Kapitel 3
Augen, die Sehnsüchte wecken
Die letzten Meter bis zum Berggrad waren jetzt ein Leichtes für Emmett. Beflügelt durch den Erfolg über den Bären kletterte er, wie ein Weltmeister. Dann endlich ging es abwärts. Das Tageslicht wurde diffuser. Doch Emmetts Augen konnten den Weg noch einschätzen. Immer wieder blieb er im Abwärtsklettern stehen, um nach der Straße zu suchen. Doch ein Unterschied zwischen Felsgestein und unbefestigter Straße war im Dämmerlicht schwer auszumachen. Einige Male stolperte er, doch find sich gut ab. Dann verschwand das Tageslicht ganz und Emmett tastete sich nur noch langsam vorwärts. Er hatte auf einen leuchtenden Mond gehofft, doch der Himmel war diese Nacht mondleer. Die unzähligen Sterne halfen überhaupt nicht. Emmetts Laune war auf dem Nullpunkt.
„Fehlt nur noch, dass ich wieder in Scheiße greife."
Schimpfte er leise vor sich hin. Aber das blieb ihm diesmal erspart. Er wollte auch nicht aufgeben und irgendwo in den Felsen die Nacht verbringen. Emmett stolperte einfach weiter den Berg hinunter.
Dass seine Worte von fremden Ohren mitgehört wurden, ahnte Emmett nicht. Jemand verfolgte ihn, lautlos. Interessierte Augen hatte keine Mühe durch die mondlose Nacht seine Bewegungen zu verfolgen. Ein Mund, noch warm von Bärenblut lächelte über seine Worte.
Wie lange Emmett sich im Dunklen abwärts arbeitete, konnte er letztendlich nicht mehr sagen, nur dass ein Motorengeräusch und ein flackernder Lichtstrahl in der Ferne ihn schließlich erlöste. Ein Auto quälte sich die Serpentinenstraße hoch. Im Lichtschein des Scheinwerfers erkannte Emmett den Straßenverlauf und beeilte sich vor dem Wagen dort zu sein. Im Grunde brauchte Emmett sich nicht zu beeilen. Er wusste ja, dass er den Wagen auch vorbei lassen konnte. Denn der Weg war versperrt, der Wagen würde dann sowieso wenden und zurückkommen. Aber es bestand auch das Risiko, dass der Wagen auch in die Felsen fuhr und das wollte Emmett verhindern. Kurz bevor der Wagen an ihm vorbeizuckelte, sprang Emmett auf die Straße und winkte im gleißenden Scheinwerferlicht. Quietschend kam der Wagen zum Stehen und ein erboster, älterer Kerl sprang heraus.
„Heee du Spinner…weg da, bist du denn lebensmüde?"
Beschimpfte der Alte ihn und kletterte aus seinem Wagen.
„Beruhig dich mal, alter Mann. Ich hab dir vielleicht das Leben gerettet. Da gabs einen Erdrutsch. Ich bin von der anderen Seite rein gefahren. Mein Wagen hat Totalschaden. Du musst umkehren, sonst ist dein Wagen auch Schrott!"
Erklärte Emmett dem Alten und beschrieb ihm dann genauer, was passiert war. Der alte Mann hieß Aaron und war heilfroh, dass Emmett ihn aufgehalten hatte. Felsenabgänge kamen hier öfter vor.
Emmett konnte mit dem Alten in den nächstgelegenen Ort mitfahren. Das war dann Beaverbrigde, einem Ort kurz nach den Bergen. Bis nach Jonesboro konnte er ihn nicht bringen. Doch Emmett war alles recht, wenn er nur den Weg nicht mehr laufen musste. Auf dem Weg nach Beaverbrigde erfuhr Emmett so gut wie alles von Aarons Lebensgeschichte. Aaron bemerkte nicht, dass Emmett einige Male wegnickte, so eifrig war er am Erzählen. Emmett träumte indes von seinem Bärenkopf, den er sich sobald als möglich holen wollte. Erstmal musste er in Beaverbridge ein Telefon finden, um bei Lonegan und bei seiner eigenen Familie anzurufen. Irgendwer würde ihn dann schon abholen. Kurz nach Mitternacht trafen sie in Beaverbridge ein. In der Hauptstraße war des Ortes kam nur noch Licht aus einer Bar oder Ähnlichem. Wahrscheinlich dem einzigen Treffpunkt des Ortes. Aaron schlug Emmett vor für die Nacht doch mit in sein Haus zu kommen. Doch Aaron hatte kein Telefon und Emmett bedankte sich höflich für das Angebot. Dann stieg er aus und verabschiedete sich von dem alten Mann. Emmett steuerte auf die Bar zu. Er hatte ein paar Dollar in seiner Jackentasche. Vor der Bar zog er sich seine Kleidungstücke über, um einigermaßen zivilisiert auszusehen.
Vor der Bar war eine Veranda. Emmett stieg die Treppe hinauf. Auf der Veranda war eine Holzbank. Emmett rieb sich über die Augen. Für Bruchteile hatte er auf der Bank ein Mädchen sitzen sehen. Blond und irgendwie leuchtend. Mehr Frau, als Mädchen. Emmett blickte hinter sich. War sie weggelaufen? Auf der Straße war niemand. Der Ort war, wie leergefegt. Emmett schüttelte den Kopf. Das war alles nur diese Müdigkeit. Und so eine Frau, wie er gesehen hatte, würde hier nicht in diesem Kaff leben. Emmett öffnete die Tür und trat in die Bar. Bevor er sich umblicken konnte, mahnte eine schrille Frauenstimme ihn, dass die Bar gleich schließen würde. Zwei betrunkene Kerle hingen noch an einem Tisch herum und eine dickliche Frau fegte den Boden. Sie hatte zu ihm gesprochen.
„Entschuldigen sie Maam…ich brauche dringend ein Telefon. Mein Wagen steht oben in den Bergen. Bin ich einen Felssturz gefahren."
Erklärte Emmett und versuchte seine Stimme freundlich wirken zu lassen, denn es war offensichtlich, dass die Frau Feierabend machen wollte.
Die Frau begutachtete Emmett von oben bis unten und nestelte dann an ihren hochgebundenen, fettigen Haaren.
„Da hinten ist ein Telefon. Aber um die Zeit, wirst du kaum Anschluss bekommen!"
Emmett atmete erfreu auf und schenkte der dicklichen Frau ein nettes Lächeln.
„Vielen Dank Maam…ich versuch es trotzdem"
Antwortete er ihr. Eilig lief er in die gedeutete Richtung und legte schnell ein paar Münzen auf die Bar, um die Barfrau vollends zufrieden zu stellen. Dann kurbelte er an dem Wandtelefon und versuchte eine Verbindung zu einer Telefonauskunft herzustellen. Eine ganze Weile wartete er, beobachtete inzwischen, wie die Barfrau die Betrunkenen vor die Tür setzte und dann weiter den Boden fegte. Im Telefon war ein Freizeichen zu hören und Emmett wollte nicht aufgeben. Erst wenn die dickliche Barfrau ihn auch rausschmiss, wollte er den Hörer zurück aufs Telefon legen. Emmett lehnte sich an die vergilbte Holzwand, den Hörer zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt.
„Bitte…einer muss doch noch da sein"
Flehte er leise das Telefon an und blickte durch das dreckige Barfenster hinaus in die schlafende Stadt. Emmett erstarrte. Am Fenster war sie wieder. Dieses blonde, wunderschöne Mädchen, das zuvor auf der Bank gesessen war. Unglaubliche Augen starrten in seine zurück und waren im selben Moment auch wieder verschwunden. Emmett stieß sich von der Wand ab und der Hörer krachte auf den Boden. Eilig hob Emmett ihn auf und legte ihn aufs Wandtelefon zurück. Die Barfrau blickte um die Ecke. Emmett hob entschuldigend die Schultern.
„Wie vermutet, keine Verbindung"
Murmelte er zu der Barfrau und verließ eilig die Bar. Suchend blickte er die Strasse rauf und runter. Dieses Mädchen war wieder verschwunden. Doch Emmett sah immer noch ihre Augen in seinen Gedanken. Das war keine Vision gewesen. Die Augen hatten ihn fixiert. Irgendwo in diesem Kaff war dieses Mädchen. Eigentlich gar nicht so übel, jetzt hier fest zu sitzen. Man musste einfach das Beste daraus machen. Hinter ihm verriegelte die Barfrau die Tür und Emmett beschloss die Bank auf der Veranda als Nachtlager zu benutzen. Müde war er ohne Ende. Vielleicht war das Mädchen doch nur aus seinen Träumen gewesen und Emmett machte es sich auf der Bank bequem, rollte sich zusammen. Er hatte schon an schlechteren Orten geschlafen. Und der Schlaf übermannte ihn schnell.
Schöne Augen wachten über seinen Schlaf.
tbc
