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Des Alltags Tücken
Ich bin heilfroh, dass es bereits stockdunkel ist, als wir vor meiner Wohnung ankommen. Die Straßenlaterne vor dem Haus hat schon vor geraumer Zeit den Geist aufgegeben, was mir jetzt nur nützlich ist. So sehen die Nachbarn wenigstens nicht, wie ich versuche den beumhangten Fremden in meine Wohnung zu schmuggeln.
Mein Appartement befindet sich im ersten Stock einer kleinen Reihenhaussiedlung mit Vorgarten, kleinen Hinterhöfen und weißen Fensterläden. Valdez ist ein kleines Örtchen mitten im Nirgendwo. Außer ein paar Pensionen, einem Konsum und dem kleinen Flugplatz – der eigentlich nur aus einer einzelnen Landebahn besteht – gibt es hier nicht viel. Ich wohne schon mein ganzes Leben hier und habe mich an die sieben Komma drei Einwohner pro Quadratkilometer wunderbar gewöhnt. In einer Großstadt zu leben würde mich wahnsinnig machen.
So leise wie möglich scheuche ich Harry die Holztreppe in den ersten Stock hinauf. Ich bin mir sicher, dass Nick uns schon längst gehört hat, als wir uns an seiner Wohnungstür im Erdgeschoss vorbei gedrückt haben. In spätestens einer halben Stunde würde er Sturmklopfen und wissen wollen, was hier los ist.
Ich muss grinsen, als als ich daran denke, wie wir durch die Straßen geschlichen sind, um vom Landeplatz der Taube zu meiner Wohnung zu kommen. Wie Geheimagenten auf Weltrettenmission. Das Grinsen wird breiter, als ich in meinen Gedanken an dem Punkt ankomme, wo ich Harry in eine Schneewehe schubse, weil die alte Mrs. Mazura mit ihrem Cockapoo auf der anderen Straßenseite Gassi geht. Hier kennt jeder jeden. Nicht auszudenken, wenn es die Runde macht, dass ich einen Fremden mit undurchsichtiger Vergangenheit anschleppe.
Mein Schlüsselbund raschelt, als ich ihn aus meiner Handtasche hervor hole und in das Schloss meiner Wohnungstür ramme.
»Ich hoffe, du hast keine Angst vor Hunden«, flüstere ich, weil wir uns immer noch in Hörweite von Nick befinden, der mit Sicherheit gerade mit einem Glas am Ohr hinter seiner Wohnungstür hängt.
»Nein«, sagt Harry bestimmt und ich nicke anerkennend. Wenigstens das weiß er noch.
Also stoße ich die Tür auf, wir beide treten schnell ein und ich haue die Tür hinter uns wieder ins Schloss, während ich gleichzeitig nach dem Lichtschalter grabsche.
Meine kleine Wohnung öffnet sich direkt in einen Wohnraum. Von da führt eine große Schiebetür, die meistens offen steht, in mein Schlafzimmer, von dem ein weiteres Zimmer sowie ein Badezimmer abgeht. Auf der anderen Seite des Wohnbereichs liegt die offene Küche, aus der kurz nach unserem Eintreten ein hellblondes Fellknäuel hervor schießt.
Bob.
Bob ist ein großer Golden Retriever, der absolut trottelig und treudoof ist, seiner bedingungslosen Liebe zu mir kann ich mir aber sicher sein.
Er kommt angeprescht, kann auf dem glatten Untergrund meines Laminats nicht bremsen und knallt gegen mich. Ich knuddele seinen riesigen Kopf und drücke einen Kuss in sein Fell, während seine Rute durch die Luft peitscht. Unser Begrüßungsritual.
»Das ist Bob«, stelle ich ihn vor. »Er ist eine gefährliche Bestie.«
Dann sieht Bob Harry, nimmt kurz Witterung auf und gibt ein leises Knurren von sich.
»Bob!«, zische ich ihn an. »Sei lieb, das ist ein Gast. Tut mir leid, das hat er noch nie gemacht.«
Ich sehe zu Harry, während ich mich meiner Winterklamotten entledige. Harry betrachtet Bob mit einem vielsagenden Blick und legt den Kopf leicht schief. Daraufhin zieht Bob winselnd die Rute zwischen seine Hinterläufe, verzieht sich unter den Küchentisch und ward nicht mehr gesehen. Das hat er auch noch nie gemacht.
Ratlos blicke ich zu Harry, der nur einmal mit der Schulter zuckt und mir seinen Umhang zum aufhängen reicht.
»Das ist meine Wohnung«, sage ich unnötigerweise, gehe in die Küche und höre, dass er mir langsam folgt.
Ich drehe mich um und sehe, dass seine Augen interessiert in alle Ecke huschen, als er mit Bedacht durch meine Wohnung schreitet. Ich lehne mich gegen die Spüle und verschränke die Arme vor der Brust, während ich das Bild, welches sich mir zeigt mustere. Die letzten Stunden haben irgendwie etwas ziemlich unwirkliches an sich. Ich schüttele den Kopf um diesen Gedanken zu verdrängen. Wird schon alles eine logische Erklärung haben.
»Nett«, sagt Harry an mich gewandt und ich glaube den Anflug einer Lüge zu erkennen, wenn ich seinen Blick richtig deute.
Nichtsdestotrotz schmunzele ich und schließe in einer ausladenden Geste alle meine Räumlichkeiten ein.
»Bleib hier so lange du willst«, sage ich und krame dann in meinem Kopf all das Wissen über Gedächtnisverlust zusammen. »Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus und du wirst dich bestimmt wieder an Einzelheiten erinnern können. So lange, fühl dich ruhig wie zu Hause.«
»Hm«, macht er nur und sein Blick bleibt an dem Goldfischglas auf dem Küchenfenster hängen.
»Das ist Mr. Fish«, erkläre ich, hole just aus einem Hängeschrank eine Dose Fischfutter hervor und kippe dem zweifarbig gefleckten Schleierschwanz ein paar Flocken auf die Wasseroberfläche.
Als ich zu Harry sehe, bemerke ich, dass er seine Aufmerksamkeit bereits wieder einem Gegenstand hinter meinem Rücken gewidmet hat. Ich überlege, was so interessant sein könnte. Der Toaster? Ich drehe mich um. Ah, die Kaffeemaschine.
»Das ist eine Kaffeemaschine«, erkläre ich weiter und klopfe mit einer Hand auf die Abdeckung. »Das ist eine Maschine damit macht man... Kaffee.« Oh Gott, wie lahm.
»Was ist das?«, will Harry von mir wissen.
»Ein koffeinhaltiges Heißgetränk«, teile ich mit. »Ich zeig's dir.«
Fachgerecht lege ich eine Filtertüte ein, befülle das Gerät mit Wasser und löffele fein gemahlenen Arabica-Kaffee hinein. Keine zwei Minuten später beobachten wir gemeinsam, wie die Maschine lautstark beginnt Kaffee zu brühen. Ich frage mich, ob Harry insgeheim die Tropfen zählt, die sich langsam in die Kanne quälen, denn er kann seinen Blick nicht davon loseisen. Während ich ihn so von der Seite betrachte, kommt er mir plötzlich seltsam bekannt vor, aber ich weiß nicht, wo ich ihn einordnen soll. Ich komme schließlich zu dem Schluss, dass er wohl irgend so einem Hollywood-Star ähnlich sieht.
Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als es an der Tür klopft.
Nick.
Ein Blick auf die Uhr über dem Küchentisch sagt mir, dass er es noch geschlagene zehn Minuten in seiner Wohnung ausgehalten hat, bevor die Neugier ihn hier hoch getrieben hat.
Ich werfe Harry noch einen Blick zu, der immer noch wie paralysiert den Kaffee bestaunt, und beschließe, dass ich ihn für ein paar Minuten allein lassen kann. Also gehe ich fix zur Wohnungstür und öffne diese.
»Was geht hier vor?«, will Nick sofort wissen, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich sehe trotzdem, dass er sein Shirt mit der Aufschrift »I'm your next sugar daddy« trägt.
»Flipp jetzt bitte nicht gleich aus«, sage ich vorsichtshalber und hebe beruhigend meine Hände. Ich weiß doch, wie er auf Männerbesuch in meiner Wohnung reagiert.
Ich will ihm gerade die ganzen dramatischen Ereignisse zwischen Tür und Angel erzählen, als er an mir vorbei sieht und große Augen macht. Entweder Johnny Depp ist gerade zu einem Fenster eingestiegen, oder Harry hat die Küche verlassen. Flink drehe ich mich um, nur für den Fall, dass es doch Johnny Depp ist.
»Wir machen Kaffee«, sagt Harry mit einem einnehmenden Lächeln und hält eine halbvolle Kaffeekanne in die Höhe.
Unter normalen Umständen läuft mir sofort Sabber aus dem Mund, wenn mich ein Mann so anlächelt, aber im Moment wird mir ein viel größeres Problem bewusst. Meine Kaffeemaschine hat keinen Tropfschutz!
Wie von der Tarantel gestochen, sause ich an Harry vorbei und entreiße ihm die Kanne aus den schlanken Fingern. Aus der Küche höre ich bereits das verräterische Zischen, als Kaffee auf die heiße Heizplatte tropft und die Anrichte unter Wasser setzt. Um Schlimmeres zu verhindern, dresche ich die Kanne wieder an ihren Platz und wende mich abschließend wieder dem Geschehen im Wohnzimmer zu.
Nick hat sich selbst herein gebeten und steht nun Harry gegenüber, der seine Hand ausstreckt und darauf wartet, dass Nick einschlägt.
»Freut mich sehr deine Bekanntschaft zu machen«, sagt Harry und Nick reicht ihm perplex seine Hand. Ich muss ein Quietschen unterdrücken. Hach, ich habe ihn so gut erzogen.
»Wer ist das?«, fragt Nick nun an mich gewandt und beäugt Harrys dunkle Lederklamotten. »Und wo ist Bob?«
Ich werfe einen kurzen Blick unter den Küchentisch, wo Bob immer noch wie ein Häufchen Elend aussieht und versucht, sich spontan in Luft aufzulösen.
»Bob geht's gut«, sage ich, gehe zwischen beiden Männern hindurch und zerre sie zu meinem Sofa, wo sie rechts und links von mir Platz nehmen. »Das ist Harry«, erkläre ich. »Er ist zugelaufen und wohnt vorübergehend bei mir.«
Da Nick immer noch verständnislos aus der Wäsche guckt, erkläre ich ihm alle schmutzigen Details. Hin und wieder schüttelt er ermahnend den Kopf, zum Beispiel an der Stelle, als der Schraubenschlüssel ins Spiel kommt, und als mein Bericht sein Ende findet, wirkt er fast schon gutgelaunt.
»Angenehm«, sagt er und reicht Harry nun nochmals die Hand über meinen Körper hinweg. »Du bist doch kein Soziopath, oder?«
»Nein, ist er nicht«, antworte ich schnell und trenne die Hände der beiden mit einem leichten Klaps. Nicht, dass Nick noch Interesse an Harry zeigt. Wäre ja noch schöner.
Ich laufe wieder in die Küche und schütte drei Kaffee in meine Comic-Kaffeetassen. Ich weiß nicht, wie Harry seinen Kaffee trinkt, also lasse ich ihn erst einmal schwarz und kippe die Milch nur in Nicks und meine Tasse. Mit einem Tablett karre ich den ganzen Kram zurück zum Sofa, wo Nick gerade eine Befragung startet, ob Harry sich wirklich an nichts erinnern kann.
»Ihr solltet zur Polizei gehen«, rät er schließlich und nippt an seinem Kaffee. »Vielleicht wird er ja schon vermisst.«
Ich verpasse ihm einen Klaps auf den Hinterkopf.
»Bist du bekloppt? Hast du schon einmal daran gedacht, dass ich seit der Sache mit dem Beerdigungsinstitut vorbestraft bin? Ich kann nicht einfach zur Polizei marschieren und mich nun auch noch der Körperverletzung schuldig machen.«
»Dann lässt du dieses unwichtige Detail bei deiner Geschichte eben einfach aus.«
Ich sehe mich schon in Handschellen in einem schummrigen Verhörraum sitzen, während mich FBI, CIA, Interpol, KGB und der MI6 ausfragen. Schluck.
»Vergiss es. Ich gehe kein Risiko ein.«
Neben uns nimmt Harry ebenfalls vorsichtig einen Schluck Kaffee und verzieht das Gesicht. Kommentarlos reiche ich ihm die Milch, mit der er erst nichts anzufangen weiß, nach einem kurzen Blick auf unsere Getränke allerdings in seine Tasse schüttet.
»Dann sollten wir wenigstens das Internet nach Vermisstenanzeigen durchsuchen.« Dem kann ich bedenkenlos zustimmen. Aber erst morgen. Es war wirklich ein langer Tag. »Vielleicht hat er ja Papiere einstecken.«
»Hast du Papiere einstecken, Houdini?«, frage ich ihn und wir gucken zu dritt, ob er an seinen Gothic Klamotten irgendwo Taschen hat. Fehlanzeige. »Nicht einmal ein Handy«, sage ich seufzend und wir gehen dazu über, Harry dabei zu beobachten, wie er genüsslich seinen Kaffee schlürft und in die Küche tappst, um sich nachzuschenken. Aha! Ein weiterer Süchtiger!
»Irgendwie kommt er mir bekannt vor«, gesteht Nick und schlägt seine Beine übereinander.
»Ich weiß«, raune ich ihm zu. »Meinst du, er sieht einem Hollywood-Star ähnlich?«
Nick stimmt mir nickend zu und wir beobachten, wie Harry den Kaffee leert und nun forschend meine Wohnung durchschreitet.
»Ja, das muss es wohl sein.« Ein Blick auf seine Armbanduhr und er erhebt sich schwungvoll. »Kinder, es ist schon spät. Ich brauch meinen Schönheitsschlaf. Bringst du mich noch zur Tür, Pilzköpfchen?«
»Aber sicher«, stimme ich zu und wir trotten gemeinsam zur Tür, wo Nick mich noch einmal ins Kreuzverhör nimmt.
»Und du bist sicher, dass er noch alle Tassen im Schrank hat?«
Nein, aber er ist gerade dabei ein paar Gläser rein zu stellen.
»Ja, er ist nur noch ein wenig zerstreut und steht vermutlich auch ein bisschen unter Schock.«
»Nicht, dass er dir im Schlaf die Kehle durchschneidet. Oder noch schlimmer, wie eine wilde Sexbestie über dich herfällt.«
Gemeinsam sehen wir zurück zu Harry, der jetzt am Fenster steht und in die Nacht blickt. Mein Blick wandert zu seinem Hintern. Och, so schlimm ist dieser Gedanke jetzt auch nicht unbedingt. Ich rufe mich zur Räson und schiebe Nick aus der Tür, der ebenfalls träumerisch den Kopf zur Seite gelegt hat.
»Du hast das etwas Rotes an deinem Mantel«, teilt er mir noch mit und ich schmettere die Tür hinter ihm ins Schloss.
»Ich weiß!«
Schwer Atmend lehne ich mich gegen die Tür und überlege, was als nächstes zu tun ist. Ach ja, richtig. Ich gehe ins Schlafzimmer und hole aus der unteren Schublade meiner Kommode Kleidungsstücke meines Ex-Freundes hervor. Würde nicht hundertprozentig passen, aber sollte vorerst genügen.
»Pilzköpfchen?«, fragt Harry mich, als ich beginne eine Bettdecke für ihn zu beziehen.
»Wegen meinen Haaren«, kläre ich ihn auf und lese die Kissen auf dem Sofa zusammen, die Harry als Kopfkissen dienen sollen. »Rote Haare, Fliegenpilz, Pilzköpfchen.«
»Ich mag Rot«, sagt er prompt und ich schüttele die Bettdecke ein letztes Mal auf, bevor ich sie auf dem Sofa platziere. »Passt gut zu Grün.«
Ich blicke auf und sehe, dass er mich mit einem kaum wahrnehmbaren leisen Lächeln betrachtet. In mir regt sich etwas, als er sich in Bewegung setzt und wieder auf dem Sofa Platz nimmt. Schnell gehe ich zur Schlafzimmertür.
»Tja dann, Gute Nacht«, wünsche ich und zerre die Tür vor mir zu.
»Gute Nacht«, höre ich seine Erwiderung gedämpft durch die Schiebetür an mein Ohr dringen.
Die Sekunden verstreichen und ich rühre mich nicht, bis mir etwas einfällt. Ich ziehe die Tür wieder auf und Harrys Kopf dreht sich fragend in meine Richtung. Ich sehe ihn nur kurz entschuldigend an, dann huscht mein Blick Richtung Küche.
»Bob? Kommst du? Bobbylein, es geht in die Heia.«
Ich höre wie Krallen über Küchenfliesen kratzen, dann erscheint Bob in meinem Blickfeld. Sein Blick wandert unsicher zu Harry, der immer noch auf dem Sofa sitzt. Ich kann Bobs Gedanken bis hier rüber hören. Wenn Bob ins Bett will, dann muss er zuerst an Harry vorbei.
Seinen ganzen Mut zusammennehmend, prescht er schließlich los um ja schnell genug an der Gefahrenquelle vorbei zu kommen. Seine vierzig Kilo poltern über den Boden und ein Winseln entweicht ihm, als Harry es nur wagt, mit seinem Blick zu folgen. In vollem Lauf springt Bob auf das Bett und legt sich erleichtert am Fußende ab.
Harrys Augenbraue zuckt und seine Lippen sind aufeinander gepresst, als ich ihm kurz zuwinke, und erneut die Tür zu rammele.
Nach einem kurzen Gang ins Badezimmer husche ich unter meine warme Bettdecke und Bob schleicht langsam an das Kopfende, wo er sich an mich gedrückt nieder lässt und seinen massigen Kopf auf meinen Bauch legt. Ich tätschele ihn und überlege, was das für ein Ausdruck auf Harrys Gesicht war. Kurz vorm Einschlafen fällt es mir ein. Er hatte ein Lachen unterdrückt.
Der Geruch von verbranntem Fett steigt mir in die Nase und ich bin sofort hellwach. Rauch zieht durch die Ritzen der Schiebetür und ich stürze übereilt aus dem Bett. Als ich die Tür öffne, kann ich vor lauter Qualm kaum die Küche erkennen. Ich muss husten und laufe zum Küchenfenster, wo ich Mr. Fishs Glasbehausung in Sicherheit bringe und danach das Fenster sperrangelweit aufreiße. Was zum-
Ich drehe mich um und falle aus allen Wolken, als Harry, bewaffnet mit Küchenschürze und Topflappen, mit einem wedelnden Geschirrhandtuch hinter mir steht und damit den Rauch vertreibt.
Ääähhhhhh, macht es in meinem Kopf nur.
»Ich habe den Speck in der Pfanne vergessen«, sagt er entschuldigend und wedelt weiter. »Zum Frühstück gibt es English Muffins mit Rührei und Speck, Pancakes mit Ahornsirup und Obstsalat.« Ääähhhhhh. »Du bist doch kein Vegetarier, oder? Das sind Menschen, die kein Fleisch essen. Das habe ich im Internet gelesen.«
Mein Blick huscht hinüber zu meinem PC.
»Du hast das Internet entdeckt? Ist es noch ganz?«
Harry wirkt nun besorgt und seine Stirn legt sich in Falten.
»Ich wusste nicht, dass man es kaputt machen kann.«
Der Rauch hat sich mittlerweile gelegt und ich sehe nun das ganze Ausmaß an Harrys Frühstücksbemühungen. Alter Schwede. Von der Menge würden zehn Personen locker satt werden. Dann streift mein Blick das Glas von Mr. Fish und meine Augen werden groß. Eine dicke Schicht Fischfutter dümpelt an der Wasseroberfläche herum, sodass kaum noch Tageslicht von oben ins Glas fallen kann.
»Harry«, beginne ich, während dieser gerade Muffins aus der Backröhre zieht.
»Ja?«, fragt er mich und richtet sich wieder mit diesem Lächeln auf, was mich zum Schlucken bringt.
Ich sehe nochmals zu Mr. Fish, der mich hilfesuchend durch das Glas hindurch anzublicken scheint. Blubb.
»Ach, nicht so wichtig.«
Ich bemerke, dass Harry unter der Schürze nun eine blaue Jeans und ein einfaches weißes T-Shirt trägt, unter dem sich seine Oberarmmuskeln deutlich abzeichnen.
Ääähhhhhh.
Dann wird mir klar, dass ich nur meine kurzen Shorts und ein dünnes Trägertop trage. Sofort laufe ich rot an und verabschiede mich ins Schlafzimmer.
»Ich setze derweile Kaffee auf«, ruft er mir hinterher und scheint die Peinlichkeit der Situation nicht begriffen zu haben. Gut so.
Als ich meinen Kleiderschrank öffne, fällt mir sofort ins Auge, dass Harrys schwarze Kleidung, ordentlich über einen Bügel gelegt, an der Kleiderstange baumelt.
Oh Schreck. Er war hier drin, während ich schlief? Bei diesem Gedanken, bekomme ich ein flaues Gefühl im Magen. Und wo ist Bob eigentlich?
Schnell schlüpfe ich in frische Kleidung und begebe mich auf die Suche nach dem großen Tollpatsch. Ich finde ihn in der Küche. Er sitzt friedlich neben Harry, der gerade neuen Speck anbrät, und wartet darauf, dass etwas auf den Boden fällt. Über Nacht scheint hier irgendetwas passiert zu sein.
Hektisches Klopfen reißt mich aus meinen Gedanken.
»Rey-Rey«, ruft Nick durch die geschlossene Tür und klopf erneut. »Rey-Rey!« Klopf, klopf. »Rey-Rey!«
Leicht genervt schlendere ich zur Tür und öffne diese.
»Was gibt's?«, frage ich und sofort fällt Nick mir um den Hals.
»Ich bin so froh, dass du noch lebst«, gesteht er augenblicklich, zerrt mich dann in den Flur und lehnt die Tür hinter uns leicht an. »Ich habe dir zwei Dinge mitzuteilen. Erstens«, Er hält den Zeigefinger seiner linken Hand vor meine Nase. »Ich habe mein Gehirn gefunden. Es lag unter meinem Autositz. Und zweitens«, Sein Mittelfinger gesellt sich hinzu. »Ich weiß jetzt, wer Harry wirklich ist. Ich wusste doch, dass ich ihn irgendwoher kenne.« Er wedelt mit irgendwelchen Computerausdrucken vor meiner Nase herum. »Sieh dir das an.«
Stirnrunzelnd nehme ich ihm den Stapel aus der Hand uns besehe mir die erste Seite.
»Das ist Werbung für Enthaarungscreme«, sage ich ungläubig und Nick nimmt die Seite an sich.
»Huch, wie ist das denn da hinein geraten? Hier, das ist es.«
Ich senke meinen Blick wieder und überfliege zahlreiche Artikel der New York Times.
»Angriff auf New York, blabla, die Avengers, blabla, ein Tor zwischen den Welten, andere Dimension, blabla, ein Gott namens Thor, blabla. Was hat das denn bitteschön mit Harry zu tun?«
»Guckst du kein Fernsehen?«
»Nur Sitcoms und Blockbuster.«
Nick reißt mir den Stapel aus den Händen und scheint nach einer bestimmten Seite zu suchen. Als er sie findet hält er sie mir direkt auf Augenhöhe vor mein Gesicht. Ich stoße fast mit der Nase gegen das Papier und kann sogar die Tinte riechen. Ich glotze auf ein Foto, welches eindeutig Harry zeigt. Fast hätte ich ihn nicht erkannt, denn er trägt einen tierisch albernen Helm, der mich sofort an Rudolf Rentier erinnert, plus die selben Klamotten, die jetzt in meinem Schrank hängen. Außerdem hält er noch eine Art Speer in der Hand und hat einen irgendwie absolut irren Blick drauf. Das will so gar nicht zu dem Bild passen, welches ich mir in den letzten Stunden über ihn zusammengeschustert habe.
»Harrys Name ist eigentlich Loki Laufeyson. Er ist ein Gott. Und er wollte vor einiger Zeit mit Hilfe einer Armee von Außerirdischen-« Nick unterbricht sich selbst, um dieser Tatsache besondere Beachtung zu schenken. »Außerirdischen! - die Welt versklaven. Was sagst du dazu?«
Die Zehen an meinen nackten Füße drücken sich unsicher in den Boden unter mir.
»Hat ja nicht sonderlich gut geklappt. Und der Helm ist lächerlich.«
Nick reißt semiwütend seine Ausdrucke nach unten.
»Du scheinst nicht sehr beeindruckt«, sagt er feststellend und hat recht.
»Bin ich auch nicht. Besagter Gott steht gerade in meiner Küche und kocht Kaffee«, sage ich und deute mit dem Daumen auf die Wand hinter mir. »Er trägt eine Schürze«, füge ich hinzu. »Mit Blümchenmuster.« Das erscheint mir alles andere als gefährlich. Von den Rüschen will ich gar nicht erst anfangen.
»Ich an deiner Stelle wäre vorsichtiger«, meint Nick und versichert sich, dass uns niemand belauscht. »Was, wenn seine mörderische Ader plötzlich wieder zum Vorschein kommt? Der Kerl hat achtzig Menschen in zwei Tagen abgemurkst.«
»Schön«, gebe ich mich geschlagen. »Dann konfrontieren wir ihn am besten mit dem, was du herausgefunden hast. Dann wissen wir wenigstens gleich, ob er vorhat uns in Teichmolche zu verwandeln.«
»Ich denke, das ist keine so gute- Rey-Rey!«, will Nick mich noch aufhalten, doch ich stürme bereits wieder meine Wohnung. »Rey-Rey!«
Er schleicht hinter mir her, bleibt jedoch sicherheitshalber hinter der Wand, die Küche und Wohnbereich zu einem Teil trennt, stehen und bekreuzigt sich.
»Harry?«, frage ich Loki und unterbreche ihn dabei, wie er den am Boden liegenden Bob am Wanst krault. Er sieht auf und seine grünen Augen unternehmen einen interessanten Versuch mich zu durchbohren. Plötzlich verlässt mich jeder Mut und ich fange an zu stammeln. »Also... äh... sagt dir der Name... L... L-Loki etwas?«
Ich sehe noch aus dem Augenwinkel, wie Nick sich mit einem Hechtsprung hinter das Sofa in Sicherheit bringt.
»Nein«, höre ich Lokis Antwort und bin dankbar, dass meine Wohnung nicht in einer Explosion aus grünem Licht in Flammen aufgeht.
»Bist du sicher?«, frage ich vorsichtshalber noch einmal nach. Vielleicht muss ich seinen Namen nur oft genug wiederholen. »Loki? Loki, Loki, Loki, L-L-L-L-Loki, Lokilokilokiloki?«
»Das reicht!«, taucht Nick plötzlich wieder aus der Versenkung auf und schreddert seine Ausdrucke sogleich in meinem Aktenvernichter. »Der Name sagt ihm nichts. Belassen wir es einfach dabei.«
»Oh schön«, sagt Loki, als bemerke er Nick erst jetzt. »Dann decke ich gleich für drei Personen.«
Nick stellt sich neben mich und wir beobachten Loki skeptisch dabei, wie er ein weiteres Gedeck auf dem Küchentisch platziert und Bob sich dabei gegen die Beine seines neuen Freundes drückt.
»Denkst du das Selbe wie ich?«, flüstere ich Nick zu, ohne das Schauspiel in der Küche aus den Augen zu lassen.
»Vielleicht. Aber wie kriegen wir ihn dazu, diese Weihnachtsmannmütze zu tragen?«
Die Momente, in denen ich an Nicks Verstand zweifle, nehmen hiermit sprunghaft zu.
~ Ende des 3. Kapitels ~
So sollte das Kapitel wirklich nicht verlaufen... die Plot Bunnys haben mich dazu gezwungen! .
