Kapitel 2
Wieder einmal hatte sie einen Tag überstanden. Anders konnte man es nicht sagen. Nachdem sie ihre letzte Tasse Kaffee ausgetrunken hatte, und sie trank viel zu viel Kaffee, hatte sie die Küche aufgeräumt. Viel war nicht zu tun. Tony aß morgens nur zwei Scheiben Toast und trank eine Tasse Kaffee. Von einem gemütlichen Frühstück zu zweit konnte man nicht gerade sprechen. Angela wusste selbst nicht so genau, warum sie seit Neuestem so viel Wert darauf legte. In Fairfield hatte sie auch immer nur ein Glas Orangensaft und eine Tasse Kaffee getrunken. Damals war es Tony gewesen, der sie ständig dazu anhielt, doch in Ruhe etwas zu essen. Aber sie war immer auf dem Sprung in ihre Agentur gewesen, immer in Eile und immer nur mit einen kurzen Blick für Tony, der sie jeden Morgen mit einem strahlenden "Guten Morgen, Angela!" begrüßte. Nun erging es ihr nicht anders. Sie stand im Morgenmantel am Herd und begrüßte ihn fröhlich, "Guten Morgen, Schatz!". Wenn sie Glück hatte, bekam sie einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Wenn sie richtig Glück hatte, dann nahm er sie in den Arm, schaute ihr tief in die Augen und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf den Mund. Aber in letzter Zeit hatte sie immer seltener richtig viel Glück. Jetzt war er es, der jeden Morgen in Eile war, der nur schnell einen Schluck Kaffee im Vorbeigehen trank, sich im Stehen einen Toast schmierte und ihr mit vollem Mund "Bis heute Abend, Liebling!" zurief.
Hatte er sich auch immer so leer gefühlt, wenn sie morgens aus der Tür verschwunden war? Wie ein Möbelstück, das solange in die Ecke gestellt wird, bis man es wieder braucht? Sie hoffte nicht, denn es war ein mieses Gefühl und die Vorstellung, dass Tony sich all die Jahre so gefühlt hat, in denen er ihr Haushälter war, bereitete ihr Unbehagen. Vielleicht lag es auch daran, dass sie allein im Apartment zurück blieb. Tony hatte ja noch die Kinder gehabt, um die er sich kümmerte, und Mona, die meist früher aus das Büro nach Hause kam als sie. Wenn sie Abends müde und abgearbeitet nach einem langen stressigen Arbeitstag die Haustür aufschloss, hatte sie immer ein liebevoll gedeckter Tisch erwartet, ein köstlich zubereitetes Abendessen und ihre Familie, die von den Erlebnissen des Tages erzählte. Diese gemeinsamen Abendessen waren immer das Highlight des Tages gewesen, etwas worauf sich Angela während anstrengender Meetings oder wenn sie über langweiligem Papierkram saß immer gefreut hatte.
Wie Tony es immer für sie getan hatte, so strengte sie sich jetzt ebenfalls an, soweit es ihr möglich war, ihn abends mit einem Essen zu überraschen. Sie hatte sogar ein wenig kochen gelernt! Eine ältere Dame aus der Nachbarschaft hatte sich ihrer angenommen und sie in ein paar Familienrezepte eingeweiht. Allerdings bestanden diese hauptsächlich aus Hausmannskost und Gerichten, die für den mittleren Westen typisch waren. Nicht unbedingt das, was man als Großstädter von der Ostküste so gewohnt war. Auch die italienische Küche, die Tony so meisterhaft beherrschte, konnte ihr ihre neue Freundin nicht beibringen. Aber Angela gab sich alle Mühe und studierte ein Kochbuch nach dem anderen - genug Zeit hatte sie ja! An den Wochenenden kochten sie gemeinsam, so dass sich ihr Repertoire allmählich erweiterte und sie Tony wenigstens ab und zu mit einem gelungenen Abendessen überraschen konnte.
Auch nun stand sie in der Küche, würfelte ein paar Zwiebeln, und auf dem Herd wartete schon eine Pfanne mit heißem Olivenöl. Eine simple Tomatensoße sollte es heute werden, dazu Spaghetti. Das beherrschte sie mittlerweile recht gut, auch wenn sie es einfach nicht schaffte, die Zwiebel in solch gleichmäßige kleine Würfel zu schneiden wie Tony. Sie öffnete eine Flasche Rotwein, mit dem sie die Zwiebeln ablöschen wollte, schenkte sich aber selbst auch ein Gläschen ein, schließlich musste auch der Kochwein getestet werden. Sie trank einen Schluck ... kein Kork - gut! Rein damit! Es zischte als sie die Flüssigkeit in die heiße Pfanne goß. Das Nudelwasser stand ebenfalls schon auf dem Herd, gesalzen und bereits einmal erhitzt. Wenn Tony nachher kam, sollte es schnell gehen, denn heute war Freitag und da hatte er meist einen Mordshunger nach einer langen Trainingseinheit mit seinem Baseballteam. Sie mochte nicht die beste Köchin sein, aber wie in ihrer Zeit als Präsidentin der Bower Agency verstand sie es sich zu organisieren, und ihr Zeitmanagement war legendär.
Angela freute sich auf das Wochenende. Samstag und Sonntag hatte Tony frei und Zeit für sie - meistens jedenfalls. Während der Saison fanden natürlich die Spiele der College-Liga statt, bei denen Tony als Trainer am Rand stand und sein Team coachte. Waren es Heimspiele, dann fraßen sie nur einen kleinen Teil ihres Wochenendes auf. Sie saß meist auf der Zuschauertribüne, feuerte die Jungs an und bewunderte Tony, wie er so eifrig und voller Elan an der Seitenlinie seinen Job machte. Wenn das Spiel vorbei war, gab es noch eine kurze Besprechnung mit dem Team, das Endergebnis wurde ausgewertet, aber dann hatte er für den Rest des Wochenendes nur Augen für sie. Bei Auswärtspielen sah die Sache schon anders aus. Iowa war ein großer Staat und die Fahrten zu den anderen Collegeteams mitunter sehr weit. Es kam vor, dass Tony sich aus dem Bett schälte noch bevor Angela überhaupt aufgewacht war. Wenn sie dann die Augen aufmachte und die leere Kuhle neben sich sah, in der er bis vor Kurzem noch gelegen hatte, kuschelte sie sich manchmal in sein Kopfkissen, das noch nach ihm roch. Manchmal blieb er aber über Nacht weg, wenn die Spiele so spät angesetzt waren, dass eine Heimfahrt nicht mehr in Frage kam. Das war noch schlimmer! Abends ohne ihn ins Bett zu gehen fiel Angela besonders schwer. Manchmal blieb sie so lange vor dem Fernseher sitzen, bis sie auf dem Sofa einschlief, nur um nicht alleine ins Schlafzimmer gehen zu müssen. Zu sehr erinnerte sie das an die Zeit, in der sie noch nicht mit Tony zusammen war. Damals hatte sie auch oft auf ihr großes Bett gestarrt und sich gewünscht, er würde es mit ihr teilen.
Angela war in Gedanken und rührte in der Soße auf dem Herd, als ihr plötzlich jemand einen zarten Kuss auf den Nacken gab. Tony! Sie drehte sich herum, und da stand er direkt vor ihrer Nase und grinste. Er sah so gut aus! Er war ein wenig abgekämpft, sein Haar war zersaust, seine Trainingsjacke verschwitzt und er trug eine große Sporttasche über der Schulter. Sie liebte es, ihn so zu sehen. Das war ihr Tony! Mit dem Tony, der jeden Morgen im Anzug mit Hemd und Krawatte aus dem Haus ging, eine Aktentasche in der Hand, musste sie sich erst noch anfreunden.
"Hallo, Liebes!" sagte er. "Tut mir leid, dass es wieder etwas später geworden ist. Aber die Jungs brauchten noch eine Einheit Schlagtraining, sonst haben wir nächste Woche keine Chance gegen die Drake Bulldogs aus Des Moines. Die führen die Liga an und sind bisher unbesiegt. Aber jetzt bin ich da."
Er nahm sie in den Arm und küsste sie leidenschaftlich auf den Mund. Angela war selig. Die ganzen Widrigkeiten des Tages waren wie weggeblasen.
"Wie war dein Tag? Hast du mich vermisst?" fragte sie keck.
"Ooooh ja, und wie!" Ein weiterer liebevoller Kuss folgte, und Angela schmolz dahin wie Butter in seinen Händen. Dann ließ er sie los und hob den Deckel der Pfanne an. "Hmmmm, riecht gut. Ich habe vielleicht Hunger! Ich gehe schnell duschen und ziehe mir was Frisches an, dann essen wir, okay?!"
"Okay! Beeil' dich." 'Oh, wie gerne würde ich mit dir duschen, mein Schatz!' schoss es ihr durch den Kopf und sie erschrak fast ein wenig ob dieses frechen Gedankens. So kannte sie sich eigentlich gar nicht. Sie war immer eher etwas prüde gewesen, gehemmt und zurückhaltend. Aber Tony war einfach zum Anbeißen und die Vorstellung, wie das heiße Wasser seinen muskulösen, austrainierten Körper hinunterlief, brachte ihr Blut in Wallung - es brodelte genauso wie die Tomatensoße vor ihr auf dem Herd. Sie schüttelte den Kopf. 'Das kommt wohl davon, wenn man den ganzen Tag nichts anderes macht, als sich die Zeit zu vertrieben, bis der Mann nach Hause kommt', dachte sie.
Das Abendessen entschädigte sie immer für das schnelle Frühstück zwischen Tür und Angel. Endlich hatte er Zeit, endlich konzentrierte er sich auf sie, endlich waren sie zusammen. Tony erzählte von seinem Tag, von den Studenten in seinen verschiedenen Kursen. Angela kannte mittlerweile einige von ihnen mit Namen, besonders seine Sorgenkinder. Er ging darin auf, sich um jeden einzelnen zu kümmern und ihn für Geschichte, Kunst und Literatur zu begeistern. 'Deshalb habe ich ihn gedrängt, Lehrer zu werden', dachte Angela immer in solchen Momenten. Der Glanz in seinen Augen, der Stolz in seiner Stimme, wenn der von den Erfolgen seiner Schüler erzählte, zauberte auch ihr stets ein Lächeln auf das Gesicht.
"Tony, hast du dir schon überlegt, was wir am Wochenende machen wollen?" Er hatte immer wieder überraschende Ideen, entführte sie manchmal für zwei Tage in die Berge oder fuhr mit ihr in einer der in der Nähe liegenden Kleinstädte und führte sie zum Essen und Tanzen aus. Einmal waren sie sogar den ganzen Weg nach Dubuque gefahren und hatten sich köstlich darüber amüsiert, wie gut beleuchtet die Stadt doch war. Mona hatte sie einmal - sie waren damals noch nicht zusammen gewesen - damit aufgezogen, dass die knisternde Spannung zwischen ihnen ausreichen würde, eine Stadt wie Dubuque mit Elektrizität zu versorgen. Angelas schönste Erinnerung aber war die an die kleine Blockhütte in einem Wildreservat, die Tony einmal gemietet hatte. Mit einem vollgepackten Picknickkoffer hatten sie das gesamte Wochenende wie Einsiedler gelebt. Angela wurde ganz warm ums Herz, wenn sie daran zurückdachte. Sie hatten die meiste Zeit in dem kleinen Alkovenbett unter der niedlichen rot-weiß-karierten Bettdecke verbracht. Am liebsten wäre sie nie wieder von dort weggefahren.
Tony zögerte. "Ähmmm, Angela ... ich muss dir was sagen." Er schaute sie kurz an, wich dann aber ihrem Blick direkt wieder aus und ihr war sofort klar, dass es kein romantisches Wochenende geben würde - wieder einmal.
"Was?" fragte sie schon ein bisschen gereizt.
"Ich muss mit den Jungs am Samstag noch ein Konditionstraining machen. Die sind noch nicht richtig fit! Wenn wir dieses Jahr in der Meisterschaft oben mitspielen wollen, dann müssen wir noch ein bisschen Ausdauer trainieren." Tony hatte ein schlechtes Gewissen und fühlte sich hin- und hergerissen zwischen seiner Verantwortung als Trainer und seiner umwerfenden Verlobten, die er die ganze Woche schon verlässigen musste. "Ich mache es am Sonntag wieder gut, versprochen!" Ihr trauriges, enttäuschtes Gesicht brach ihm das Herz. "Es tut mir leid, Angela."
Sie schluckte und unterdrückte ein paar Tränen. Sie war schon immer eine Meisterin darin gewesen, ihren Gemütszustand nicht nach außen dringen zu lassen. Sie legte die Gabel zur Seite, der Appetit war ihr vergangen. Sie trank ein Schluck Wein, stellte das Glas wieder zurück und sagte erst einmal nichts.
"Angela?" Tony war verunsichert. Verstand sie ihn? Was sie sauer? Traurig? Enttäuscht?
Angela holte tief Luft. "Ich verstehe", sagte sie tonlos. "Wieder ein Wochenende, an dem du arbeiten musst. Manchmal frage ich mich wirklich, warum ich eigentlich hergekommen bin. Ich sehe dich ja doch nie." Sie war jetzt den Tränen nah. "Wann war das letzte Wochenende, das wir beide komplett miteinander verbracht haben? Ohne eine eingeschobene Trainingseinheit hier oder ein Treffen mit einem zukünftigen Stipendiaten da? Merkst du überhaupt, dass wir kaum noch Zeit zu zweit haben?"
So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Es war schwer genug gewesen, ihr altes Leben hinter sich zu lassen, doch die Aussicht auf ein Leben mit Tony in Iowa, als die Frau an seiner Seite, hat sie alle Bedenken beiseite wischen lassen. Ihre Mutter hatte nur mit dem Kopf geschüttelt und gesagt, "Angela, das hälst du doch nicht lange aus da im Niemandsland. Du bist ein Großstadtkind!" Auch das Schicksal ihrer Agentur in fremde Hände zu geben, war ihr nicht leicht gefallen. So schwer hatte sie all die Jahre für ihren Erfolg gearbeitet. Einige Kunden hatten ihr Missfallen ausgedrückt, dass sie fortan nicht mehr für ihre Kampagnen zur Verfügung stünde, der ein oder andere sogar damit gedroht, sich eine andere Agentur zu suchen. Sie hatte das alles in Kauf genommen, nur um bei ihm zu sein. Und nun das!
"Ich weiß, ich weiß. Es tut mir auch leid, Angela, aber es geht wirklich nicht anders. Der Sonntag gehört nur uns beiden. Versprochen! Ich habe auch schon eine Idee, was wir unternehmen können. Es wird dir gefallen, da bin ich ganz sicher." Er streichelte ihre Wange und schaute ihr tief in die Augen. 'Wie warm und weich seine Hände sind', dachte Angela. Wie immer konnte sie ihm nichts abschlagen, wenn er sie so mit seinem Hundeblick ansah. Seine braunen, warmen Augen schafften es immer wieder, sie zu besänftigen.
Sie seufzte, hob die Augenbrauen und lächelte ihn kopfschüttelnd an. "Wieso falle ich nur immer wieder darauf rein?"
"Weil du mich liebst!" sagte er verschmitzt. Er stand auf, nahm ihre Hand und forderte sie auf ebenfalls aufzustehen. Er zog sie an sich, streichelte ihr Gesicht und musterte sie. "Sagen Sie mal, Ms. Bower, haben Sie heute abend noch etwas vor?"
"Ich wollte mit einem guten Buch früh ins Bett gehen", war ihre nonchalante Antwort, wobei sie sich anstrengen musste, erst zu bleiben.
"So so, mit einem guten Buch ..."
"Ja, es soll sehr sehr anregend sein", neckte sie ihn.
"Anregend? Aha! ... Da würde mir aber auch noch etwas anderes Anregendes einfallen." Seine Stimme bekam einen lüsternden Unterton. Er drückte sie an sich, strich ihr durchs Haar und ließ seine Hände langsam über ihren Rücken wandern.
"Und das wäre?" Sie wollte ihn nicht so einfach vom Haken lassen. Er sollte sich ruhig ein bisschen anstrengen.
"Tja, wie wäre es mit einer Partie Gin-Rommé?" Er küsste sie sanft hinter dem Ohrläppchen, dann am Hals. "Oder wir schauen einen Dokumentarfilm im Fernsehen?" Jetzt arbeiteten seine Lippen sich weiter vor bis zum Schlüsselbein. "Wir könnten auch die letzten Kisten auspacken, die immer noch in der Garage stehen." Er übersähte ihr Dekollté mit federleichten Küssen. "Ooooder ..."
"Oder was?" fragte sie atemlos.
"Oder wir lassen hier einfach alles stehen und liegen, das Kartenspiel bleibt im Schrank", er streichelte ihre Wange, "der Fernseher ausgeschaltet", er hauchte einen Kuss hinter ihr rechtes Ohr, "wir lassen die Kisten Kisten sein", einen weiteren Kuss hinter ihr linkes Ohr, "und gehen heute tatsächlich früh ins Bett, ... aber ohne Buch." Seine Stimme war jetzt samtweich.
"Wie könnte ich da widerstehen?"
"Gar nicht, Baby!" Er grinste sie an.
Tony liebte es, sie zu verführen. So viele Jahre hatte er das nur in seiner Fantasie tun dürfen. Nun da sie endlich ein Paar waren, genoß er es, ihr zweideutige Komplimente zu machen und sie mit anzüglichen Bemerkungen ins Schlafzimmer zu locken. Dass es einmal sein Vorhaben gewesen war, sich bis zur Hochzeitsnacht aufzusparen, kam ihm mittlerweile wie eine Schnapsidee vor. Wie hatte er nur jemals geglaubt, ihre körperlichen Reizen solange widerstehen zu können? Er nahm sie bei der Hand, setzte einen Fuß hinter den anderen und zog sie langsam hinter sich her in Richtung Schlafzimmer.
