2. Kapitel: Von Neugierde getrieben

Mit schrecklichen Kopfschmerzen bin ich aufgewacht. Mir dröhnte der Schädel wie noch nie in meinem ganzen Leben zuvor. Und die aktuelle Situation machte es nicht besser. Ich sah mich alarmiert um, denn ich war weder Zuhause, noch war ich im Wald, wo ich bewusstlos geworden war. Ich befand mich in einem mir unbekannten Haus. Wo bin ich hier? Mein Puls fing an zu rasen und ich stand hektisch von dem Sofa auf, auf welchem ich gelegen hatte. Doch ich konnte mein Gleichgewicht nicht sofort finden und so schwankte ich kurz vor mich hin – das Pochen in meinem Kopf immer schlimmer werdend. Meine Beine waren ziemlich schwach, was mir einen weiteren Schrecken versetzt hatte. Nervös tastete ich mich ab, um zu schauen, ob ich nicht vielleicht irgendwo verletzt war. Zum Glück ging es mir in dieser Hinsicht gut. Ich hatte keine Verletzungen. Doch meine Kopfschmerzen wurden nicht besser, im Gegenteil. Die muffige Luft in dem Raum, den ich als verstaubtes Wohnzimmer identifizierte, tat mir gar nicht gut. Sie war auch der Grund, wieso ich ein paar Mal husten musste, um meinen Hals frei zu bekommen. Doch es half nicht wirklich viel. Ich musste hier raus. Und außerdem wollte ich wissen, wie ich hier hergekommen war. Mir schauderte es, als ich daran dachte, was beziehungsweise wen ich als Letztes gesehen hatte, bevor ich wegtrat.

Ich überdachte meine Situation und entschied mich so schnell wie möglich aus dem Staub zu machen. Dabei wollte ich gar nicht erst wissen, wo dieser Slender Man steckte. Ich wollte einfach nur nach Hause – und das unverletzt. Also eilte ich zur offenen Wohnzimmertür und spähte in den breiten Flur. Allein diese beiden Teile des Hauses erweckten in mir die Annahme, dass dieses Anwesen überdurchschnittlich groß sein musste. Der Flur hatte eine Treppe, die ins Obergeschoss führte, und zudem verband er mehrere Zimmer miteinander, zu denen die zugehörigen Türen auch offen standen. Als ich niemanden im Haus ausmachen konnte, lief ich vorsichtig, um keine lauten Geräusche zu verursachen, in Richtung der Haustür. Es war eine große, schwere Tür mit Verzierungen, doch auch sie hatte – genau so wie das gesamte Haus – schon bessere Tage hinter sich gehabt. Nun war sie voller Staub und Schmutz. Ich registrierte es nur beiläufig, da ich mich auf wichtigere Dinge konzentrierte. So griff ich also nach der Klinke und drückte sie runter. Die Tür ließ sich öffnen – sie war zu meinem Glück nicht verschlossen. Erleichtert atmete ich auf, doch mein Körper war immer noch angespannt. Ich wusste ja weder, wo ich genau war, noch wo sich dieser Kinderentführer aufhielt. Dieses unmenschliche Monster, das mich hierher gebracht haben musste. Doch zu welchem Zweck?

Die Haustür war nun offen, doch ich erstarrte – unfähig mich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Mein Blick war wie gebannt nach vorn gerichtet. Auf dem gepflasterten Weg, welcher sich durch den verwahrlosten Vorgarten zog, stand er. Nein, das kann nicht wahr sein. Der Slender Man befand sich am Ende des Weges mit dem Rücken zu mir gewandt. Um seine Aufmerksamkeit nicht zu erregen, wollte ich langsam und lautlos rückwärts ins Haus gehen, doch meine Beine verweigerten mir den Dienst. Ich konnte einfach nichts machen – mein Geist und mein Körper waren nicht eins. Folglich verfiel ich wieder in Panik, sodass sich mein Puls wieder schlagartig erhöhte. Keine zwei Sekunden später drehte er sich zu mir um. Sofort fing das Rauschen in meinen Ohren mich wieder an verrückt zu machen und auch meine Kopfschmerzen nahmen an Intensität zu. Er hatte mich wohl wegen meiner lauten Atmung wahrgenommen. Ich hatte keine Ahnung, was ich in diesem Moment tun sollte. Mein Überlebensinstinkt sagte mir, dass ich laufen sollte, doch ich wusste, dass ich ihm nicht entfliehen hätte können.

Die hohe Gestalt setzte sich plötzlich in Bewegung. Ihre Schritte waren langsam und so leichtfüßig wie die eines Raubtiers, das sich siegessicher seiner Beute nähert. Ich konnte mir nicht helfen, aber irgendwie hatte es etwas Elegantes an sich. Auf dem ersten Blick sahen ihre Bewegungen auch menschlich aus, doch das täuschte. Sie waren nicht annähernd menschlich, obwohl es so schien, dass er die gleiche Anatomie hatte wie wir Menschen. Mich wunderte es auch, dass der Slender Man sich auf diese Weise fortbewegte. Im Wald hatte er sich nie von der Stelle gerührt und doch änderte er merkwürdigerweise seine Position. Als er seinen letzten Schritt machte und vor mir stehen blieb, fing ich unkontrollierbar zu zittern an. Nein, nicht! Ich versuchte gar nicht ihm ins Gesicht zu sehen. Ich starrte einfach nur vor mich hin. Er ließ zwei seiner Ranken von hinter seinem Rücken erscheinen. Diese schlängelten sich zu mir her und berührten mich jeweils an meinen Schultern. In diesem Moment dachte ich, dass sie gleich meinen Hals erreichen würden, um mich zu erwürgen. Doch dies geschah nicht. Diese Extremitäten brachten mich mit erstaunlich sanftem Druck dazu, mich umzudrehen und zurück ins Haus zu gehen. Zwar litt ich immer noch unter seiner psychischen Attacke, doch ich konnte mich endlich bewegen. Die Starre ließ von mir ab.

Als ich etwa die Mitte des Flures erreicht hatte, nahm er seine Ranken von mir weg. Ich blieb stehen und drehte mich reflexartig um. Ich weiß bis heute nicht, warum ich das gemacht hatte. Wahrscheinlich war es die Angst, nicht sehen zu können, was er mit mir macht. Er selbst stand auch im Haus, wobei die Decke nicht viel niedriger hätte sein dürfen. Mit seiner bemerkenswerten Körperhöhe passte er in das Haus rein, doch um durch die Eingangstür zu kommen, musste er sich bücken. In meiner Wohnung hingegen hätte er nicht einmal aufrecht stehen können. Der Druck zerrte mich wieder in die Realität zurück. Er kam mir einen Schritt näher, was zur Folge hatte, dass ich gequält aufstöhnen musste. Mein Kopf hielt das nicht länger durch. Ich kniff die Augen zusammen und wich instinktiv vor ihm zurück. Der Slender Man hingegen kam mir nicht mehr näher, sondern legte seinen Kopf ganz leicht schief, als ob er über etwas nachdenken würde, während er mich eindringlich musterte. Diese Geste ist eher menschlicher Natur und es wunderte mich sehr, dass er seinen Kopf schief legte, nachdem ich seine Bewegungen als nicht menschlich eingestuft hatte. Es war eher so, als ob er sich diese Gebärde von den Menschen abgeschaut hatte.

Unerwarteterweise legte er mir seine feingliedrige, knochige Hand auf meinen Kopf, noch bevor ich überhaupt reagieren konnte. Seine Berührung war sacht, was mich wieder überraschte. Wie..? Viel Zeit hatte ich nicht zum Überlegen gehabt, wieso er dies tat, da bekam ich auch schon die Antwort. Auch wenn ich sie nicht ganz verstand. Meine Kopfschmerzen verebbten augenblicklich und auch das Rauschen und der Rest der Symptome verschwand. Er schien erst nicht gemerkt zu haben, dass er mir damit weh tat. Was übrig blieb, war das Gefühl, dass ich seine Gegenwart spüren konnte. Dieser überlegene und erdrückende Druck, der auf mir lastete. Auch wenn dieses Gefühl nicht schmerzte und besonders intensiv war, war es dennoch unangenehm. Aber damit konnte ich leben. Er nahm seine Hand von mir und fing wieder damit an, mich zu betrachten. Ich schluckte und fühlte mich wie ein Welpe, der gerade in seinem neuen Zuhause angekommen war, und von seinem Herrn betrachtet wurde. Auch wenn mir dieser Gedanke nicht gefiel, schien es fast so zu sein. Insgeheim war ich aber auch froh darüber, weil er anscheinend keine Gefahr für mich verkörperte. Diese Kreatur vor mir schien mir nicht wehtun zu wollen – vermutlich solange, wie ich mich auch anständig verhielt und sie nicht vergraulen würde.

Wir beide starrten uns gegenseitig an, bis ich eine Regung seinerseits vernahm. Ich wandte meinen Blick schnell von ihm ab, da ich fürchtete, ich könne ihn damit verärgern. Woher sollte ich wissen, wie er reagieren würde und was ich machen durfte und was nicht? Ich wollte es nicht darauf ankommen lassen, weshalb ich mich nicht rührte. Er hingegen beugte sich zu mir runter, um auf Augenhöhe – wenn man es denn so nennen konnte – zu kommen. Weiterhin tat er nichts anderes, als mich weiter anzuschauen. Ich wusste wirklich nicht, was ich machen sollte. Soll ich etwa mit ihm reden? Kann er mich überhaupt hören? Immerhin besitzt er keine Ohren. Oder soll ich mich von der Stelle bewegen? Soll ich überhaupt etwas tun oder nur abwarten? Irgendwie kam mir sein Blick neugierig vor. Ich kann nicht genau sagen, wieso ich das gespürt hatte, aber ich konnte seinen Blick förmlich fühlen. So wie man den Blick eines Menschen mit den Augen erfassen und lesen kann, konnte ich seinen erfühlen und auch deuten. Vieles von ihm konnte man nicht mit seinen normalen fünf Sinnen ergründen. Um ihn richtig wahrnehmen zu können, musste man auf einer anderen Ebene empfänglich sein. Ich kann es nicht wirklich beschreiben, doch ich denke, dass der Geist eine wichtige Rolle spielt. Vermutlich nahm ich seine Aura auch über diesen Weg wahr. Das kann auch erklären, wieso ich sagen konnte, dass er neugierig war, auch wenn er kein Gesicht besaß, in dem ich seine Gesichtszüge hätte deuten können.

Sekunden verstrichen und ich wurde immer nervöser. Ich konnte hören wie mein Herz immer lauter und schneller wurde. Ihm schien das nicht entgangen zu sein. Als er mich ganz unerwartet an der Stelle berührte, wo mein Herz war, schnappte ich nach Luft. Damit hatte ich nicht gerechnet. Doch so schnell er mich berührt hatte, so schnell zog er seine Hand weg und richtete sich aus der gleichen Bewegung heraus wieder auf. Ich war mir sicher, dass er darüber nachdachte, was er mit mir anfangen sollte. Fast schon ein wenig überfordert. Ich entschied mich angesichts der sonderbaren Situation, etwas zu unternehmen, damit wir uns nicht die ganze Zeit anstarren. „Wi-wieso hast du mich hierher gebracht?", fragte ich mit unsicherer Stimme. Ich bekam keine Antwort. Wie denn auch? Er hatte keinen Mund, mit dem er Wörtern einen Klang verleihen konnte. Die Frage blieb unbeantwortet. Ich dachte nach und entschied ihm eine ja-oder-nein Frage zu stellen. „Du bist doch... der Slender Man, richtig?" Wieder erhielt ich keine Antwort. Weder auf sprachlicher Ebene noch auf körperlicher. Er tat nichts, um meine Frage zu beantworten, weshalb ich zu dem Schluss kam, dass er nicht hören konnte. Auch wenn mich das Gefühl beschlich, dass das nicht ganz stimmte. Ehrlich gesagt, fiel mir auch nichts mehr ein, was ich noch Gescheites tun konnte, um ihm eine Reaktion zu entlocken, die uns weiter bringen könnte. Unwillkürlich seufzte ich leise. Das schien sein Interesse zu wecken, denn er neigte seinen Kopf weiter in meine Richtung. Ich spürte, dass er nicht verstand, wieso ich seufzte. Es kam mir so vor, als ob er über Menschen und menschliche Gesten nicht besonders viel wissen würde.

Doch anstatt zu ergründen, wieso ich dies tat, verschwand er urplötzlich, nachdem er seinen Kopf wieder aufrichtete. Ich war total geschockt, als er von einer Sekunde auf die andere nicht mehr da war. Zwar war das nicht das erste Mal, dass er dies tat, doch es jagte mir einen Schrecken ein. Hektisch drehte ich mich zu allen Seiten um, doch er war nirgends mehr auszumachen. Auch seine Aura war verschwunden, sodass ich sie nicht mehr wahrnehmen konnte. Wo ist er denn hin? Ich konnte mir nicht erklären, was das sollte. Wieso verschwand er plötzlich einfach und wohin? Nicht zu wissen, wo er gerade war, machte mich noch nervöser, als wenn er vor mir stehen würde. In dem Moment stand ich ganz schön planlos da. Ich dachte nach, was in so einer Situation wohl am klügsten gewesen wäre. Den Gedanken, das Haus zu verlassen, verwarf ich schnell. Es hätte so oder so nichts gebracht, da der Slender Man mich füher oder später wieder eingefangen hätte. Ich hatte das Gefühl, dass er immer das bekam, was er wollte. Und er wollte mich haben. Auch wenn ich keinen blassen Schimmer hatte wieso – und das beunruhigte mich. Das Wichtigste aber war, dass er mich anscheinend nicht als seine Beute ansah. Immerhin hatte er mich von meinen psychischen Qualen befreit. Er wollte mich lebend. So entschied ich, dass ich mich am besten erst einmal mit dem Haus vertraut machte.

Kurzerhand ging ich wieder zurück an den Ort meines Erwachens und schaute mich um. Mein Verdacht bestätigte sich immer mehr, dass dieses Gebäude ein verlassenes Anwesen war. Zudem war es eher Altbau als Neubau. Die Inneneinrichtung bestand in diesem Zimmer aus einem großen Sofa mit zwei Sesseln und dazugehörigem Couchtisch, sowie einem Esstisch und sechs Stühlen, einer große Pendeluhr, einem Kamin aus Marmor, einem alten Röhrenfernseher, sowie Regalen gefüllt mit Büchern und einem Klavier. Allerdings lag auf jedem dieser Möbel eine dicke Staubschicht. Das Haus musste vor langer Zeit aufgegeben worden sein. Und es sah auch nicht danach aus, dass der Slender Man hier sesshaft war. Doch wieso hatte er mich gerade hier untergebracht? Ich zuckte unbewusst mit den Schultern und sah zu den großen Fenstern, welche mit Vorhängen verhangen waren. Sie ließen wenig Licht herein und schon gar nicht frische Luft. Also ging ich zu ihnen hin, um sie vorsichtig aller Vorsichtigkeit musste ich husten, da sich der Staub bei der Bewegung löste. Schnell öffnete ich alle Fenster, um diese stinkende Bude zu lüften. Danach blieb ich dort stehen und schaute hinaus in den Garten und was dahinter lag. Erst jetzt fiel mir auf, dass sich das Haus inmitten eines Waldes befinden musste. Außerdem schaute ich zum Himmel hinauf, welcher sich schon in ein leichtes Rot färbte. Es müsste bald Abend werden.

Ich seufzte betrübt vor mich hin. Kaum ein paar Sekunden später fühlte ich einen Blick auf mir ruhen. Abrupt drehte ich mich um und fand nichts und niemanden vor. Dennoch ging das Gefühl der Beobachtung nicht weg. Ich schluckte schwer und brauchte erst einmal eine kurze Zeit, um mich ganz zu beruhigen. Daran muss ich mich wohl oder übel gewöhnen, dachte ich mir. Erst als ich mich vom Fenster entfernte und mich weiter im Zimmer umsah, fühlte ich mich wieder unbeobachtet. Ich fragte mich, wie spät es in diesem Augenblick war, sodass ich mein Handy aus meiner Tasche rausholen wollte. Mit einem Schock bemerkte ich, dass ich meine Tasche gar nicht bei mir hatte. Wo ist meine Tasche? Ich hatte sie doch umgelegt. Entweder musste ich sie im Wald fallen gelassen haben, als mich dieses Monster überfallen hatte, oder es hatte mir einfach meine Tasche abgenommen. Leicht panisch eilte ich zu dem Sofa, auf welchem ich geschlafen hatte, und hielt nach meinen Sachen Ausschau. Doch diese waren nirgends zu entdecken. Angespannt ging ich aus dem Wohnzimmer, um in den anderen Räumen nachzuschauen.

Zuerst betrat ich den gegenüberliegenden Raum, welcher sich als Küche entpuppte. Diese war stilvoll eingerichtet, auch wenn sie ein bisschen altmodisch aussah. Bis auf den Staub war die Küche sauber und aufgeräumt. Ich ließ meinen Blick kurz schweifen und verließ erfolglos den Raum. Danach ging ich in eine Räumlichkeit, die nach einem Arbeitszimmer vermuten ließ. Zwar war der Raum nicht besonders groß, doch er war gefüllt mit vielen Regalen und Schränken, welche mit weißen Laken bedeckt waren. Wahrscheinlich um diese vor dem Staub zu schützen. Doch ich fragte mich, wieso diese Methode nicht auch im Wohnzimmer und in der Küche angewandt wurde. Ich ging zu dem großen Schreibtisch, vor dem ein lederner Stuhl stand. Der Arbeitsplatz war aufgeräumt und übersichtlich. Wieder gab keine Spur von meiner Tasche. Ich ging zurück und suchte das nächste Zimmer auf, welches in der Nähe der Treppe war. Dieses wiederum sah nach einem Kinderzimmer aus. Wahrscheinlich wohnte hier früher einmal ein Jugendlicher. Auch hier waren sämtliche Möbelstücke mit Laken verhangen. Ich schaute mich hier genauer um und erblickte auf einem hohen Schrank meine Tasche. Da ist sie ja! Ohne groß zu überlegen, nahm ich mir den einzigen Stuhl in diesem Raum zu Hilfe und stellte diesen vor den Schrank. Ich stieg auf ihn drauf und sah dann meine Tasche auf Augenhöhe.

Schlagartig wurde mir der Stuhl unter den Füßen weggezogen und ich spürte wieder diese Aura, noch bevor ich hart auf dem Boden ankam. Mir entwich ein gequälter und zugleich erschreckter Schrei, während mein Herz in meinem Brustkorb vor Schreck laut pochte. Ich war auf meinem Hintern gelandet und konnte nicht ohne Weiteres sofort wieder aufstehen, weil mir die Schmerzen meine Sinne raubten. Geschockt sah ich zur Quelle meines Sturzes. Das dürre Monster stand auf einmal auch im Zimmer vor der Tür und hielt mit einer seiner Ranken das Stuhlbein fest. Eine andere Ranke bahnte sich ihren Weg zu meiner Tasche, um diese zu nehmen, damit ich nicht noch einmal so einen Versuch starten konnte. Ich zuckte reumütig zusammen und rutsche auf meinem Hintern weiter weg von ihm, da ich eine Strafe erwartete. Doch diese blieb glücklicherweise aus. Stattdessen stellte er den Stuhl wieder auf den Boden zurück und verschwand innerhalb eines Lidschlags – mit ihm auch die undeutbare Aura. Ich fasste mir ans Herz, um mich wieder zu beruhigen. Hoffentlich habe ich mir nicht mein Steißbein gebrochen. Dümmer hätte ich mich aber auch nicht anstellen können. Ich dachte mir, dass ich ihn sicherlich verärgert hatte und so bangte ich um folgende Konsequenzen. Im Nachhinein weiß ich nicht, was ich mir von dieser überstürzten Suchaktion erhofft hatte. Es hätte mir klar sein müssen, dass er nicht wollte, dass ich an meine Tasche rankam, wenn er sie schon vor mir versteckt hatte.

Während ich ganz vorsichtig und mit vor Schmerzen verzogenem Gesicht wieder aufstand und mich unruhig umschaute, ob er nicht wiederkehrte, dachte ich darüber nach, wieso genau er mir meine Tasche weggenommen hatte. Ich kam zu dem Schluss, dass er wohl nicht wollte, dass ich über mein Handy mit Anderen in Kontakt trete, weil er mich hier behalten wollte. Ich musste zugeben, dass er auf mich einen neugierigen und unwissenden Eindruck machte, aber er hatte auch eine gewisse Intelligenz. So leicht wird er mich nicht davon kommen lassen. Doch was will er von mir? Ich schauderte. Gibt es für mich denn keinen Weg, hier unversehrt rauszukommen? Ich verließ den Raum und schaute mich wachsam nach rechts und links um. Er war nirgends zu sehen. Ich wollte wieder in das Wohnzimmer gehen, doch verspürte ich langsam Hunger. Erst jetzt merkte ich, dass ich mir darüber noch gar keine Gedanken gemacht hatte. Wie sollte ich bloß in einem verlassenen Haus in Abgeschiedenheit überleben? Ich machte mir wenig Hoffnung, dass es hier noch etwas Essbares gab. Dennoch ging ich in die Küche, um in den Schränken nachzusehen.

Dort angekommen, untersuchte ich sämtliche Schränke und Schubladen auf ihren Inhalt. Fast alle waren leer. Es gab nur noch wenig Geschirr und Besteck, sowie Kochutensilien. Einen alten Wasserkocher fand ich auch noch in einem Schrank verstaut, sowie ein paar Teebeutel. Aber was bringt mir das, wenn ich kein Wasser und Strom habe? Fast schon resigniert ging ich zum Wasserhahn und öffnete ihn. Ich zuckte erschreckt zusammen, denn ich hatte mich geirrt. Das Wasser lief noch. Was zum..? Wieso wurde das Wasser nicht abgestellt? Hier wohnt doch keiner mehr. Na ja, wenigstens verdurste ich erst einmal nicht. Aber es muss doch irgendwann jemand von der Wasserversorgung mitbekommen, dass hier Wasser läuft und dieses dann abstellen, oder? Dann hätte ich gar nichts mehr... wenn ich bis dahin überhaupt überlebe... Ich nahm den Wasserkocher, füllte ihn mit dem Leitungswasser und steckte den Stecker in eine der freien Steckdosen. Gespannt schaltete ich den Wasserkocher ein, um zu sehen, ob in diesem Haus auch noch der Strom ging. Tatsächlich... Erleichtert atmete ich aus und setzte mich dann auf einen Küchenstuhl, den ich vorher vom Staub befreite. Ich fasste mir an die linke Schläfe und ließ meine Gedanken schweifen, während ich auf das kochende Wasser wartete. Mich überkam das Gefühl, dass hier jemand ausziehen wollte, es aber nicht mehr ganz geschafft hatte und einiges hier lassen musste.

Als das Wasser aufgekocht war, nahm ich mir eine Tasse, welche ich vorher noch sauber machte, und steckte in diese einen Teebeutel. Mit dem heißen Wasser füllte ich die Tasse bis oben hin und setzte mich wieder auf den Stuhl. Ich saß noch so lange da, bis ich den Tee ausgetrunken hatte und verließ dann die Küche, um das Badezimmer aufzusuchen. Es gab im Erdgeschoss noch zwei weitere Räume, die ich noch nicht betreten hatte. Der eine Raum stellte sich als weiteres Kinderzimmer heraus und der andere war das gewünschte Zimmer. Auch hier lief das Wasser problemlos, sodass ich meinem menschlichen Bedürfnis nachkommen konnte. Danach machte ich mich auf den Weg zurück ins Wohnzimmer. Dort schloss ich dann die Fenster, weil die Luft schon besser geworden war. Jetzt war es auch schon langsam ein wenig zu kühl. Draußen grüßte schon der Abend mit einem malerisch roten Himmel. So entschied ich, dass ich meinen Rundgang durch das Haus am nächsten Tag fortsetzen würde. Ich setzte mich auf das Sofa und dachte nach. Wo ist diese Kreatur jetzt bloß? Wieso verschwindet er immer wieder so plötzlich? Was erwartet er von mir und was will er von mir? Ich möchte einfach nur nach Hause... Nur nach Hause. Mit leerem Magen legte ich mich hin, um zu schlafen, auch wenn ich ein mulmiges Gefühl hatte.