Kapitel 3: Anima

Ligusterweg 4, Little Whinging, Surrey, 28. April 1990

Petunia und Vernon Dursley sind stolz darauf ganz gewöhnliche Leute zu sein. Zusammen mit ihrem wohlerzogenen Sohn Dudley – ein Ebenbild seines Vaters - wohnen sie in der hübschen Kleinstadt namens Little Whinging in Surrey nahe der Metropole London im ewig verregneten England. Es ist der perfekte Ort für eine perfekte kleine Familie wie sie es sind. Die Leute lächeln die ganze Zeit und niemand will jemanden anderen etwas Böses. Die Kinder spielen auf den Straßen oder dem nahegelegenen Spielplatz unbefangen miteinander bis es dämmert und sie heimkehren zum Abendbrot mit ihren Familien. Jedes Haus sieht absolut gleich aus, keiner tanzt hier aus der Reihe. Nur die Gärten sind jedem ein Heiligtum und werden deswegen liebevoll gehegt und gepflegt. Petunia ist sehr schlank (man könnte auch dürr sagen) und ihr überlanger Hals macht sich besonders gut, um über den Zaun ihrer Nachbarn rüber zu schielen und hochnäsig die Nase zu rümpfen ob des dort herrschenden Wildwuchses. Denn sie ist besonders stolz auf ihren grünen Daumen, denn letztes Jahr erst hat sie den Preis für den schönsten Garten der Nachbarschaft gewonnen. Als Hausfrau hat sie leider nie so viel Zeit für dieses arbeitsintensive Hobby, denn ihre Familie braucht ihre vollste Unterstützung und der Haushalt macht sich ja leider auch nicht von allein. Ihr geliebter Ehemann Vernon Dursley ist ein imposant breiter Mann mit einem kräftigen, schwarzen Schnurrbart und kleinen wässrigen Schweinsäuglein. Er arbeitet bei der angesehenen Firma Grunnings, die Bohrmaschinen herstellt und nur dank seiner selbstlosen Aufopferung seit einem Jahr wieder schwarze Zahlen schreibt. Dudley – von ebenso mächtiger Statur wie sein Vater, nur in Blond - hat jede Menge Freunde in der Umgebung, mit denen er sich immer zusammen zum Toben trifft und in der Schule schreibt er immer nur die besten Noten. Alles könnte so perfekt sein – wäre da nicht er.

Harry Potter. Der Sohn von Petunias verhasster Schwester Lily. Ihr Neffe. Der Freak.

Oh wie Petunia ihn hasst. Er hatte ihre Augen. Lilys verdammten Augen. Grün wie Smaragde leuchten sie in seinem ausgemergelten, bleichen Gesicht und Petunias Magen verkrampft sich immer in schmerzhafter Weise, wenn sich diese Augen auf sie richten. Denn dann sieht sie, dass sie Lilys so unglaublich ähnlichsehen und doch so unterschiedlich wie Tag und Nacht sind. Denn in den Augen des Freaks wohnt eine tiefe Melancholie und Verletzlichkeit, die nie in den ihrer Schwester zu finden gewesen war. Nein, ihre Augen hatten vor Schalk und Lebensfreude gefunkelt. Die des Freaks sind stumpf und leer. Und doch richten sie sich jedes Mal voll wilder, verzweifelter Hoffnung auf Petunia, wenn sie ihn nach einem langen Tag voller Aufgaben und keinem Stück zu Essen in seinen Schrank unter der Treppe sperrt. Sie hasst diesen Blick und ihre Antwort ist immer nur ein wortloses Zusammenkneifen ihrer blutleeren Lippen. Denn mit dem Blick kommt das ungute Gefühl in ihrer Brust zurück (Schuld, wispert es in ihrem Kopf) und dieses Gefühl ist nicht normal. Also darf es nicht existieren in dieser kleinen, perfekten Welt namens Ligusterweg 4. Sie sind schließlich alle hier im höchsten Male normal und das ist auch gut so. Freaks (sie haben Magie, korrigiert sie die hämische Stimme in ihrem Kopf – nein, sie hört nicht hin) gehören nicht hier her. Sie zerstören alles. Immer zerstören sie Petunias Leben, denkt sie sich verbittert. Und sie hasst ihren Neffen dafür, denn ohne ihn würde alles so wunderschön normal sein. So wie sie es sich schon immer gewünscht hat.

„Steh auf, Freak! Vernon und Dudley brauchen ihr Frühstück!", krächzt sie verbittert und hämmert erbarmungslos an die Schranktür unter der Treppe. Ohne auf die müde Antwort aus ihrem Inneren zu warten, entriegelt sie die Tür und eilt wieder zurück in die Küche.

Harry weiß, dass er kein normales Kind ist. Schon früh hat er diese Lektion im Leben gelehrt bekommen und tief verinnerlicht. Er ist ein Freak. Sein Name war sogar bis er in die Schule kam Freak. Erst dann hat seine Tante ihm gesagt, dass er einen richtigen Namen hat wie die anderen Kinder auch. Harry Potter. Hm, nicht das er sich beschweren möchte, dass es nicht mehr Freak (oder auch wahlweise Junge, je nach Stimmung seines Onkels) heißt, aber irgendwie hatte er sich ihn anders vorgestellt. Nicht pompöser oder pathetischer, sondern nur nicht so…Argh, er kann es bislang immer noch nicht beschreiben, doch immer hat er das Gefühl, als ob Harry Potter nicht sein wahrhaftiger Name ist. Es schmeckt sauer auf seiner Zunge, wenn er ihn ausspricht. Aber, hey was soll man machen. Es ist wie es ist.

Und es ist die Hölle. Denn Harry weiß ganz genau was für grausige Schattengestalten, geboren aus den dunkelsten Albträumen unter der blitzblanken, betulichen Fassade seiner Familie lauern und nur darauf warten, dass er den kleinsten Fehler begeht, eine der vielen ungesagten Regeln bricht oder auch nur zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Und vor ihnen gibt es kein Entkommen. Nur in seinem Schrank fühlt er sich halbwegs sicher. Denn da kommt nie jemand rein. Nur er ganz allein. Es ist sein Reich. Da ist er der König. Ha, wie witzig – ein König des Staubs und der Spinnen. Gab es vorher bestimmt so noch nie.

Harry lebt gemeinsam mit seinem Onkel Vernon und seiner Tante Petunia sowie seinem Cousin Dudley in der wohl ödesten, ordinärsten Kleinstadt der ganzen Welt: Little Whinging. Um genau zu sein im Ligusterweg 4, aber das ist für Fremde eigentlich egal zu wissen, denn jedes Haus sieht hier absolut gleich aus. Harry findet es äußerst unpraktisch, dass man sich dadurch so schnell verläuft. Denn das bedeutet das er weniger Zeit für seine Aufgaben hat, die Tante Petunia ihm gibt und das wiederrum hat zur Folge, dass er sie nicht schafft. Und das läuft fast immer auf eine Backpfeife und eine Nacht ohne Abendbrot im Schrank hinaus. Aber andererseits muss man es auch so sehen: es ist schon ganz praktisch eigentlich, denn es erspart einem viel wertvolle Zeit bei der Besichtigung. Nicht, dass man hier was zu sehen hätte. Aber es geht ja um das Prinzip. Optimistisch bleiben, sonst geht man hier ein wie der von Harry in Topform gebrachte Rasen wenn Tante Petunia sich am Gärtnern versucht.

Seine Tante ist immer daheim, denn sie ist Hausfrau. Sie ist angeblich die Schwester seiner Mutter, aber irgendwie kann sich Harry das nicht so richtig vorstellen. Geschwister sind sich doch meistens irgendwie von der Art und auch vom Aussehen her ähnlich. Man betrachte zum Beispiel die gefühlt zwanzigköpfige Gruppe von Rotköpfen die er mal am ersten September vorigen Jahres auf dem Bahnhof von Kings Cross gesehen hatte, als er seine Tante begleiten musste, als sie Dudley und Onkel Vernon von einem Besuch bei Tante Marge abgeholt hat. Und wenn sich Geschwister so ähnlich sind, dann würde das doch auch bedeuten, dass seine Mutter so war wie seine Tante! Das kann und will er sich nicht mal ausmalen. Ihhh. Nein, sie muss wunderschön gewesen sein. Egal was Tante Petunia sagt, sie war bestimmt keine Drogensüchtige oder Hure (so ganz genau versteht Harry nicht, was das ist, aber er hat genug gehört um zu wissen, dass es nicht wahr sein kann). Und hat ihn bestimmt auch nie angeschrien oder ihm eins mit der Bratpfanne übergezogen, wenn er zu langsam war. Nein. Denn in der dunkelsten Stunde der Nacht, wenn alles total Still ist, kann er ihre sanfte Stimme hören und zarte Finger auf seinen Wangen zu spüren. Und ihr Geruch umgibt ihn. Nach Zimt und Holunder riecht sie. An all das kann er sich erinnern und es wärmt sein kaltes Inneres etwas. Aber nie erinnert er sich an ihr Gesicht. Und das bläst die wenige Wärme, die seine Erinnerungen ihm bieten können weg wie eine kalte Böe und die Welt wird wieder eisig.

„Steh auf, Freak! Vernon und Dudley brauchen ihr Frühstück!", reißt ein gebellter Befehl Harry aus seinen im Halbschlaf umherhüpfenden Gedanken.

„Komme sofort, Tante Petunia!", ruft er als Antwort und reibt sich gähnend den Schlaf aus den Augen. Am Rande vernimmt er das bekannte Scharren der Verriegelung, die zurückgezogen wird und ihn wieder aus seinem Gefängnis in die Freiheit hinaus entlässt. Pfff, Freiheit. Als ob er jemals frei sein könnte.

Seufzend zieht er sich die alten, ausgeleierten Sachen an, die einstmals seinem Cousin gehört haben müssen, denn sie sind ihm bestimmt fünf Nummer zu groß. Naja, sonderlich wohl genährt ist Harry ja auch nicht. Im Gegensatz zu Walross und Schweinchen, denen er jetzt gleich noch eine ordentliche Kalorienbombe in der Pfanne zaubern wird. Im Stillen hofft Harry, dass er heute mal ein Stückchen Speck abbekommt. Er kann sich kaum erinnern, wann er das letzte Mal welchen hatte. Dieses Jahr noch nicht.

„Freak! Komm jetzt oder es setzt was!", unterbricht die keifende Stimme seiner Tante seinen inneren Monolog und hastig stopft er sich das Zuviel an Stoff in seine ebenfalls zu große Hose.

„Komme, Tante Petunia!"

Nur auf Socken rennt er durch den Flur und bremst erst ab, als er in Tante Petunias wütend verzogenes Gesicht blickt. Mit zusammengekniffenen Lippen starrt sie ihn für einige Sekunden bloß an, während Harry auf Anweisungen wartet. Was soll er dieses Mal kochen? Rührei mit Speck und gebratenen Tomaten? Oder doch Spiegelei auf Toast mit Bohnen? Oder…?

„Mach dasselbe wie gestern. Und lass dieses Mal nicht den Speck anbrennen, wertloser Bengel! Und für jeden von uns ein Glas frisch gepressten Orangensaft! Verstanden?"

Eifrig nickt Harry und lässt lautlos die Luft entweichen, die er angehalten hatte, als sich seine Tante mit dem Rücken zu ihm an den Küchentisch setzt und eine dieser sinnfreien Klatschzeitschriften auf der makellos sauberen und faltenfrei gebügelten Blümchendecke ausbreitet. Heute keine Maulschelle für Fehler, die er nicht begangen hat. Was konnte er denn dafür, dass Dudley sich genau im falschen Moment entschieden hat, ein Arsch zu sein und ihn so lange zu prügeln, bis der Speck ganz schwarz geworden war? Dachte Tante Petunia, er hätte sich das ausgesucht, genau in diesem Augenblick den Boxsack seines Cousins zu mimen? Es war verdammt nochmal nicht seine Schuld gewesen! Und es hatte auch verdammt weh getan, die blauen Flecke waren erst so richtig schön über Nacht erblüht, wie er nun feststellt, als er in die Knie geht um mehrere große Pfannen aus dem Schrank unter der Spüle zu holen. Aber nein, denkt sich Harry sarkastisch, Dudley kann es nicht gewesen sein. Es ist niemals seine Schuld. Er ist doch unser kleiner, blonder Engel auf Erden. Die Unschuld in Persona. Bei dem Gedanken von seinem übergewichtigen, rotgesichtigen Cousin in seinem weißen Tütü und Rosen im Haar, muss er unwillkürlich kichern, versteckt es aber gekonnt hinter einem Hüsteln. Seine Tante blickt nicht mal auf von ihrem Heftchen. Lass dich niemals erwischen, dass ist seine Lebensdevise seitdem er denken kann. Und es hat bisher mehr oder weniger gut funktioniert.

„Wo bleibt das Essen, Mama? Ich habe so sehr Hunger!", ertönt eine zu einem hohen Jammern verstellte Stimme und Harry verleiert stumm die Augen ohne sich umzudrehen. Ach wie er doch seinen Cousin vermisst hat.

„Mach hin Junge! Dudley braucht seine ganze Kraft für dieses Tag!", kommt es Sekundenbruchteile später von Tante Petunia gekeift und er bemüht sich redlichst zu gehorchen. Wieso hilft sie ihm denn nicht, wenn es schneller gehen muss?

„Wieso Mami? Was ist heute so besonderes geplant? Gehen wir in diese neue Autoshow, die sie im Fernsehen angekündigt haben? Oh, bitte bitte bitte!"

Wie erbärmlich, denkt sich Harry, sagt aber nichts und verteilt dampfende Eihaufen auf zwei Tellern und platziert massenweise Speck daneben, sodass alles in einer ekelerregenden Soße aus Fett und noch mehr Fett schwimmt. Es ist kaum noch Platz für die fünf Toastscheiben, die sein Cousin jeden Morgen verdrückt. Von den Acht für Onkel Vernon ganz zu schweigen. Vielleicht ereilt einen von beiden bald ein Herzinfarkt. Aber bei seinem Glück…wohl eher nicht.

„Steh nicht da und glotz in der Gegend rum!", reißt ihn erneut die giftige Stimme von seiner Tante aus seiner Gedankenwelt. Müde schüttelt er den Kopf und stellt schnell das Essen auf den Tisch, bevor Onkel Vernon noch auf die Idee kommt, dass er dafür eine Strafe verdient hätte. Er hat schon so genug blaue Flecken und Kratzer, vielen Dank.

Ohne ein Wort des Danks beginnen Dudley und Vernon die Berge an Essen in sich hineinzuschaufeln, während Petunia nur eine Grapefruit isst und etwas Kaffee dazu trinkt. Irgendwie geknickt ohne recht zu wissen warum (warum sollte sie ihn auch danken, er hatte ja nichts für sie getan – Achtung Sarkasmus!), geht er auf leisen Sohlen zurück zur Spüle und beginnt, die Pfannen zu säubern und zu trocknen. Hinter ihm schnattert die Familie sorglos miteinander und Gelächter weht zu Harry hinüber. Für einen Augenblick verkrampfen sich seine raugeschrubbten Hände um die Pfanne, nur um dann mit neuem Elan und aller Kraft weiter zu scheuern.

Zum wiederholten Male fragt er sich, warum seine Familie ihn hasst. Es wäre alles nur halb so schlimm und viel besser zu ertragen, wenn er nur wüsste, was ihn so sehr anders als Dudley machte. Ihn konnten Tante Petunia und Onkel Vernon lieben. Er ist ja auch ihr eigen Fleisch und Blut, ihr Sohn. Aber warum dann Harry nicht? Er hat doch alles versucht! Er war immer brav gewesen, immer getan was ihm aufgetragen wurde ohne Worte des Widerspruchs und hatte auch sehr gute Noten in der Schule, bis ihm seine Tante und sein Onkel verbaten, besser als Dudley zu sein. Nicht, dass das eine Kunst wäre, aber trotzdem…Er verstand es einfach nicht.

Warum? Nur wegen diesen komischen Dingen, die immer in seiner Nähe zu geschehen schienen? Dafür konnte er doch nichts! Es war nicht so, als ob er zum Beispiel gewollt hatte, dass sich die Haare seiner Lehrerin blau gefärbt hatten, als sie ihn wegen einer Sache ausschimpfte, die Dudley und seine Gang ihm in die Schuhe geschoben hatten. Oder dass er mit einem Mal auf dem Dach der Schule gestanden hatte, als er eben noch vor seinem Cousin und seinen Freunden geflohen war, als sie „Harry Jagd" spielten. Oder dass seine Haare einfach über Nacht wieder nachgewachsen waren, als ihm seine Tante aus Frustration über seine nicht zu bändigenden Strähnen eben diese abgeschert hatte. Das waren alles Dinge, die er nicht erklären konnte, aber er war sich jedes Mal ganz sicher und hat es auch immer wieder beteuert: er hat das nie mit Absicht gemacht! Ehrlich. Aber niemand glaubte ihm. Die ganze Nachbarschaft wusste von Petunia, was für ein stehlender, frecher Lügner er doch war und die anderen Kinder hatten Angst vor Dudley, denn sein Wort war auf dem Schulhof oder Spielplatz Gesetz. Und wenn er sagte, dass niemand mit Harry Freunde sein soll, dann war das so. Punkt.

Ein lautloser Seufzer entweicht Harry. Es hat keinen Sinn sich Hoffnungen zu machen, dass seine Familie ihn eines Tages doch noch lieben würde. Er wusste es. Aber die Hoffnung wollte einfach nicht sterben, ganz gleich wie oft sie enttäuscht wurde. Das machte es nicht gerade einfacher. Vorsichtig linst er über seine Schulter und sein Gesicht verdüstert sich, als er sieht wie Vernon Dudley väterlich auf seine Schulter klopft. An seinen Vater kann Harry sich gar kein bisschen Erinnern. Nicht eine Silbe, nicht ein Geruch. Nichts. Aber er kann kein arbeitsloser Alkoholiker gewesen sein, der sich und seine Frau in einem Unfall ums Leben gebracht hat, oder? Er weigert sich das zu glauben! Es ist nie etwas war, was seine Tante ihm erzählt. Oder?

„Freak! Räum den Tisch ab, wir wollen los!"

Mit gesenkten Kopf ohne den anderen in die Augen zu blicken eilt er zum Tisch und beginnt geübt die Teller übereinander zu stapeln, sodass er möglichst viel gleichzeitig tragen kann. Wortlos fängt er an das Geschirr abzuwaschen. Sieht wieder nach keinem Frühstück für ihn aus. Er hat seit gestern früh nicht mehr gegessen und sein Magen gibt seine Unzufriedenheit mit dieser Situation durch lautstarkes Grummeln zu Kenntnis. Nichts Neues. Erstaunt lässt er fast eine Tasse fallen, als sich seine Tante neben ihn stellt und nach einem weiteren Schwamm greift. Was ist jetzt los? Geht die Welt unter? Ist die Apokalypse, der Tag des Jüngsten Gerichts gekommen? Er kann sein Glück kaum fassen, aber denn noch bleibt Harry auf der Hut. Wer weiß was Tante Petunia nun wieder für ihn geplant hat.

Nachdem der Abwasch erledigt ist, stellt sich Harry auf seinen Platz neben der Wohnzimmertür und wartet stumm auf weitere Anweisungen. Je weniger er auffällt, je leiser und unsichtbarer er ist, desto besser. Diese Lektion war hart zu lernen gewesen, aber sie hatte sich bezahlt gemacht.

„Junge!" Hm, zu mindestens manchmal.

„Ja, Onkel Vernon?", fragt Harry leise und zuckt zusammen, als sich eine schweißige Hand um seinen dürren Oberarm schließt.

„Wir fahren nach London. Du kommst mit", ist alles was sein Onkel in mit vor Wut lilagefärbten Gesicht sagt, bevor er ihn zur Tür schleift.

„Aber meine Arbeiten…", entweicht es Harry bevor dieser seinen vor erstaunen offenstehenden Mund wieder schließen kann.

Tante Petunia und Onkel Vernon haben ihn nie irgendwo hin mitgenommen! Freaks verdienen es nicht. Und er hat noch so viel zu tun, weil er gestern einfach zu langsam war. Ist ja auch wenig verwunderlich, wenn man stundenlang bei voller Sonne im Hochsommer im Garten arbeitet und nichts zu trinken bekommt. Wenn sich die Welt dreht und man ständig das Gefühl hat, sich übergeben zu müssen, schafft man nicht so viel. Logisch, oder? Aber erklär das mal Tante Petunia. Viel Erfolg dabei.

Klatsch!

Mit zusammengebissenen Zähnen steht Harry da und versucht nicht die schmerzende Wange mit einer Hand zu massieren. Seine nutzlos an den Seiten herabhängende Hände ballen sich hilflos zu Fäusten. Es tut weh. Seine Augen tränen. Doch er verbietet sich zu weinen. Diese Befriedigung gönnt er Onkel Vernon nicht. Er wird nicht mehr weinen. Nicht weinen. Er beißt sich auf die Lippen, sich an sein Mantra erinnernd, als sein Kopf grob an den Haaren hochgezerrt wird und er sich plötzlich mit Vernon von Angesicht zu Angesicht befindet.

„Wage es nicht mich in Frage zu stellen, Bursche! Sei froh das du mitkommen darfst. Du undankbares Drecksbalg! Wir haben dich aufgenommen aus purer Barmherzigkeit, dir Essen und Trinken gegeben, dich unter unserem Dach wohnen lassen. Und so dankst du es uns?!", zischt dieser wutentbrannt und Spucke fliegt aus seinem Mund in Harrys Gesicht.

Wenn das Barmherzigkeit ist, was ist erst Hartherzigkeit für Onkel Vernon? Das möchte Harry sich lieber nicht vorstellen. Ohne das Gesicht vor Ekel zu verziehen senkt dieser seinen Blick und murmelt:

„Es tut mir leid Onkel Vernon. Ich bin überausdankbar, dass ihr mich aufgenommen habt. Ich weiß gar nicht, wie ich euch das jemals wieder zurückgeben kann. Ich schwöre, ich werde brav sein."

„Das wirst du sein, oder sonst…Du weißt was sonst kommt, nicht war Freak?"

Ein Schauder läuft über Harry und er muss schlucken. Seine Zunge scheint völlig ausgedorrt zu sein, als er fast nicht hörbar antwortet:

„Ja Onkel Vernon. Ich werde brav sein. Aber nicht den Gürtel, bitte. Ich werde brav sein. Ich verspreche es. Aber nicht…bitte nicht den Gürtel."

Harry wurde oft schon bestraft für kleinere und größere Dinge die er öfter nicht als wirklich getan hatte. Inzwischen wurde er so häufig in seinem Schrank eingeschlossen und hatte so oft kein Essen bekommen, dass sich dieser Zustand langsam nicht mehr wie eine Strafe anfühlte, sondern der Normalzustand war. Auch Prügel, Tritte oder Backpfeifen waren nichts Neues mehr, auch wenn Harry sie (es war zwecklos, er wusste es) zu vermeiden versuchte. Beschimpfungen hörte er schon gar nicht mehr, selbst wenn sie ihm ins Gesicht geschrien wurden. Harry weiß ganz genau, dass es nicht üblich in Familie ist ihre Kinder so zu behandeln. Denn er hört sehr genau zu, wenn die anderen Kinder sich auf dem Pausenhof unterhalten. Und deswegen hat er Ende des letzten Schuljahres seinen ganzen Mut zusammengenommen und ist zu einer Lehrerin, Miss Hill, gegangen. Und hat ihr alles erzählt. Ohne Lügen und Halbwahrheiten, ohne zu Beschönigen oder zu verschleiern, nur die reine, hässliche Wahrheit.

Er hätte es wissen müssen, dass auch sie die Gerüchte über ihn gehört haben muss, die seine Tante und sein Cousin so meisterhaft streuten. Und er hätte wissen müssen, dass sie ihm nicht glaubte. Aber das Einzige, was er wusste als der Brief aus der Schule kam war, dass er dieses Mal in richtig tiefen Schwierigkeiten steckte. Denn so einen Ausdruck des puren Hasses und der Raserei hatte er noch nie auf dem Gesicht seines Onkels gesehen. Erst nachdem Harry von seinem Onkel der Rücken mit dem Gürtel zerfetzt wurden war, hatte er erfahren, was in den Brief gestanden hatte. Miss Hill hatte ihm in dem Brief genau geschildert, was Harry ihr erzählt hatte und Vernon und Petunia gebeten, ihm zu sagen, dass man nicht Lügen und Respekt vor seinen Eltern haben soll. Das solche Taten, wie Harry sie die Dursleys bezichtig hatte, hier in Little Whinging nie und nimmer vorkommen könnten. Sie sollten über die Erziehung ihres Neffen nachdenken. Dies war Harry eine Lehre gewesen, dass man Erwachsenen nie Vertrauen darf. Niemand glaubt dir die Wahrheit, wenn er mit der bequemen Lüge leben kann. So einfach war es.

„Gut. Komm, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit", schnappt sein Onkel und zerrt ihn mitleidslos zum Auto.

Als er sich müde und hungrig neben Dudley auf den Rücksitz quetscht, gekonnt den kneifenden Fingern seines Cousins ausweichend spielt unbemerkt ein kleines Lächeln um seine Mundwinkel und zum ersten Mal seit langen Jahren schleicht sich wieder Leben in die smaragdgrünen Augen. Es geht nach London!

Nahe Camden Square Garden, London, 28. April 1990

Harrys große Augen schießen hin und her, um möglichst viel von dem Trubel um ihn herum mitzubekommen. Es ist alles so neu, so bunt, so schnell, so…anders als Little Whinging eben. Er spürt sein Herz ihm bis zum Hals klopfen, als er den Dursleys in einigen Metern Abstand durch die hin- und herwogenden Menschenmassen folgt.

„Mama, ich habe Hunger! Ich will Fish and Chips!", ertönt Dudleys hohes Jammern über das stetige Sprachwirrwarr und Harry muss ein Seufzen unterdrücken, als sein Magen synchron zu der Aussage zu Knurren anfängt. Er seufzt echt zu viel in letzter Zeit.

Da sieht er etwas strahlend Weißes aus seinem Augenwinkel aufblitzen und sofort sind seine Sorgen vergessen. Nach einem kurzen Blick zu seiner Familie – sie haben nicht mal bemerkt, dass er nicht mehr hinter ihnen ist – und Harry gibt seiner tief in ihm verwurzelten Neugier einmal nach. Und lässt er sich einige Schritte zurückfallen.

Da! Da ist es schon wieder! Hastig schiebt er sich durch die Menge in die Richtung, in der er das mysteriöse weiße Etwas gesehen hatte. Beim zweiten Mal hat es fast wie ein Vogel ausgesehen. Eine Taube? Nein, dort! Eine…Eule?! Was zu Hölle? Was macht eine Eule hier mitten am helllichten Tag in Londons Innenstadt?! Uh, da fliegt sie! Abenteuerlust packt Harry und ohne großartig über die schweren Konsequenzen denkend, die bald daraus erwachsen werden, sprintet er hinter der Eule hinterher, sich geschickt durch Lücken zwischen den Leuten schlängelnd, unbemerkt als wäre er ein Schatten. Autos hupen, als er sie knapp verfehlt, doch seine Augen bleiben auf dem Vogel wie festgeklebt haften. Hat die da was am Bein hängen? Er kann jetzt nicht mehr umkehren, denn irgendwie spürt er, dass er der Eule folgen muss. Immer weiter kommt er von den belebten Straßen ab und ist bald in einem menschenleeren, heruntergekommenen Wohngebiet gelandet, in dem sich rot-graue Backsteinhäuser monoton aneinanderreihen.

Und mit einem Mal ist die weiße Eule verschwunden und der Zauber wie von Geisterhand gebrochen. Hä? Wo ist sie hin? Suchend blickt sich Harry um und seine Augen weiten sich vor Überraschung. Wo…? Urgh, dass ist gar nicht gut. Er konnte nicht verstehen, wo waren…? Und dann begreift er. Panisch schnappen seine Augen umher und er blickt sich wild suchend um. Irgendwas muss er doch erkennen! Ahhhh! Wieso ist er bloß diesem beschissenen Vogelviech gefolgt?! Das würde Ärger geben. So richtigen Ärger. Ein feines Wimmern entweicht seiner Kehle und er muss für einen kurzen Moment die verdächtig feuchten Augen schließen. Nicht weinen. Nur atmen. Ein und aus. Nicht daran denken. Ein und aus. Genauso. Ruhig. Ganz ruhig.

Wesentlich beruhigter und nicht mehr am Rande eines Panikanfalls blickt er sich zum ersten Mal bewusst um. Er steht in einer schmalen Gasse, die durch zwei absolut gleich aussehende Backsteinhäuser flankiert ist. Es ist düster hier und riecht irgendwie modrig. Kritzeleien und Müll zieren die Wände und Straßen, in der Ferne kann er das Hupen von Autos vernehmen. Langsam und ohne es so recht zu bemerken tragen ihn seine Füße immer tiefer in das Gassengewirr hinein. Er hat absolut keinen blassen Schimmer wo er sich befindet. Und doch. Irgendwie kommt ihm das alles hier bekannt vor. Sehr bekannt, als hätte er hier viele Jahre seines Lebens verbracht. Aber wie kann das sein? Er hat Little Whinging so gut wie noch nie bisher verlassen und war ganz bestimmt noch niemals in London gewesen. Geschweige denn in dieser Gegend.

Und dann sieht er es. Grimmauldplatz Nummer 12. Als Sein altes Geburtshaus. Dort wo er aufgewachsen ist. er noch seinen richtigen Namen trug: Regulus Arcturus Black.

Messerscharfer Schmerz breitet sich hinter seiner Stirn aus, dort wo die komische Blitznarbe sitzt, und ein jämmerliches Jaulen entfährt ihm, als er in die Knie sackt, nicht mehr in der Lage sich aufrecht zu halten. Mit zusammengebissenen Zähnen versucht er dem Chaos und Pein in seinem Kopf Herr zu werden. Wer ist er? Harry? Junge? Regulus? Freak? Sein Oberkörper wankt wie ein Grashalm im Wind. Die Farben um ihn herum schienen zu verblassen und Welt wirkt seltsam verzerrt. Tonnenschwer drückt die Luft auf seinen zerbrechlichen Kindekörper und alle Kraft entweicht aus seinen Gliedern. Wie als hätte man die unsichtbaren Fäden durchtrennt, die ihn wie eine Puppe aufrecht hielten, fällt er zu Boden und seine Augenlider schließen sich wie von selbst. Ohrenbetäubende Stille entsteht in seinen Gedanken und nur ein Satz hämmert im Rhythmus zu seinem Puls: Er kann sich erinnern. An alles.