Kapitel 2 – Die Leiche

„Dann lass uns gehen. Kacy nimmt den Koffer und die Kleidung." Booth zog eine Augenbraue hoch und folgte der Anthropologin mit seinem Blick, wie sie sich vom Labortisch löste und an ihm vorbei in Richtung Ausgang ging. Erst dann wanderte sein Blick zu der neuen Assistentin, die ohne jeglichen Kommentar den Koffer mit der „Feldausrüstung", wie sie ihn nach zwei Tagen betitelt hatte, nahm und nun ihrer Chefin folgte. Als letztes erreichte der FBI-Agent selber sein Auto, mit welchem er die beiden Frauen zum Tatort fahren würde. Es hätte ihn auch gewundert, wenn nicht irgendjemand wieder über eine Leiche stolpern würde und das passierte nun schon selbst in den absurdesten Situationen, wenn er zurück an den Fall mit dem Mann im Schlammbad dachte. Die Fahrt dort hin dauerte nicht lange und war geprägt vom Schweigen. Auf der einen Seite schien Bones noch immer ziemlich empört über die sehr plötzliche Anstellung der jungen Frau auf der Rückbank und auf der anderen Seite fehlte ihm die Diskussion von Bones und Zack oder eine Frage des Laborkönigs, die wieder einmal seine lebensfremde Art bewiesen hätte. Booth schüttelte leicht den Kopf und musste schmunzelnd daran zurückdenken als er mit Fragen über Sexualität gelöchert worden war. Damals war er ziemlich angenervt davon gewesen, jetzt vermisste er das. Seit einer Woche war Kassandra – oder Kacy, denn auf ihren vollen Namen schien sie meist nicht zu reagieren – nun schon im Jeffersonian und einem Außenstehenden würde es nicht schwer fallen, ein wenig Mitleid mit ihr zu haben. Jack beobachtete jeden ihrer Schritte vor allem in seinen Laborräumen scheinbar sehr genau und es ließ vermuten, dass es niemals eine „Queen of the lab" geben würde. Nicht einmal eine Prinzessin oder etwas Ähnliches. Und Bones selber schien zwar bemerkt zu haben, dass die Rothaarige ihre Aufgaben bisher alle sehr gut erfüllt hatte, doch wahrscheinlich würde sie sämtliche Schädel von jetzt an wieder in Nachtschichten selber zusammensetzen als diese Aufgabe jemand anderem anzuvertrauen. Wenn es so weitergehen würde, würde er es Kacy nicht verübeln, sollte sie bereits in der nächsten Woche ihre Koffer packen und sich eine andere Stelle suchen. Allerdings würde dann wahrscheinlich eine Reihe von Kurzzeitassistenten folgen, was nur Unruhe bringen würde. In einer wenig befahrenen Seitenstraße hielt er schließlich an und stellte den Motor aus. „Wir sind da, meine Damen.", meinte er und konnte einen fragenden Blick von hinten und von der Seite spüren. Bones hatte ihn gar nicht erst danach gefragt, um was es sich handelte, weswegen sie nun auch nicht wusste, wo sie suchen sollte. Die Seitenstraße war gepflegt und friedlich, ein sanfter Wind ließ die Blätter der Bäume leise rascheln. Booth stieg aus und deutete auf die Absperrung ein paar Meter weiter. „Das ist ein offener Einstieg in die Kanalisation.", bemerkte Bones und trat darauf zu. Erst schienen ihr die Polizisten aufzufallen, welche jeweils am Ende der Straße standen und den Zutritt verhinderten. „Wo Menschen Einlass finden, kann auch eine Leiche liegen.", ertönte es halb aus dem Kofferraum, aus welchem Kacy den Koffer zog und ihn nun zur Absperrung trug. Über den anderen Arm trug sie drei Gummihosen, welche in Gummistiefeln endeten. Meist wurden sie von Anglern verwendet, doch in diesem Fall würden sie gute Dienste bei den Ermittlungen leisten. Ja es gab wahrscheinlich keinen Ort, an dem wohl noch keine Leiche entdeckt worden war. Insofern hatte die Neue Recht mit ihrer Aussage. „Dann gehen wir runter und sehen nach.", antwortete die Anthropologin, nachdem sie eine der Gummihosen angezogen hatte und schlüpfte unter den Absperrbändern hindurch, machte sich daran, die Metallleiter hinabzusteigen. Die Ruhe der Oberfläche täuschte. Die Kanalgänge wurden von hellen Scheinwerfern erleuchtet, es roch nach Fäkalien und Dreckwasser. Mehrere, zum Teil recht junge Polizeibeamte wateten in ähnlichen Gummihosen durch das kniehohe Abwasser von Washingtons Straßen. Anscheinend war eine ihrer Hauptaufgaben die Ratten vom Tatort fernzuhalten. Während Temperance die Szenerie auf sich wirken ließ, kletterte Booth gefolgt von Kacy die Metallleiter ebenfalls nach unten. Leicht besorgt sah er nach oben und betete dafür, dass die junge Frau den Koffer nicht fallen ließ, er wollte ungern von einem Koffer KO gehauen werden. „Wir müssen da entlang.", sagte der Special Agent schließlich und lotste die Knochenspezialistin etwa 100 Meter den Gang entlang, bis am rechten Rand eine hohe Kante auftauchte, fast ein wenig wie ein kleiner Bürgersteig, und eine Türöffnung. Die Tür war geöffnet, das verschmutzte und an einigen Stellen bereits verrostete Metall eben dieser schien schon etwas länger vorher nicht mehr berührt worden zu sein. „Was ist das?", fragte Bones, der beim Anblick der Tür sofort die Schauergeschichten von Krokodilen und verunstalteten, menschenähnlichen Monstern in Kanalisationen einfielen. „Ein Pausenraum. Während des Baus war es mühsam, für ein kleines Päuschen den weiten Weg bis zur letzten Öffnung zurückzugehen, also wurden in regelmäßigen Abständen solche Räume gebaut. Heute haben sie allerdings keinen Nutzen mehr.", erklärte Booth und trat auf die Kante, deutete in den Raum. Bones tat es ihm gleich, Kacy ebenso. „Versteck deine Leiche da, wo niemand sie vermutet." Ihre Äußerungen klangen für den Special Agent ein klein wenig wie eine Anleitung zum perfekten Mord. Vielleicht ihre Art von schrägem Humor, den er in den letzten Jahren bei Wissenschaftlern entdeckt hatte. Der Anblick, der sich den dreien bot, war vielleicht nicht der schlimmste und doch löste er in Bones das Gefühl aus, dass sie lange an diesem Fall sitzen würden. Der Raum war nicht sehr groß. Ungefähr 3x2 Meter von der Grundfläche her. Der Beton der Wände war feucht und schmierig, zum Teil hatten sich grünliche Flächen gebildet und auf dem Boden lag verstreut zerflattertes Zeitungspapier von vor 50 Jahren. Es sah genau so aus, wie man sich ein finsteres Kellerloch in der Kanalisation vorstellte. Die alte Lampe funktionierte noch, flackerte jedoch leicht und verstärkte die modrige Atmosphäre noch. In der linken hinteren Ecke lag das, was Bones eine halbe Stunde später als „Hauptleiche" bezeichnen würde. Die Überreste einer Person, die schon definitiv etwas länger hier lag. Nur das silberne Kreuz um den verwesten Hals war noch gänzlich intakt und blitzte der Anthropologin entgegen, als sie ihre Taschenlampe darauf hielt. Doch das war noch nicht alles. Auf der kleinen Bodenfläche lagen mehrere Skelette verstreut, die wesentlich stärker verwest waren und selbst für Booth sehr deutlich als Nicht-menschliche Überreste zu identifizieren waren. „Kacy, mach Fotos und dann sammle die Überreste separat ein.", wies Bones die Rothaarige an, während sie selber einen Schritt auf die Hauptleiche zuging, sich hinhockte und sie näher betrachtete. Eigentlich erwartete der FBI-Agent angesichts ihrer Tonlage einen Kommentar, eine kleine Verteidigung, etwas Trotziges, Irgendetwas von der Neuen, doch diese nickte nur leicht, öffnete den Koffer und begann, die gewünschten Fotos zu schießen. „Verschreckte Laborjungfrau.", murmelte er leise. Eigentlich so leise, dass er sich sicher gewesen war, dass niemand es hörte. Doch er irrte sich. „Ich bin nicht verschreckt. Ich tue lediglich das, was mir aufgetragen wurde. Das ist mein Job." Booth sah die junge Frau an, die nicht von ihrer Arbeit aufgesehen hatte. Sie hatte ihn anscheinend tatsächlich gehört und verstanden. „Abgesehen davon ist mein Sternzeichen Steinbock und nicht Jungfrau." Er sah ihr einen Moment lang leicht irritiert auf den Rücken. Immerhin schien sie zu wissen, was Sternzeichen waren, bei Bones war er sich da nicht so sicher, immerhin schrieb man den jeweiligen Sternzeichen Eigenschaften für ihre Träger zu und das war etwas, was in ihrem rationalen Denken keinen Platz hatte. „Das Opfer hat keine größere Gewalteinwirkung erlebt. Die Knochen scheinen nahezu intakt zu sein." Die Anthropologin hockte noch immer bei der Leiche, stand jedoch nun auf und warf kurze Blicke auf die anderen Skelette. Sie war sich noch nicht genau sicher, um was genau es sich handelte, doch sie würde es rasch genug im Institut herausfinden. Inzwischen hatte Kacy das Fotografieren beendet und die Kamera wieder verstaut. Während ihre Chefin den engen Tatort verließ und der Special Agent ihr folgte, bat sie einen der jungen Polizisten ihr zu helfen, die Leichen für den Transport vorzubereiten, immerhin sollte nichts kaputt gehen. „Wir warten oben.", meinte Bones und watete durch das Abwasser zurück zur Leiter nach oben. Booth fand, dass sie entschlossen zu kühl fand, doch er war sich nicht wirklich sicher, ob er das Kacys Anwesenheit oder Zacks Abwesenheit zuschreiben sollte.