! ...sag' jetzt nicht..."

"Ja. Wir haben uns ein wenig unterhalten. Ganz friedlich. Problem?"

Er war fassungslos. Dann machte er kehrt und stapfte nach oben.

"Eifersüchtig?" rief ich ihm nach.

Nur Türenschlagen antwortete mir.

Wenn es um Kinder geht, sind die Leute immer noch empfindlicher als sonst.
Spätestens seit dem falschen Vermeer war mir das klar: Zumindest hatte ich es seither nicht mehr aus dem Gedächtnis verloren. Und dass Moriarty
dahinter steckte, war nur zu klar: Spuren, Botschaften an mich, Märchen, keine Forderungen wie Geld oder die Freilassung irgendwelcher Extremisten –
sondern eine sinnfreie Schnitzeljagd.
Und doch: Die Art und Weise, die Plötzlichkeit, mit der dann das Verderben über mich hereinbrach – in Gestalt der kleinen, schreienden Claudette – , erwies sich doch als schockierend. Selbst für mich.

Lestrade sagte: "Ach, nehmen Sie's nicht so schwer: Ich möchte auch immer am Liebsten schreien, wenn Sie den Raum betreten. So geht's eigentlich den meisten Leuten..." Was sollte das werden? Spott? Schadenfreude? Aufmunterung? Alles zusammen? Merkte er nicht, dass es jetzt nicht mehr aufzuhalten war?

Moriarty als Märchenerzähler und Taxifahrer hatte mich eiskalt erwischt – doch in dem Moment, wo mich dieser Kerl aus der Fahrbahn riss, kam ich wieder zu mir und mein Misstrauen erwachte, doch dann begriff ich, dass er mich vor einem Unfall bewahrt hatte. Also bedankte ich mich, um ihn im
Halbdunkel der nächtlichen Straßenbeleuchtung noch genauer in Augenschein nehmen zu können – als plötzlich drei Schüsse durch seine Brust krachten.

Erschrocken prallte ich zurück.

Von hinten? Ohne mich zu erwischen! Ich konnte nichts entdecken.
Aus dem nächsten Taxi sprang John:

"Sherlock!" Er rannte auf mich zu – ohne auf seine eigene Sicherheit zu
achten...! Das machte mich jetzt wirklich nervös!

"Ich hab die Schüsse gehört! Bist du okay?" fragte er besorgt.

Ich nickte.

John rief eine Ambulanz und sah sich den Sterbenden an. Auch er konnte erkennen, dass da nichts mehr zu machen war. Sein Herz musste zerfetzt sein. Er war praktisch schon tot.

John stand auf – versuchte, sich zusammenzureimen, wo die Schüsse wohl hergekommen waren... dann fiel sein Blick erneut auf mich. "Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?"

"Sei doch still!" fauchte ich grob.

John erwiderte nichts, stattdessen checkte er unsere Umgebung nach weiteren möglichen Gefahren bis der Krankenwagen eintraf.

"Ich weiß, wer das ist...", sagte er dann.

"Was? Das ist doch nicht möglich?!" gab ich zurück. Aber ich wusste
natürlich, dass Mycroft ihn inzwischen mal einbestellt hatte.

"Doch..., das ist er.
Souleymani oder so, Mycroft hat mir seine Akte gezeigt..."

Und dann rückte er damit heraus, dass es noch mehr von seiner Sorte gab.
Nun war es meinerseits Zeit für den nächsten Akt: Zu entdecken, dass ich bespitzelt wurde.

Nein: Meine Verhaftung in meinen eigenen vier Wänden würde Moriarty nicht aufnehmen können! Es war irrational, aber diesen Gedanken ertrug ich nicht!

Ich fühle mich...fremd, gehetzt, in die Enge getrieben...
Das passt einfach nicht hierher!
Manchmal behaupten Leute, sie stünden neben sich... das hier fühlt sich wirklich verdammt danach an...!

Dann kommt natürlich DI Lestrade. Er will mich eigentlich nicht verhaften – aber Moriarty will, dass er das tut.

Also versuche ich, Greg quasi in die richtige Richtung zu schubsen und
mache ihm seinen aufkeimenden Zweifel zum Vorwurf. "Eine Idee lässt sich nicht töten...wenn sie sich erst mal hier eingenistet hat."

Ich bin ziemlich sicher, einer sogenannten Respektsperson auf die Stirn zu tippen, lässt sich als 'gar nicht gut' einstufen. Die Entrüstung, die in Gregs Augen aufblitzte, gab mir recht.

Ich behaupte, dass ich Moriartys Spiel, mich Stück für Stück zu vernichten, nicht mitspielen wolle. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, denn ich spiele es mit – ich habe längst keine Wahl mehr, wenn ich noch gewinnen will...

Ich eröffne John, dass sie mit einem Haftbefehl zurückkommen werden. Mir ist klar, dass ihn das erschreckt: Er flippt ja schon aus, wenn er bloß
einen ASBO bekommt. Ständig überlegt er, was die Leute von uns denken!

"Sherlock, ich will nicht, dass alle glauben, du wärst ein – " Er bremst
sich.

Noch immer vertraut er mir, aber ich werde den Spieß umdrehen – ähnlich wie bei Lestrade: Ihm vorwerfen, dass er zweifelt.

"Ein was?" frage ich lauernd.

John spricht es aus: "Ein Schwindler."

"Du fürchtest, dass die recht haben."

"Was?" japst John gekränkt.

"Dass die rechthaben, was mich angeht."

"Nein!" versichert er.

"Deshalb bist du so aufgebracht, du willst es nicht wahrhaben, dass sie
rechthaben könnten. Du hast Angst, dass du auch getäuscht wurdest."

"Hab ich nicht!"

"Moriarty manipuliert auch deine Gedanken, siehst du denn nicht, was hier vorgeht?" brülle ich ihn an.

"Ich weiß, dass du kein Schwindler bist!"

"100%ig?"

"Niemand wäre in der Lage, dauernd so eine Nervensäge vorzutäuschen",
argumentiert er trocken.

Beinahe muss ich lächeln. Es tut gut, das zu hören. Aber das darf es nicht.

Ähnlich geht es mir mit Lestrade: Er ruft John an, sagt ihm, dass er mich
verhaften muss, will mir die Chance geben zu fliehen, alles aufzuklären.
Wenn man ihn erwischt, kann es ihn den Job kosten.

Nun rückt Mrs H. damit heraus, dass sie ein Päckchen für mich angenommen hat, von jemandem namens Grimm...
Wieder das Siegel mit der Elster...
Ein halbverkohlter Lebkuchenmann. Moriarty lässt mich wissen, dass er mich verbrannt hat.

Wir werden sehen! Schon von Phönix gehört...?

Erneut trifft Polizei ein. John geht ihnen entgegen, um nach dem Haftbefehl zu fragen, doch ich lege bereits meinen Schal um.
Als Lestrade seine Handschellen benutzt, argumentiert John entrüstet, als sei er mein Anwalt. Er sehe doch, dass ich keinen Widerstand leiste! Das sei lächerlich!

Dass ich mich füge und ihn zu beruhigen versuche, regt ihn nur noch mehr auf.

Schon gut, John. So ist das nun mal. Wer sich als Messias hervortut, wird auch verraten und verhaftet...

Es hat sechs Wochen bis zu Moriartys Prozess gedauert. Wie lange plant er, sich an meiner Schmach zu weiden? Werde ich andere Optionen haben, als den
letzten Ausweg?
Liberty in death?
Was, wenn er mich zu Verbrechen zwingen will, die wir nicht faken können?
Ich werde mitspielen – so lange, bis ich mir sicher bin, was er noch
vorhat: Mir das Herz herausbrennen? Meine Freunde bedrohen – so wie er es
mit den Geschworenen getan hat? Was könnte er sonst meinen?
Oder will er sich geschlagen geben, wenn ich ihm sage, dass ich weiß, dass ich glauben sollte, seine Klopfzeichen seien der Code, wenn ich ihn fehlerfrei wiedergeben kann, ihm aber gleich sage, dass es natürlich kein Code ist!? Weil es keinen solchen Code gibt! Aber ist das nicht zu einfach?
Schließlich sagte er ja: Das LETZTE Problem...
Nein: Dieser Kelch wird also nicht an mir vorübergehen...
Er MUSS denken, dass er mich besiegt hat. Anders wird es nicht gehen.
Ich werde...dieses EINE Mal... nicht angeben dürfen!

Am Streifenwagen werde ich noch gründlich durchsucht – nun sehe ich eine simple, aber effektive Möglichkeit, zu fliehen: Ich kann das Funkgerät voll aufdrehen, so dass es eine scheußliche, laute Rückkopplung geben wird – und
mir diese Dienstwaffe, die da so einladend herumliegt, schnappen. Nicht mal unsere Bullen sind so dämlich: Das ist jemand von Moriartys Leuten gewesen!
Moriarty will also, dass ich fliehe! Und wenn ich diese Gelegenheit nicht ergreife, mache ich mich verdächtig.
Eine Hilfe von Lestrade kann es nicht sein: Ihm steht ja selbst schon das Wasser bis zum Hals – und einen anderen würde er nicht reinreiten. Nicht er – schon gar nicht, wenn es so aussichtslos ist.

Nun bringen sie auch noch John heraus! Und der Chiefsuperintendent hat
Nasenbluten.

Ja. Das ist mein John.

Na, gut. Dann muss es eben so gehen... Anders werde ich ihn wohl nicht los...

„Begleitest du mich?"

Er ahnt noch nicht, worauf er sich einlässt, sträubt sich anfangs, doch da ich ihn schließlich überzeugen kann, dass Moriarty unsere Flucht will, macht er alles mit.

„Eine Lüge, die bequemer ist als die Wahrheit..." Ich erkläre es ihm.

Er kommt mir natürlich mit Mycroft, aber ich wiegle ab, als wir einen
Verfolger bemerken: Doch es ist nicht die Polizei, es ist einer der
Killernachbarn!
Gerade rauscht ein Doppeldeckerbus heran. Ironischerweise fährt er zur
Baker Street Station.

„Wir springen jetzt vor diesen Bus!" Ich renne los, John ist überrumpelt,
versucht aber nicht, uns aufzuhalten. Doch als ich anhalte, überholt er mich noch – er könnte mich noch wegreißen – doch ihm ist wohl eingefallen, was diesem Albaner passiert ist...! Dessen Kollege spurt, zerrt uns von der
Straße, wir stürzen alle drei – ich schnappe mir seine Pistole, die
Dienstwaffe haben wir schon kurz nach Beginn der Flucht verloren.

„Sagen Sie mir, was Sie von mir wollen!"
„Er hat's in Ihrer Wohnung gelassen"
"Wer?"
"Moriarty."
"Was?"
"Den Computerschlüssel!"

Kurz darauf strecken auch diesen Killer Schüsse nieder. Wir fliehen
erneut...ich höre eine Sirene...
Doch ich weiß genau, wo ich bin: Kitty Riley wohnt ganz in der Nähe. Sie ist zwar nicht clever – aber erfolgshungrig. Ich habe sie gegen mich aufgebracht, aber vielleicht hat sie ein Interview mit Moriarty bekommen.
Sie hat in Johns Nähe auf der Empore gesessen, aber ihn nicht zu mir befragt, also...!
Jedenfalls hat sie einen Enthüllungsartikel über mich angekündigt.

...und dass es hier an dieser Ecke einen Zeitungsautomaten gibt, ist
natürlich auch kein Zufall!
Ich erkläre John die Sache mit dem Code und dass 'holt euch SH' eine
Botschaft an Moriartys Kunden ist, sage, dass wir zurück in die Wohnung müssen, um den Code zu suchen.
John entdeckt die frischgedruckte Samstagszeitung aber sogar selbst!

Kitty – und jemand namens Rich Brook?!

Sehr praktisch! Das verkürzt die Sache!

Also dringe ich in die Wohnung ein und wir warten im Dunkeln auf dem Sofa.

„Ehm..., erklärst du mir, was wir hier machen?" fragt John, als er sich
wieder etwas besser im Griff hat.
„...sie hat mal ein Interview gewollt. ...und ich bin sicher, sie hat eine
Haarnadel..."
„Toller Plan! Ich wette, du hast sie dir für alle Ewigkeiten zum Feind
gemacht!"
„Ach, was! Diese Sorte verkauft ihre Großmutter für eine gute Story",
behauptete ich...

Natürlich rechnete ich mir keine Chance mehr aus, sie noch auf meiner Seite zu haben, aber das hätte ohnehin nichts geholfen, doch als Vorwand, sie zu treffen, war das allemal gut genug! Er würde hier aufkreuzen...!

Dann hörten wir sie...sie bemerkte die angelehnte Tür...

Ja, es lief, wie zu erwarten. Nun war sie herablassend. Nur, dass sie
eigentlich keinen Grund dazu hatte.
An der Wand prangte groß ein Schriftzug: Make believe – kein Motto für eine Journalistin. Wohl aber für den Märchenonkel! Es IST Moriartys Wohnung!
Welche Ironie! Er hat sich wirklich ein Haustier zugelegt, wie er am Pool gesagt hat. Ein Kätzchen.

Natürlich tat ich, als wolle ich herausfinden, wer er ist und wie er ihr Vertrauen gewonnen hatte, denn das wäre es, was ich tun würde, wüsste ich nicht, mit wem ich es zu tun habe.
Und dann hörten wir auch schon den Schlüssel im Schloss.

Oh, 'Richard' war wirklich brillant. Ich hätte es ihm abgekauft – doch er mir mein Entsetzen ebenso – und, ja: Irgendwie war ich auch entsetzt: Ich hatte sein schauspielerisches Talent unterschätzt und das verunsicherte
mich.
Doch dann begriff ich: IHM würde vielleicht gelingen, was ich
vergeblich...und – tja – vielleicht bisweilen, wie man so sagt,
'halbherzig' bisher vergeblich versucht hatte: JOHN von mir loszueisen!

Ich bin im Zwiespalt..., aber es muss sein...

Doch mein John erweist sich als harter Brocken.

„Ja, zeigen Sie mir was!" spottet er, als Rich behauptete, er könne es
beweisen.

In einem unbeobachteten Moment lächle ich Jim anerkennend zu.

Nein: Hier kann ich es nicht 'zugeben': Erstens: wäre es zu früh,
zweitens..., ich könnte John nicht überzeugen..., wir müssen hier weg...

Selbst jetzt...obwohl ich scheinbar aufgebe, keine Argumente mehr habe:
„Hörn Sie damit AUF!" brülle ich, als ob ich mich völlig hilflos fühlte –
obwohl ich John praktisch ignoriere – er bleibt loyal...setzt meinem
Todfeind nach, als er flüchtet...vergeblich – aber was würde es auch helfen...?

Wieder auf der Straße, fragt mich John nur danach, ob Moriarty das kann, ob er damit durchkommen kann: Er hat noch immer keine Zweifel.

"So verkauft man eine handfeste Lüge: man umhüllt sie mit der Wahrheit, damit sie genießbar wird", erkläre ich ihm.
"Er hat in den letzten 24 h Zweifel in die Köpfe der Leute gesät, um sein Spiel zu beenden, muss er jetzt nur noch eins tun – und das – !"

Plötzlich verstehe ich es. Ich muss mich beeilen! Er will nicht, dass ich
langsam zugrunde gehe, er will meinen Niedergang gar nicht auskosten – dazu hat er überhaupt keine Geduld! Er hat es mir ja praktisch verraten: Geld,
Macht, Beliebtheit bei Terrororganisationen und Schurkenstaaten – all das
gibt ihm nichts mehr: Er will nur noch das letzte Problem lösen. Ein
Getriebener, ein Besessener. Er hat es eilig!

"Sherlock?"
"Ich muss etwas erledigen."
"Was? Kann ich helfen?"
"Das mach ich allein", sage ich, ohne mich nochmal umzudrehen.
Dazu...bin ich gerade ...nicht cool genug.

Er wird die Gelegenheit nutzen und zu Mycroft gehen.

Molly erschrickt, als ich sie plötzlich in dem verlassenen Labor
anspreche...

"Wissen Sie, Sie irren sich, Sie zählen sehr wohl. Sie haben immer gezählt und ich habe Ihnen stets vertraut. Aber Sie hatten recht: Es geht mir nicht gut."

Es fällt mir nicht leicht – aber sie ist absolut loyal und entschlossen.
Seltsam: Sie hat mich noch nie an John erinnert – aber jetzt schon,
irgendwie...

"Sagen Sie mir, was los ist."
"Molly: Ich glaube, ich werde sterben."
"Was brauchen Sie, sagen Sie's."
"Wenn ich nicht ganz der wäre, für den Sie mich halten und nicht ganz der wäre, für den ich mich halte, würden Sie mir trotzdem noch helfen wollen?"
"Was brauchen Sie?"
"SIE!"

Ja, Molly, du bist immer wichtig gewesen. Jedenfalls gemessen daran, dass es fast keine Menschen gibt, die mir etwas bedeuten. Aber du hast von Anfang an zu ihnen gehört. Nicht so, wie du es immer wolltest, natürlich.
Aber das tut ja niemand. Kein Mensch.

Als erstes nehme ich ihr das Versprechen ab, dass sie schweigen wird. Viele Leben können davon abhängen, auch meines und ihr eigenes.
Dann erkläre ich ihr alles, was sie wissen muss.
Sie ist schockiert, als ich ihr sage, dass ich John nicht einweihen kann.

"Das wird ihm das Herz brechen!" behauptet sie weinerlich.

"Das ist physiologisch nicht möglich", brumme ich. "Außerdem geht es nicht anders. Er könnte unmöglich wochenlang vortäuschen, dass er mich für tot hält."

"Wochenlang?!" echot sie entsetzt.

"Oder Monate... Molly, wie auch immer: Die Zeit drängt!"

Doch sie hat mich ins Grübeln gebracht. Kann ich ihm doch einen Hinweis geben? Natürlich ist Mollys 'romantische' Idee Unsinn, aber...

Ich spiele nervös mit dem Squashball herum...ob John draufkommt, was sich damit anstellen lässt? Eigentlich müsste er das...

Wenn ich ihm Hinweise gebe, die er erst zeitverzögert versteht? Der Unfall und der Schock werden seinen Verstand ohnehin zunächst blockieren, also wird er nicht aus der Rolle fallen, während er hier vor dem Haus beobachtet wird. Und wenn er erst begriffen hat, wie wichtig es ist, diese Lüge aufrecht zu erhalten, wird er es dann nicht doch auf die Reihe bekommen?

Als John eintritt, lasse ich den Squashball noch ein letztes Mal springen, behaupte, dass der fragliche Code Moriarty auch zu der falschen Identität verholfen habe. John schluckt den Köder. Er hofft wirklich, dass ich Moriarty so quasi zurückbringen und dadurch alles aufklären kann.

Ach, John, ich wünschte, es wäre so einfach...

Es sind unsere letzten gemeinsamen Stunden. Auf unbestimmte Zeit.
Vielleicht für immer, wenn es schief läuft... Aber das ahnt er natürlich
nicht. Das darf er auch nicht. Also bin ich wie immer.

'Sie könnten vielleicht mal 'danke' sagen, einfach so', hat Molly neulich
gemeint. Nun, das wäre der richtige Zeitpunkt. Und doch auch wieder nicht.
Es würde ...seinen Argwohn wecken...

Mein Plan, wie ich ihn kurz abschütteln kann – so dass er anschließend gleich zurückkommt, ist vorbereitet. Und alles andere auch.

Irgendwann übermannt ihn doch noch die Müdigkeit...

Tja, gute Neuigkeiten, John: In nächster Zeit werde ich dir weder mit Verbrecherjagden noch mit Geigenspiel den Schlaf rauben...

"...Du Maschine! ...zum Henker! Dann lass es eben und bleib allein!"
"Auf allein kann ich mich verlassen: Es beschützt mich", gebe ich kalt
zurück.
"Nein: Auf Freunde kann man sich verlassen...", insistiert John überzeugt.

Ja. Ich weiß, ich weiß... Und ich danke dir, mein Freund. Leb wohl...

Zeit für das letzte Problem:

Stayin' alive. Das ist das letzte Problem: Am Leben bleiben...aber für mich gilt es auch, das Leben anderer erhalten...

"Ich hab mein Leben lang immer nur eins gesucht: Ablenkung – Sie warn die beste Ablenkung, und jetzt hab ich nicht mal mehr Sie, weil ich Sie besiegt habe!...", beschwert er sich.

...dann behauptet er, es sei leicht gewesen!

"...jetzt muss ich wieder anfangen, mit gewöhnlichen Menschen zu
spielen..." – er bemerkte seinen Fehler – bekam schnell die Kurve, indem er hinzufügte: Und wie sich rausstellt, sind Sie auch nur ein gewöhnlicher Mensch!"

Doch, ja, den Wortwitz Rich Brook habe ich verstanden...und ich trommle lautlos hinter meinem Rücken mit den Fingern, als er es sehen kann.

„Binärzahlen als Schläge...", beginne ich zu erklären.

Er geht mir auf den Leim.

„Es gibt keinen Schlüssel, Dummkopf!"

Nun ist er überzeugt, mich auf ganzer Linie besiegt zu haben...also stelle ich mich überrumpelt, als er die Wahl des Treffpunkts lobt. Nun, hätte er gefragt, hätte ich behauptet: Wir haben uns doch in diesem Gebäude kennen
gelernt – aber drinnen wären wir nicht ungestört gewesen...
Natürlich weiß ich, dass er mir suggeriert hat, dass ich in den Tod
springen soll. Er redete vom Fallen. Und nun stehen wir hier wie Christus und Satan auf dem Dach des Tempels.

Doch ich gebe mich noch nicht geschlagen...doch auf eine hilflose,
verzweifelte Tour.

Und nun rückt er mit der ultimativen Drohung heraus:

"Ihre Freunde werden sterben, wenn Sie es nicht tun!"
"John!"
"Nicht nur John – ich meine alle."
Ah, das ist Cold Reading. Ich werde dir nur die drei nennen, derer du
ohnehin sicher bist!
"Mrs Hudson."
"Und wer noch?"

So wie er es betont, scheint er wirklich nur noch mit einem zu rechnen.
Ausgezeichnet!

"Lestrade!" Ich senke gegen Ende des Namens meine Stimme, als seien das wirklich alle. Und er bestätigt es mir! Doch ich gebe den Betroffenen.

Nochmal redet er von den einzigen drei Freunden, die ich habe!

Aber dann fordert er mich auf zu springen. Nein, denke ich: Erst du!
Ich habe mir schon überlegt, wie ich es rauszögern kann...

Ich spiele meine Rolle...ja, ich hatte recht: Nicht nur ich stecke in einem
Dilemma. Er auch...! Wenn er mich besiegt hat, war das das Nonplusultra,
dann kann's nur noch bergab gehen. Ich habe es schon im großen Spiel erkannt: Er fürchtet die Langeweile mindestens ebenso sehr wie ich! Und angeblich soll man ja gehen, wenn es am Schönsten ist.

Ich habe es zuerst nicht verstanden, wieso er mich nicht Wochen und Monate leiden lässt, denn er ist doch ein Sadist! Aber das wäre verglichen mit dem Weg dorthin dann doch langweilig. Moriarty ist zu ungeduldig, seinen eigenen Triumph auszukosten, weil kein weiteres Genie in Sicht ist, mit dem
er nach mir spielen könnte. Er kann nicht auf eine neue Herausforderung
warten...! Er hält es nicht aus!

Er treibt mich in den Selbstmord. Aber da wir beide eins sind – so wie er es sich gewünscht hat, kann und will er nicht ohne mich weiter existieren.
Das ist irre – aber das ist ja nichts Neues bei ihm!
Ich und Mycroft geben ein verdammt gutes Profilerteam ab...naja, mit etwas Hilfe von einigen seiner Spezialisten...

Ja..., ich bin schon erschrocken, als er es dann wirklich tut – und wie er
es tut...
So, wie Henry es beinahe getan hätte...!
Was, wenn er von mir – trotz dieses Ortes – verlangt hätte, dass ich mich in den Kopf schieße...?
Ich muss mir nicht groß Mühe geben, verdattert zurück zu taumeln, scheinbar zu verzweifeln...
Niemand darf Verdacht schöpfen, dass genau das beabsichtigt war.

Und dann kommt John...

Der letzte Akt..., vielleicht der Schwierigste. Ich versuche, ihm
einzureden, dass ich ein Hochstapler sei, aber er glaubt noch immer an mich.

Ich höre seine bebende Stimme und mir ist, als würde ich spüren, wie es ihn fast in den Wahnsinn treibt, weil er nicht begreifen kann, warum ich so rede...

Er ist so klein von hier oben...mir kommt die absurde Idee, dass ich ihn einfach in die Tasche stecken und mitnehmen könnte...
Das wäre nett...

Hey! Du kannst jetzt nicht überschnappen! weise ich mich zurecht.

Ich rufe ihn an.

"Hey, Sherlock, alles in Ordnung?"

Ich werde es vermissen, dich das sagen zu hören..., denke ich und beginne meinen Monolog.

"...Ich bin ein Schwindler", benutze ich schließlich sein eigenes Wort.

"Sherlock?!"

"Was in der Zeitung stand, ist die Wahrheit...Ich möchte, dass du es
Lestrade sagst, ich möchte, dass du es Mrs Hudson sagst – und Molly – sag es einfach allen, die's hören wollen..., dass ich Moriarty erschaffen habe für meine eigenen Zwecke."

"Halt den Mund, Sherlock! Halt den Mund!..."

Natürlich fängt er von unserem ersten Zusammentreffen an –

"Als ob jemand so clever sein könnte!" spotte ich – doch...ja, es ...es zerreißt mich fast...

"Du schon!" kontert er voller Zuversicht.

Johns Treue – und wie ich sie mit Füßen treten muss... Mir wird klar, dass ich ihn vielleicht sehr lange nicht an meiner Seite haben werde. Das macht mir fast Angst. Er hat auf mich aufgepasst, dass ich esse und schlafe, mich nicht mit unserer Wohnung in die Luft jage... Er hat Hope für mich erschossen... Und ich hab ihn so einige Male in Gefahr gebracht...
Am Pool habe ich gelernt, Moriarty nicht mehr bloß brillant und interessant zu finden – er hatte in dem Moment verspielt, als ich merkte, wie fertig John war...

Ich muss es nicht spielen...wie damals vor Mrs Monkfort. Die Tränen sind echt.
Aber ich behaupte, ich hätte über John recherchiert.
Wird er Mike fragen, ob das sein kann?

„Das ist ein Trick, nur ein Zaubertrick!" erkläre ich.
"Nein! - Hör auf mit dem Unsinn!"

Ich weiß, es ist gewagt, ihm das zu sagen. Doch ich kenne ihn. Es wird eine Weile dauern, bis er auf die Idee kommt, dass dieser Ausdruck nicht auf meine Recherche – die es ja nie gegeben hat – anzuwenden ist...

Auch der bevorstehende Stunt macht mir Angst. Turmspringen ist eine Sache...wenn das schiefgeht...die Gefahr zu sterben treibt mich weniger um, als eine Querschnittslähmung oder gar ein Hirnschaden, den ich überleben
könnte...

Es hat keinen Zweck mehr. Mehr kann ich John nicht sagen – alle sind für den Stunt in Position – John ist fassungslos und verzweifelt – ich darf es nicht herauszögern – ich muss es tun, solange er wirklich noch dort steht... Es war eben schon schwer, ihn zurückzuhalten...

Er hat gesehen, dass ich das Handy weggeworfen habe – schreit meinen Namen nochmal laut – das ist das Signal...

Seit meinem Tod sind nun schon vier Wochen vergangen. Leider zeichnet sich ab, dass die Zerschlagung von Moriartys Netz, doch viel länger dauern wird,
als gehofft. Moriarty der Große hinterlässt quasi Diadochenreiche, wie einst Alexander. Die Befehlshierarchie in diesen zum Teil beachtlichen Scherben funktioniert leider noch sehr gut.

Und John? Ist er wirklich immer noch nicht dahinter gekommen...?

Obwohl ich weiß, dass ich kein Risiko eingehen darf, will ich ihn noch einmal sehen, ehe ich fortgehe.

Vielleicht...

Mrs Hudson hat ein Friedhofsgesteck gekauft. Er wird sie sicher begleiten.
Ich mache mich auf den Weg zu meinem eigenen Grab.

Als Mrs Hudson sich entfernt – schluchzend und die ersten Schritte
taumelnd, als wäre sie betrunken, schleiche ich vorsichtig etwas näher.
Doch ich kann diesen Kerl bei dem Pavillon ausmachen, der die beiden
beobachtet.
Ich kann es nicht wagen, meine Deckung zu verlassen.
Da hätte ich mich wohl doch verkleiden sollen...als Gärtner. Das wäre klassisch gewesen...

Leider kann ich deshalb nicht hören, was er sagt. Auch fürs Lippenlesen
ist er zu weit weg und es wäre so von der Seite auch praktisch unmöglich.

Er wendet sich zum Gehen – doch dann sieht er sich nur um, überprüft, ob er von anderen Friedhofsbesuchern beobachtet wird...kommt zum Grabstein –
steht direkt über dem leeren Sarg auf der Erde, die noch nicht wieder
begrünt ist...und berührt den Stein. Scheu, zögernd...und sehr unsicher.
Er hat es immer vermieden, mich zu berühren. Einmal wäre seine Hand fast auf meiner Schulter gelandet..., ein weiteres Mal hat er noch kurz meine Hüfte berührt, nachdem er mich zurück ins Bett gewuchtet hatte...ein Versehen... – oder vielleicht eine Art Kontrollgriff, ob meine Lage stabil genug ist...? Nun – so angeschlagen bin ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr gewesen...

Er weint...!

Wirklich...!?

John...! Es kommt alles wieder in Ordnung...!

Oder... habe ich ihn unterschätzt? Zieht er das für Mrs Hudson ab oder weil er damit rechnet, dass er von Feinden belauert wird?
Und das wird er...

Dann nickt er militärisch knapp, macht zackig kehrt und marschiert davon.

Ich hab ihn immer lesen können, immer gewusst, was in ihm vorgeht, wie er tickt...

Aber...das...?

Naja..., ich bin vielleicht wirklich einfach zu weit weg...

Ich vermisse dich. Ich werde mich beeilen.
Versprochen, mein Freund.

Ende