Dieses Mal wachte ich wegen monströsen Kopfschmerzen auf. Ganz vorsichtig öffnete ich erst ein Auge und dann das andere und starrte auf die einfache weiße Wand zwei Zentimeter vor meiner Nasenspitze.
Ich fühlte mich nicht mehr wie durch die Mangel gedreht, nur meine Sinnesorgane waren noch sehr empfindlich. Und meine Kopf. Oh, mein Kopf. Vorsichtig tastete ich mit den Fingerspitzen über meinen Hinterkopf und erspürte eine überraschend kleine Beule.
Ich richtete mich langsam auf und drehte mich um. Ich schaute auf eine Gitterwand. Gitter? Gefängnis! Was war geschehen? Gasse. Zimmer. Schmerz. Nicholas. Elena. Aargh! Als ich mich an ihre furchtbare Missbildung erinnerte, lief mir ein kalter Schauder über den Rücken.
Meine Zelle maß zwei mal zweieinhalb Meter. Es gab nichts außer der Pritsche, auf der ich saß und eine Kloschüssel in der Ecke. Entsetzt versuchte ich durch die Gitterstäbe zu schauen, aber alles was es zu sehen gab war ein dunkler Gang. Alptraum. Die Wände schienen näher zu rücken und verwandelten meine Ängstlichkeit in echte Klaustrophobie. Ungeachtet meiner Kopfschmerzen sprang ich vom Bett auf und schrie um Hilfe.
Laute Schritte dröhnten den Gang entlang und das Licht wurde eingeschaltet. Geblendet fuhr ich zurück, als ein dunkler Umriss näher kam. Er entpuppte sich als großer, schlanker Mann mit schulterlangem, schwarzen Haar. Ich schätzte ihn auf Mitte dreißig. Sofort ließ das Erstickungsgefühl nach.
„Wie ich sehe bist du aufgewacht", sagte er sachlich.
„Wer sind Sie?", blaffte ich, nicht bereit mich auf noch mehr Spielchen einzulassen.
„Ich bin Jeremy Danvers, Abigaijl".
„Warum haben sie mich in diese Zelle gesperrt? Ich will hier raus. Ich warne Sie, mein Mann wird mich mittlerweile vermissen. Er wird die Polizei alarmieren. Lassen Sie mich raus und wir vergessen die Sache", rief ich.
„Das ist eine Vorsichtsmaßnahme zu deinem eigenen Schutz"
„Mein Mann...,"begann ich wieder, doch e unterbrach mich: „Abigaijl, du bist jetzt seit vier Tagen in unserer Obhut und es hat sich niemand bei der Polizei gemeldet, der dich vermisst. Du bist allein, Abigaijl".
Ich stolperte zurück und sank auf die Pritsche. Vier Tage? Meinen Job im Jones' konnte ich abschreiben. Wenn ich vier Abende nicht aufgetaucht war... Travers würde wahrscheinlich erst merken, dass ich nicht mehr da war, wenn die Miete nicht pünktlich gezahlt wurde.
Jeremy hatte recht, ich war allein. Aber das hieß nicht, dass ich mich von wildfremden, verrückten Leuten einfach so in eine Zelle sperren lassen würde. Ich sprang wieder auf. „Ich verlange trotzdem, dass sie mich raus lassen. Das ist Freiheitsberaubung".
„Wie gesagt, das ist nur zu deinem und unserem Schutz". Er machte Anstalten zu gehen. Ich schnappte nach Luft, diese Unverschämtheit.
„Sie können doch nicht einfach-", rief ich ihm hinterher, aber er war schon die Treppe hinauf verschwunden. „Hey! HEY!! Mr. Danvers!", aber ich bekam keine Antwort mehr. Entmutigt setzte ich mich wieder hin. Tatsächlich gab es niemanden, der nach mir suchen würde, zumindest nicht für die nächsten Monate. Tatsächlich konnten sie mich hier festhalten, so lange sie wollten. Ich war ja schon in ihrem Käfig, keine Chance auf Flucht. Ich stützte die Ellbogen auf die Knie und vergrub mein Gesicht in den Händen, um nicht auf die schon wieder bedrohlich näherrückenden Wände schauen zu müssen. Es gab einfach nichts was ich tun könnte, um meine jetzige Lage zu ändern.
Wieder hörte ich Schritte auf der Treppe. Diesmal war es ein Junge, zwölf oder dreizehn Jahre alt. Er hatte ein rundes, offenes Gesicht, dunkle Haare, die ihm fransig in die Stirn fielen und mandelförmige schwarze Augen, die auf südamerikanische Herkunft schließen ließen. Trotz seiner offenkundigen Jugend, hatte er schon einen sehr muskulösen Körperbau. Ich wettete, dass er in ein paar Jahren ein sehr gut aussehender, junger Mann sein würde.
„Hi Abigaijl", sagte er freundlich. „Ich bin Ruakin. Jer schickt mich, hier, hoffentlich hast du Hunger". Er schob ein Tablett unter den Gitterstäben durch und als mir der köstliche Geruch von Pfannkuchen, Steak, gedünstetem Gemüse und Kaffee in die Nase stieg, meldete sich mein Magen mit vernehmlichem Knurren.
„Schätze schon. Wenn dieser Jeremy die Wahrheit gesagt hat, habe ich seit vier Tagen nichts mehr gegessen". Ich zog das Tablett zu mir heran und nahm die Kaffeetasse in die Hand „Oh Gott, richtiger Kaffee, ich hab schon seit Jahren keinen-", ich unterbrach mich, ich wollte nicht zu viel von mir preisgeben.
„Ich weiß nicht, wie ihr Erwachsenen dieses Zeug trinken könnt, es schmeckt fürchterlich!" Ruakin grinste und machte es sich auf dem Stuhl auf der anderen Seite des Gitters bequem.
„Es geht nichts über eine gute Tasse Kaffee nach dem Aufstehen", belehrte ich ihn und nahm meinen ersten Schluck. Tatsächlich war dies der erste richtige Kaffee, den ich getrunken hatte seitdem ich nach New York gezogen war. Jones verkaufte nur dieses schreckliche Instant-Zeug und ich leistete mir nicht einmal das.
Mein Magen meldete sich wieder. Eine Tasse Kaffee war entschieden zu wenig. Heißhungrig fiel ich über die Leckereien auf dem Teller her. „Oh, willst du auch etwas?", fragte ich schuldbewusst, den Mund voller Pfannkuchen.
„Nönö, iss du nur. Ich krieg oben schon genug". Erleichtert schob ich mir den nächsten Pfannkuchen in den Mund und fragte mich wer auf die glorreiche Idee gekommen war, Pfannkuchen mit Ahornsirup zu Steak und Gemüse zu essen. Als ich es endlich geschafft hatte zu schlucken, fragte ich Ruakin: „Kannst du mich hier raus lassen?" Aber ich machte mir nicht allzu große Hoffnungen.
„Nö, Jer hat es angeordnet und er ist der Alpha. Außerdem ist es ohnehin besser für dich, wenn du erst mal hier bleibst, glaub mir". Aber weiter wollte er sich zu dem Thema nicht mehr äußern. Ich war erst satt, als der Teller völlig leer gegessen war, was mich selbst am meisten überraschte. Normalerweise war ich kein guter Esser, aber ich hatte ja auch vier Tage nichts gehabt. Ruakin nahm das Tablett wieder mit nach oben und verschwand. Obwohl ich fast vier Tage bewusstlos gewesen war, war ich jetzt satt und müde. Ich legte mich auf die Pritsche und schwor mir vor dem Einschlafen, dass ich morgen etwas gegen diese Situation unternehmen würde.
