Kapitel 3. Der erste Arbeitstag

Adam war immer noch auf der Suche nach Carla. Er grübelte. Sie hatte ihn doch gebeten, nach dem umziehen wieder am Schalter zu sein. Doch weit und breit hatte Adam niemanden gesehen. Bis auf den Krankenpfleger und die zwei Gestörten, dachte er. Er lief weiter in der Hoffnung, sie doch noch irgendwo zu sehen. Er dachte nach.

Männer wie Percy und Woofer hatte Adam noch nie zuvor erlebt. Wie kann man bloß so affig sein, und das in dem Alter!, dachte er. Er wusste, was sie vorgehabt hatten. Sie hatten vor, sich über ihn lustig zu machen. Aber nicht mit ihm. Adam wusste sehr wohl, sich selbst zu verteidigen.

Er war so sehr in Gedanken versunken, dass er gar nicht mitbekam wie sich die Tür zu einem Büro vor ihm öffnete und er sie somit mitten ins Gesicht gestoßen bekam.

Vor Schmerz stöhnend hielt er sich die Nase, fluchte. Wütend blickte er auf. „Hey, können Sie nicht aufpassen...!"

Er hielt inne. Er blickte direkt in das Gesicht von Dr. Lawrence Gordon, dem Mann, den er beschatten musste! Ein attraktiver Mann Anfang vierzig, der ihn nun verdattert ansah. Adam errötete vor Scham. Er wusste, dass er eigentlich selbst daran Schuld war. Er hätte aufpassen müssen. Sein Blick wanderte zu seiner Tür. „Suite 104 – Dr. Lawrence Gordon" war darauf zu lesen.

Plötzlich erblickte er Carla hinter ihm – mit dem Hemd halb aufgeknöpft und den sonst so akkurat gebundenen Haaren ziemlich verwuschelt. Und er wusste sofort, was Sache war. Er wagte es nicht einmal mehr, sie anzusehen, sondern sah stattdessen ihn an.

Dr. Gordon grinste ihn süffisant an. „Na ja, meine Schuld war es nicht. Vielleicht passt du das nächste mal einfach besser auf. Wenn du mich jetzt entschuldigst, ich habe zu tun. Geh wieder an die Arbeit, Junge."

Adam war sprachlos. Dieser arrogante Mistkerl bemühte sich nicht einmal so zu tun, als hätte er in irgendeiner Weise Respekt vor ihm. Er duzte ihn sofort, grinste ihm spöttisch ins Gesicht. Am liebsten wollte Adam ausholen und seine Faust in sein Gesicht bohren, mit einem triumphierenden Johlen.

Erhobenen Hauptes schritt Lawrence majestätisch an ihm vorbei, ein Klemmbrett unter seinem Arm, und im Gegensatz zu Carla saß seine Frisur perfekt und das Hemd war bis oben hin zugeknöpft. Carla errötete, sah Adam an.

„Ähm... tut mir leid, dass du warten musstest. Ich hatte etwas... Wichtiges mit ihm zu besprechen...", log sie. Adam war sich ziemlich sicher dass sie genau wusste, dass er sie durchschaute. Doch lügen tat sie immer noch. Adam sah Lawrence mit finsterem Blick nach. „So'n Idiot! Was bildet der sich eigentlich ein, der führt sich auf als wäre er... der Prinz aus Zamunda!", beschwerte er sich. Peinlich berührt knöpfte Carla ihr Hemd zu. „Nun ja... er ist manchmal etwas überheblich, aber eigentlich ist er sehr nett... wahrscheinlich musst du ihn erst richtig kennen lernen", sagte sie.

„Geh wieder an die Arbeit, Junge!", machte er ihn nach, schüttelte den Kopf. „Lieber nicht. So einen arroganten, feinen Pinkel wie den will ich nicht kennen lernen!"

Carla seufzte, lächelte. „Na ja, genug von ihm. Du wolltest doch heute schon anfangen. Es wird Zeit, dass ich dir deinen Arbeitsplatz zuweise."

Adam versuchte ein fröhliches Lächeln aufzubringen. „Klar, los geht's."

Sie nickte. „Ich habe da auch schon was gefunden. Hier." Sie reichte ihm einen Zettel mit einer Aufschrift: Zimmer 92.

Adam sah sie an. „Da muss ich also hin?"

Wieder nickte sie. „Genau. Zumindest fürs Erste. Alle Pfleger hier kümmern sich natürlich um verschiedene Patienten, aber heute fängst du mit ihr an. Ihr Name ist Margaret McNeill, sie ist 61 Jahre alt und leidet an Ösophagitis."

Adam blinzelte, sah sie nervös an. „Äh, was bitte?"

„Speiseröhrenentzündung. Aber trotzdem hält sie sich ganz gut, sie ist ziemlich lebensfroh." Sie sah Adams unsicheren Gesichtsausdruck, lächelte ihn an. „Keine Sorge. Der erste Tag ist immer ein wenig überfordernd. Aber du bist nicht allein. Da ist noch ein Krankenpfleger für die Dame zugeteilt, er wird dir dann bei ihr und all deinen anderen Patienten helfen."

Adam wurde schlecht. Mit weit offenen Augen sah er sie an. „Ein anderer Krankenpfleger arbeitet mit mir zusammen? Das... das ist nicht gut! Denn weißt du, da waren heute so zwei Penner, die mich ziemlich....!"

Carla lachte. „Das schaffst du schon! Los, geh! So schlimm wird es nicht sein."

Adam seufzte, steckte den Zettel in seine Jackentasche und machte sich auf den Weg. „Super. Danke, Carla."

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„... und dann sagte mein Albert immer, dass ich zu sehr übertreiben würde! Aber heutzutage kann man doch gar nicht vorsichtig genug sein! Ich meine, ich kann meine Felicity doch nicht einfach jede Maus und jeden Vogel fressen lassen, den sie fängt! Das ist doch unverantwortlich!"

Zep nickte während er den Müll aus dem Zimmer in einen Eimer entsorgte. „Ja. Klingt unheimlich faszinierend, Mrs. McNeill!"

Sie nickte. „So ist es doch, Junge! Aber mein Albert war immer dafür, dass sie fressen durfte, was sie will! Das ist sowohl unhygienisch als auch inakzeptabel!"

Zep schob den Eimer in die zweite Lade des Wagens. „In der Tat, Mrs. McNeill."

Bevor die alte Frau jedoch fortfahren konnte, hatte es an der Tür geklopft. Und noch bevor Zep irgendetwas sagen konnte, hatte sie bereits „Herein!" geträllert.

Die Tür öffnete sich, und herein kam ein junger Mann mit zerzaustem dunklen Haar, ziemlich blasser Haut und in Krankenpflegerkleidung. Adam.

Zep starrte ihn an. Es war der junge Mann von vorhin, dem Percy und Woofer rein gar nichts ausgemacht hatte.

Unsicher blickte Adam beide an. „Ist das hier Zimmer 92?"

Natürlich ist es das, du Trottel. Es steht dick und fett an der Tür.

Doch Adam wollte ganz sicher gehen. Wenn er schon hier arbeiten musste, wollte er sich zumindest nicht blamieren, schon gar nicht am ersten Tag.

Margaret lachte auf. „Ja, mein Junge! Du bist hier richtig! Bist du etwa hier als Krankenwärter eingeteilt worden? Dann habe ich ja noch einen Gesprächspartner! Das wird immer besser!", gluckste sie. Sie stand auf, ging auf Adam und zu drückte ihn herzhaft an sich. „Es ist mir solch eine Freude, dich ab jetzt bei uns zu haben! Glaub mir, das wird lustig!"

Adam versuchte verzweifelt, nach Luft zu schnappen. „D-Die Freude ist ganz meinerseits, Ma'am!"

Urplötzlich, jedoch sehr wohl zu Adams Erleichterung ließ sie ihn los. „Oh nein... da meldet sich meine schwache Blase wieder... tut mir leid, mein Sohn! Ich muss für einen ganz kurzen Moment verschwinden!"

Sie eilte zur Tür, winkte den beiden noch einmal. „Ich lass euch zwei Kätzchen allein, damit ihr euch beschnuppern könnt!"

Mit diesen Worten war sie zur Tür hinaus geeilt.

Adam schluckte, sein Blick wanderte verdattert zu Zep. „Ist die Alte immer so wild drauf?"

Zep schüttelte lächelnd den Kopf. „Man gewöhnt sich schnell an Margaret. Sie ist am Anfang jedem gegenüber ein wenig stürmisch, doch das legt sich mit der Zeit. Dann erzählt sie einem stundenlang Geschichten über ihren verstorbenen Ehemann Albert und ihre Perserkatze Felicity. Aber du wirst sie mögen, sie ist sehr herzlich."

Adam hob eine Augenbraue. Dieser Mann schien zu den Patienten schon Beziehungen aufgebaut zu haben. Dann plötzlich blinzelte er. „Hey... ich hab dich doch eben gesehen. Du warst neben diesen zwei Idioten!", stellte er fest.

„Ach, die." Zep seufzte. „Der Krankenpfleger heißt Percy, und der Hausmeister in grau ist Warren."

„Percy?!"

Adam prustete drauf los. „Wenn man schon Percy heißt kann das ja nichts Gutes bedeuten!"

Zep blinzelte ihn mit wachem Blick an. „Was meinst du damit?"

„Na, allein der Name sagt ja schon alles! Er ist ein Idiot! Alle Idioten heißen Percy!"

Zep sah peinlich berührt von ihm weg. „Diese beiden können einen richtig fertig machen. Glaub mir, geh ihnen lieber aus dem Weg."

Er behielt sich Adam genau in Gedanken, errötete. Ein unheimlich hübscher, aufgeweckter junger Mann, der dazu eingeteilt wurde, mit ihm zusammen zu arbeiten. Hitze stieg in Zep auf. Er konnte nicht leugnen, dass er sein jugendliches Verhalten ziemlich süß fand.

Prompt drehte er sich wieder zu ihm um. „Weißt du... wenn du Hilfe brauchst, kann ich dir alles sagen. Margaret ist nicht unsere einzige Patientin. Da wir ja nun sozusagen Kollegen und Partner sind, würde ich sagen, du hältst dich einfach an mich.", sagte er, fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder selbstsicher. Adam war jung und was den Job anging unerfahren, er selbst war das genaue Gegenteil. Er würde ihn leiten können.

Er ging auf ihn zu, streckte ihm lächelnd die Hand entgegen. „Ich bin Zep."

Adam beäugte seine Hand kurz, lächelte aber zurück und schüttelte sie. „Adam."

TBC...