Kapitel 3 (Kummerkastentante Isabelle)

Kai PoV

Idiotischer Chinese. Ich, ausgerechnet ich, Kai Hiwatari soll eine Freundin haben ? Mädchen haben mich noch nie interessiert. Ich lebe nur für das Bladen, was soll ich da mit einer lästigen Freundin, die mich nur mag, weil ich berühmt bin ! So ein Schwachsinn.

Wütend schaue ich wieder zu Ray. Doch augenblicklich verändert sich meine Miene. Was hat der denn ? Ray steht am Fenster und schaut traurig auf den Wald. Gedankenverloren ruht seine Hand auf einer Stelle auf seinem Hals. Mit unendlich traurigen Augen ruhen seine Blicke an einem Berg.

Diese Augen. Ja, die haben mich schon fasziniert als ich ihn das erste mal gesehen habe. Wie kann ein Mensch eine solch ungewöhnliche Farbe haben ? Gut, auch ich werde oft auf diese angesprochen, aber eigentlich mache ich mir nicht viel draus. Was soll ich mit einem hübschen Gesicht, wenn ich nur bladen will ? Aber bei Ray ist es etwas anderes. Diese Augen sind außergewöhnlich. Beim Kämpfen scheinen sie alles sehen zu können, sie nehmen ihr ganzes Umfeld wahr und sind so ihrem Gegner immer einen Schritt voraus. Das ist ein unbeschreiblich guter Vorteil für Ray. Aber das ist nicht alles. Diese Augen, die mich so oft mustern, verwirren mich, und ich weiß nicht mal warum. Alles habe ich schon gesehen: ein überraschtes Weiten, wenn er etwas ungewöhnliches sieht, ein unternehmungslustiges Funkeln, wenn wir etwas neues ausprobieren, ein trauriger Schleier, wenn er einen Kampf verloren hat, ein freudiges Glitzern, wenn er einen gewonnen hat, ein hoffnungsvoller Schimmer, wenn ich ihn lobe, ein wütendes Blitzen, wenn er sich aufregt und ein eigenartiges Leuchten, wenn er mich mustert...

Normal PoV

Plötzlich dreht sich Ray ruckartig um. Mit schnellen Schritten verlässt er das Zimmer, ohne Kai eines Blickes zu würdigen.
Dieser schaut Ray überrascht hinterher. Dann aber wendet er sich wieder dem Fenster zu, stellt die Musik leiser, verschränkt die Arme hinter dem Kopf und schließt die Augen. Ray aber geht zügig aus dem Hotel.
Er setzt sich auf eine Bank, die ca. 200m vor dem Hotel steht.
Plötzlich nähert sich eine Gestalt.
Ein hübsches Mädchen mit nachtblauen Augen setzt sich neben ihn. "Hey Ray, wie geht's ?" fragt sie ihn, der den Kopf in den Händen vergraben hatte.
Überrascht schaut er auf und guckt Isabelle verblüfft in die Augen. Schon hat er sich wieder gefasst, dreht sich verlegen nach vorne und murmelt ein unverständliches "Hi Isabelle".
"Was hast du denn Ray ? Bist du traurig ? Du guckst so niedergeschlagen !" fragt Isabelle mit leiser Stimme.
"Ich.. Es ist wegen Kai. Ich, ach, ich werd aus dem Typen nicht schlau. Ich habe ihn nur gefragt, ob er eine Freundin hat, da ist er total ausgerastet und so.. Kannst du dir das vorstellen ?" sagt Ray.
"Und, hat er ?" entgegnet Isabelle mit aufgeregter Stimme.
"Was, eh, ich weiß nicht, wieso ?" erwidert Ray überrascht, wegen Isabelles eigenartiger Reaktion. "Sag mal, stehst du etwa auf ihn ?" hakt Ray mit angespannter Stimme nach, während er ein wenig von dem Mädchen wegrückt.
"Ich ! Ach quatsch, obwohl er gut aussieht, aber ich meine, ich steh nicht so auf.. Auf solche schweigsamen Leute, verstehst du ?" redet sie sich überrascht aus der Affäre, wendet sich aber trotzdem verlegen von Ray weg. Dieser scheint das aber nicht zu bemerken, zu sehr ist er in seinen eigenen Gedanken versunken.
"Achso, na dann" murmelt er nachdenklich. "Kai ist echt ein Idiot. Er ist einfach so ausgerastet, wegen so einer einfachen Frage.." nimmt er dann nach zwei stillen Minuten das Gespräch wieder auf.
"Soso, meintest du nicht, er sei egoistisch und du würdest ihn gar nicht so besorgt um euch kennen ?" grinst Isabelle.
"Stimmt, das hab ich gesagt." Erwidert Ray, während sich schon wieder ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen bildet. "Weißt du, ich wollte einfach mal ein bisschen über ihn erfahren. Er ist so still. Max oder Tyson kenne ich schon total gut, aber über Kai weiß ich so gut wie nichts. Ich meine, wir vier sind ein Team. Er kann total nett sein, aber meistens ist er total kühl. Okay, das ist Kai, ich weiß schon. Irgendwie ist es ja auch cool, ich meine, ich würde auch gerne mal so kalt sein können, oder meine Gefühle so gut verstecken können. Aber zu Kai gehört das einfach. Ich kann mir gar nicht vorstellen, ihm mal kumpelhaft auf die Schulter zu klopfen. Da hab ich viel zu viel Respekt vor ihm. Auch Tyson und Max machen nicht so viel Blödsinn wenn er dabei ist. Er ist halt so ein Vorbild für uns alle, verstehst du. Das ist auch okay so, er ist unser Teamchef und er hat keine Probleme die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken oder uns zum Gehorchen zu zwingen. Das ist echt gut so. Trotzdem ist es nicht schlimm, wenn wir ein bisschen über ihn wissen, oder ?" sprudelt es plötzlich aus ihm.
"Nein, das ist wohl nicht schlimm.. Aber du kannst das nicht erwarten. Wie du gesagt hast, Kai ist einfach kühl. Indem er so ist, verschafft er sich Respekt. Ich glaube, er kann das gar nicht. Ich meine, einfach so aus seinem Leben plaudern. Schließlich hat er nur ein paar Freunde, und die sind genauso wie er. Gebt ihm doch noch Zeit, löchert ihn nicht mit persönlichen Fragen. Kai ist nicht der Typ dazu, einfach aus dem Nähkästchen zu quatschen. Außerdem macht er sich nicht soviel aus Freunden. Lasst ihm seine Welt. Bestimmt werdet ihr mal mehr über ihn erfahren, aber jetzt ist es doch ganz gut so, das er so kühl ist. Damit verschafft er sich euch gegenüber Respekt, ihr seht ihn als Vorbild und gehorcht ihm, weil ihr wisst, dass es nichts bringt ihm zu widersprechen." erwidert Isabelle nachdenklich.
Ray schaut sie überrascht an.
Dann nickt er. "Ja du hast Recht, du scheinst Kai gut zu verstehen. Woher weißt du soviel über ihn ?" fragt er sie.
Errötend senkt Isabelle den Blick. "Ach, von meinen Klassenkameraden, du weißt schon..." murmelt sie.
"Apropos, wie bist du eigentlich hierher gekommen ?" fragt Ray sie plötzlich interessiert.
"Ach, unser Hotel ist nur 2 km von hier entfernt. Ich war in einer Viertelstunde hier." antwortet Isabelle, erleichtert über den Themawechsel.
"Und ich muss jetzt auch los", ruft sie plötzlich mit einem erschrockenen Blick zur Uhr, springt auf, will grade losrennen, als sie sich besinnt und noch mal zu Ray läuft, der sie leicht überrascht angestarrt hatte.
"Tschüss, Ray, ich komme bald mal wieder. War schön dich mal wieder zu sehen" sagt sie und lächelt ihn an.
"Ja, das finde ich auch.. Und... Danke für alles.. Isa..." erwidert Ray ebenfalls lächelnd.
Überrascht schaut Isabelle Ray an. Dann grinst sie, dreht sich um und rennt in Richtung Wald davon.
Ray schaut ihr kurz hinterher, dreht sich dann ebenfalls um und erstarrt...