Kapitel 3

Als ich den Schmetterlingen zusehe, die von Blume zu Blume fliegen, drohen Erinnerungen in mir hochzusteigen. Beinahe kann ich mich selbst sehen, wie ich im Garten von Godric's Hollow stehe. Ich schließe meine Augen, frage mich, ob sich jemand um den Garten kümmert, den ich so liebte. Es täte mir weh zu wissen, dass er verwildert. Dann schüttele ich heftig meinen Kopf. Es hat keinen Sinn in der Vergangenheit zu schwelgen, sage ich mir streng. Sie ist unwiderruflich vorbei.

Meine Aufmerksamkeit wieder auf Harry richtend, lächle ich, als er einen kleinen Ast aufhebt. Er hockt sich nieder und beginnt etwas in die Erde zu malen. Ich unterdrücke ein Lachen, als ich die tiefe Konzentration auf seinem kleinen Gesicht sehe. Ich knie mich neben ihn. Er hat seinen Namen geschrieben. Die Buchstaben sind ziemlich ungelenk, aber erkennbar. Nicht einmal fünf Jahre alt, denke ich stolz, aber Harry ist ein aufgewecktes Kind und so habe ich kürzlich begonnen ihm die Buchstaben und Zahlen beizubringen.

Harry sieht mich mit strahlenden Augen an.

„Schau, mein Name.", sagt er, Lob erwartend.

„Gut gemacht.", erwidere ich und lache dann, drücke ihn an mich und stehe mit ihm in meinen Armen auf.

Harry quietscht vor Wonne, als ich ihn herumwirbele. Er klammert sich an mich und ich will ihn nicht loslassen. Außer Atem fallen wir ins Grass. Kichernd, umarmt er mich. Ich spüre seinen Kuss und ich schlinge meine Arme um ihn, genieße das Gefühl Harry so nahe bei mir zu haben. Wie sehr wünsche ich mir jetzt die Zeit würde stehenbleiben, aber Harry, der noch nie sehr geduldig gewesen ist, krabbelt zu dem Blumenbeet hinüber und greift wieder nach dem Stock.

„Ich muss es Vater zeigen.", sagt er und bewundert sein Werk. Mein Lächeln verschwindet sofort. Als ich spreche, ist meine Stimme sanft.

„Aber bevor du das tust, musst du noch ein paar mehr Buchstaben lernen."

Und wiederwillig nehme ich ihm den Ast ab und schreibe ‚Henry' in die braune Erde. Ich weiß, dass Voldemort sich nicht darüber freuen würde, erführe er, dass ich meinen Sohn Harry nenne.

„Das ist der Name, den du deinem Vater zeigen wirst.", sage ich und als Harry mich anschaut, seufze ich lautlos.

Die Verwirrung auf seinem Gesicht sehend, kann ich nicht anders als zu denken, dass es vielleicht doch besser gewesen wäre den Namen zu akzeptieren, den Voldemort ausgesucht hat. Aber ich ertrage lieber seinen Zorn, ehe ich meinen Sohn Henry rufe. So erinnere ich Harry daran, dass es nichts Ungewöhnliches ist mehr als einen Namen zu haben. Als er das erste Mal zu mir kam um zu fragen, warum sein Vater ihn mit einem anderen Namen anspricht, bat ich ihn ‚Harry' geheim zu halten. Bisher hat er es getan.

Harry ist überglücklich, als es ihm endlich gelingt ‚Henry' zu schreiben. Ich zwinge mich zu einem Lächeln, während ich den plötzlichen Drang unterdrücke den Namen wegzuwischen. Ich zucke zusammen, als Harry unerwartet aufspringt und über den Rasen läuft.

„Tante Bella, Tante Cissa!", ruft er.

Ich bleibe wie erstarrt am Boden hocken. Meine Hände umfassen den weichen Stoff meiner Robe so fest, dass meine Knöchel hervortreten. Zu sehen wie Harry die Zuneigung von Bellatrix Lestrange und Narcissa Malfoy erwidert, trifft mich hart, wann immer ich sie zusammen sehe.

Was für ein entzückendes Kind und so intelligent. Ich verziehe mein Gesicht, als ich mich an Bellas Worte erinnere, die sie in den verschiedensten Variationen beinahe jedes Mal ausruft, wenn sie Harry sieht, vorzugsweise in der Gegenwart ihres Gebieters. Zu wissen, dass ich nichts tun kann um Harry davon abzuhalten Bellatrix und ihre Schwester zu sehen, erfüllt mich mir hoffnungsloser Wut. Ich wage nicht darüber nachzudenken, dass Harry sie tatsächlich liebt.

Als Harry endlich zu mir zurückkommt, muss ich mir anhören, was seine Tanten ihm alles erzählt haben. Ich sage nichts, streiche ihm nur mit der Hand über sein widerspenstiges Haar.

„Bist du traurig?", fragt er mich plötzlich und hält mit seinem Redefluss inne. Seine smaragdgrünen Augen betrachten mich besorgt. Manchmal ist Harry viel zu aufmerksam.

„Komm, lass uns zum Schloss zurückkehren.", sage ich so heiter wie ich kann, aber der Anblick von Harry, wie er fröhlich mit Bellatrix und Narcissa spricht, will mir nicht aus dem Kopf gehen.

Seine warme Hand in meine nehmend, fühle ich wie kalte Verzweiflung mich überkommt. Was soll ich tun? Das Wissen, dass Harry Voldemort, die zwei Schwestern und deren Ehemänner liebt, lässt mir keine Ruhe. Er hält Voldemort für seinen Vater, die anderen für seine Familie. Die Wahrheit kennt er nicht, noch ahnt er, wer er wirklich ist.

An diesem Nachmittag fällt es mir schwer mich auf Harry zu konzentrieren. Ich bin froh, als Binky und Diri zu uns kommen und sich mit Harry beschäftigen. Ich brauche ein wenig Zeit um nachzudenken.

Als ich Harry später am Abend zu Bett bringe, schaue ich ihn ernst an. Ich zögere, doch ich weiß, dass die Zeit kostbar ist. Ich nehme einen tiefen Atemzug und fange an ihm über Hogwarts zu erzählen, über James, Sirius und Remus, über drei Jungen, die sich die Rumtreiber nannten. Peter verdränge ich mit aller Macht aus meinen Gedanken.

Ich versuche meine Stimme leicht klingen zu lassen, aber es schmerzt mich tief mich an die Vergangenheit zu erinnern, mehr noch sie in Worte zu fassen. Als ihm eine Weile später die Augen zufallen, gebe ich ihm einen Gutenachtkuss.

Still bleibe ich jedoch an seiner Seite sitzen und betrachte ihn. Ich staune darüber wie groß er schon ist. Es kommt mir vor wie gestern, dass ich ein kleines Bündel im Arm hielt. Zärtlich streiche ich eine Haarsträhne aus seinem Gesicht. Und plötzlich kann ich nicht mehr atmen. Tränen brennen in meinen Augen. Wieder einmal holt mich die Realität ein, vernichtet mich. Ich kämpfe dagegen an. Wie ich diese Augenblicke fürchte, die von Zeit zu Zeit aufflackern. Ich kann mir noch so oft sagen, dass ich mich mit meinem Schicksal abgefunden habe, tief in mir weigert sich ein Teil beharrlich die Hoffnung aufzugeben und den Glauben daran zu verlieren, dass ich vielleicht einen Weg finde zu fliehen. Aber ich weiß, es gibt keinen Weg aus dem Schloss.

Für Harry, flüstert eine Stimme in mir, du musst stark sein für Harry. Allmählich beruhige ich mich, meine Atemzüge werden gleichmäßiger, aber nicht für lange. Als ich höre, wie sich die Tür im Nebenzimmer öffnet, beginnt mein Herz schmerzhaft zu schlagen. Ich stehe auf, werfe einen letzten Blick auf Harry. Tief Luft holend, gehe ich auf Zehenspitzen über den Teppich, zwinge meine Gesichtszüge in eine ausdrucklose Maske.

Leise die Tür hinter mir schließend, senke ich meinen Kopf, starre auf den Boden. Ich brauche Voldemort nicht zu sehen, um seine Gegenwart zu spüren. Als er mir befiehlt zu ihm zu kommen, gehorche ich. Zuweilen wundere ich mich, wie ich es nur ertrage. Jede Nacht scheint er etwas von mir zu zerstören, doch ich weiß, dass er niemals das Feuer, das in mir brennt zum Erliegen bringen kann. Jedenfalls versuche ich mich selbst davon zu überzeugen. Die Angst jedoch nimmt zu, mit jedem Tag, der vergeht und ich frage mich: wie lange wird es noch dauern bis auch die letzte Flamme erlischt?