Alle Charaktere und sämtliche Rechte an ‚NCIS: Los Angeles' gehören CBS und Shane Brennan Productions. Die folgende Geschichte dient keinerlei kommerziellen Zwecken, sondern wurde nur zum Vergnügen für Fans geschrieben. Eine Verletzung des Copyrights ist nicht beabsichtigt. Alle weiteren Personen gehören der Autorin.

Ich bin keine Fachfrau in Bereichen wie Medizin, Drogen, Flugzeugtechnik, Waffen oder Undercoverarbeit. Sollten Euch also Fehler auffallen, lasse ich mich gerne korrigieren.

Ich freue mich auf Eure Kritiken.

Kapitel 3 - Harte Zeiten

Die nächste Zeit waren für alle schwer, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Trotzdem arbeiteten sie wie gewohnt weiter. Alle sperrten ihre Gefühle weg und begegneten sich auf rein professioneller Ebene. Sie hielten sich an Hettys Anweisungen und bezogen Ray in die Teamarbeit mit ein. Joann arbeitete gern mit ihm zusammen. Er war aufmerksam, neugierig und jederzeit bereit zu lernen. Seine Auffassungsgabe und Anpassungsfähigkeit waren sehr hoch. Leider teilte Callen sie hauptsächlich mit Deeks ein. Joann vermutete, dass Kensi nicht mehr mit Marty arbeiten wollte, so dass Ray wohl nun ihr Partner würde. Ray waren die Spannungen im Team nicht entgangen, aber er hielt sich da raus und beobachtete nur.

Joann starb innerlich jeden Tag ein Stück mehr. Ohne ihre Arbeit wäre sie längst untergegangen. Sie konnte nicht mal mit Kensi reden, die sie privat komplett ignorierte. Man hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.

Deeks verschloss sich ebenfalls. Die Beziehung zu seinen Kollegen war wie abgerissen. Er begann darüber nachzudenken, wieder auf Dauer Undercover zu gehen. Weg von einem normalen Leben. Weg von Kensi.

Sie waren an diesem Abend die letzten, die gingen. Keinen von beiden zog es nach Hause. Seit langem würden sie mal wieder ein freies Wochenende haben, was normalerweise ein Grund zur Freude gewesen wäre. Alle hätten von ihren Plänen gesprochen, sich vielleicht gemeinsam verabredet, sie hätten viel gelacht und sich gegenseitig aufgezogen. Heute waren die anderen schnell und schweigend verschwunden. Joann und Marty dagegen hatten ihren gemeinsamen Bericht immer wieder umgeschrieben, nur um nicht gehen zu müssen. Doch irgendwann war auch diese Arbeit fertig.

„Was wirst Du mit dem Wochenende machen?" Joann sah Marty fragend an. „Keine Ahnung." Auch ihr gegenüber war er schweigsam und zurückhaltend geworden. Traurig sah sie in an. „Wir haben nichts falsch gemacht." Ihre Stimme war so leise, fast ein Flüstern, er konnte sie kaum verstehen. Zum ersten Mal seit jenem Tag sah er Joann genauer an. Und erschrak. Deeks wurde bewusst, dass er nicht der einzige war, der etwas verloren hatte und litt. „Wie wäre es mit einem Bier?" „Sicher, warum nicht? Und wo?"

Kurz darauf saßen sie in einer Kneipe und starrten in ihre Gläser. Die Situation war merkwürdig. „Mit einer wütenden Kensi kann ich umgehen, aber mit einer schweigenden nicht." Die Worte waren Deeks auf einmal so hinausgerutscht. „Ich weiß, geht mir nicht anders. Es passt auch nicht zu ihr." Joann sah Marty nicht an, als sie leise weitersprach. „Sie ist seit dem College meine erste richtige Freundin. Ich wusste gar nicht mehr, wie das ist, so eine Frauenfreundschaft. Es hat mir gefallen." Deeks zögerte, war sich unsicher, ob er diese Frage stellen durfte. „Und Callen? Was ist da passiert?" „Fehlendes Vertrauen." Deeks war verblüfft. Es gab nur eine Hand voll Menschen, denen Callen vertraute und Joann war ganz sicher eine davon. „Fehlendes Vertrauen? Das verstehe ich nicht." Es schien, als würde Joann die Antwort darauf in ihrem Getränk suchen. „Er denkt, zwischen uns beiden ist etwas gelaufen…dass ich ihn mit Dir betrogen habe." Deeks verschluckte sich heftig und Joann musste ihm ein paar Mal auf den Rücken klopfen, bis er wieder Luft bekam. „Das denkt er ganz bestimmt nicht! Er weiß, dass wir nur Freunde sind. Mensch, Du hattest doch vom ersten Moment an nur Augen für ihn! Das wissen doch alle." „G anscheinend nicht."

Deeks konnte nicht fassen, was er da gehört hatte. Deswegen wollte Kensi also auch nichts mehr mit ihm zu tun haben! Wie konnten die beiden denn nur so dumm sein. Er wusste, dass Joann G mehr liebte als alles andere auf der Welt und dass Kensi ihre beste, vielleicht ihre einzige, Freundin war. Wieso konnten die beiden das nicht sehen? Er selber tat sich schwer mit Freundschaften, aber Callen war im Laufe der gemeinsamen Zeit sein Freund geworden. Und dann Kensi. Inzwischen wussten alle, was er für sie empfand, nur sie nicht. Warum, zum Teufel, konnte Kensi das nicht sehen? Genauso schlimm war, dass sie annehmen konnte, Joann würde sie jemals so betrügen. Er sackte auf seinem Barhocker zusammen. Was geschah da gerade mit diesem Team, mit seinen Freunden?

Urplötzlich kam die Wut wieder, die Joann an jenem Tag zuerst verspürt hatte. „Das ist doch dämlich! Wir jammern schon wie lange vor uns hin? Tage, Wochen? Dabei haben wir nichts getan! Ich habe es satt, mich schlecht zu fühlen, weil G zu blöd zum Denken ist." Sie funkelte Deeks an. „Ich lass mich doch nicht von einem kontrollsüchtigen Macho runter ziehen, der keine Ahnung hat, was Gefühle überhaupt sind!" Sorgenvoll sah Marty sie an. Er hatte Joann schon mehr als einmal sauer und auch richtig wütend gesehen, auch auf ihn selber, aber das hier war irgendwie anders. „Wie viel hast Du getrunken? Ich dachte, es waren nur zwei Bier!" „Heute werde ich Party machen!" „Joann?" „Ja, ich fahre jetzt nach Hause, werfe mich in das heißeste Outfit, was ich in meinem Schrank finden kann, und dann werde ich eine Club unsicher machen. Da werde ich bestimmt jemand finden, der sich mit mir amüsieren will. Dann kann G meinetwegen eifersüchtig sein!" Jetzt wurde es Deeks zuviel. „Du spinnst doch total! Wir wissen beide, was Dir Callen bedeutet. Außerdem bist Du nicht der Typ für One-Night-Stands. Zum Teufel noch mal, lass den Unsinn!" Aber Joann war schon von ihrem Barhocker aufgesprungen und bezahlte ihre Getränke. Ihr Gesichtsausdruck verhieß absolute Entschlossenheit. „Dann lass mich mitkommen. Vielleicht lenkt mich ja eine nette Blondine von Kensi ab." Joann warf einen Blick auf ihre Uhr. „In zwei Stunden im Nightshift. Wir treffen uns am Eingang." Und weg war sie.

„Die ist aber ganz schön temperamentvoll." Der Barkeeper warf Deeks einen Blick zu. Der seufzte nur tief. „Nein, sie ist nur total verrückt." Marty war schon fast raus, als er noch mal umdrehte. „Wie viel hat sie getrunken, bevor ich kam?" „Drei doppelte Wodka." „Verdammt!" Deeks beeilte sich, Joann einzuholen, aber sie war schon weg.

Nervös wartete Deeks am Eingang. Hoffentlich war Joann nichts passiert. Sie fuhr nie, wenn sie etwas getrunken hatte. Eine von Joanns eisernen Regeln. Dass sie diese brach, jagte ihm regelrecht Angst ein. Sie würde heute Abend eine gewaltige Dummheit begehen, wenn er nicht gut auf sie aufpasste.

Erleichtert sah er sie aus einem Taxi steigen. Das Gefühl verschwand allerdings gleich wieder, als sie auf ihn zukam. Sie schwankte ganz dezent, und das lag bestimmt nicht nur an den Highheels, die sie trug. Jemand, der sie nicht kannte, wäre das wahrscheinlich nicht mal aufgefallen. Ihre Augen funkelten, aber Deeks kannte sie inzwischen gut genug, um den Alkohol und die Verzweiflung darin zu sehen. Aber was ihn ehrlich schockierte, war ihr Outfit. Ein rückenfreies Top aus einem schillernden Material mit einem Dekollete, das bis zum Bauchnabel reichte. Der Minirock war eher ein breiter Gürtel und der Schlitz darin ging bis ans absolute Limit. Dazu die Highheels…wenn dies ein Auftrag gewesen wäre, sie hätte problemlos als Nutte durchgehen können. Innerlich stöhnte Deeks auf, aber er lächelte Joann trotzdem an.

„Hey, Du siehst gut aus." Joann ließ ihren Blick über die enge schwarze Jeans und das auf Figur geschnittene schwarze Hemd schweifen. „Das ist eindeutig besser als die Schlabbersachen, die Du sonst trägst." Deeks kannte den Türsteher und so kamen sie ohne Wartezeiten rein. Joann zog eine Menge Blicke auf sich. Die Männer zogen ihr die paar Stofffetzen, die sie trug, mit den Blicken aus. Sie standen nur wenige Augenblicke an der Bar, da wurde ihr auch schon der erste Cocktail ausgegeben. Bald darauf war sie auf der Tanzfläche und die Männer umschwirrten sie wie die Bienen den Honig. Deeks verhielt sich wie im Einsatz, er gab Joann Rückendeckung. In diesem Fall hieß es, dass er sich dezent einmischte, wenn die Männer ihre Hände nicht bei sich behalten konnten. Leider schaffte er es nicht, Joann vom Trinken abzuhalten. Sie kippte die Cocktails hinunter wie Wasser.

Seufzend entschied Deeks, dass er Joann ihren Spaß lassen würde, solange sie sich auf Cocktails, Flirten und Tanzen beschränkte. Wenn dies die Art war, wie sie ihren Frust und Kummer loswerden wollte, wer war er, sie davon abzuhalten. Er stieg auf alkoholfreies Bier um, damit er einen klaren Kopf behielt.

Eine Weile schien alles gut zu laufen, doch dann tauchte ein Mann im Schwarm von Joanns Verehrern auf, der Deeks sofort misstrauisch machte. Er schien ihr Typ zu sein, denn sie ignorierte auf einmal alle anderen.

Wow, dachte Joann, der ist heiß. Sie musterte ihn mit offensichtlichem Wohlgefallen: Ein Meter neunzig groß, achtzig Kilo, voll durchtrainiert, vielleicht Kampfsportler, dunkle Augen, schulterlanges schwarzen Haar. Und ein Blick, der Eisberge schmelzen konnte. Außerdem ein guter Tänzer, wie sie soeben feststellen konnte. Mit einem heißen Augenaufschlag schmiegte sie sich an ihn.

Entschlossen griff Deeks zum Handy. „Callen." „Deeks. Wenn Dir etwas an Joann liegt und Du noch mal eine Chance bei ihr haben willst, solltest Du so schnell wie möglich ins Nightshift kommen. Sie ist gerade dabei, eine große Dummheit zu begehen." „Warum hinderst Du sie nicht daran, wenn Du bei ihr bist?" „Weil ich das nur kann, wenn ich sie in diesem vollen Club k.o. schlage und sie auf meiner Schulter heraustrage. Ein bisschen sehr auffällig für zwei Bundesagenten, die unauffällig undercover arbeiten sollen." Als Antwort hörte er nur Schweigen. „Callen?" „Ich bin in zwanzig Minuten da." „Welchen Namen soll ich dem Türsteher nenne?"

„Wo bist Du, Deeks?" „An der blauen Bar, einmal direkt durch den Club." Kurz darauf sah er Callen auf sich zukommen. „Was ist los?" Deeks nickte zur Tanzflächen. Callen hatte sich und seine Gefühle immer unter Kontrolle, aber Joanns Anblick sorgte dafür, dass er sie mit weit aufgerissenen Augen ansah. „Was trägt sie da? War sie in Hettys Nuttenabteilung zum Einkleiden? Und was macht sie da? Das ist doch kein Tanzen!" Deeks verkniff sich jede Antwort, er hatte sich diese Fragen schließlich auch schon gestellt.

Callen drehte sich zu Deeks um. „Was soll das ganze, wieso benimmt sie sich so?" Marty zögerte. „Du hast Dich schon eingemischt, indem Du mich angerufen hast. Also, was ist los?" „Joann ist der Meinung, wenn Du ihr schon Untreue vorwirfst, dann sollte sie sich mal so richtig amüsieren. Sie sucht einen One-Night-Stand." Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit verlor Callen die Fassung. „Sie sucht was?" Deeks sah ihn direkt an. „Sex." Diesmal zuckte G nur leicht zusammen. „Was war das mit der Untreue?" „Du hast Joann und mir ein Verhältnis unterstellt." Es schien, als wollte Callen Deeks mit seinem Blick durchbohren, doch Marty hielt Stand. Dann drehte sich Callen wieder zur Tanzfläche um. „Wieso sollte Joann das denken?" „Ehrlich gesagt, ich denke es auch." Abrupt wandte sich Callen wieder zu Deeks um. Wieder maßen sich die beiden mit Blicken. „Darüber reden wir ein anderes Mal. Ich kümmere mich jetzt erst einmal um Joann." Deeks nickte. „Holen wir sie von der Tanzfläche."

Die beiden Männer arbeiteten lange genug zusammen, um diese Situation unauffällig und schnell zu lösen. Joann fand sich auf einmal in den Armen von G wieder und sah ihn verwirrt an. „Was machst Du hier?" „Mit Dir tanzen." „Verschwinde, Callen. Lass mich einfach in Ruhe." Innerlich zuckte er zusammen. Seit sie ein Paar geworden waren, nannte Joann ich nur ‚G'. Das würde schwierig werden. „Nein. Wir müssen reden." Trotz des reichlichen Alkoholkonsums entging Joann nicht die Ironie der Situation. „Ach, ja?" „Du kannst Dir aussuchen wo: hier, bei Dir, bei mir oder einem anderen Ort, der Dir genehm ist. Aber wir werden reden." Joann versuchte, sich aus seinen Armen zu befreien, doch er hielt sie eisern fest. Die hohen Schuhe und ihr Alkoholpegel waren auch nicht hilfreich und so stolperte sie. Dank Callens festem Griff fiel sie nicht hin. Er nutzte die Gelegenheit, sie von der Tanzfläche zu führen.

Deeks hielt sich im Hintergrund und beobachteten die beiden. Joann wehrte sich nur halbherzig gegen Callen, der sie energisch Richtung Ausgang führte. Deeks schloss sich ihnen an und hielt mit seinen Blicken und seiner entschlossenen Ausstrahlung eventuelle Möchtegernhelden davon ab, sich einzumischen. Er begleitete sie bis zu Callens Wagen. Joann sträubte sich nicht mehr und ließ sich widerstandslos auf den Beifahrersitz bugsieren.

„Danke." Callen streckte Deeks seine Hand entgegen, der nach kurzem Zögern einschlug. „Kümmere Dich gut um sie, Callen." „Das werde ich."

Er fuhr zu seinem Haus, nicht in ihre Wohnung. Joann schlief während der Fahrt ein. Es würde heute kein Gespräch mehr geben. Callen war sich nicht sicher, ob das gut oder schlecht war. Der Alkohol hätte vielleicht ihre Zunge gelöst und sie die Dinge sagen lassen, über die sie sonst schwieg. Sie wurde nicht mal wach, als er sie ins Haus trug, aber sie kuschelte sich an ihn und murmelte etwas vor sich hin, dass er nicht verstand.

Joann blinzelte, die Sonne schien ihr direkt ins Gesicht. Das war nicht richtig, sie zog die Vorhänge immer zu… Oh, sie war bei G. Ruckartig setzte sie sich auf. Wieso, zum Teufel, war sie bei G? Dann sah sie ihre Kleidung auf dem Boden liegen und alles fiel ihr ein. Als sie an sich herunter sah, trug sie eines von G's T-Shirts. Leise stand sie auf und zog sich die Sachen vom Vorabend an. Vorsichtig öffnete sie die Tür. G war nicht zu sehen. Mit den Schuhen in der Hand lief sie auf Zehenspitzen zur Haustür.

„Ich war nie der Meinung, dass Du ein Feigling bis." Joann zuckte zusammen und drehte sich um. G sah sie einfach nur an. Dann holte sie tief Luft und richtete sich auf. „Gut, dann lass uns reden." „Willst Du nicht vorher duschen und frische Sachen anziehen. Du hast noch welche hier. Ich setzte in der Zwischenzeit Tee auf und mache Dir Frühstück." „Nein, nicht nötig. Ich will das hinter mich bringen." Callen ließ sich nicht anmerken, dass er verletzt war, und nickte nur. „Sicher."

Joann ging in die Küche. Der Tisch war gedeckt, am Herd standen Eier und neben dem Toaster lagen Bagles. Sie setzte sich und schenkte sich ein Glas Orangensaft ein. „Deeks sagt, Du denkst ich unterstelle Euch ein Verhältnis. Wie kommst du darauf?" „Deine Reaktion auf meine Nacht bei Marty. Du hast uns unterstellt, dass wir Dich betrogen haben. Wie war das mit dem ‚verliebten Teenager'? Außerdem hast Du uns ausgegrenzt, uns nicht mehr mit Ray arbeiten lassen. Du hast Kensi und Marty als Team getrennt, obwohl die beiden ausgezeichnet zusammenarbeiten. Du redest nicht mehr mit mir, hast nicht mal versucht, unsere Beziehung zu retten. Kensi scheint das im übrigen auch zu denken, denn sie spricht nicht mehr mit Marty und mir." Darauf wusste G nichts zu sagen, denn Joann hatte leider nicht Unrecht.

Joann sah, wie sich G wieder in sich selbst zurück zog. Er würde auch jetzt nicht mit ihr reden, also konnte sie auch gehen. Sie war halb aus der Küche raus, als G plötzlich sprach. „Ich habe nicht eine Sekunde gedacht, dass Du mich betrogen hast. Ich glaube nicht mal, dass Du dazu fähig wärst. Und Marty auch nicht. Ich war eifersüchtig, weil Du bei ihm warst, während ich gehofft hatte, Du würdest hier auf mich warten. Ich wollte Dich anrufen und habe es nicht getan, weil ich dachte, Du wärst hier, wenn Du bei mir sein wolltest. Ich konnte nicht zugeben, dass ich Dich brauchte. Und Dich dann mit Marty zu sehen und zu wissen, dass Du für ihn da warst…" G zuckte mit den Schultern. „Deine offensichtliche gute Laune an jenem Morgen hat mir irgendwie den Rest gegeben."

„Das ist nicht alles, G, oder?" „Nein. Ich bin auch nicht damit klar gekommen, wie unbefangen Du mit Ray umgehst." „Dom, nicht?" Sie bekam keine Antwort. „Hetty hat mir von ihm erzählt. Und von Euch allen als Team." Er nickte nur. „Callen, ich weiß nicht, wie ich mich fühlen würde, ich kann es nur erahnen. Aber ich weiß, welche Risiken unser Job bedeutet. Keiner von uns ist unsterblich. Gerade wir beide wissen das. Aber ich weiß, dass ich Ray eine Menge beibringen kann und dass ich gut auf ihn aufpassen werde. So wie er hoffentlich auf mich. Deswegen bin ich unbefangen und unbelastet." Dann wurde ihre Stimme hart. „Ich bin davon ausgegangen, dass Du, Sam und Kensi professionell genug seid, Euch auch so zu verhalten. Schade, dass ich mich geirrt habe."

Joann stand auf und wollte gehen. „Bitte warte." „Warum?" „Wegen uns." „Es gibt kein ‚uns' mehr." Diese Antwort von ihr schockierte ihn, damit hatte er nicht gerechnet. „Warum nicht?" Joann schüttelte den Kopf. „Deine Frage ist doch schon die Antwort."

Sie ging zur Tür und zog sich dort ihre Schuhe an. Joann fragte sich, wie sie am Abend betrunken darin hatte laufen und tanzen können, ohne zu stürzen oder sich die Beine zu brechen. Wackelig trat sie hinaus. Und wurde gestoppt, weil ihre Hand festgehalten wurde.

„Geh nicht, Joann, bitte bleib bei mir." Sie drehte sich zu ihm um. „Lass. Mich. Los." G kannte diesen Blick und den dazu passenden Ton. Die Situation wurde brenzlig. Trotzdem ließ er ihre Hand nicht los. „Jo, ich habe Fehler gemacht, dass tut mir wirklich leid. Aber ich bitte Dich, bleib hier und gib mir, nein, gib uns noch ein Chance." „Nein."

Es tat weh, dass zu sagen, aber sie konnte nicht anders. Sie hatte ihm vertraut, nach allem, was ihr passiert war. Er hatte dieses Vertrauen mit Füßen getreten und erkannte es nicht mal. Joann konnte nicht mehr. Sie brachte gerade noch genug Vertrauen auf, um mit G arbeiten zu können. Ihm weiter zu vertrauen, kostete sie mehr Kraft, als sie hatte.

Er ließ sie los. G wusste, wann er verloren hatte. Trotzdem konnte er seinen Blick nicht von ihr wenden, als sie zur Straße ging und sich per Handy ein Taxi rief. Als sie im Taxi wegfuhr, drehte sich Joann nicht mal nach ihm um. Im Haus zurück, lief er unruhig auf und ab. Dann fasste G einen Entschluss. Er würde Joann nicht aufgeben. Ihm war noch nicht klar wie, aber er würde sie zurück gewinnen.

Kensi stand mit einem gewaltigen Kater auf. Sie war gestern Abend aus gewesen und hatte, wie so oft in letzter Zeit, zu viel getrunken. Nicht, dass sie die Kontrolle verloren hätte, aber ihr Kopf dröhnte gewaltig. Kaffee. Das war der Gedanke, der sie aus dem Bett getrieben hatte. Wann war ihr das Leben eigentlich so entglitten? Sie sprach nicht mehr mit ihrer besten Freundin, arbeitete nicht mehr mit ihrem Partner zusammen, hatte massive Schwierigkeiten, sich auf ihren neuen Partner einzulassen und trank zu viel, wenn sie ausging. Noch litt ihre Arbeit nicht darunter, aber das war sicher nur eine Frage der Zeit.

Während sie ihren Kaffee trank, sah sie aus dem Fenster und hing ihren Gedanken nach. Sie vermisste Joann und Deeks, sowohl beruflich als auch privat. Es war dumm gewesen, den beiden böse zu sein, weil sie Zeit miteinander verbrachten und sich in einer schwierigen Zeit gegenseitig geholfen hatten. Kensi wusste, dass sie, Sam und Callen mit ihrem eigenen Verhalten zu dieser Reaktion beigetragen haben. Kensi seufzte leise in ihren Kaffee. Eigentlich sollte sie froh sein, dass Joann und Deeks für einander da waren, als sie drei es nicht konnten. Es gab doch gar keinen Grund, eifersüchtig zu sein, schließlich war Deeks nur ihr Partner. Abgesehen von der Tatsache, dass die beiden nie etwas miteinander anfangen würden. Joann liebte Callen und Deeks war sein Freund. Keine Chance. Warum war sie bloß so eifersüchtig?

Nass und erschöpft ließ sich Deeks in den Sand fallen, neben sein Surfbrett. Die Wellen waren heute morgen wirklich ganz schön heftig, aber er genoss die Herausforderung. So dachte er eine Weile nicht über den letzten Abend und die letzten Wochen nach. Unaufmerksamkeit wurde mit einem sofortigen Abwurf vom Brett bestraft. Es war eine gute Entscheidung gewesen, Callen anzurufen. Joann wurde vor einer riesengroßen Dummheit bewahrt und beide bekamen die Chance, ihre Beziehung wieder in Ordnung zu bringen. Die beiden gehörten einfach zusammen. Als Nebeneffekt konnte die Stimmung im Team nur besser werden.

Aber da war noch Kensi. Hart im Nehmen und Austeilen, verdammt zäh, nicht klein zu kriegen, eine hervorragende Ermittlerin. Selbst nach der Zeit, die er jetzt mit ihr zusammenarbeitete, verblüffte es ihn immer noch, wie schnell sie von einer Rolle in die nächste wechselte. Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Er musste daran denken, wie sie, manchmal nur aus einer Ahnung heraus, hart zuschlug oder trat, bei Männern immer gerne in die Familienplanung. Die blauen Flecken, die sie ihm in der ganzen Zeit über verpasst hatte, konnte er gar nicht mehr zählen. Zum ersten Mal, seit er beim OSP arbeitete, hatte er keine. Und er vermisste sie. Entschlossen sprang Marty auf, nahm sein Bord und stürzte sich wieder in die Wellen.

Sam lief. Das tat er in letzter Zeit ziemlich oft. Und wenn er nicht lief, verprügelte er den Sandsack. Oder er trainierte im Fitnessraum. Neuerdings stritt er sogar mit G. Nicht, dass sie nicht schon immer Meinungsverschiedenheiten gehabt hätten, aber diesmal stritten sie richtig. Das machte die gemeinsame Arbeit schwerer. Nicht gut, nein, dass war gar nicht gut.