Musiktipp:
One Republic – Counting Stars
youtube: /watch?v=4WgWGcED0JQ
To Turn the Future
Kapitel 2::
Das ganze Ausmaß
Eisige Kälte.
Staubige Luft.
Ein fahler Geschmack auf meiner Zunge.
Mit einem grausam starken Pochen in meinem Kopf kam ich langsam wieder zu Bewusstsein, als ich vorsichtig die Augen aufschlug und ein grelles, blendendes Licht erwartete. Nichts. Dunkelheit breitete sich um mich herum aus und im ersten Moment hatte ich Schwierigkeiten, etwas zu erkennen. „Du meine Güte…"
Erst nach und nach kamen die Erinnerungen wieder. Der Abend mit Linda. Der Film, die Bar. Die Mappe, die ich für Mike mitnehmen sollte. Die Explosion. Dann nichts. Oh Gott! Das Labor musste von der Explosion extrem in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Ruckartig setzte ich mich auf, erwartete ein kleines Feuer, irgendetwas, das mir gehörigen Ärger einbringen würde, stattdessen wurde ich jedoch von gähnender Leere begrüßt. Im wahrsten Sinne des Wortes. „Was zum…". Nichts. Der komplette Raum war total verlassen. Keine Tische, keine Computer, keine Akten. Nur Staub, bröckeliges Gestein und meine Wenigkeit, die auf dem Boden kauerte und komplett ahnungslos war.
Schließlich dämmerte es mir.
Mike. Er selbst hatte mir noch am gleichen Tag davon erzählt, wie eine ähnliche Explosion einem Techniker vor einem Jahr das halbe Gesicht zerfetzt hatte. Meine Reaktion darauf hatte ihn offensichtlich zu einem seiner berühmten Streiche aufgefordert, in die er leider viel zu viel Mühe steckte. Kein Wunder, das alles hier so wahnsinnig überzeugend wirkte. Ein verlassener Nebenraum, vielleicht war zudem in einer der Phiolen Chloroform gewesen…
Wütend stand ich auf, ignorierte meine protestierenden Knochen und klopfte mir den Staub von den Klamotten, bevor ich mein Handy aus der Hosentasche zog und mir meinen Weg zur Tür mit etwas Licht bahnte. „Mike! Das ist nicht lustig! Komm raus, du elender…". Meine Stimme brach ab. Die Tür war verschwunden. Komplett. „Das kann doch nicht wahr sein.", murmelte ich noch eine Spur gereizter und trat zwei Schritte auf dem Gang hinaus, um erneut zu stocken. Seit wann waren aus unserem Labor verlassene Katakomben geworden?! Der Putz war von den Wänden gerissen worden und hässliches, altes Gestein stach mir entgegen, der Boden sah nicht anders aus. Die Steine unter meinen Füßen hatten eine merkwürdige, dunkelgrüne Farbe angenommen und beinahe wäre ich auf dem feuchten Gestein ausgerutscht. Modrige Luft wehte mir entgegen, hustend hielt ich mir einen Ärmel meiner Jacke vor die Nase und verzog angewidert das Gesicht.
Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.
„Hallo?! Mike? Bist du hier irgendwo?"
Keine Antwort. Natürlich. Nicht einmal er würde mich aus einem Spaß heraus an so einen Ort verschleppen. Was also war dann passiert? Diebe? Hatte ich sie bei ihrer Arbeit gestört? Abermals warf ich einen Blick hinter mich in den Raum, in dem ich vor wenigen Minuten aufgewacht war. Keine Chance. Die Entführer hätten mich weder allein ungefesselt zurückgelassen, noch ausgerechnet in einem Raum, der nicht zu verschließen war. Verzweifelt fuhr ich mir mit einer staubbedeckten Hand durch die Haare, sah mich mehrmals um, ohne einen Hinweis darauf, wie ich hier wieder rauskommen könnte.
„Na gut, dann eben so.", redete ich leise auf mich ein, nahm mir mein Smartphone, das kurzzeitig als Taschenlampe fungiert hatte, zur Hand, um die Polizei zu rufen. Und Mike. Und Lin-
Kein Netz. Kein Empfang.
„So ein verdammter Mist! Das kann auch nur mir passieren!"
Verzweifelt sah ich mich erneut um, wieder ein Luftzug, der aus der linken Richtung zu stammen schien. Vielleicht würde ich so hier raus kommen. Langsam setzte ich mich in Bewegung und mit jedem Schritt, den ich tat, wuchs die Panik weiter an. Was war mit mir passiert?
„Endlich!"
Ein Jubelschrei hallte durch den kleinen Kellerraum, in dem ich mich befand. Vor mir tat sich eine Treppe auf, unscheinbar und offenbar auch schon etwas älter… egal. Hauptsache, ich würde hier endlich rauskommen und wieder Tageslicht erblicken. Nie wieder tropfende, glitschige Steine, die mich immer und immer wieder zu Fall gebracht hatten. Nie mehr das panische, bedrängende Gefühl, ganz allein zu sein.
Keine Ahnung, wie lange ich letztendlich da unten herumgeirrt war, aber mein Handyakku schien auch langsam nachzulassen und meine Geduld hatte schon lange ein Ende gefunden. Irgendetwas Gravierendes war vorgefallen und hatte mich, kurz nach der Explosion an diesen merkwürdigen Ort gebracht. Aber gleich würden sich meine Fragen ein für alle Mal klären, sobald ich hier raus war und endlich wieder telefonieren konnte!
Schnellen Schrittes lief ich die steinerne Treppe hinauf, wollte nach dem Türgriff langen… Keiner da. „Oh klasse!", genervt trat ich gegen die Tür, nichts rührte sich und auch meine Wut schien nicht nachzulassen. Mit zitternden Händen fuhr ich mir über das Gesicht, versuchte die Fassung zu wahren. Ich würde hier schon rauskommen. Keine Angst. Eine Möglichkeit musste es geben, denn eins stand fest: Da runter? In diese merkwürdigen Kellergewölbe würde ich keinen Fuß mehr setzen. Nie wieder!
Seufzend versuchte ich mich zu sammeln, atmete tief durch, bevor ich mich abermals der Tür zu wandte und laut zu klopfen begann. „Hallo?! Kann mich jemand hören? Hilfe! Bitte, kann jemand die Tür öffnen…"
Ein lautes Zischen ließ mich innehalten.
Vor mir glitt das kalte, ebene Material zur Seite auf und offenbarte mir den Blick auf einen schmalen, kahlen Gang. Die Luft anhaltend sah ich mich um, niemand, der mir die Tür hätte öffnen können. So langsam bekam ich es ganz gewaltig mit der Angst zu tun. Schnell ließ ich den Keller hinter mir, lief auf die gegenüberliegende Tür zu, die ebenfalls keinen Türgriff hatte. „Ach shit!". Wütend schlug ich dagegen, versuchte sie aufzuziehen… keine Chance. Die Tür blieb, wo sie war.
Ein plötzlicher Gedanke schoss mir durch den Kopf.
Abrupt hielt ich in meiner Tirade inne und wandte mich langsam um. Mein Blick war auf die andere Tür geheftet, die vom Aufbau und dem Material ganz genauso zu sein schien, wie die Tür vor mir. Vielleicht…
Vorsichtig ging ich einen Schritt zurück, starrte auf die Tür vor mir und sagte mich hochrotem Kopf, weil mir das Ganze unglaublich peinlich war: „Tür öffnen."
Keine zwei Sekunden später tat sie sich wie von Geisterhand vor meinen Augen auf. Das Blut wich aus meinem Gesicht und mit weit aufgerissenen Augen zwang ich meine Beine dazu, sich zu bewegen. Eine große Lagerhalle, verlassen, ausgeräumt, die Wände weiß, kahl. War ich versehentlich in etwas Militärisches rein geraten? Oder gar die Regierung? Wer weiß, womit die hier herum experimentierten. Und wenn die mich erstmal zu Gesicht bekamen…
Mein Puls schnellte in die Höhe, ließ mein Herz rasen und keuchend sah ich mich nach der nächstgelegenen Tür um, die auf der anderen Seite der Halle war. Dieses Mal stand sie halb offen, schien beschädigt worden zu sein und endlich, endlich begrüßten mich wärmende Sonnenstrahlen, als ich auf den staubigen, ungepflegten Boden hinaustrat und eine Sekunde lang die Wärme genoss, bevor mehrere Gedanken auf mich einströmten.
War ich so lange dort unten gewesen?
Wie viel Zeit war wirklich vergangen?
Hastig schaute ich mich um. Ein verlassenes, eingezäuntes Gelände, auf dem mehrere, ähnliche Gebäude herumstanden, wie dieses hier. Merkwürdig, da es mir so gar nicht bekannt vorkam. Egal, mein Handy! Schnell zog ich mein Smartphone hervor, warf einen prüfenden Blick darauf… und warf stöhnend den Kopf in den Nacken. Immer noch keine Verbindung. Außerdem stimmten weder die Zeit-, noch die Datumsangaben. Bei meinem Was-immer-auch-passiert-ist musste es ganz schön mitgenommen worden sein.
Was nun?
Langsam sah ich mich um, musterte meine Umgebung, hielt Ausschau nach etwas, das mir bekannt vorkommen würde. Wasser. Die Bucht von San Francisco. Dahinter, in weiter Ferne, die Golden Gate Bridge. Angestrahlt von der Abendsonne leuchtete sie in ihrer wunderschönen, orangeroten Farbe. Die Panik schwächte etwas ab, als ich mich auf den Ausgang zubewegte. So ganz verkehrt konnte ich hier nicht sein, oder?
Der Gedanke wurde augenblicklich wieder aufgehoben, als ich wenige Minuten später auf eine der Hauptstraßen abbog – oder das, was davon übrig war. Der Asphalt war komplett verschwunden. Der Boden war gepflastert mit hellen Steinen, die kreuz und quer von den Fußgängern überquert wurden. Kein einziges Auto, das sich jetzt, zur Rush Hour, fortbewegte.
Spätestens jetzt konnte ich einen aufkommenden Gedanken weder unterdrücken, noch länger ignorieren.
Irgendetwas war hier ganz und gar nicht in Ordnung.
Mit zitternden Händen begann ich zu laufen. Weiter, immer weiter, ohne Halt machen zu wollen. Die Geschäfte, die Menschen, alles war so grundverschieden. Die Kleidung war schlichter, bestehend aus einem Stoff und in einem Stil, der mir komplett zuwider war. Die Geschäfte waren verschwunden. Keine kleinen Läden zum Shoppen. Wohnkomplexe reihten sich an Bürokomplexe mit Namen, die ich noch nie in meinem Leben gehört hatte.
Ich bog ab, die nächste nicht existente Straße, deren Aufbau sich nicht von der anderen Unterschied. Die Panik trieb mich weiter an, das Adrenalin half mir dabei, nicht schlapp zu machen. So lange, bis meine Beine nachgaben und ich auf einer schlichten Bank zusammenbrach. Mein Atem ging stoßweise, meine Beine prickelten unangenehm und die verwunderten Blicke ignorierend, warf ich einen erneuten Blick auf die Bucht, die von hier aus gut sichtbar war. Meine Flucht hatte mich vor ein hohes, wichtig aussehendes Gebäude geführt, dessen direkte Umgebung geziert war von Brunnen, Grünbepflanzungen und Treppen.
Schnell wandte ich meinen Blick ab, kam nur langsam zur Ruhe und zog meinen Ärmel zurück. Eine rote, lange Schramme zierte meinen Unterarm. Vorhin, als ich durch die Katakomben geirrt und schließlich ausgerutscht war, hatte ich mir eine leichte Verletzung zugezogen, die auch jetzt noch schmerzte. Dumpf, aber stetig präsent.
Mein Beweis, dass ich mir all das hier nicht einbilden konnte.
Mein Beweis dafür, dass all das hier kein Traum war.
Und nun?
Weiter flüchten und der Realität nicht ins Gesicht sehen?
Hilfe holen? Aber von wem? Polizei? Gab es die hier, wo auch immer ich war?
Was genau war vorgefallen? Hatte es etwas mit der Apparatur zu tun? Mit den Chemikalien?
…konnte ich mich gar so weit vorwagen und von einer anderen Realität reden? Oder hatte ich mir meinen Kopf ganz schön angeschlagen und bildete mir all das nur ein? Wieder warf ich einen Blick auf meinen Arm. Nein. Unmöglich. All das hier war viel, viel zu real. Die Sonnenstrahlen auf meiner Haut, das Gewisper der Menschen um mich herum und die Gefühle. Der Schmerz. Die Angst. Mein rasendes Herz.
„Na komm, gehen wir nach Hause."
Eine Frau trat an den Mann heran, der neben mir auf der Bank saß, zog ihn an der Hand hoch und ging mit ihm schnellen Schrittes davon, nicht ohne mir noch einen misstrauischen Blick zu zuwerfen. Seufzend fuhr ich mir mit den Händen über das Gesicht. Erst einmal müsste ich eine Möglichkeit finden, mich zu waschen und mir andere Klamotten zu besorgen. Mein Anblick dürfte nicht sehr vertrauenserweckend erscheinen.
Ein kurzes Piepen neben mir, augenblicklich horchte ich auf.
Ein IPad lag neben mir auf der Bank. Offenbar hatte der Mann es hier liegen lassen. Schnell musterte ich die paar wenigen Menschen in meiner Umgebung, aber die beiden waren bereits verschwunden. Na ja, ein Versuch war es wert. Vielleicht konnte ich so etwas Nützliches herausfinden oder endlich Hilfe holen, da mein Smartphone mir immer noch einen Strich durch die Rechnung machte.
Müde und ausgelaugt von den nicht endenden Geschehnissen nahm ich es zur Hand und stutzte. Das war keinesfalls ein IPad. Nicht einmal ein ähnliches Format. Das rechteckige Gehäuse war zwar ebenso dünn, allerdings viel leichter und ohne irgendwelche Tasten oder Knöpfe. Die Mitte bestand aus einem ebenfalls rechteckigen Feld, das beinahe wie Glas aussah. Es war genauso durchsichtig, doch die Konturen, die sich darauf abzeichneten, waren trotz allem klar zu erkennen. Prüfend hob ich das Display hoch in Richtung Sonne; augenblicklich verdunkelte sich der glasähnliche Hintergrund und die Schrift war deutlich zu erkennen. Stirnrunzelnd ließ ich es wieder auf meinen Schoß sinken, schüttelte perplex den Kopf, unschlüssig, was genau ich davon halten sollte.
Ganz vorsichtig, als könnte es beißen, berührte ich den Bildschirm mit meinem Finger, tippte auf ein Symbol, dessen Funktion ich wenig später als „Nachrichtendienst" identifizierte. Eine Liste von Berichten erschien, verschiedene Namen und Orte, die mir nicht das Geringste sagten. Unschlüssig tippte ich den obersten an und erstarrte, sobald die Seite sich Millisekunden später geöffnet hatte.
Mein Herz setzte einen Schlag aus, noch einen, bevor es langsam wieder zu Schlagen begann. Mein Puls dröhnte in meinen Ohren, ließ mich nach Luft schnappen, die mir auf einmal viel zu warm vorkam. Gott sei Dank saß ich, denn für einen Augenblick lang verschwamm die Sicht vor meinen Augen, bevor ich wieder Herr über meine Sinne wurde und nochmals einen ungläubigen Blick auf das Bild vor mir warf.
2259.
Unmöglich.
2259.
Nichts änderte sich.
Erst beim dritten Hinsehen begriff ich, dass dort tatsächlich das aktuelle Jahr stand.
Doch was mich noch mehr schockierte, war der Bericht darunter.
Terroranschlag in London
Vor wenigen Stunden erschütterte eine Explosion die Innenstadt Londons – Ziel des Anschlags war ein Archiv der Sternenflotte…
AN: Danke an Lovley Molly für den Kommentar! =)
