Kapitel 3

Nach jeweils einer Doppelstunde Zaubertränke und Alte Runen, machte sich Olivia alleine auf den Rückweg zum Gemeinschaftsraum, da sie nun freie Zeit hatte, welche sie wohl ausschließlich zur Erledigung ihrer Hausaufgaben verwenden musste.

Jaquie und Alex hatten noch Wahrsagen und Ginny hatte sich mit der Entschuldigung verabschiedet, sie wolle ihre freie Zeit dazu nutzen, Harry zu treffen.

Olivia hatte nichts gesagt, auch wenn sie sich einsam fühlte und selbst gerne mit Harry geredet hätte.

Stattdessen hatte sie ein Lächeln aufgesetzt und ihnen allen viel Spaß gewünscht.

Der Gemeinschaftsraum war fast leer – anscheinend dachten die Sechstklässler noch, sie könnten die freie Zeit zu ihrem Spaß verwenden. Sie hatte bereits in Beauxbatons gelernt, dass es nicht so viel Spaß bedeutete, wie man beim ersten Blick auf den Stundenplan dachte.

Die wenigen Anderen scharrten sich jedoch um einen Aushang und sie wurde neugierig, was es war, das sie alle so in Aufregung versetzte.

Tatsächlich war es der Aushang, für das Testspiel, welches niemand anders als Harry Potter – welcher nur wegen Ginny doch noch zum Kapitänsposten gekommen war – angesetzt hatte. Sie sah die Chance, welche sich dahinter verbarg, dem Quidditchteam beizutreten.

Sie hätte endlich eine Ausrede, um mit Harry zu sprechen, nur dummerweise hatte sie ihren Besen in Paris gelassen.

Sie hatte nicht gedacht, ihn brauchen zu können – auf die Idee dem Quidditchteam beizutreten war sie bei ihrer überstürzten Abreise erst gar nicht

Sie musste ihre Mum wohl oder übel darum bitten, ihn ihr zu schicken.

Seufzend ließ sie sich etwas abseits von den anderen auf einen Stuhl sinken, zog ein Pergament und eine Feder heraus und begann damit, ihrer Mutter einen Brief zu schreiben. Als sie nach langem Überlegen schließlich fertig war, las sie sich ihn ein letztes Mal durch.

Liebe Mum,

es tut mir leid, dass ich einfach so verschwunden bin, aber es hat einfach nur so unglaublich wehgetan und ich kam einfach noch nicht damit zurecht – ich sah keinen anderen Ausweg. Du sollst wissen, dass es mir gutgeht. Ich bin sicher hier in Hogwarts, du brauchst dir also keine Sorgen machen.

Nachdem das nun geschrieben ist, möchte ich dich bitten, mir meinen Besen zu schicken, da ich nach allem trotzdem dem Quidditchteam beitreten möchte, um wieder zur Normalität zurückzufinden.

Liebe Grüße

Olivia

Einen Moment zögerte sie und kaute auf ihrer Unterlippe herum, dann schüttelte sie den Kopf und zerknüllte den Brief.

Sie war noch nicht bereit für diese Entschuldigung.

Also begann sie von neuem.

Liebe Emma,

könntest du mir meinen Besen schicken und vielleicht etwas Geld, damit ich das Nötigste kaufen kann? Gib die Sachen einfach dieser Eule mit. Sie weiß wo sie mich findet.

Olivia

Sie fuhr sich einmal kurz übers Gesicht, dann entschloss sie sich doch noch für ein PS.

PS: Mir geht es gut.

Mehr konnte sie im Moment nicht schreiben.

Sie verschloss den Brief und machte sich auf den Weg in die Eulerei um den Brief gleich loszuschicken.

Sie ließ sich Zeit und machte sogar noch einen Spaziergang über die Ländereien. Sie brauchte Zeit zum Nachdenken.

Als sie circa eine halbe Stunde später wieder zurück in den Gemeinschaftsraum kam, sah sie, dass jemand an ihrem Platz saß.

Niemand anders als Nate und er hielt etwas in der Hand, das sich bei näherer Betrachtung als ihr zerknüllter Brief herausstellte. Nur dass er nun nicht mehr zerknüllt war.

„Sag mal, was denkst du eigentlich, wer du bist!", rief sie aufgebracht, war mit wenigen Schritten bei ihm und riss ihm den Brief aus der Hand.

Sie starrte ihn wütend an, er schaute jedoch nur vollkommen ruhig zurück. Er schien es nicht zu bereuen, in ihren Sachen rumgewühlt zu haben.

Er sollte schleunigst damit anfangen, ehe sie noch wütender wurde.

„Verdammt noch mal, du kannst doch nicht einfach in anderer Leutes Sachen rumstöbern!"

„Was ist daran so schlimm, du wolltest ihn doch ohnehin wegwerfen?"

„Ja genau – weil ihn niemand lesen sollte!", schrie sie und war sich ganz hinten in ihrem Kopf bewusst, dass sie vielleicht zu viel verriet.

„Warum denn nicht? Ich sehe nichts in diesem Brief, das du geheim zu halten bräuchtest!"
„Du weißt aber auch nicht, worum es überhaupt geht!"

„Dann erzähl es mir", meinte er ganz ruhig, als wäre es das Natürlichste zu sagen.

Sie gab ihm eine schallende Ohrfeige.

„HALT DICH AUS MEINEM LEBEN RAUS!", schrie sie noch, ehe sie aus dem Gemeinschaftsraum stürmte, eine Gruppe verwirrter Sechstklässler und einen geschockten Vertrauensschüler hinter sich zurücklassend.

Sie traf ihre Freundinnen schließlich in der Großen Halle beim Mittagessen.

Offensichtlich hatten sie bereits von dem Zwischenfall zwischen ihr und Nate gehört, denn sie fragten sie sofort, ob es ihr gut ginge und was denn wirklich passiert war.

Sie erzählte es ihnen, ließ jedoch den Inhalt des Briefes aus. Sie konnten sich vermutlich sowieso schon denken, worum es gegangen war.

Das restliche Mittagessen unterhielten sie sich über unverfängliche Themen und Olivia erzählte ihnen schließlich, dass sie sich für das Quidditchteam als Jägerin bewerben wollte, was die anderen – besonders Ginny, welche eigentlich Kapitänin hätte werden sollen – sofort unterstützten.

Nachmittags hatten sie zu viert noch Kräuterkunde und verbrachten danach den Rest des Tages in der Bibliothek mit Lernen.

Sie hatten bereits jetzt fast zu viele Hausaufgaben, um hinter her zu kommen – und dass am ersten Tag – und die Themen wurden immer schwieriger.

Die restlichen Tage bis zum Freitag – an dem das Testspiel stattfinden sollte – verlebte sie ohne sonderliche Hoch- oder Tiefpunkte.

Sie tat nichts anderes, als zu Lernen und gelegentlich einen Spaziergang über die Ländereien zu machen und ihr Besen war immer noch nicht da, so dass sie sich bereits Sorgen machte, ob er noch rechtzeitig ankommen würde

Am Freitagmorgen wurde sie dann endlich erlöst, als nämlich eine Eule mit einem länglichen Packet direkt vor ihr landete.

Sie machte das Paket ab, gab der Eule etwas von ihrem Toastbrot und beobachtete, wie sie wieder davonflog, ehe sie sich daran machte, ihr Paket zu öffnen.

Darin befand sich ihr Nimbus 2000 – poliert wie immer – und an ihm hing ein Ledersäckchen mit Geld – zu viel Geld für ihren Geschmack.

Sie steckte das Geld seufzend in ihre Tasche, ehe sie sich daran machte, den kleinen Brief zu lesen, der neben dem Ledersäckchen gehangen hatte.

Liebste Livie,

es tut mir Leid, dir so viel Schmerz zugefügt zu haben und du sollst wissen, dass ich es nicht mit Absicht getan habe. Ich wollte dir nur endlich die Wahrheit sagen.

Bitte komm nach Hause oder schreib mir, wo du bist, damit ich zu dir kommen und wir über diese Sache reden können. Ich muss dir doch noch so viel erklären!

Deine, dich für immer liebende Mum

Die letzten Worte verschwammen leicht – anscheinend hatte ihre Mutter während des Schreibens geweint – aber das war nicht der einzige Grund, denn auch Olivia weinte.

Lautlos und mit gesenktem Kopf, damit niemand es sah, doch sie weinte.

Eine Weile ließ sie es zu, dann wischte sie sich die Tränen vom Gesicht und schniefte einmal, ehe sie aufstand und hastig die Große Halle verließ.

Sie war sonst eigentlich immer so stark. Alle anderen um sie herum konnten weinen, sie tat es nicht. Aber diese ganze Sache nahm sie mehr mit, als sie je etwas mitgenommen hatte – sogar mehr, als sie sich selbst eingestehen wollte.

Sie verschwand auf eine Mädchentoilette, jedoch erst nachdem sie sicher war, dass es nicht die war, in der die Maulende Myrte hauste und schloss sich in einer der Kabinen ein, um ihren Tränen wieder freien Lauf zu lassen.

Sie wollte eigentlich doch mit ihrer Mum reden. Wollte die ganze Wahrheit erfahren. Sie wollte diesen Streit begraben.

Sie wollte auch diese Sache mit Harry endlich klären, ihm sagen, wer sie war, um endlich ganz offen anfangen konnte ihn zu lieben, wie es Geschwister nun mal taten.

Sie hatte nur keine Kraft dazu. Es war fast so, als würde sie irgendetwas immer weiter nach unten ziehen, raus aus der Wirklichkeit, in eine Welt, bestehend aus purem Schmerz.

Nur das der Schmerz, den sie in diesem Moment auf einmal fühlte, echt war.

Es war kein Schmerz in ihrem Inneren – ihrem Herzen – es war ein Schmerz, der sich von ihrem Kopf in ihren ganzen Körper ausbreitete, ein Schmerz, der sie zu Boden sinken ließ, der sie dazu brachte sich zu krümmen, ehe sie schrie und endlich das Bewusstsein verlor. Erlöst von ihren Qualen sank sie immer tiefer in die Dunkelheit hinab, bis irgendwann alles egal war.

Als sie wieder zu sich kam, befand sie sich allein in einer Wolke aus weichem Stoff, wobei ihr langsam klar wurde, dass es keine Wolke, sondern eine Decke war und sie auch nicht allein war.

Um sie herum hörte sie Stimmen, leise und nur ein Flüstern, doch sie wusste, dass sie es sich nicht einbildete.

Ganz instinktiv wurde ihr klar, dass sie sich im Krankenflügel befand, noch bevor sie ihre Augen auch nur zu einem Spalt geöffnet hatte.

Blinzelnd öffnete sie ihre Augen. Ihre Lieder waren so schwer, dass sie die Augen am liebsten zugelassen hätte, doch sie musste wissen, was passiert war.

Vor ihr zeichneten sich zwei schemenhafte Figuren ab, welche sie jedoch nicht richtig erkennen konnte, da ihr irgendjemand die Kontaktlinsen entfernt hatte.

„Hier", sagte jemand und setzte ihr vorsichtig ihre Ersatzbrille auf die Nase.

Sie blinzelte noch ein paar Mal, dann erkannte sie Jaquie, welche sich gerade wieder aufrichtete und neben ihr Alex, welche sie besorgt musterte.

„Geht es dir… wieder besser?", fragte sie und klang dabei irgendwie merkwürdig.

Olivia stöhnte leise und fuhr sich übers Gesicht, ehe sie antwortete: „Ich fühle mich immer noch, als hätte man mich gerädert und danach durch ein Gehege voller hungriger Wölfe gezogen, aber ich werde schon wieder."

„Bist du dir sicher?", entgegnete Jaquie skeptisch und in ihren Augen lag dieselbe Sorge wie in Alex´.

„Ja, ja… aber, was ist eigentlich passiert?"

Alex trat nervös von einem Fuß auf den anderen und sagte dann: „Nachdem du verschwunden bist sind wir Drei dir gefolgt. Wir wussten nicht, wo du warst und dann haben wir plötzlich diese Schreie gehört…" Alex schauderte.

„…ja, genau. Wir sind sofort losgerannt und sind in das Mädchenklo, wo die Schreie herkamen", fuhr Jaquie fort.

„Eine der Kabinentüren war rausgesprengt und Nate war über dich gebeugt."

Als Alex nicht mehr weiterredete, beendete Jaquie die Erzählung.

„Wir dachten zuerst, er hätte dir irgendetwas angetan, aber er hat uns nur zugerufen, wir sollten schon vorgehen und im Krankenflügel Bescheid sagen, dann hat er dich auch schon hochgenommen und ist mit dir rausgerannt. Du hättest sehen sollen, was das für einen Tumult gegeben hat. Ein Vertrauensschüler rennt mit einem schreienden und wild zuckenden Mädchen durch die Schule. Es tut mir Leid, dir das sagen zu müssen, aber das wird vermutlich noch lange Gesprächsthema Nummer Eins bleiben."

Olivia nickte mit gequältem Gesicht und fragte, als ihr auffiel, das Ginny nicht da war: „Wo ist Ginny? War sie nicht bei euch?"

Alex kaute nervös auf der Unterlippe herum, rang sich dann jedoch dazu durch zu sagen: „Weißt du, dass komische war, dass Harry zum gleichen Zeitpunkt auch einen Anfall hatte, zwar nicht so schlimm wie deiner…"

„Oh Gott, geht es ihm gut?"

Die anderen schienen überrascht, dass sie so reagierte, nickten jedoch und deuteten auf ein Bett schräg gegenüber, welches jedoch durch einen Vorhang vor neugierigen Blicken geschützt war.

„Ginny ist bei ihm."

Erleichtert lehnte sich Olivia wieder in ihrem Bett zurück und schloss für einige Momente die Augen, ehe ihr etwas brühwarm wieder einfiel.

„OH NEIN! Wie spät ist es? Ich verpasse noch das Testspiel!"

Eine Weile schwiegen sie alle, dann kam endlich eine Antwort.

„Äh, Oliv, kann es sein dass du noch nicht auf dem richtigen Dampfer bist? Der Quidditchkapitän liegt im Krankenflügel! Es gibt kein Testspiel, zumindest nicht heute."
„Oh, ach so."

Sie seufzte.

„Dann ist ja alles gut", murmelte sie noch, dann schloss sie die Augen und tauchte ab, ins Reich der Träume.