„Orks – und andere Gegner…"
„Wie
alt sind die Spuren?", unterbrach Estel die Stille, die nach
Elladans Aussage geherrscht hatte.
"Einen – höchstens
zwei Tage alt. Die Gruppe ist nicht sehr groß. Vielleicht
fünfzehn – höchstens zwanzig Orks. Keine Warge…",
endete er mit einem vielsagenden Lächeln in Estels Richtung. „Du
brauchst also nicht zu fürchten, schon wieder von einem dieser
Wölfe zum Abendessen ausgewählt zu werden!"
Elrohir
lachte auf, aber der junge Mensch blieb ernst und überging die
Äußerung seines Ziehbruders.
"Du willst sie also
einholen und gegen sie kämpfen?" Eigentlich war es mehr eine
Feststellung, denn eine Frage. In den letzten Monaten hatten sie
schließlich nichts anderes getan, als jede noch so kleine
Truppe dieser Kreaturen ausfindig zu machen, zu jagen und zu
vernichten. Ihre Zahl in Mittelerde schien mit jedem Tag zu wachsen
und für jeden getöteten Ork, spuckte das Dunkle Land zwei
neue aus.
Elrond beunruhigte dieser Umstand so sehr, das er mehrere Gruppen mit Elbenkriegern ausgesandt hatte, um wenigstens zu verhindern, dass sie zu weit in den Westen des Landes vordrangen.
Doch jetzt überlief Estel ein kalter Schauer, wenn er nur daran dachte, erneut gegen diese Kreaturen kämpfen zu müssen. Bruchteile seines Alptraumes der letzten Nacht traten lebhaft vor seine Augen und mit ihnen ein bisher unbekanntes Gefühl.
Von einem Augenblick auf den nächsten begann das Herz in seiner Brust zu rasen. Seine Kehle schnürte sich ihm zu, sodass es ihm schwer fiel zu atmen. Wann hatte sich die Luft um ihn herum in zähflüssigen Nebel verwandelt?
„Estel?
Alles in Ordnung?" Elrohirs besorgtes Gesicht füllte plötzlich
sein Sichtfeld aus und ihm wurde bewußt, dass seine Ziehbrüder
ihn wohl nicht das erste Mal angesprochen hatten. Tatsächlich
hatte Elladan sich wieder erhoben und war einen Schritt auf ihn und
Argalos zugekommen. Sein Gesicht einmal mehr das Spiegelbild seines
Zwillings.
"Ja… ja mir geht es gut.", presste er mühsam
hervor.
"Ganz sicher? Du bist so weiß wie Schnee und einen
Moment lang schien es, dass du dich nicht länger im Sattel
halten könntest!"
Estel
bemühte sich, tief und ruhig Luft zu holen und seinen Herzschlag
so auf ein erträgliches Maß zu senken. Er schloss jeden
anderen Gedanken aus seinem Bewußtsein aus und es schien ihm
wirklich zu helfen. Es gelang ihm sogar, seine Lippen zu einem
Lächeln zu verziehen.
"Ganz sicher, Ro."
Zwar noch
etwas skeptisch zog dieser die Augenbrauen in die Höhe, beließ
es aber dabei, als Elladan ihm einen warnenden Blick zuwarf und
unmerklich den Kopf schüttelte. Sie wußten beide, wie
aufbrausend ihr Ziehbruder werden konnte, wenn man ihn zu sehr
bedrängte.
"Dann lass uns aufbrechen.", beeilte er sich
zu sagen. „Wenn wir keine Rast einlegen, haben wir die Orks zum
Abend hin eingeholt…" Geschmeidig schwang er sich in den Sattel
und trieb sein Pferd zum Galopp an. Estel und Elrohir folgten ihm
ohne Widerspruch.
ooOOoo
Es dämmerte bereits, als sie die Kriegsgruppe des Schwarzen Landes schließlich einholten. Eine kurze Geste von Elladan reichte aus und sofort brachten sie ihre Pferde zum Stehen. Lautlos schwangen sie sich aus den Sätteln und führten die Tiere ein Stück zurück in den Wald. Ohne sich mit Worten absprechen zu müssen, genügten kurze Handzeichen, um sich zu verständigen.
Elladan wandte sich nach rechts, während Elrohir links von Estel im Unterholz verschwand. Ihm war es überlassen, sich frontal dem Lager zu nähern, das die Orks auf einer Lichtung am Flussufer aufgeschlagen hatten. Selbst hier, noch gute zehn Schritt entfernt, konnte er das Sprudeln und Gurgeln des Brandywein vernehmen.
Das vertraute Geräusch beruhigte ihn etwas, doch er fühlte sich dennoch so, als wäre dies seine erste Schlacht gegen Orks, die ihm unmittelbar bevorstand. Eine eiserne Klaue hatte ihren Griff um seinen Brustkorb gelegt und er musste mit aller Macht gegen die Bilder ankämpfen, die versuchten, erneut in sein Bewußtsein zu dringen. Was war nur los mit ihm? Wieso quälte ihn plötzlich dieser Traum? Er hätte es noch verstanden, wenn er von dem Kampf mit dem Warg träumen würde, denn dieser Bestie hatte er schließlich das erste Mal in seinem Leben gegenüber gestanden!
Doch ihm blieb nicht länger, um sich darüber weitere Gedanken zu machen. Er war inzwischen nah genug an das Lager herangekommen und suchte Deckung hinter dem Stamm einer großen Eiche. Er brauchte auch nicht mehr lange zu warten, da erklang das vereinbarte Signal von Elladan und sein Körper reagierte mit der Gewohnheit ihrer bisherigen Schlachten. Er stürmte aus seinem Versteck, stieß einen Kampfschrei aus und trennte seinem ersten Gegner bereits den Kopf von den Schultern, bevor dieser sich überhaupt völlig erhoben hatte.
Unter dem Schlag einer Klinge tauchte er hinweg, stieß den Ork mit seiner Schulter zu Boden und durchbohrte ihn dann mit seinem Schwert. Um ihn herum fielen weitere Orks. Einige von tödlichen Pfeilen niedergestreckt, die Elrohir noch im Laufen auf diese abfeuerte. Aus den Augenwinkeln sah er Elladan, der bereits sein Schwert in den Händen hielt und es sicher und beinahe elegant führte. Wenn sie weiterhin auf diesen geringen Widerstand stießen, dann würde der Kampf zu Estels Erleichterung rasch beendet sein!
Er fuhr zu dem nächsten Ork herum, der versuchte, sich von hinten auf ihn zu werfen. Die Kreatur konnte ihren eigenen Schwung nicht mehr rechtzeitig abfangen und warf sich direkt in Estels Klinge. Ein Schaben erklang, als der Stahl durch die Rüstung drang und warmes Blut rann über Estels Hände und machte den Griff um sein Schwert schlüpfrig. Mit einem entschlossenen Ruck versuchte er seine Klinge zu befreien, doch sie drohte ihm dabei aus den Fingern zu gleiten.
„Estel! Vorsicht!" Elrohirs Ruf kam jedoch einem Bruchteil zu spät. Er schaffte es noch, den Schwertknauf fester zu umschließen, bevor ihn etwas Schweres mit ungeheuerer Wucht traf. Der Schwung, mit dem er zurückgeworfen wurde, befreite sein Schwert, doch er brachte es nicht fertig, es auch nur gegen seinen Gegner zu erheben. Dessen Fratze grinste ihn triumphierend an, als er die Hand mit seiner Waffe empor riss, bereit, den tödlichen Stoß zu führen.
Und dann geschah alles unsagbar schnell. Estel umschloss mit
seiner freien Hand das Gelenk des Orks, in dem verzweifelten Versuch,
die Klinge von seinem Herzen abzulenken. Das kurze Ringen, das
daraufhin folgte, endete damit, dass der Ork seine Hand zurückriss
und Estel mit sich auf die Füße zog. Die andere Hand der
Kreatur schnellte hervor, umfing Estels Hals und drückte
unbarmherzig zu – solange, bis ein plötzlicher Ruck dessen
Körper durchfuhr, als sich Elrohirs Pfeil in dessen Rücken
bohrte.
Mit einem Röcheln brach er augenblicklich zusammen,
fiel gegen den Menschen, der darauf nicht vorbereitet war und einen
Schritt zurückwich. Einen verhängnisvollen Schritt! Er trat
ins Leere, verlor das Gleichgewicht und stürzte in den Fluss.
Die eisige Kälte des Wassers durchdrang umgehend seine Kleidung, stach wie tausende, feine Nadelstiche in seine Haut, und das Wasser durchtränkte seine Kleidung und zog ihn zusätzlich zu der Strömung noch tiefer unter die Oberfläche. Entschlossen kämpfte er dagegen an, doch sein Bogen und das Bündel auf seinem Rücken machten es ihm fast unmöglich. Mit schwerem Herzen löste er seinen Griff um das glatte Metall, sein Schwert wurde ihm aus der Hand gerissen und selbst in dieser bedrohlichen Situation bedauerte er dessen Verlust.
Hastig löste er den Lederband seines Bündels und Bogens und übergab auch dieses Opfer dem reißenden Wasser.
Mit großen Zügen bemühte er sich, das Ufer wieder zu erreichen, doch er musste zu seinem Entsetzen feststellen, dass die Strömung ihm immer mehr zusetzte. Schon wurde er unter Wasser gerissen und wußte einen Moment lang nicht mehr, wo sich oben und unten befand.
Er versuchte die Orientierung zurück zu erlangen, weil er darauf hoffte, sich am Grund abstoßen und wieder auftauchen zu können, doch er merkte, wie ihm unaufhörlich der Atem ausging. Neben dem sprudelnden Geräusch des Wassers, dass seine Sinne vollends ausfüllte, nahm er plötzlich einen Widerstand an seinem Arm wahr und er versuchte sich zu drehen, aber seine Bewegungen waren unter Wasser zu langsam und er verlor erneut die Orientierung.
Gerade, als er schon glaubte, nicht einen Herzschlag länger ohne einen Atemzug auskommen zu können, streiften seine Füße den sandigen Grund und mit letzter Kraft drückte er sich ab. Keuchend durchstieß er die Wasseroberfläche und versuchte das Ufer auszumachen. Er glaubte Elrohirs verzweifeltes Rufen zu hören und das schrille Wiehern eines Pferdes, doch er ließ sich nicht zu einem Seitenblick zurück zum Kampfgeschehen verleiten.
Der Kampf unter Wasser hatte an Aragorns Kräften gezehrt, aber die Valar schienen wenigstens etwas gnädig zu sein, denn durch den Sog trieb er nun genau auf die Böschung zu. Estel schlug mit den Beinen gegen die Strömung. Wasser spülte über seinem Kopf hinweg und jetzt wurde er erbarmungslos hin und her geworfen.
Von der Kraft des Wassers wurde er wie ein Stück Treibholz herumgewirbelt und die Kälte betäubte allmählich Estels Glieder, sodass es ihm unmöglich wurde, sich dagegen zu erwehren. Wie hätte er dies auch tun sollen? Seine Kräfte hätten auch dann nicht ausgereicht, wenn er völlig ausgeruht gewesen wäre. Die Gewalt des Wassers war einfach zu groß. Seine Schulter schlug gegen scharfkantigen Fels. Die Qual in seinen Lungen wurde vergrößert, weil ihm mit dem Stoß die angehaltene Luft entwich.
Wieder wurde er unter Wasser gerissen und er flehte im Stillen zu Eru, dass einer der Zwillinge einen Weg finden würden, um ihn aus dem Fluss zu befreien. Alleine würde er kaum dazu in der Lage sein, denn seine Kräfte schwanden.
Inzwischen kämpfte er nicht nur gegen die Strömung, sondern auch gegen den Reflex zu atmen. Sein Brustkorb brannte bereits in dem Verlangen nach Luft, doch wenn er diesem Drängen nun nachgeben würde, wäre das sein sicherer Tod.
Mit den Armen versuchte er rudernd, sich an die Oberfläche zu bringen, während seine Beine durch das Gewicht seiner Lederstiefel nach unten gezogen wurden.
Als er schon glaubte, sein Schicksal sei besiegelt, durchbrach seine Hand das Wasser, stieß gegen rauen Fels und seine zittrigen Finger fanden Halt an dem kalten Gestein. Mit letzter Anstrengung zog er sich bis zur Brust aus dem Wasser und ließ die köstliche Luft in seine Lungen strömen.
Sein eigenes Keuchen hallte laut in seinen Ohren und sein Atem bildete kleine Wolken aus Dunst vor seinem Mund. Sein Atem ging hastig und sein Herz raste, doch er zwang sich dazu, sich zu beruhigen. Er musste versuchen, sich ein genaues Bild seiner Umgebung zu verschaffen, um zu erkennen, wie weit er abgetrieben war. Vielleicht konnte er die Zwillinge auf sich aufmerksam machen? Doch als er schon rufen wollte, wurde sein Handgelenk von einem starken Griff gepackt.
„Elladan!" Erleichterung durchflutete Estel, als er geradewegs in das Gesicht seines Ziehbruders blickte.
„Hast du jemanden anderen erwartet?", knurrte dieser und versuchte, den Mensch aus dem Wasser zu ziehen.
Estel sah, dass Elladan ihm kurz zuversichtlich zunickte, doch genau in jenem Augenblick spürte er, wie dessen Halt ihm entglitt. Das Wasser besaß eine enorme Kraft und seine Hand versagte ihm schlichtweg den Dienst und löste sich ohne sein zutun. Die Kälte stahl ihm jedes Gefühl, betäubte seine Glieder und sein Mantel schlang sich wie ein eigenständiges Wesen um seine Beine und schnürte diese ein.
„Estel!" Elladans verzweifelter Ruf ging im Rauschen des Flusses unter.
Zu spät wurde Estel sich einer weiteren Gefahr gewahr und als er den Felsbrocken vor sich erblickte, war es bereits zu spät. Mit voller Wucht prallte er gegen den rauen Fels. Er spürte den Schlag als eine Welle aus Schmerz, die durch seinen gesamten Körper fuhr und ihm die Luft aus den Lungen presste. Sein Mund öffnete sich zu einem Schrei, doch kein Ton verließ seine Kehle, denn augenblicklich war sein Mund mit Wasser gefüllt und der klare Teil seines Verstandes erkannte, dass er sich wieder unter Wasser befand. Ein weiteres Mal riss ihn das Wasser mit sich, und Sekunden, wenn nicht Minuten vermochte er nicht, dagegen etwas zu unternehmen.
Immer wieder prallte er gegen Hindernisse unter Wasser und das Verlangen nach Sauerstoff wurde zu einer brennenden Qual. Seinen Lungen auch nur einen einzigen erlösenden Atemzug zu verwähren, der sein Schicksal besiegeln würde, war eine Anstrengung, die alles andere aus seinen Empfindungen ausschloss.
Seine Bemühungen, wieder an die Oberfläche zu gelangen, schienen nutzlose Versuche zu sein, die seltsam verlangsamt stattfanden. Selbst seine Gedanken benötigten eine Ewigkeit und flossen zäh wie Sirup durch seinen Kopf, in dessen Innerem sich ein immer größerer Druck zu bilden begann.
Es konnten nur noch wenige Herzschläge vergehen, bevor er das Bewußtsein verlieren würde und er nahm diese Gewissheit mit einer seltsamen Klarheit wahr.
Doch das Unfassbare geschah. Völlig unerwartet, ohne, dass er selbst etwas zu seiner eigenen Rettung unternommen hätte, durchbrach er die Wasseroberfläche.
Keuchend gönnte er sich einige hastige Atemzüge, die nicht nur seine Lungen etwas beruhigten, sondern zusätzlich seinen Kampfwillen belebten. Er würde nicht kampflos aufgeben!
Das Ufer rauschte mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit an ihm vorbei, durch wirbelnde Strudel war es ihm mal näher und dann wieder unerreichbar weit entfernt. Jedes Mal wurde er mit den Wellen gegen die Felsen und das Ufer geschleudert und er versuchte, sich dort erneut festzuhalten.
Aber das Gestein war einfach zu glitschig, seine Hände zu kraftlos. Eine neue Welle spülte über sein Gesicht und er kämpfte sich wieder an die Oberfläche.
Ich glaube nicht, dass ich das noch lange durchhalten kann, schoss es Estel durch den Kopf und tatsächlich wurden seine Bewegungen erneut immer langsamer, sein Widerstand weniger. Der Kampfwille, der eben noch so heiß in seinen Adern gebrannt hatte, erlosch mit jedem gescheiterten Versuch, Halt zu finden, mehr und das eisige Wasser tat sein Übriges. Die Kälte schien seine Beine völlig betäubt zu haben und seine Arme waren schwer wie Blei. Das Wasser umtoste ihn wie ein übermächtiger Feind, hob ihn hoch und ließ ihn wieder fallen und Verzweiflung erfasste ihn.
Was würde geschehen, wenn er es diesmal nicht schaffte? Wenn die Zwillinge ihm diesmal nicht rechtzeitig zu Hilfe kamen? Was würde seine Familie sagen, seine Freunde, wenn sie die schreckliche Nachricht überbrachten? Der Gedanke an seine Mutter und Elrond, erfüllte ihn mit Kummer und er schenkte ihnen einen letzten Gedanken voll Liebe und Zuneigung, bevor er jede Bemühung zu überleben einstellte und sich dem Schicksal übergab. Er besaß einfach keine Kraft mehr.
Der Fluss nahm seinen reglosen Körper an wie ein Geschenk und riss ihn mit sich. Weite Felsen ragten aus dem Wasser, doch wie durch ein Wunder wurde Estel daran vorbei getragen. Immer wieder wurde er unter Wasser gezogen, mal nur kurz, oft genug aber auch für längere Augenblicke.
Ohne, dass sein geschwächter Verstand es jedoch bemerkt hatte, nahm die Unterströmung plötzlich ab und er trieb nur noch mit, ohne wieder unter Wasser gezogen zu werden.
Das Flussbett wurde ebener und fast floss das Wasser nun träge durch einige lang gezogene Kurven. Die nächste Biegung war sein Glück, denn ganz von selbst wurde er nun an das rettende Ufer getragen. Mit letzter Kraft bekam er einen herabhängenden Zweig zu fassen, der seine Hand streifte. Er spürte sandigen Grund unter seinen Fingern und zog sich halb aus dem Wasser. Hustend lag er da und mit einemmal spürte er wieder die Kälte.
Seine Kleidung klebte an seinen zitternden Gliedern und er zwang sich, noch ein Stück höher die Böschung herauf zu kriechen. In dem vergeblichen Versuch sich zu wärmen, zog er die Beine an den Körper, doch sofort schoss ein stechender Schmerz durch sein linkes Knie. Er grub die Stirn in den sandigen Boden und unterdrückte einen Schrei. Nur langsam verging der Schmerz.
Dafür ergriff im Schatten der Bäume die Kälte nur noch mehr Besitz von ihm und Estel wußte vage, dass er so rasch wie möglich trockene Kleidung benötigten und ein wärmendes Feuer, aber er vermochte nicht, sich zu rühren.
Er war so müde. So unsagbar müde, dass es schon fast zu viel Kraft kostete, seine hungernden Lungen mit Luft zu füllen. Tief im hintersten Winkel seines Verstandes wußte er, dass er der Müdigkeit auf gar keinen Fall nachgeben durfte, aber seine Augenlider schienen ein Eigenleben zu besitzen und Gewichte aus Blei hingen an ihnen. Von allen Seiten kroch Dunkelheit auf ihn zu, der er nichts mehr entgegen zu setzen hatte.
ooOOoo
Elladans Herz schlug in seiner Brust so heftig, dass er glaubte, es würde beim nächsten Schlag die Knochen zertrümmern, die es schützten. Angst schnürte ihm die Kehle zu und er keuchte vor Anstrengung, als er sich seinen Weg durch das Unterholz bahnte. In der Hoffnung, Estel irgendwie aus den Fluten zu befreien, hatte er beschlossen, die lang gezogene Biegung des Flusses zu nutzen und Querfeldein dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen. Er musste nur schneller rennen, als das Wasser floss, dann konnte er noch vor dem Menschen den Punkt erreichen, an dem er wieder auf den Fluss stoßen würde und ihn aus dem Wasser ziehen.
Doch sein Plan verlieh ihm nicht wirklich Zuversicht. Er machte sich keine Illusion darüber, wie gefährlich die Lage war, in der sich sein Ziehbruder befand. Und er konnte nicht das Geringste tun, um die Bilder aus seinem Kopf zu vertreiben, die sich trotz der Anstrengung des Laufens ihren Weg in sein Bewußtsein bahnten.
Von einem Moment auf den anderen war Estel aus seinem Blickfeld verschwunden und von den Wassermassen verschlungen worden, nachdem er seinem Griff entrissen worden war.
Elladan hatte nicht lange gezögert, doch er schien mit jeder Sekunde, die verstrich, zu fühlen, wie Estels Chancen schwanden. Auch wenn der Lauf ihn wärmte und er es nicht spürte, so verrieten ihm die weißen Dampfwölkchen, die mit jedem Atemzug seinem Mund entwischen, dass die Temperaturen rasch sanken. Wenn es an Land bereits kalt war, dann musste das Wasser eisig sein!
Elladan hatte einmal erlebt, wie eine junge Frau aus dem Winterlager der Waldläufer durch die Eisschicht eines Sees gebrochen war. Obwohl gleich mehrere Männer zu ihrer Rettung bereit gewesen waren und der See kaum Strömungen aufgewiesen hatte, war es den Männern kaum gelungen, sie aus dem Wasser zu ziehen. Die Kleidung der Frau hatte sich so sehr mit Wasser voll gesogen und deren Bewegungen behindert, dass sie nur wenig tun konnte, um ihren Rettern ihre Bemühungen zu erleichtern.
Die Kälte hatte zusätzlich in kürzester Zeit dafür gesorgt, dass sie sich kaum noch bewegen konnte und ihre Kräfte rasch schwinden lassen. Als es den Männern schließlich gelungen war, sie an Land zu ziehen, war ihr Körper blau gefroren gewesen und alle Versuche, ihn wieder zu erwärmen, waren gescheitert. Kaum einige Minuten waren verstrichen, da hatte die Kälte auch ihr Herz gelähmt und es hatte einfach aufgehört zu schlagen.
Jetzt war es noch lange nicht so kalt wie damals, aber der Elb machte sich dennoch nichts vor. Die junge Frau war bei Bewußtsein, gesund und unverletzt gewesen, als sich der Unfall ereignet hatte. Doch was mochte inzwischen alles geschehen sein? War Estel verletzt? Bewusstlos? Wie lange war er nun schon im eiskalten Wasser? Und die reißende Strömung barg noch unzählige weitere Gefahren. Wie lange konnte ein Mensch dem etwas entgegen setzen?
Er vertrieb mit einem fahrigen Kopfschütteln den Anblick von Estels regloser Gestalt, die mit dem Gesicht nach unten im Wasser trieb und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf seine Umgebung. Das Rauschen des Wassers nahm bereits wieder zu. Ein Zeichen dafür, dass ihn seine Instinkte trotz seiner Unachtsamkeit nicht vom Weg abgebracht hatten. Er ignorierte Äste und Zweige, die ihm gegen Arme und Beine schlugen, während er weiter vorwärts rannte und erspähte plötzlich einen feinen Schimmer zwischen den Büschen. Er beschleunigte noch einmal sein Tempo, brach dann endlich durch die Uferböschung und stolperte über den felsigen Grund parallel zum Fluss.
Das Wasser floss zu seiner Erleichterung hier schon nicht mehr ganz so rasch, wie an der Stelle, an der er seinen Ziehbruder verloren hatte, doch das machte seine Suche auch nicht gerade leichter. Im Gegenteil. Zwischen den Steinen und Felsen hatte sich Treibholz gesammelt, das sich dunkel vom Kies abmalte und es ihm erschwerte, darunter den jungen Mann zu entdecken, der sich vielleicht aus eigener Kraft ans Ufer gezogen hatte.
Einige Male hielt er solch ein Treibgut für Estel, wurde jedoch jedes Mal von neuem enttäuscht. Er begann sich schon zu fragen, ob er womöglich noch weiter Flussabwärts suchen musste, oder die richtige Stelle doch weiter oberhalb lag, als er etwas entdeckte.
Ein gutes Stück vor ihm, machte der Fluss erneut eine Wendung und Elladan war es, als machte er im schwindenden Zwielicht eine Bewegung aus.
Voller Hoffnung rief er Estels Namen aus, doch wenn er eine Antwort erwartet hatte, so wurde er enttäuscht. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von dem schemenhaften Umriss, als auch die letzten Zweifel erloschen und er Gewissheit erhielt.
Eru sei Dank! Es war tatsächlich Estel!
Er fiel neben ihm auf die Knie nieder, ohne auf die scharfkantigen Steine zu achten, die sich schmerzhaft in seine Knie drückten und streckte zögernd die Hand aus. Das Erste was ihm durch den Kopf schoss, war der Gedanke an eine eisige Winternacht, als er die Kälte spürte, die von der durchtränkten Kleidung seines Ziehbruders ausging. Estels Gesicht bestärkte diesen Gedanken noch, denn seine Haut wirkte erschreckend bleich und fahl, in der Dunkelheit. Seine Haare und die feinen Bartstoppeln standen im scharfen Kontrast dazu und ließen die Sorge erneut in ihm aufflammen.
Er presste seine Finger an den Hals seines Bruders und war erleichtert, las er den Puls darunter schlagen fühlte. Schwach, aber dennoch regelmäßig.
Hastig ließ der Elb seinen Blick über den Menschen schweifen, um jede Kleinigkeit an ihm zu erfassen. Auf den ersten Blick schien er unverletzt, jedenfalls fand er keine unheilvollen Knochenbrüche an Armen und Beinen. Doch ein Knie war stark geschwollen und als er es vorsichtig abtastete wurde seine Sorge verstärkt. Selbst in seiner Bewusstlosigkeit reagierte Estel auf die Berührung mit einem Schmerzlaut.
Dessen Schulter hatte ebenfalls Schaden genommen, doch sie schien glimpflicher davongekommen zu sein, als sein Knie und nur stark geprellt – jedoch nicht weniger schmerzvoll. Elladan dankte den Valar, dass die Bewusstlosigkeit ihn im Augenblick weitere Schmerzen ersparte. Dennoch wußte er, dass er so rasch wie möglich handeln musste.
Bei dem Gedanken an den langen Rückweg zu den Pferden, bedauerte er, diese nicht gleich mitgenommen zu haben, doch für diese Überlegungen war einfach keine Zeit gewesen. Elrohir kam ihm als nächstes in die Gedanken, doch auch diesen schob er beiseite. Sein Zwillingsbruder hatte es nur noch mit zwei Gegnern zu tun gehabt und er war sich sicher, dass er diese spielend alleine besiegt hatte.
Elladan sah sich um und traf eine Entscheidung. Er würde hier das Lager aufschlagen und sich erst dann auf den Weg machen, um Elrohir zu suchen und die Pferde und ihr Proviant hierher zu bringen.
Doch jetzt musste er handeln. Estel musste so rasch wie möglich aus den nassen Kleidungsstücken und an ein wärmendes Feuer, denn die Kälte war augenblicklich sein größter Feind.
Wie zur Bestätigung wählte der Mensch eben jenen Moment, um seine Gedanken zu bestätigen. Von einem Herzschlag auf den nächsten stellte dessen Körper das Zittern ein, der Atem wurde flacher und Estel schien tiefer in die Bewusstlosigkeit zu sinken.
„Nein!", protestierte Elladan flehend, während er dessen Schultern ergriff und ihn ganz aus dem Wasser zog. „Das wirst du nicht tun!"
So gut er es vermochte schleppte er die reglose Last in seinen Armen hinauf an die Böschung, streifte dann den eigenen Mantel ab und breitete diesen über Estel aus. Er überlegte hastig, was er als nächstes tun sollte und auch wenn es ihm widerstrebte, seinen Ziehbruder in diesem Zustand alleine zu lassen, wußte er doch, das es notwendig war.
Er zögerte noch kurz, doch dann begann er hastig damit, Treibgut am Ufer aufzusammeln. Rasch stapelte er es aufeinander, hatte das Holz dann zügig entfacht und betrachtete zufrieden die züngelnden Flammen. Wieder an Estels Seite begann er damit, dessen nasse Kleidung von ihm abzustreifen, schlang ihn dann wieder in den trockenen Mantel und rieb in dem Versuch, den Menschen zusätzlich zu wärmen, dessen Arme und Beine.
Estel zeigte jedoch keine Regung auf die Bemühungen seines Bruders. Seine Lippen hatten immer noch einen bläulichen Farbton und dass sein Körper nicht einmal zitterte, zeigte dem Elb, das dessen Körper beinahe aufgegeben hatte. Dennoch stellte er seine Bemühungen nicht ein.
Elladan wußte nicht wie lange er nun schon darum kämpfte, Estels Körper aufzuwärmen, als ein Geräusch ihn aufschrecken ließ und sein Blick das Ufer entlang flog. Dicht gefolgt von ihren treuen Reittieren, deren Satteltaschen alles enthielten, was Elladan für Estel so dringend benötigte, kam Elrohir mit weit ausschweifenden Schritten das Ufer entlang geeilt!
„Wenigstens um einen Bruder muss ich mich nun nicht mehr sorgen.", murmelte Elladan und wandte sich dann direkt an seinen Zwilling. „Dich schickt der Himmel!"
Ein Lächeln flog über das Gesicht von Elrohir doch dann nahmen dessen Züge wieder einen unsicheren Ausdruck an und dessen Blick blieb an der reglosen Gestalt hängen, die Elladan vorsichtig auf den Boden gebettet hatte. „Was ist mit ihm?", fragte er mit brüchiger Stimme. „Ist er…?"
„Nein. Aber ich fürchte, nicht sehr weit davon entfernt." Als er jedoch sah, wie neue Furcht auf den Zügen seines Bruders erschien, beeilte er sich hinzuzufügen: „Aber das werde ich nicht so einfach zulassen! Du hast gut daran getan, mir hierher zu folgen. Jetzt habe ich alles hier, was ich benötige, um ihm zu helfen."
Autors
Note: So diesmal etwas mehr! Ich hoffe, auch dieses Kapitel findet
eure Zustimmung! Danke an dieser Stelle, für das nette Feedback!
Natürlich motiviert dieses mich besonders, weiter zu schreiben!
zwinker
Euch noch einen schönen Sonntag! Wir lesen uns…
hoffe ich doch! Tardo
