3. Sally Donavan in den Wahnsinn treiben
John hatte kein Mitleid mit Sally Donavan.
Er hatte sie von Anfang an nicht gemocht, instinktiv. Ihre Art Sherlock von Kopf bis Fuß zu mustern und dann zu rufen: „Der Freak ist hier." Aber das war der erste Tag gewesen und er hatte eigentlich abwechselnd gedacht: Was tue ich hier? Und: Oh, mein Gott, was tue ich hier! Er hatte keinen Platz in seinem Kopf übrig gehabt, um Donavan zu bemitleiden, weil Sherlock auf ihrer Affäre und auf ihren sekuellen Gewohnheiten herumtrampelte.
Dann hatte sie ihn zur Hauptstraße humpeln lassen. Hatte Sherlock in seinem eigenen Wohnzimmer beschimpft und hatte ihn wieder von oben bis unten gemustert, als Sherlock gerade einem Serienkiller entkommen war und er, John, eben diesen Serienkiller erschossen hatte. Natürlich wusste Sally Donavan nur die Hälfte davon und natürlich standen sie am Schauplatz eines Mordes und kicherten wie Schulmädchen, trotzdem fand John, dass es unhöflich war etwas so angeeckelt zu betrachten, was nicht mindestens acht Beine hatte.
John hatte kein Mitleid mit Sally Donavan, weil Sally Donavan immer anfing.
Das war kindisch und idiotisch und als erwachsene Leute sollten sie sich gegenseitig ignorieren, aber wenn John an Sherlocks Stelle wäre, er wäre schon längst ausgerastet. Er war Ex-Soldat, er hatte PTSD, er hatte eine Entschuldigung. Er würde sie anschreien, bis ihr das herablassende Lächeln aus dem Gesicht fiel, er könnte ihr ein Bein stellen, wenn sie wiedermal so nah an Sherlock verbeiging, als stände dort überhaupt niemand, er könnte sie auf die Leiche schubbsen, wenn sie Sherlock wiedermal unterbrach, als würde garniemand sprechen.
Aber Sherlock tat gar nichts. Er sah sie nicht an, er ging ihr nicht aus dem Weg, er hörte nicht auf zu reden. Er beleidigte Anderson, bis Sally rote Wangen hatte und ihre Fäuste ballte.
Und als sie aus dem Hotel mit den drei verbrannte Leichen traten und Sally Donavan gegen Sherlock stieß und sehr laut und sehr deutlich sagte: ,,Verschwinde Freak, du bist gerade so nützlich wie ein Blinddarm." Warf Sherlock einen Blick auf Sergant Vertengo und grinste sie an. Sally schnaufte und stapfte davon.
„Wieso beleidigst du sie nie?", fragte John. „Du beleidigst jeden, bloß sie nicht."
„Sie wirkt beleidigt", sagte Sherlock. „Oh, Anderson, schöne Socken."
Anderson lies fast den Leichensack fallen und von der Häuserecke hörte man einen wütenden Schrei und einen Tritt gegen die Mülltonne.
John hatte kein Mitleid mit Sally Donavan, nicht mal ein klizekleines Bisschen.
