Draco wartete nur lange genug, dass die meisten Schüler die Halle verlassen hatten, bevor er sich selbst von seinem Stuhl erhoben und entfernte. Die anderen Lehrer waren noch geblieben. Er hatte keine Nerven mehr dafür. Weder für Lehrergespräche über Stoff, Einleben und Schulaufbau, noch für Klatsch und Tratsch. Er wollte seine Ruhe. Er hatte sich schon die ganzen letzten Tage mit den bereits anwesenden Lehrern rumgeschlagen. Slughorn der ihn in sein neues Unterrichtsfach eingewiesen hatte und McGonagall die allgemein eher als nüchtern galt, hatten noch die angenehmsten Personen in seinem Alltag dargestellt. Alle andern kamen ihm einfach nur übertrieben vor, auf welche Art auch immer. Gut mit einigen hatte er weniger, mit anderen mehr zu tun, doch das änderte eigentlich nicht viel daran.
Slughorn mochte ihn vielleicht anhand seiner Familie nicht, doch er schätzte anscheinend seine Fähigkeiten und McGonagall vertraute ihm auf seltsame Art und Weise, was Draco nicht nachvollziehen konnte. Er hatte nicht erwartet, dass er die Stelle in Hogwarts kriegen würde. Er hatte eher damit gerechnet, mit Schimpf und Schande von der neuen Schulleiterin davon gejagt zu werden. Ganz entgegen dem hatte sie ihn neutral und nüchtern beim Gespräch willkommen geheißen und einige Tage später hatte er ihre Zusage per Eule bekommen. Warum verstand er nicht. Sie hatte mit dem Vertrauen in Snape in mehr als nur einen sauren Apfel gebissen, warum sollte sie ihn einstellen? Mit den Worten seines Vaters hatte es bestimmt nichts zu tun. Eher wäre das wohl ein Grund gewesen, ihm noch eher eine Absage zu geben. Aber nein, hier war er. Hatte dieselben Rechte und Pflichten wie jegliche andere Lehrer und jeder von diesen brachte ihm Respekt entgegen. Er hatte mit Verachtung gerechnet, aber sie nicht geerntet.
Nun, wenigstens eine erfüllte seine Vorstellungen. Genervt stieß er die Tür zu seinen neuen Gemächern auf und trat ein. Mit bestimmten Schritten ging er zur Vitrine an der Wand und schüttete sich einen Feuerwhiskey ein, um sich gleich darauf damit in einen der beiden Sessel vor dem Kamin fallen zu lassen. Trinken war eigentlich nicht eines seiner Laster, aber gerade in diesem Moment nahm er einen genießerischen Schluck über seinen Frust hinweg.
Astoria Greengrass. Er schloss die Augen und stützte seinen Arm ab. Er hatte sie nur zu schnell unter den Massen der Schüler gefunden. Sie war ein hübsches Mädchen, sehr zierlich aber auch noch sehr kindlich. Ihre Schwester war eine wahre Schönheit, nun aber nicht mehr an der Schule. Den Blick, den Astoria ihm heute geschenkt hatte, sagte genug darüber aus, wie sie zu dieser Verlobung stand. Sie war förmlich erstarrt, als sie ihn entdeckt hatte. Tief atmete Draco durch. Es war egal. Er würde sie nicht um ihre Hand bitten, bevor sie nicht die Schule beendet hatte. Zwei Jahre. Zwei Jahre hatte er sie nur als Schülerin. Niemand wusste davon und niemand würde davon erfahren, bevor er es nicht offiziell machte. Er würde seine Ruhe haben. Zwar hatte sie das Fach Zaubertränke belegt, aber das würde nichts ändern. Er hatte es nicht eilig mit dieser Hochzeit. Er konnte warten, nur zu gut und bis dahin würde er sein Leben genießen, dessen war er sich sicher. Die letzten beiden Jahre hatte er nichts zu lachen gehabt. Nun war ER fort und seine Eltern hatte nichts Besseres zu tun, als ihn zu verloben. So viel zum freien Leben, das er sich vorgestellt hatte. Aber er war fest entschlossen, die nächsten beiden Jahre so zu verbringen wie es ihm beliebte.
Astoria hatte sich am Abend damit entschuldigt müde zu sein und war zu Bett gegangen. Niemand hatte ihr geglaubt, dennoch hatte man sie ohne Kommentar gehen lassen. Schlafen aber konnte sie nicht. Zu viele Gedanken strömten durch ihren Kopf. Erst hatte sie geweint und als die Tränen versiegt waren, einfach nur noch trübe den unangenehmen Gedanken nach gehangen. Als die anderen Schüler ihr Bett aufsuchten im Schlafsaal, hatte sie sich schlafend gestellt. Irgendwann gegen den Morgen schließlich, hatte der Schlaf sie doch überfallen.
Das provisorische, neue Haus aller Schüler befand sich im Erdgeschoss und war neben dem Astronomietrum der einzige begrenzte Raum im Schloss, in dem sie sich auch aufwärts bewegen durften. Es hatte drei großzügige Gemeinschaftsräume und pro Klassenstufe vier Schlafsäle für Mädchen und Jungen, ohne feste Einteilung. Das Ganze war gemütlich, in hellen, neutralen Farben gehalten und gab eine beruhigende Atmosphäre. Diese war auch dringend notwendig, denn die Masse an Schülern, welche nun an einem Ort lebten, brachte einen hohen Geräuschpegel mit sich.
Kasumi hatte einige Mühe darauf verwenden müssen, Astoria am nächsten Morgen aus den Federn zu bringen. Inzwischen saßen sie an einem der großen Tische beim Frühstück. Astoria hatte einen großen Becher Kürbissaft vor sich und starrte ins Nichts. Die Müdigkeit brachte einen Vorteil mit sich, Malfoy fand keinen Weg in ihre Gedanken. Allgemein fanden nur wenige Dinge den Weg zu ihr.
„Toria!" Astoria schreckte auf und betrachtete Kasumi neben sich fragend. Diese schüttelte leicht den Kopf und seufzte.
„Also wirklich. Was ist eigentlich los mit dir?" Die Frage klang ehrlich besorgt, aber auch zu einem gewissen Grad genervt.
„Ich bin nur müde", gab Astoria etwas mürrisch zurück und gähnte gleich darauf hin demonstrativ. Mit dem Versuch, einem Gespräch weiter auszuweichen, wandte sie ihren Blick wieder ab.
„Müde? Toria du hast sicher zehn Stunden geschlafen. Wie kannst du müde sein?" Sichtlich genervt wandte sich Kasumi wieder ihrem Frühstück zu. Astoria blickte sie kurz an, sagte aber nichts. Es tat ihr leid, doch sie konnte nicht darüber sprechen. So verlief das Essen weiter schweigend, während rund herum die Gespräche nur so tobten. Die Halle summte von Lebensenergie, doch Astoria bemerkte kaum, wie die Stundenpläne verteilt wurden. Lustlos nahm sie das Pergament zur Hand und ging über die Liste. Erst Verwandlung bei der neuen Lehrerin, Grey, wenn sie sich recht erinnerte. Dann Verteidigung gegen die dunklen Künste und am Nachmittag noch Geschichte. Wenn sie da nicht einschlafen würde. Das war das Dumme an Binns. Er starb nie. Er war ja schon tot. Aber fast noch schlimmer war die Lektion Astronomie mitten in der Nacht. Bis anhin hatten sie immer ungefähr um neun Astronomie gehabt, nun war eine Einzelstunde um elf angesetzt. Sie würde sterben. Dementsprechend entglitt ihr ein Stöhnen.
„Astro um elf. Warum genau hab ich mich für das Fach entschieden?"
Sie bedachte Kasumi einer bösen Miene, da diese ein amüsiertes Kichern ausbrach. Ihre Freundin zuckte mit den Schultern.
„Ganz ehrlich, Toria, du hast so viele Fächer gewählt. Ich versteh nicht die Hälfte deiner Wahl. Da zum Beispiel Geschichte. Was willst du damit. Bibliothekarin werden?"
Astoria zog missmutig die Augenbrauen zusammen und murmelte mürrisch eine Antwort. „Meinen Eltern ist geschichtliche Bildung wichtig."
Sie konnte sich förmlich vorstellen, wie Kasumis Stirn sich runzelte, sah aber weiter stur auf ihren überfüllten Stundenplan.
„Und Pflege magischer Geschöpfe? Ich glaube nicht, dass deine Eltern erpicht darauf sind, dass du mit wilden Tieren rumhampelst. Ich meine ich finde es toll, dass du es gewählt hast, aber du hast ja nicht mal gewusst das Hagrid nicht mehr Lehrer ist und ich weiß das wäre Grund genug für dich wäre, das Fach zu schmeißen."
Diesmal fiel die Antwort noch etwas knapper aus. „Genau darum."
„Wegen Hagrid?" Offene Verwunderung spiegelte sich in Kasumi Stimme. Genervt hob Astoria nun trotzdem den Kopf, um Kasumi anzusehen.
„Nein, wegen meine Eltern."
Ein leises „Ach so", erklang und Kasumi suchte bereits den Stundenplan erneut nach einem für Astoria unsinnigen Fach ab.
„Und was ist mit Alte Runen? Die sind todlangweilig."
„Oh Sumi hör auf", genervt legte Astoria ihren Stundenplan umgekehrt auf den Tisch. „Ich kann doch die Fächer wählen die ich mag. Alte Runen sind Bildung, Kultur und durchaus interessant."
„Aber damit kannst du auch nichts Anderes machen als was weiß ich, Archäologin werden oder so."
Ihre alte Astoria zumindest ansatzweise wieder zurückhabend grinste das japanische Mädchen. Astoria nahm griesgrämig ihren Becher, trank einen Schluck und versuchte, Kasumi nicht mehr weiter zu beachten.
Als sie beim neuen Verwandlungsklassenzimmer angekommen waren, hatte sich Astorias Stimmung annähernd normalisiert. Die Klasse war nun beinahe doppelt so groß wie noch vor einem Jahr, da alle Häuser zusammen unterrichtet wurden. Selbst ohne jene für die Verwandlung für den Abschluss nicht in Frage kam, waren sie noch fast dreißig Schüler. Sie wollte gar nicht erst wissen, wie es in den unteren Klassen aussah, in denen das Fach noch Pflicht war auf dem Stundenplan.
Zusammen mit Kasumi und Jon, der mittlerweile zu ihnen gestoßen war, suchten sie sich einen Platz. Wie nicht anders zu erwarten, war in den hinteren Reihen alles schon voll und so mussten sie mit der Mitte vorliebnehmen.
Professor Grey stand bereits mit verschränkten Armen, schweigend vor der Klasse und musterte die Schüler mit strengem Blick. Einen Moment fragte sich Astoria, ob das mit dem Fach in Verbindung stand. Diese Professor Grey erinnerte sie stark an McGonagall. Statt einem festen Knoten hatte sie das schwarze Haar zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden. Sie hatte dunkle Augen, ein durchaus hübsches Gesicht, aber strenge Züge. Sie hätte eine attraktive Frau sein können, wenn sie es sein wollte. Allerdings machte die Miene, die sie gerade auflegte, einiges ihrer Schönheit zunichte.
„Die macht eine Miene wie drei Tage Regenwetter. Was für eine Laus ist der denn über die Leber gelaufen?"
Astoria kicherte leicht bei Jons Worte, doch kurz darauf erklang die Stimme der Professorin und brachte den Raum zum Schweigen.
„Ich möchte sie herzlich willkommen heißen. Ich bin Professor Grey und werde sie in diesem Jahr im Fach Verwandlung unterrichten. Da es sich bei ihnen um die UTZ-Klasse handelt erwarte ich von ihnen Disziplin und Aufmerksamkeit. Es ist ihr Abschluss, beziehungsweise der Abschluss ihrer Klassenkameraden." Ihr strenger Blick ging durch die Reihen. Kein Laut ertönte. Sie sah nicht nur so aus wie McGonagall, sie hatte auch die gleiche, effiziente Art und Weise die Klasse ruhig zu halten, wenn sie dabei auch nicht halb so freundlich wirkte.
„Ich habe einen genauen Plan erhalten, was ihre Kenntnisse bis anhin betrifft. Um ihnen einen kleinen Ansporn zu geben in diesem Jahr, werden die besten unter euch im nächsten Jahr die Gelegenheit erhalten, unter meiner Leitung die Ausbildung zum Animagus anzutreten."
Ein Raunen ging durch die Menge. Solch eine Gelegenheit zu bieten war nicht selbstverständlich. Allerdings konnte sich Astoria nur zu gut vorstellen, dass die Ansprüche die diese Grey dafür stellte, nicht gerade ein Zuckerschlecken sein würden.
„Also, strengen sie sich an." Ein eher künstliches Lächeln streifte ihre Lippen kurz, gleich darauf wurden ihre Züge wieder streng.
„Nun öffnen sie das Buch auf Seite 311. Wir widmen uns heute der Transfiguration von lebenden Tieren zu lebenden Tieren. Lesen sie das Kapitel und beantworten sie anschließend die Fragen an der Tafel auf einem separaten Pergament."
Mit einem Wisch ihres Zauberstabes erschienen zwölf Fragen zum Thema an der Tafel. Sofort folgte geschäftiges Treiben in der Klasse an, während alle Buch und Schreibutensilien hervorkramten. Man hörte Blätter rascheln und leises Murmeln, was jedoch schnell verstummte.
Sorgsam nahm Astoria ihr Buch hervor und schlug die Seite auf. Einfache Gesetze zur Transfiguration lebender Wesen.
Ihr Blick glitt über die Seiten und sie suchte den Schluss. Als sie erkannte, dass das Kapitel ganze fünfzehn Seiten beinhaltete, entglitt Astoria ein leises Stöhnen und sie war nicht die Einzige. In der ganzen Klasse erschallte früher oder später der Ton bei fast jedem Schüler. Kurz darauf war nur noch das Rascheln der Seiten zur hören, wenn jemand umblätterte. Nach dem sie das Kapitel gelesen und die Fragen beantwortet hatten, mussten sie Beispiele für das Gesetz aufführen und anschließend wurde die Verwandlung für die nächste Stunde festgelegt für jede Person. Nachfolgend mussten sie zur Vorbereitung einen Aufsatz dazu schreiben. Astoria hätte aufheulen können. Die Lehrerin war fast noch schlimmer als McGonagall, zumindest kam es ihr so vor. Sie sollte in der nächsten Stunde ein Kaninchen in einen Kanarienvogel verwandeln oder besser, so viele Kanarienvögel wie möglich und sie mussten anschließend am Leben bleiben. Astoria hatte keine Ahnung, wie sie das anstellen sollte. Nach dem die Stunde vorbei war, hatte sie gerade mal eine halbe Pergamentseite für ihre Vorbereitung, bekam einen Rüffel von der Professorin und den Vorschlag, sie am Abend noch mal zu besuchen, um das Ganze zu repetieren.
Ein wunderbarer Start in den ersten Tag des Jahres. Verteidigung gegen die Dunklen Künste war wider Erwarten ganz passabel, wenn auch für die erste Stunde etwas langweilig. Sie lasen aus dem neuen Buch. Das Thema war Vampire, Gerüchte und Legenden. Viel mehr bot die Stunde nicht mehr, allerdings versprach ihr neuer Lehrer in der nächsten Woche Anschauungsunterricht zu machen. Irgendwie machte der Gedanken Astoria Angst. Ein Vampir im Unterricht. Sie wusste nicht so wirklich, ob ihr die Idee gefallen sollte.
„Wo haben sie noch einen kompetenten Verteidigungslehrer ausgegraben? Ich dachte die sind alle aufgebraucht, nach dem ständigen Wechsel der letzten Jahre."
Astoria zuckte mit der Schulter. Jons Frage war durchaus berechtigt. Soran Thyes hatte jede ihrer Fragen sachlich beantworten können, war zwar distanziert, aber freundlich gewesen und hatte einen ganz positiven Eindruck hinterlassen.
„Vielleicht wagen sich jetzt alle heraus, die vorher lieber keine Stelle für nur ein Jahr gewollt haben", gab Sumi grinsend zu bedenken.
„Na ich weiß auch nicht. Tod. Gedächtnisverlust. Werwolf. Verrückt geworden. Ich glaub es gibt keinen der normal abgetreten ist in den letzten zwanzig Jahren. Da wär ich auch nicht erpicht darauf ein Lehrer zu werden. Und warum sollte das jetzt auch aufhören? Mehr als ein Jahr, geb ich acu ihm nicht."
Die drei machten sich auf den Weg in die Große Halle für das Mittagessen und führten eine Diskussion darüber, was mit den letzten Verteidigungslehrern passiert war.
Der Nachmittag verlief ereignislos. Astoria war ohne ihre Freunde in Geschichte für Zauberei und hätte es tatsächlich fast geschafft einzuschlafen. Zu ihrem Glück war auch Lauren mit ihr im Unterricht und setzte sich freundlicher Weise zu ihr, um sie dann auch immer wieder anzustoßen, wenn sie fast eingeschlafen wäre. Sie dankte Lauren am Ende der beiden Stunden für die Aufmerksamkeit und ging zusammen mit deren Freundinnen zurück zum Gemeinschaftsraum.
„Danke nochmal. Ich weiß nicht wie ich das hätte überleben sollen." Lauren kicherte, nach Astorias Geschmack etwas zu kindisch, bevor sie antwortete.
„Das ist doch wirklich keine Ursache. Ich weiß zwar nicht, wie du müde sein kannst, aber ich hab's gern gemacht."
Astoria lächelte leicht, da sie nicht mehr wusste was sonst noch zu erwidern. Sie warf ihre Schultasche in eine Ecke, zog die Krawatte aus und öffnete die obersten Knöpfe der Schuluniform. Es war zwar nicht gestattet sie auszuziehen, doch niemand sagte etwas, wenn man das Ganze etwas lockerte. Sie würde erst zu Astronomie wieder alles richten müssen. Der Gedanke an das Fach entlockte ihr wieder ein Stöhnen, aber es half alles nichts. Es war schrecklich und Sinistra war schon immer pingelig gewesen.
Seufzend ließ sie sich auf ihr Bett fallen, während die andern das Zimmer bereits wieder verlassen hatten. Eigentlich hatte sie nur kurz einen Moment entspannen wollen, doch schlussendlich hatte der fehlende Schlaf sie übermannt, kurz nach dem sie sich hingelegt hatte. Dieses Mal blieben ihre Träume allerdings nicht so ereignislos wie in der Nacht zuvor.
Immer wieder tauchte das Bild eines gewissen blonden, jungen Mannes vor ihrem Gesicht auf. Er sah sie wütend an. Schimpfte mit ihr. Sie hörte ihre Eltern schimpfen, was für eine Schande sie doch war für die Familie. Sie hörte ihre Schwester jammern, weil sie mit Malfoy verlobt war. Und immer wieder Malfoy. Das Bild von ihm drehte sich in ihrem Kopf.
„Toria!" Sie schreckte auf.
„Meine Güte Toria." Sumi kam kopfschüttelnd auf sie zu. „Du hattest wirklich keine ruhige Nacht wie? Dabei hast du so friedlich geschlafen, als wir reingekommen sind." Das japanische Mädchen setzte sich mit einem mitfühlenden Blick neben Astoria aufs Bett. Diese war sich sehr wohl bewusst, was das nun werden würde. Sie wollte wissen, was los war. Doch der Gedanken an Malfoy ließ sie erbleichen. Nein, sie war noch nicht bereit, etwas zu erzählen. Sie war nicht bereit, darüber zu reden. Sie konnte einfach nicht. Ein weiteres Mal war sie den Tränen nahe. Sie schluckte schwer und setzte ein verzerrtes Lächeln auf ihre Lippen, um ihre Freundin zu beruhigen. „Mir geht es gut", versuchte sie es halbherzig. Die Antwort kam sogleich.
„Das glaube ich nicht. Aber wenn du mir nicht sagen willst was los ist, dann lass es."
Kasumi tönte leicht gekränkt und stand nun auch wieder auf. „Komm schon, es gibt gleich Abendessen."
Ein etwas mitfühlendes, aber auch aufmunterndes Lächeln stahl sich auf die Lippen der Japanerin.
Astoria erwiderte ihr Lächeln dankbar. Das war ein Grund, warum Sumi auch zu ihren Freunden gehörte. Sie wusste, wie weit sie gehen konnte. Sie gönnte Astoria ihre Privatsphäre. Jon war da weniger rücksichtsvoll, doch in dieser Sache würde auch er nichts aus ihr rausbekommen. Sie konnte einfach nicht darüber reden.
Schnell stand sie auf und huschte kurz ins Bad der Mädchen, um ihre Haare wieder zu richten und folgte Sumi zum Abendessen.
Astronomie ging noch relativ gnädig über die Bühne. Nach dem sie am Nachmittag eingenickt war sogar bedeutend besser als Geschichte für Zauberei. Nur einen Nachteil hatte der Unterricht. Sie nahmen ein weiteres Mal die Sternbilder durch, diesmal etwas genauer und natürlich war das erste Sternbild ausgerechnet der Drache, zu lateinisch Draco. So sehr sich Astoria anstrengte, dabei nur an das Sternbild zu denken, bei jedem Merkmal das aufgezählt wurde und jedes Mal, wenn der Name wieder fiel, gingen ihre Gedanken automatisch zurück an ihren verhassten Verlobten.
Als die Stunde vorüber war, kletterte Astoria frierend und genervt die schmale Treppe des Westturmes hinunter und machte sich mit einem grimmigen Gesicht auf den Weg zurück zum Gemeinschaftsraum. Schnell wurde sie dabei wieder von Lauren eingeholt. Astoria fiel es schwer, sich daran zu gewöhnen, dass nun alle an denselben Ort verschwanden. In Laurens Fall war sie aber fast froh darüber. Im Gegensatz zu Kasumi oder Jonathan war das oberflächliche Mädchen nicht so feinfühlig. Sie kannte keine Hintergründe, fragte nicht nach dem Grund ihrer schlechten Laune und wenn, hatte sie diese dennoch den ganzen Tag lang einfach hingenommen. Selbst wenn die Antworten recht schmächtig ausfielen, war es kein Grund für sie gewesen, sich nicht weiter mit Astoria abzugeben. Sie war genau der Mensch, den man einfach um sich haben konnte, ohne dass er groß störte, mit dem man dann über Belanglosigkeiten reden konnte, wenn man keine Lust auf die tiefgehenden Gespräche der Welt hatte.
„Ich hab nicht gedacht, dass es über ein Sternbild so viel zu wissen gibt. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl es kommt nur auf die Konstellationen an", plauderte die freundliche Ravenclaw recht unbeschwert vor sich hin, nach dem sie Astoria eingeholt hatte. So viel zu den nicht beschwerlichen Themen. Astoria hatte wirklich keine Lust weiter über „Draco" zu reden. Sie murrte nur und nickte dazu in der Hoffnung, dass Lauren den Wink verstand und mit dem Thema aufhörte. Diese allerdings schien gerade erst aufzublühen.
„Ich meine, wir haben uns gerade 45 Minuten über die ersten drei Sterne des Drachen ausgelassen. Das Ding hat über zehn Sterne. Wie sollen wir denn da fertig werden?" Astoria stöhnte auf, entlockte Lauren damit einen verwunderten Blick und ein Schulterzucken.
„Magst du Astronomie nicht?" Fragte die Brünette Astoria nun recht vorsichtig.
„Doch. Aber können wir das Thema Drache nicht lassen?" Sie betonte das Wort Drache, beschleunigte ihre Schritte etwas und starrte zu Boden. Draco. Draco. Draco. Dieser Malfoy ließ sie einfach nicht mehr los. Er schien allgegenwärtig zu sein an dieser Schule. Das war die Hölle. Das Fegefeuer höchst persönlich und sie bereute jetzt schon all die Dinge, die sie in ihrem Leben falsch gemacht hatte. Konnte es nicht einfach aufhören?
„Oh… Natürlich."
Nach der kleinlauten Antwort liefen sie recht schweigend nebeneinander her, während Lauren zu überlegen schien.
„Weißt du, das ist mir früher gar nicht aufgefallen. Das Malfoy ja genau den Namen trägt."
„Lauren!", genervt fauchte Astoria die Ravenclaw an. Lauren hatte bestimmt nichts Böses damit gemeint, doch Astoria hatte keinen Nerven mehr für das Thema. Selbst wenn es nur unbewusst angeschnitten wurde. Zu einem Teil tat es ihr Leid, als sie nun in das Gesicht der freundliche Ravenclaw sah, welches entsprechend perplex und fast ein wenig wütend schien. Astoria senkte den Blick.
„Tut mir Leid."
Einen Moment herrschte wieder Schweigen zwischen den beiden Mädchen. Sie gingen nebeneinander her in Richtung des Gemeinschaftsraumes. Astoria hörte bereits am Geräusch, wie Lauren Luft holte, dass gleich etwas Neues folgte.
„Schon okay." Das klang verdächtig freundlich. „Wenn du mir den Grund sagst, warum dich das Thema Drache oder Draco so stört."
So dumm war das Mädchen also nicht. Leider. Aber Astoria hätte es ja wissen müssen. Es gab keine wirklich dummen Ravenclaws. Nun gut vielleicht Loony, aber Luna Lovegood stellte ja auch kein Maßstab dar. Sie seufzte auf. Wenn sie schon ihren Freunden nicht sagte, was los war, wollte sie es Lauren ganz bestimmt nicht sagen.
„Das Thema geht mir einfach nur auf den Wecker. Malfoy hier, Malfoy da. Möchte ihm jemand in den Hintern kriechen oder seine Stiefel lecken?"
Lauren neben ihr lachte über ihre zynische Vorstellung auf und Astoria hatte erreicht, was sie wollte. Lauren amüsierte sich köstlich darüber und schüttelte sich ein weiteres Mal, als sie die Tür zum Gemeinschaftsraum aufstieß.
„Ja, stimmt. Seit gestern Abend ist er das Thema Nummer Eins. Dabei hat es so viele neue Lehrer über die man sich unterhalten könnte." Astoria nickte nur stumm. Ihr wäre es auch lieber, es würde mehr über andere Lehrer diskutiert. Der Alptraum verfolgte sie noch immer. Sie hoffte nur, dass diese Nacht ohne seltsame Träume über die Bühne ging. Ansonsten wüsste sie nicht, wie sie die kommende Zeit überleben sollte. Lauren fasste ihr Schweigen leider als Aufforderung auf, weiter zu reden.
Der Gemeinschaftsraum war so gut wie leer. Die unteren Klassen hatten bereits Nachtruhe und so waren nur noch Sechst- und Siebtklässler da, die zu größten Teilen bereits vom Schulstoff absorbiert wurden.
„Ich bin ja schon auf seinen Unterricht gespannt. Wie der wohl der Klasse Respekt beibringen will? Ich meine, er war ja selbst erst gerade noch Schüler. Obwohl", ein kindisches Kichern kam über ihre Lippen und Astoria zog verständnislos die Augenbrauen zusammen. Sie wäre froh, wenn das Thema endlich zu einem Abschluss kam, aber sie wollte auch nicht zu viel Verdacht auf eben diese Tatsache lenken. Es war doch schon auffällig genug.
„... ganz ehrlich? Ich glaub er wird mehr Problemen mit Avancen haben, als mit dem Respekt der Schüler."
„Wie bitte? Malfoy?" Astoria sah Lauren fassungslos an. Wie kam sie auch nur auf die Idee, dass jemand etwas von diesem Ekel wollen könnte?
„Jetzt sieh mich nicht so an." Lauren stellte ihre Tasche neben einen Sessel am Kamin, und setzte sich, dabei umspielte ein berechnendes Lächeln ihre Lippen. „Er sieht gut aus, er war einer von den bösen Jungs und es heißt er ist fast nicht zu kriegen. Das sind die drei Gründe um einen Mann haben zu wollen", erklärte sie salopp. Astoria konnte es kaum glauben. Sichtlich skeptisch, wenn nicht sogar übertrieben skeptisch ließ sie sich ebenfalls auf einen Sessel fallen. Sie überlegte, was sie erwidern sollte.
„Ich kann mir das nicht vorstellen." Sie wollte es sich auch gar nicht vorstellen. Malfoy trat großspurig auf, war arrogant und stolz wie ein Pfau. Außerdem sah sie ihm einen Feigling und einen Verräter. „Aussehen allein kann keinen Charakter machen. Und mit Geld kann man sich den auch nicht kaufen. Außerdem ist für mich ‚vielleicht Todesser' nicht gerade ein verlockender Punkt."
„Vielleicht? Astoria ich bitte dich. Das ganze Schloss weiß, dass er Todesser gewesen ist." Lauren schien sich sehr sicher zu sein, lehnte sich zurück und blickte an die Zimmerdecke. Die Vorstellung, dass Lauren gerade an Malfoy denken könnte, brachte Astoria die Übelkeit. Bei Merlin, warum gerade sie? Womit hatte sie das verdient? Konnte es nicht jemand wie Lauren sein, die glücklich damit war?
„Ach ja? Es wurde nie bewiesen. Gerüchte sind schnell in der Runde", versuchte sie, die Lage zurückzugewinnen. Lauren aber winkte ab. Sie wollte glauben, was ihr gefiel.
„Ach komm schon Astoria, du hast selbst zugegeben, dass er gut aussieht. Das wäre der Fang des Jahres. Schülerin schleppt Lehrer ab." Sie neigte sich verschwörerisch zu Astoria hinüber. War sie vorhin im Zug nicht noch Sankt-Potter-Fan gewesen? Irgendwie ging das nicht mit dieser Malfoy-These einher.
„Nein danke, kein Interesse", erwiderte die junge Greengrass schnippisch. „Ich geh jetzt ins Bett. Gute Nacht, Lauren." Sie schnappte sich ihre Tasche und verschwand in Richtung Schlafsaal. Irgendwo hörte sie noch ein „gute Nacht", dann fiel die Tür hinter ihr zu. Mit einem genervten Stöhnen ließ sie sich auf ihr neues Bett fallen. Ihre Tasche glitt neben ihr zu Boden. Ihre Gedanken allerdings umkreisten immer noch Malfoy. Warum sie? Warum nur? Sie konnte Lauren überhaupt nicht zustimmen. Malfoy hatte keinen Reiz an sich. Die Tatsache, dass er ein Todesser gewesen sein könnte, ließ sie erzittern. Es machte ihr Angst. Das wäre noch schlimmer. Betrübt fuhr sie mit dem Handrücken über ihre Wange. Das lange blonde Haar fiel ihr übers Gesicht wie ein Vorhang. Am liebsten hätte sie laut aufgeschrien. Ihr Blick verschwand im Nichts. Noch immer sah sie ihn vor sich. Wie er sie gemustert hatte. Dieses Gefühl nicht gut genug zu sein. Für ihn würde sie nie gut genug sein. Für ihn würde sie immer nur Abschaum sein. Sie hatte kein Verlangen danach, ihn irgendwie für sich zu gewinnen. Sie wollte ihn eigentlich nur loswerden, bevor sie überhaupt an ihn gebunden war.
Der nächste Tag stellte sich als den blanken Horror heraus. Nicht wegen den Fächer oder dem Stoff oder den Lehrer. Die waren alle okay. Nein, der Gedanke an Morgen jagte ihr regelmäßig einen Schauer über den Rücken. Morgen hätte sie ihre erste Stunde bei Malfoy. Allein der Gedanke jagte ihr Angst ein. Sie konnte an nichts anderes Denken und nach dem ihre Nacht wieder gesprenkelt gewesen war von Alpträumen, fühlte sie sich nach wie vor erschlagen vor Müdigkeit. Sie konnte sich nicht konzentrieren.
Zusammen mit Sumi war sie aufgestanden, obwohl sie keine Kräuterkunde belegt hatte. Das Frühstück ließ sie allerdings ausfallen. Stattdessen flüchtete sie sich förmlich in die Arbeit. Der erste Tag hatte bereits Hausaufgaben angehäuft, die alle nicht so schnell zu schaffen waren. Sie brachte in den beiden Stunden gerade mal Verwandlung und den Anfang von Verteidigung zu Stande. Unter normalen Umständen wäre es vielleicht mehr gewesen, doch so drifteten ihre Gedanken immer wieder ab.
In der Zauberkunst Stunde war Flitwick gewohnt mitfühlend, auch wenn er wohl nicht wusste, was das Problem darstellte. Er ließ sie weitgehend in Ruhe, bis zum Punkt am Ende der Stunde an dem er sie zurückhielt, um sich nach ihrem Befinden erkundigte. Nervös hatte sie beteuert, dass es ihr gut ging und hatte das Klassenzimmer eilends verlassen. Was ging es ihn schon an? Er konnte doch nicht jeden Schüler nach seinen Problemen Fragen. Das war doch wirklich der Gipfel.
„Iss doch etwas, Astoria. Du hast schon Nichts gefrühstückt."
„Das geht dich nichts an Jon?" Astoria fauchte ihren besten Freund an, und stellte ihren halbvollen Teller demonstrativ zur Seite. Stattdessen schnappte sie sich den Tagespropheten und starrte die Seiten an, ohne etwas zu lesen. Sie hörte, wie Jonathan sich mit einem genervten Seufzen abwandte. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. Sie wollte nicht so sein. Aber noch immer schaffte sie es nicht, sich zu überwinden und ihm oder Sumi zu erzählen, wo das Problem lag. Essen konnte sie auch nichts. Sie spürte Malfoys Blick förmlich auf sich ruhen. Als sie es das letzte Mal bemerkt hatte, hatte sie ihm einfach stur standgehalten. Tatsächlich hatte er sich nach einigen Momenten abgewandt und mit Simone Grey ein Gespräch angefangen. Aber nun musterte er sie schon wieder, da war sie sicher. Sein Blick brannte förmlich auf ihr. Konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen?
Mit einem Mal kam ihr ein grausiger Gedanken hinter ihrem Zeitungsschutzwall. Was wenn er das Anliegen vorgebracht hatte und seine Eltern nur die Anfrage gestellt hatten, weil das so der gute Ton war? Was, wenn er es auf sie abgesehen hatte? Sie erschauerte. Nein das konnte nicht sein. Er hatte ihr die letzten Jahre wenn dann immer nur Schlechtes angetan. Sie verspottet oder er war über sie hergezogen, weil sie mit jemandem wie Jon befreundet war. Nein. Er hasste sie. Oder? Mit einem Mal war sie sich nicht mehr so sicher. Aber das wäre schrecklich. Es wäre noch schlimmer als sonst schon. Fast angstvoll sah sie über den Rand des Tagespropheten. Er redete mit Grey. Nein, sie musste sich irren. Bestimmt musste sie sich irren. Das bildete sie sich doch alles nur ein. Um sich selbst zu beweisen, dass mit Malfoy alles so war, wie es sein sollte, begann sie so gelassen wie möglich den Tagespropheten zu lesen. Sie musste vor dem Dreckskerl doch keine Angst haben. Dem würde sie schon noch zeigen, wer hier den Ton angab. Doch irgendwo war immer noch dieses unangenehme Gefühl in ihrem Nacken, dass ihr diese grässliche Vorstellung weiter einflüsterte.
Erst als Jonathan und Kasumi ihr einen schönen Nachmittag wünschten, ließ Astoria erschrocken von ihrem Tagespropheten ab. Sie hatte Arithmetik. Kurz huschte ihr Blick über den Tisch. Die meisten saßen noch und zu ihrer Beruhigung sah Lauren nicht so aus, als hätte sie am Nachmittag Unterricht. Zumindest keine dummen Fragen mehr und Arithmetik versprach Ablenkung. Das Fach war viel zu schwierig, um die Gedanken etwas anderem zu widmen.
Weit gefehlt. Nach dem die erste Lektion mit Repetitionen begann, fanden ihre Gedanken immer wieder zurück zu Malfoy, was sie nur noch nervöser machte. Im Gegensatz zu Flitwick war Professor Vektor auch nicht gewillt irgendwelche Schüler wegen ihrer geistigen Verfassung zu schonen. Die Klasse war sonst schon nicht sonderlich groß und so war Astoria mehrmals aufgefordert etwas zum Unterricht beizutragen. An diesem Tag waren ihre Beiträge dann auch nicht sehr sinnvoll und Punkte hätte sie selbst dann nicht geholt, wenn es welche gegeben hätte in dem Jahr.
Sie war glücklich, als der Schultag zu Ende war und sie sich in die Hausaufgaben stürzen konnte. Wieder erntete sie von Jonathan und Kasumi nur sehr verwirrte Blicke, doch noch hielten sie sich zurück. Mit dem Sinn danach, Malfoy solange aus ihren Gedanken fernzuhalten, bis sie eingeschlafen war, wütete sie wie eine Wilde über den Hausaufgaben. Doch schon nach nicht allzu langer Zeit, war alles beendet und das einzige Fach in dem sie jetzt schon wusste, was in der nächsten Stunde kommen würde und sie etwas vorarbeiten könnte war Astronomie. Sie verdrehte verzweifelt die Augen. Ein Blick nach draußen verhieß ihr, dass auch die Bibliothek schon geschlossen hatte. Automatisch glitten ihre Gedanken an den morgigen Tag. Malfoy. Draco. Malfoy.
Astoria atmete tief durch. Sie konnte sich nicht so gehen lassen! Was würden die andern sagen. Der Gemeinschaftsraum war noch längst nicht leer. Da blieb nur noch eines, versuchen zu schlafen. Gerade als sie aufgestanden war, um in den Schlafsaal zu gehen, kam ihr eine andere Idee. Sie sah auf die verzauberte Uhr im Gemeinschaftsraum. Kurz nach neun. Vielleicht würde Professor Grey sich ihrer ja noch annehmen. Einen Versuch war es wert.
Sie schnappte sich ihre Unterlagen in Verwandlung und verließ fast fluchtartig den Gemeinschaftsraum. Erst als ihre schnellen Schritte durch die leeren Gänge von Hogwarts hallten, bekam sie ein mulmiges Gefühl. Sie musste doch wirklich verzweifelt sein, wenn sei darauf hoffte, sich durch eine Standpauke einer griesgrämigen Lehrerin Ablenkung verschaffen zu können. Dennoch war dem so. Sie hoffte wirklich, dass Professor Grey alles andere als erfreut war, ihr aber dennoch die Chance geben würde. Sie beschleunigte ihre Schritte. Das verklingende Geräusch ihrer Schritte in den geisterhaft leeren Gängen ließ sie schaudern. Sie war nicht sehr ängstlich, doch gegen diesen Instinkt konnte sie sich nicht wehren. Kurz darauf erreichte sie mit Erleichterung das Büro der Verwandlungslehrerin. Sie wollte gerade anklopfen, als sie Stimmen vom Innenraum hörte. Obwohl sie angestrengt lauschte, konnte sie nichts verstehen, von dem was gesagt wurde. Das hieß wohl, dass sie sich einen dummen Augenblick ausgesucht hatte. Grey würde keine Zeit für sie haben. Einen Moment blieb sie noch stehen. Im Nachhinein für ihren Geschmack einen Moment zu lange, denn in dem Augenblick verstummte das Gespräch und die Klinke wurde hinunter gedrückt. Hoffnungsvoll stellte sich Astoria zur Seite, um die Person hinauszulassen. Als die Tür sich öffnete, inspizierte Astoria neugierig, wer der Besucher war und erstarrte.
„Ich wünsche ihnen noch einen schönen Abend, Simone."
