Morgan berührte JJ sanft an der Schulter. Unwillig schlug sie seine Hand weg.
„Zeit zum Aufstehen."
„Es ist noch nicht Morgen. Das ist nicht fair."
„Ich hab dich extra lange schlafen lassen. Manche Nächte sind eben kürzer als andere."
JJ fuhr sich mit der Hand über die Augen. „Dank dir war sie so kurz." Morgan machte ein unschuldiges Gesicht.
„Wie geht es Reid?" fragte JJ.
„Och, der ist tot. Hotch will dich sprechen." meinte Morgan achselzuckend.
JJ wollte nicht, doch sie zwang sich einen Blick auf das benachbarte Bett zu werfen. Das Bettzeug war komplett zerfetzt, überall lagen Federn herum. Doch von Reid keine Spur.
„Komm mit, sie warten auf dich."
„Nein!" JJ warf sich auf den Bauch und drückte ihr Gesicht fest in das Kissen. „Nein! Nein!"
„Davon wird es auch nicht besser, Honey." Garcia legte JJ behutsam eine Hand auf den Rücken. „Du wolltest doch Reid suchen." „Nicht suchen! Finden! Ich muss ihn finden!"
„OK, von mir aus. Trotzdem solltest du dir vorher was anziehen."
JJ sah über ihre Schulter an sich herunter. Ihre Kleidung war verschwunden, nur eine dünne Wolldecke verhüllte sie von der Hüfte an abwärts.
„Warum erschießt ihr mich nicht einfach?" bat JJ, während sie ihr Gesicht wieder im Kissen vergrub. „Das ist gar nicht so einfach, wie du vielleicht denkst." bemerkte Garcia, während sie umständlich die Schrotflinte durchlud.
Morgan berührte JJ sanft an der Schulter. Sie regte sich leicht und blinzelte. Ihr Kopf war wie in Watte gepackt und fühlte sich schwer an. Jede Bewegung war mühevoll.
„Ganz ruhig, JJ. Es ist alles in Ordnung." klang Morgan´s Stimme aus der Ferne. „Ist es schon Morgen?" fragte JJ langsam. Ihr Hals war furchtbar trocken und ihr Kiefer schmerzte.
„Nein, es ist Nachmittag. Kurz vor zwei." antwortete Morgan leise.
„Es ist so dunkel." Sie drehte vorsichtig den Kopf. Ihr Bett war das einzige; in einem Raum, den sie nicht kannte.
„Die Vorhänge sind zugezogen." erklärte Morgan. „Soll ich sie öffnen?"
Es dauerte etwas, bis JJ die Information als Frage erkannte und ihre Antwort kam. „Nein." Sie schwieg kurz. „Was ist hier los?" fragte sie dann.
„Du bist ohnmächtig geworden. Und jetzt wollen die Ärzte natürlich herausfinden, warum."
„Aber… Reid…" warf JJ schwach ein.
„Reid geht es gut. Mach dir um ihn keine Sorgen. Sag mir lieber, was dich so erschreckt hat. Du hast Reid angestarrt als sei er ein Gespenst und dann bist du einfach abgeklappt."
Die Erinnerung holte JJ wieder ein. Sie sah zweifelnd zu Morgan hinüber.
Warum sagte er nichts dazu, dass sie Reid´s Blut an ihren Händen gehabt hatte?
Warum ignorierte er die Tatsache, dass sie einen Mord gestanden hatte?
Da dämmerte es ihr: Er wollte sie ablenken!
`Gib dem Täter nicht die Befriedigung, seine Taten nochmals zu durchleben…`
Eine der vielen Regeln im Verhör. Reid war tot und Morgan gab es nicht zu.
`Mach dir um ihn keine Sorgen`
„Kann ich zu ihm?" fragte JJ so unbefangen wie möglich.
„Das geht nicht." wehrte Morgan ab.
„Wieso nicht? Warum kann ich ihn nicht sehen, wenn es ihm doch gut geht?" fragte JJ scharf.
„Weil es dir nicht gut geht!"
´Und weil wir uns nicht im selben Gebäude befinden´ ergänzte JJ in Gedanken.
Die Vorhänge sind nur geschlossen, um die Gitterstäbe vor den Fenstern zu verbergen. JJ war sicher, dass dieses Zimmer zur Krankenstation des Gefängnisses gehörte. Man hatte sie hergebracht, während sie schlief. Hier gehörte sie hin.
„JJ, ich mache mir Sorgen um dich." seufzte Morgan. Dich bedrückt doch etwas. Und es geht nicht nur um Reid."
´Aha, jetzt kommt die Guter-Bulle-Nummer´
„Derek, ich bin müde." wehrte JJ schroff ab und schaute demonstrativ an ihm vorbei zum abgehängten Fenster.
„OK, ruh dich aus. Wir können ja später reden." akzeptierte Morgan ihr Abblocken. „Ich bin hier, wenn du mich brauchst." fügte er hinzu und machte keine Anstalten zu gehen.
JJ starrte an die Zimmerdecke.
Sie versuchte alles auszublenden und zu vergessen, wo sie sich befand und was geschehen war.
Müdigkeit legte sich über ihre schweren Gedanken, ihr Körper entspannte sich.
Und sie schlief ein.
