3. Kapitel
Sie rannte. Überall um sie herum waren hohe Wände aus raschelnden Blättern, welche sich in der steifen Brise bewegten. Unter ihren Füßen federten ihre Schritte auf dem blau leuchtenden Gras des Bodens ab, während sie geschickt Wurzeln und andere kleine Hindernisse umging. Ihre Füße waren das Rennen gewohnt, waren schon so viel gerannt und jetzt würden sie nie wieder damit aufhören. Sie musste zurück, so schnell sie nur konnte. Doch da waren Schritte hinter ihr. Sie war nicht allein.
„Rose!" rief eine unbekannte Stimme hinter ihr. „Rose, bleiben Sie stehen."
Die Schritte kamen näher, doch sie war gleich am Ziel. Vorne, am Ende des Ganges konnte sie schon das Rot ihrer TARDIS erkennen. Doch plötzlich fuhr ein heftiger Windstoß durch die Hecken, es raschelte und der Weg vor ihr verschloss sich durch eine undurchdringliche Blättermauer. Sackgasse.
Sie wandte sich abrupt nach links und entkam gerade noch der Hand, die nach ihr griff. Der Andere war schnell, doch sie war schneller. Sie hatte nichts zu verlieren und alles zu gewinnen.
„Rose!"
„Rose." sie schreckte auf und schaute sich verwirrt um. Sie lag in einem Bett, ihrem Bett, erkannte sie. Doch etwas hatte sie geweckt, eine Stimme die ihren Namen gesagt hatte. Sie blinzelte gegen die Dunkelheit und erkannte eine Silhouette, die sich im Dämmerlicht neben ihrem Bett abzeichnete.
„Doktor?" fragte sie unsicher.
„Rose. Du hattest einen Traum, vermutlich einen Albtraum. Deine Herzfrequenz war signifikant erhöht und deine Atmung beschleunigt. Außerdem…"
„Entschuldige, wenn ich dich geweckt hab. Habe ich im Schlaf gerufen?"
„Hm? Was? Wieso? Nein! Ich sagte doch, deine Atmung…"
Rose seufzte. „Ich habe dich nicht geweckt? Was machst du dann in meinem Zimmer?" fragte sie ein wenig verwirrt und rieb sich schläfrig die Augen.
„Ich hatte nichts zu tun. Die TARDIS-Koralle haben wir schon vor Stunden in ihr Becken gesetzt und bis sie gewachsen ist, oder wir neue Teile von Torchwood beschaffen können…"
Rose kicherte. „Und du konntest nicht schlafen? Müsstest du als Mensch jetzt nicht eigentlich mehr Schlaf brauchen, als früher?" Auch wenn sie es in der Dunkelheit nicht sehen konnte, wusste sie, dass er die Mundwinkel zu einem Lächeln verzogen hatte.
„Ja. allerdings. Sehr ärgerliche Sache, das. Die ganze Zeit, die dadurch verloren geht – schlafen. Ihr Menschen verschlaft euer halbes Leben! Wie haltet ihr das nur aus?" beschwerte er sich. „Außerdem haben die Wände in meinem Zimmer mich angestarrt." beschwerte er sich. „Habe ich dir das mal erzählt? Auf Galator 4 haben die Wände tatsächlich Augen – in allen Größen und Formen. Die Häuser der Gallaner sind organisch gewachsen und leben in Symbiose mit den verschiedensten Lebewesen. Sehr faszinierend!"
„Und irgendwie eklig!" ergänzte Rose. „Möchtest du zu mir ins Bett?" fragte sie in noch halb verschlafenem Tonfall und klopfte neben sich auf die Matratze.
„Ich will dich nicht vom Schlafen abhalten." wandte der Doktor ein.
„Das will ich dir auch nicht geraten haben!" neckte Rose ihn. Dann rutschte sie auf die rechte Seite des Bettes und klopfte neben sich auf die Matratze. „Na komm schon her." Sie hob ihre große Decke für ihn an und kaum einen Augenblick später spürte sie, wie sich die Matratze unter seinem Gewicht senkte, als der Doktor hastig zu ihr ins Bett schlüpfte. Er klopfte sich das Kissen zurecht und legte sich schließlich auf den Rücken, wobei er die Arme hinter seinem Kopf verschränkte. Rose lächelte und kuschelte sich an seine Brust.
„Aber wehe du schnarchst," drohte sie spielerisch und vergrub die Nase im Stoff seines T-Shirts. Er antwortete nicht, sondern ließ seine Finger stattdessen immer wieder durch die Haare in ihrem Nacken gleiten. Rose seufzte selig und wenige Atemzüge später war sie bereits wieder eingeschlafen.
Die nächsten Tage folgten einem sich wiederholenden Muster. Jeden Abend tauchte der Doktor zu dem Zubettgehen an Rose' Türschwelle auf und sie lud ihn in ihr Bett ein, wo er es sich auf der linken Seite bequem machte. Rose kuschelte sich an ihn und er streichelte sie, bis sie kurze Zeit später in einen unruhigen Schlaf fiel. Rose' Schlaf war durchzogen von lebhaften Träumen. Oft träumte sie vom Labyrinth aus Blättern, in welchem sie manchmal verfolgt wurde, es manchmal aber auch zusammen mit dem Doktor durchsteifte. Manchmal weckte der Doktor sie und streichelte sie dann mit beruhigenden Worten wieder in den Schlaf. Morgens machte Rose für sie beide Frühstück, bevor sie sich auf den Weg zu Torchwood machte. Sie und der Doktor hatten beschlossen, dass Rose auf diese Weise am besten ein Auge auf merkwürdige Geschehnisse und eventuelle Bauteile für ihre zukünftige TARDIS haben konnte. Der Doktor verbrachte den Tag in Rose' Arbeitszimmer, wo er die TARDIS-Koralle sorgsam hegte und an einem neuen Schallschrauber arbeitete. Denn jeder Doktor brauchte einen Schallschrauber, behauptete er. Rose wiedersprach ihm nicht.
„Arrrh, wie haltet ihr Menschen das nur aus? Überall Wände, weiße Wände. Und die sind immer an derselben Stelle! Macht dich das nicht wahnsinnig, Rose?"
Rose war eben von der Arbeit gekommen und hatte das Arbeitszimmer betreten, als der Doktor sie so in frustriertem Tonfall begrüßte. Er saß auf dem Boden, umringt von kleineren Bauteilen, Kabeln und Schrauben. Seit ihrer Ankunft im Paralleluniversum war fast ein ganzer Monat vergangen und Rose konnte beobachten, wie der Doktor von Woche zu Woche immer rastloser wurde.
Sie setzte sich neben ihm auf den Boden und begrüßte ihn mit einem zärtlichen Kuss auf die Lippen.
„Was macht der Schallschrauber, Doktor?" fragte sie, um ihn von Thema abzulenken. Es hatte keinen Sinn, mit ihm über die Inneneinrichtung der Wohnung zu streiten, wenn er in eine dieser Launen versunken war.
Der Doktor griff abwesend in die Innentasche seines Jackets und zog einen handlichen Schallschrauber heraus. Stolz betätigte er einen der Knöpfe und präsentierte stolz die rot leuchtende Spitze. „Ist vor 5 Stunden fertig geworden," erklärte er abwesend und wandte sich wieder den Bauteilen vor sich zu.
„Na das ist doch großartig!" versuchte Rose ihn aufzumuntern, doch die Miene des Doktors machte weiterhin deutlich, wie sehr er die momentane Situation verabscheute.
„Ja, großartig." meinte er tonlos. „Jetzt muss ich nur noch die plasmatische Schale der Koralle schockfrisieren und den dimensionalen Stabilisator auf eine Faltharmonie von 36,3 modifizieren. Oh, Moment. Ich habe gar keinen dimensionalen Stabilisator. Denn so wie es aussieht, fehlen mir die Bauteile!" Er raufte sich frustriert die Haare. „Bei der jetzigen Wachstumsrate der TARDIS wird es Jahrhunderte dauern, bis sie einsatzfähig ist. Und ich kann nichts Anderes tun, als hier herumzusitzen und …. nichts zu tun."
Rose seufzte innerlich, gab sich nach außen hin aber unbeschwert. „Keine Sorge Doktor. Wir werden die richtigen Bauteile schon finden. Mein Vater sagt, Torchwood erwartet in 3 Tagen eine große Lieferung an Teilen, welche aus dem Wrack eines Oszillianischen Kampfgleiters an der Küste von Wales geborgen wurden. Und so lange…" sie griff in ihre Jackentasche „könntest du mir vielleicht bei einem kleinen Rätsel helfen." Sie zeigte ihm einen schwarzen, glatten Umschlag auf welchen in goldenen, leicht hervorstehenden Lettern „der Doktor und Rose Tyler" gedruckt stand.
„Den habe ich eben in unserem Briefkasten gefunden. Steht keine Adresse drauf, nur unsere Namen."
Der Doktor nahm ihr mit leuchtenden Augen den Umschlag aus der Hand und drehte und wendete ihn im Licht der kleinen Lampe, welche er neben sich aufgebaut hatte. Dann fuhr er die Kanten des Umschlages mit seinem Schallschrauber entlang.
„Eigenartig und höchst faszinierend, will ich meinen," sagte er und auf seinen Lippen breitete sich ein verzücktes Lächeln aus. „Das Papier ist Theresanischen Ursprungs und die Tinte" er leckte daran „besteht aus Gold mit einem Hauch … Bhezulium? Ist das möglich?"
„Und das bedeutet?" fragte Rose ihn lächelnd.
„Das bedeutet, Rose, dass der Absender, wer auch immer er sein mag, Beziehungen weit über euer Sonnensystem hinaus pflegt." Eilig öffnete der Doktor den Umschlag und nahm eine Karte heraus, die aus einem rötlichen Metall geprägt war. „Nun, das ist interessant. Klivanisches Sonnenerz. Oh, das ist gut! Ich glaube, hier möchte jemand angeben." Er klatschte begeistert in die Hände und faltete die Karte auseinander. Er las vor:
Timelord,
mir scheint, euch ist eure TARDIS abhandengekommen. Ich kann helfen.
Besucht mich morgen Abend um 21 Uhr im obersten Stockwerk des Trillenium Towers. Ihr werdet erwartet.
Der Gelegenheitsmacher
Der Gelegenheitsmacher?" fragte der Doktor verständnislos. „Wer nennt sich denn der Gelegenheitsmacher?"
„… fragt der Doktor," erwiderte Rose zwinkernd.
„Wie auch immer," winkte der Doktor ab. „Dieser Gelegenheitsmacher hat sich auf jeden Fall alle Mühe gegeben unsere Aufmerksamkeit zu erregen und uns zu zeigen, dass er tatsächlich die Mittel hätte, uns zu helfen."
„Und wer sind wir, dass wir ihn enttäuschen?"
