Kapitel 3 – Vom Fliegen und von Drachen

„Ich hasse Flugzeuge!"

„Ich auch, glaub mir, ich auch!"

Harry wusste von dem Moment an, als das Flugzeug abhob, dass er, obwohl er es liebte, mit seinem Besen zu fliegen, es hasste, mit einem Flugzeug zu fliegen. Im Gegensatz zu Ron war ihm bewusst, dass das Flugzeug nicht durch Zauberei in der Luft gehalten wurde und dass es an sich wahrscheinlicher war, bei einem Autounfall zu sterben, aber er konnte trotzdem nicht anders als sich komplett hilflos zu fühlen. Sein Schicksal lag in den Händen eines ihm unbekannten Piloten. Dass er auf dem Fensterplatz saß, Ron hatte sich strikt geweigert dort zu sitzen, da er Angst hatte, dass das Fenster zerbrechen und er hinaus gesogen werden würde, war nicht gerade hilfreich. Unter sich sah er nur die endlosen Weiten des Ozeans. Der Anblick beunruhigte ihn.

„Hey, du Angsthase."

Er sah vorsichtig hoch, wollte es nicht riskieren, dass er durch zu schnelle Bewegungen das Flugzeug zum Abstürzen brachte. Ginny starrte von ihrem Sitz vor ihm auf ihn herab, ihr Haar zu einem losen Knoten am Hinterkopf hochgebunden. Sie sah weder kränklich, noch ängstlich aus. Im Gegenteil, sie sah so aus, als würde Harrys Elend ihre einzige wahre Freude im Leben sein. Harry musste stark dem Drang widerstehen, ihr etwas von dem ungenießbaren Essen ins Gesicht zu drücken.

„Ich bin kein Angsthase!"

„Bist du doch." Sie grinste ihn breit an. „Ich wusste gar nicht, dass du Angst vorm Fliegen hast?"

Fred erhob sich auch von seinem Sitz, drehte sich um und zwinkerte Harry zu. „Das ist aber ein ganz schön schlechter Ruf, so als jüngster Sucher des letzten Jahrhunderts."

„Ach sei leise, Fred", knurrte Harry und schaute weg. So in ihre Gesichter zu sehen brachte ihm nur Übelkeit – nicht persönlich gemeint. „Solltet ihr euch nicht lieber hinsetzen und anschnallen?", fügte er schnell hinzu. Er verstand nicht, wie sie sich einfach so frei bewegen konnten, ohne ihr Herz im Hals hämmern zu spüren.

Ginny schnappte nach Luft. „Oh Fred, hast du das gehört? Er macht sich Sorgen um uns!"

Harry stöhnte und entschied sich dafür die Zwei einfach zu ignorieren. Ron, der neben ihm saß, sagte kein Wort. Wahrscheinlich tat er so, als würde er schlafen, damit seine Geschwister ihn nicht auch aufziehen konnten. Harry war ein wenig sauer auf sie, aber nicht nur, weil sie ihn einen Angsthasen genannt hatten. Er war sauer auf sie, weil sie Recht damit hatten. War er nicht der Junge, der eigentlich furchtlos sein sollte? Er ist doch sogar Voldemort entkommen, oder etwa nicht? Er war in der Tat der jüngste Sucher in einem ganzen Jahrhundert, also warum war es so schlimm für ihn, so hoch oben in der Luft zu sein? Es ergab einfach keinen Sinn und es fühlte sich so an, als hätte er heute nicht seinen eigenen Magen, der nervös kribbelte, sondern den eines anderen.

Hermine, die neben Ron am Gang saß, lehnte sich zu Harry hinüber. „Harry", sie war die einzige, die nicht danach klang, als würde sie sich über ihn lustig machen, „was ist los?"

Er seufzte und versuchte aus dem Fenster zu starren. Nichts als große blaue Wellen. Ihm war leicht übel, aber er drehte sich zu Hermine um. „Ich weiß nicht. Ich hab mich noch nie so gefühlt, wenn ich in der Luft war."

Ron, der plötzlich aufwachte, weil Hermine fast auf seinem Schoß saß, drehte sich ebenfalls zu Harry um. Ron sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ehy, ich versteh ja, dass du nicht gut drauf bist, aber musst du das an dem Stuhl auslassen?"

„Was meinst du?"

Er nickte einfach nur in Richtung Harrys Hände.

Harry schaute runter und sein Magen zog sich noch mehr zusammen. Er hatte seine Fingernägel tief in das Material der Armlehne gebohrt und es fast auseinandergerissen, alles bei seinem verzweifelten Versuch sich an irgendetwas festzuhalten. Er ließ die Armlehne schnell los und schob sich die Haare aus den Augen. Es ergab einfach alles keinen Sinn: Er fühlte sich, als wäre er wieder zehn Jahre alt, am ganzen Körper zitternd, als er versuchte vor Onkel Vernon stehen zu bleiben und sich eine Standpauke abzuholen. Was stimmte denn nicht mit ihm?

„Vielleicht wird dich das ja aufmuntern", sagte Hermine plötzlich und er riss seinen Kopf hoch, Hoffnung schien in seinen Augen.

Sie grinste ihn frech an. „Wir haben schon die Hälfte der Strecke hinter uns."

Er stöhnte. „Nur die Hälfte? Du willst mich wohl veräppeln?!". Die Weasleys lachten, sogar Ron, allerdings war das nur von kurzer Dauer, denn bei der nächsten Turbulenz wurde auch er wieder Grün im Gesicht.


Der Flug dauerte, um es nett zu auszudrücken, eine gefühlte Ewigkeit.

Nach einer Zeit schliefen alle ein. Ginny, nachdem sie einen kitschigen Film zusammen mit den Zwillingen gesehen hatte, die sich lautstark über jeden schlechten Spezialeffekt, der etwas mit Zauberei zu tun hatte, empörten. Hermine war recht schnell mit ihrem Kopf auf Rons Schulter eingeschlafen. Ron war schon vor ihr eingeschlafen und hatte seinen Mund weit geöffnet, ein wenig Spucke lief ihm aus dem Mundwinkel. Sogar Lupin, der in der Reihe auf der anderen Seite des Ganges saß, damit er ein Auge auf sie haben konnte, war mit der Ilias auf der Brust eingeschlafen.

Der einzige aus ihrer Gruppe, und für ihn fühlte es sich an, als wäre er der einzige im ganzen Flugzeug, der nicht geschlafen hatte, war Harry. Erst nachdem alle ihre Augen geschlossen hatten, hatte er den Mut gefasst wieder aus dem Fenster zu gucken. Nach einiger Zeit fiel es ihm sogar leichter, das konstante Auf und Ab der Wellen zu beobachten. Es beruhigte ihn sogar ein wenig. Er fühlte sich plötzlich sehr klein und unbedeutend. Der Ozean war immens groß. Er war vorher noch nie am Meer gewesen und hatte bislang nie ganz das Konzept von „Endlosigkeit" verstanden, aber nun sah er zum ersten Mal in seinem Leben etwas, das bis zum Ende der Zeit da sein würde. Das Wasser schwappte und wogte, es war einfach da, meilenweit Wasser, die Wellen rollten stetig immer weiter, es reichte bis zum dunkler werdenden Horizont. Ganz langsam spürte Harry, wie sich sein Herzschlag wieder verlangsamte.

Der Knoten in seinem Magen löste sich allerdings erst, als eine mechanisch klingende Stimme über die Lautsprecher verkündete, dass sie bald in New York landen würden.

Ron neben ihm rührte sich, er gähnte und streckte sich, dann bemerkte er, dass der Kopf der schlafenden Hermine auf seiner Schulter lag. Er sah Harry fragend an, doch der zuckte nur mit den Achseln und grinste.

Es schien, als würde Ron überlegen, ob er das Mädchen aufwecken sollte oder sie lieber vorsichtig zur Seite schieben sollte, sodass sie es nicht bemerken würde und es ihnen beiden viel Peinlichkeit ersparen würde. Er entschied sich für Ersteres, was Harry ein wenig überraschte. „Um Gottes -, hey, Hermine, wach auf! Wir sind da."

„Hmm?" Sie sah auf, ihre Augen noch mit Schlaf vernebelt, aber sie weiteten sich schnell, als sie realisierte, dass sie auf Rons Schulter geschlafen hatte. Sie sprang auf und rückte so weit von Ron weg, wie es ihr in der beengten Situation möglich war. „Oh, 'tschuldigung Ron! Das war nicht meine Absicht –"

„Schon okay", sagte er schnell, aber auch er wurde so rot im Gesicht wie Hermine.

Harry rollte mit den Augen und deutete auf die kleine Lampe, die über ihnen aufleuchtete. „Zeit zum Anschnallen."

Die Landung war sogar noch schlimmer als der Start. Harry stellte sich die ganze Zeit vor, wie sie in den harten Boden unter ihnen krachen würden. Aber dann landeten sie sicher und vollkommen ohne Probleme. Harry hielt den Atem an, bis Hermine ihn abgeschnallt hatte, seine Hände in ihre nahm und ihn hochzog. Er fühlte sich erst dann wieder sicher und heil, als er draußen den Boden unter seinen Füßen und Lupins beruhigende Hände auf seinen Schultern spürte.

„Alles in Ordnung, Harry?"

Er nickte. Jetzt, wo sein Magen sich nicht mehr verkrampfte, schämte er sich. „Ja. Alles in Ordnung." Er sah hoch und erblickte Lupin, der ihn anlächelte, als ob er plötzlich einen alten Bekannten in ihm sah. „Ähm Lupin? Was –"

Lupins Lächeln verschwand von seinen Lippen und er winkte ab. „Nichts. Es ist nur so, dass dein Vater genauso Angst hatte wie du. Wir sind einmal geflogen, da –"

„Professor", erklang Ginnys Stimme plötzlich und Lupin brach seinen Satz ab.

Harry hatte das Gefühl, dass es Lupin ganz recht war, dass Ginny ihn unterbrochen hatte. Er sah immer so traurig aus, wenn er von Harrys Eltern sprach. Aber verstand Lupin denn nicht, dass Harry jedes Detail, jede noch so kleine Information über seine Eltern brauchte? Auch wenn es etwas Peinliches war. Er wollte seine Eltern doch genauso gut kennen wie alle anderen.

„Alles klar", Lupin winkte die Teenager heran, „gleicher Plan wie beim letzten Mal. Ihr drei holt Sirius und die anderen Tier und ihr drei bleibt bei mir."

„Professor", unterbrach ihn Ron, „wir müssen doch jetzt nicht mehr so vorsichtig sein, oder? Wir sind in Amerika. Du-Weißt-Schon-Wer wird vermutlich nicht plötzlich hinter einem dieser Touristen da hervorspringen." Er zeigte in die Richtung eines alten, britischen Paares, das sich lautstark bei einem Mitarbeiter beschwerte.

„England ist auch nur einmal apparieren entfernt", sagte Lupin düster und seufzte. „Und nenn mich Remus. So lasst uns aufteilen und wir treffen uns hier in einer halben Stunde wieder."


Endlich, endlich saßen sie wieder in einem Auto, weit weg von dem chaotischen, lauten Flughafen. Die Zwillinge saßen hinten in dem gemieteten Auto und sangen, sie warfen sich einen Ball zu, der verblüffend wie ein funkelnder Stern aussah. Ginny versuchte immer wieder ihnen den Ball abzunehmen, aber sie kicherte und lachte dabei, sie wollte nicht wirklich das Spiel unterbrechen. Sogar Hermine schaute den Dreien amüsiert zu und hob zu keiner langen Rede über das wie und wo von Ballspielen an.

Es war so, als hätte sich endlich die Vorfreude über die Reise bei allen eingenistet.

Die Muggel-Umgebung und die Unheimlichkeit mit einem Flugzeug zu fliegen, hatte sie alle davon abgelenkte zu realisieren, dass sie es endlich geschafft hatten: Sie waren in Amerika. Und das für ganze zwei Wochen! Sogar Sirius konnte nicht anders als alle paar Minuten laut los zu bellen und mit dem Schwanz zu wedeln. Sein Flug war nicht gerade gut gewesen, er konnte Harrys besorgte Frage nicht beantworten, aber es hatte sich deutlich in seinen großen blauen und ängstlich dreinblickenden Augen gezeigt. Der Flug war für ihn genauso angenehm gewesen wie für Harry.

Mon- Montauk am Meer, wir lieben dich sehr, Mon-Monny-Montauk bei Nacht, nach einem langen Flug haben wir es geschafft…"

„Seid leise", rief Lupin über seine Schulter. Er versuchte sich auf die Straße zu konzentrieren, aber er lächelte dennoch. Er grinste mehr, als Harry es je gesehen hatte. Sein Lachen ließ sogar beinahe die grauen Strähnen in seinem Haar verblassen.

„Was –", Hermine zuckte zusammen, als Lupin plötzlich ohne Vorankündigung scharf bremste, „was machen wir eigentlich genau in den zwei Wochen? Ich meine, wir können ja nicht wirklich nach New York, das ist viel zu gefährlich und –"

„Ach, Kopf hoch, Hermine", sagte Ron, „Hauptsache ist doch, dass wir dieses alte, staubige Haus für zwei Wochen los sind – nicht persönlich gemeint Sirius."

Sirius bellte, so als ob er antworten wolle ‚Nichts für ungut'.

„Außerdem", fuhr Ron fort und zeigte aus dem Fenster, hinter vielen Bäumen versteckt konnte man das Meer ausmachen, es war schwierig es genau aus dem schnell fahrenden Auto heraus zu sehen, aber immer mal wieder konnten sie einen Blick erhaschen, „wohnen wir hier in der Nähe vom Meer! Ein Ozean, Hermine! Und wir haben unsere Besen und alles andere, ich glaube wirklich nicht, dass uns schnell langweilig wird."

Sie antwortete nicht, blickte nur stumm aus dem Fenster und betrachtete die fremde Umgebung.

Harry tat es ihr gleich und fand dabei heraus, dass Amerika, bislang jedenfalls, England gar nicht so unähnlich war. Natürlich fuhren die Leute hier auf der falschen Straßenseite und die Bäume sahen anders aus, aber ansonsten? Vielleicht gab es die großen Unterschiede eher in den Städten zu entdecken?

Bäume und weite Ebenen schossen an ihnen vorbei, sogar eine Erdbeerfarm, warte mal, war das ein -?

„Was zum – ", Harry setzte sich schnell in seinem Sitz auf und stieß sich dabei den Kopf an der Decke. Er ignorierte den Schmerz, alle drehten sich zu ihm um und fragten, was denn los sei, aber anstatt zu antworten versuchte Harry frenetisch das Fenster runter zu kurbeln, damit er besser sehen konnte, was ihn grad so erschreckt hatte, doch der große Baum verschwand nach Sekunden aus seinem Gesichtsfeld. Das Auto war zu schnell, um ihn richtig sehen zu können. Harry starrte trotzdem weiter aus dem Fenster, so als ob er zurückkommen würde.

„Harry, was ist denn los?"

Er schüttelte seinen Kopf abweisend. Entweder war er so richtig müde und halluzinierte schon vor lauter Müdigkeit oder er hatte eben tatsächlich einen riesigen Drachen gesehen, der den großen Baum am Ende der Erdbeerfarm bewachte. Er schüttelte wieder mit dem Kopf und rieb sich mit den Handballen die Augen. „Gibt es Drachen in Amerika?"

Plötzlich wurde es sehr leise im Auto. „Bitte was?", fragte George nach einer Weile.

„Drachen", wiederholte Harry, schaute hoch und sah, dass die ganze Gruppe ihn anschaute, als wäre er verrückt geworden. „Ich wollte wissen, ob es hier – ach, vergesst es." Er muss es sich eingebildet haben. Ganz bestimmt. (Außerdem sah der Drache, den er gesehen hatte, definitiv ganz anders aus, als die Drachen die er aus der Zaubererwelt kannte.)

Bevor Hermine etwas sagen konnte, rief Lupin: „Leute! Wir sind da!"

Harrys mentale Instabilität kurzerhand vergessen, sprangen alle auf und schauten aus den Fenstern auf der rechten Seite. Hübsche, alte Holzhütten warteten auf sie, sie blickten wie mächtige Götter auf das Meer unter ihnen. Sogar Harry vergaß den Drachen, den er gesehen oder nicht gesehen hatte. Es war einfach zu schön hier.

Hermine seufzte: „Oh, es ist wunderbar!"

„Ja, das ist es, nicht wahr?", sagte Fred. „Ich kann es kaum erwarten hier auf meinem Besen zu fliegen."

Harry nickte zustimmend, plötzlich hatte er den Drang seinen Feuerblitz rauszuholen und über die Wellen zu fliegen. Der Drache und die Erdbeerfarm waren jetzt ganz egal, sie waren nicht wichtig.

Oh, wie falsch er damit lag.