Ich hatte bis zuletzt gehofft, sie würden nicht ganz so herzlos sein. Ich hatte falsch gelegen. Nachdem der Regen mit einem Mal so urplötzlich versiegt war, wie er begonnen hatte, hatten weder Gino-san, noch Kou-chan länger als nötig gezögert, den Platz für das Zelt neu zu wählen und es so gut wie möglich aufzubauen. Dabei hatte Gino vehement darauf geachtet, mich nicht in die Nähe ihres „Bauwerkes" zu lassen, als wäre ich eine Art Vorbote des Unglücks wenn es um das Zelt ging, oder so… Mir war es recht gewesen. Immerhin bedeutete dies, dass ich auf der faulen Haut liegen konnte, während der Herr Inspektor ausnahmsweise mal mit anpackte.
Als die Beiden mit dem Neuaufbau begonnen hatten, war die Dämmerung bereits eingetreten, was bedeutete, dass sie knapp rechtzeitig fertig geworden waren – als der schwarze Schleier der Nacht damit begann, sich über den Wald zu legen. Da wir für diese Nacht keine Lichtquelle hatten – was ja wohl wirklich mehr Kou-chan's, als meine Schuld war! Immerhin hatte er die Sachen nicht in Sicherheit gebracht, bevor er zu uns ins Zelt gekrochen war – hielten die zwei Anderen es für sinnvoll, sich ins Zelt zu verziehen und für die Nacht fertig zu machen. Nachvollziehbar.
Was nicht ganz so nachvollziehbar für mich war, war Gino-san's Blick, der versuchte mich aufzuspießen, als ich Anstalten machte, auch nur einen Schritt in das geschützte Lager zu machen. Ich hatte wirklich gehofft, er hätte seine Wut auf mich vergessen…
Er war ja noch nicht mal aufgrund meines kleinen Missgeschicks auf mich wütend, sondern weil ich ihn mehr oder weniger unabsichtlich bedrängt hatte… Auch wenn ich seine Beweggründe lächerlich fand, sah Gino-san dies wie gewöhnlich vollkommen anders und hatte sich dazu entschlossen, mich das auch spüren zu lassen.
«Kagari…», sagte er warnend und dachte nicht einmal daran, wegzuschauen. «Du weißt, was ich dir befohlen habe.»
Und nun saß ich hier, in der Schwärze… Mit nicht mehr als meinen Alltagsklamotten bekleidet in der kalten, dunklen Nacht, den Rücken nah an die äußere Zelt Wand gedrückt, als könnte dieses Ding aus Kunststoff mir ein wenig Wärme spenden. Ich verschränkte die Arme in einem jämmerlichen Versuch, mich selbst aufzuwärmen.
Von drinnen war schon seit einer Weile kein Laut mehr zu hören gewesen. Vermutlich schliefen die beiden grausamen Verräter bereits, da sie es ja deutlich wärmer hatten, als ich selbst. Zumindest einer von beiden schlief zweifellos ohne ein Fünkchen schlechten Gewissens ein. Schließlich glaubte er ja auch, im Recht zu sein. Ob Kou-chan bereits weggedämmert war, wusste ich nicht. Mein Vollstrecker-Kollege war für gewöhnlich aus anderen Gründen nicht dazu in der Lage, schnell einzuschlafen.
Ich begann zu grübeln. Wie konnte Gino-san mir das nur antun? War dies wieder so eine Art Hund-Besitzer-Ding, auf das er so abfuhr? Soweit ich wusste, besaß Gino einen richtigen Hund und ich verwettete meinen Hintern darauf, dass er diesen auch nach draußen in die Kälte scheuchte, wenn er Mist gebaut hatte.
Allein schon die Art, wie er diesen letzten Satz an mich gerichtet hatte: „Du weißt, was ich dir befohlen habe". Ich war dazu in der Lage, vieles zu tolerieren, aber befohlen?! Vollkommen egal, was da in seinem Kopf vorging, und ob ich nun Abschaum war oder nicht, ich war doch wohl trotzdem noch ein menschliches Wesen, oder hatte man mir den Titel auch aberkannt, als mein Psycho-Pass markiert worden war?
Außerdem war Gino-san der Letzte, der sich meiner Meinung nach überhaupt so anstellen durfte! Immerhin hatte er sich ja nicht gerade besser angestellt… Er war immerhin der Erste gewesen, der sich überhaupt auf mich draufgeschmissen hatte. Wenn es auch unabsichtlich passiert war…
Trotz des leichten Zitterns, das meinen frierenden Körper angefallen hatte, schlich sich bei dem Gedanken ein schadenfrohes Grinsen auf meine Züge: Gino-san wirkte ohnehin nicht wie der (sexuell-) ausgeglichenste Mensch auf Erden, also sollte er sich nicht darüber beschweren. Nicht, dass ich eine derartige Intention in Bezug auf ihn hatte, aber wer im Glashaus saß, sollte nun mal nicht mit Steinen werfen. Oder so ähnlich.
Klar, ich war für ihn ein Hund. Zumindest sagte er das. Trotzdem ließ Gino-san immer mal wieder durchscheinen, dass er es ab und zu selbst nicht so genau, mit seiner persönlichen Faustregel nahm. Außerdem wusste keiner von uns, auf was er so wirklich stand. Kougami vielleicht sogar, aber ich würde einen Teufel tun und ihn fragen.
Moment. Hatte Gino-san nicht sogar für ein paar Sekunden lang gezögert? Er hatte nur seine üblichen Drohungen ausgesprochen und darauf gewartet, dass ich die Situation entschärfte, aber selber etwas getan, hatte er eigentlich bis zum Schluss nicht…
Ein Donnergrollen ertönte, das dem Wort „laut" bereits nicht mehr gerecht wurde, und riss mich somit aus meinen Gedankengängen. Es dauerte keine zwei Wimpernaufschläge, bis ich gefühlte 15 Wassereimer spürte, die über mir entleert wurden…
Ich prustete lautstark und erschrocken auf, als sich diese kalten Sturzbäche über mich ergossen, und sich das Wasser in meiner gesamten Kleidung sammelte. Das war nicht angenehm. Überhaupt nicht. Wie um alles in der Welt war es dem Himmel überhaupt so schnell möglich, sich erneut auszuleeren? Unser Zelt war am Eingang nicht mit einem Dach gesegnet, also saß ich förmlich auf einer Zielscheibe, für den kalten Regen… Großartig.
So etwas konnte nur mir passieren. Irgendwie schien ich Pech magisch anzuziehen. Möglicherweise versuchte man mich auch für meine eigenen Gedanken zu bestrafen. Als wäre mein ganzes Leben nicht Strafe genug.
«Reiß dich zusammen, und überlass die Emo-Gedanken den Emos!»
Ich fröstelte und rieb mir angestrengt über die Oberarme. Wenn ich mich erkälten würde – was sicherlich nicht ausbleiben würde – konnte Gino-san sich auf etwas gefasst machen. Ich würde mir ein wahres Meisterstück eines Streiches einfallen lassen…
Der Wind begann, mir den Regen zusätzlich ins Gesicht zu peitschen und ich verbot es mir gerade so, lauthals zu fluchen. Noch nie in meinem Leben, war ich so nah dran gewesen, aus purem Frust zu heulen.
Es dauerte glücklicherweise nicht lange, bis man Kougami's Stimme, aus dem Trockenen vernehmen konnte. Durch das geräuschvolle Prasseln des Regens konnte ich ihn zwar gerade so verstehen, aber es reichte aus. «Gino.»
«Nein», kam nur die dürftige und sture Antwort zurück geschossen.
«Und wenn er sich erkältet?»
«Er kann machen was er will – ich denke nicht dran.»
«Wie du willst aber wenn er sich erkältet, glaub ja nicht, dass er mir damit in den Ohren liegen wird. Er wird dich nerven. Also überleg dir lieber, ob du deine Meinung nicht doch noch ändern willst.» Irgendwie klang Kou-chan hämisch…
Ein paar Augenblicke herrschte Stille im Zelt, bevor ein Lichtschein aus dem Inneren kam, der Eingangsbereich beinahe auseinander gerissen und mir etwas über den Kopf geschmissen wurde. In dem Moment wurde meine Sicht etwas abgedunkelt, ich konnte aber fühlen, wie ich ins Trockene gezerrt wurde.
So stolperte ich also ins Zelt und fing mich gerade im rechtzeitigen Moment, um mich nicht auf meinen Hintern zu legen. Misstrauisch tastete ich meinen Kopf ab, und entfernte den Gegenstand, der meine Sicht behinderte. Es war ein kratziges, graues Handtuch. Vermutlich besser als nichts.
Ich brauchte eine Weile, um mich an den permanenten Schein der Taschenlampe zu gewöhnen, mit der Gino-san mir ununterbrochen direkt ins Gesicht blendete.
Im selben Moment fühlte ich den kratzigen Stoff in meiner Hand, und mir wurde bewusst, dass ich aussehen musste, als wäre ich gerade ausgekotzt worden… Niemand auf Erden konnte sich vorstellen, wie lange ich morgens im Bad brauchte, um meine Haare so herzurichten, wie sie nun mal lagen. Wenn man sich mal meine Kleidung ansah, lag es nahe, dass es meinem Kopf nicht besser ging. Ich musste einfach elend aussehen, denn ich spürte, dass ich klatschnass war…
Als meine Augen sich an den Schein der Taschenlampe gewöhnt hatten, konnte ich genau sehen, wie der feine Herr Inspektor die andere Hand in die Hüften gestemmt hatte und mich kritisch musterte. Die ganze Zeit. Als hätte ich etwas im Gesicht. Ach, meine ruinierten Haare…
Ich schnaubte und presste das Handtuch so dicht wie möglich auf meinen Kopf. Mit etwas Glück konnte ich meine Haare darunter verbergen. Ich unterdrückte ein Zittern und sah zur Seite. Kou-chan lag auf der rechten Seite des Zeltes, und somit am Eingang auf dem bloßen Boden, ohne Decke oder Kissen, und sah mich wenig begeistert an, was wohl an seiner derzeitigen Schlafposition liegen dürfte. Verwundert sah ich mich nach Gino-san's Schlafplatz um – in mir machte sich eine unschöne Vermutung breit. Und tatsächlich. Weit entfernt von Kou-chan, auf der linken Seite des Zeltes und so dicht an die Wand geschoben wie möglich, lag ein Futon, auf einer Art Holzgestell, der allerdings mit einer warmen Decke und einem Kissen ausgestattet zu sein schien…
Ich versuchte den Inspektor nicht anzusehen, als wäre er ein Alien, das mit einer Strahlenkanone auf mich zielte. «Was ist das?», fragte ich, wobei ich jedes Wort einzeln betonte, und wies auf sein offensichtliches Bett.
«Ein Futon», antwortete er mit hochgezogener Augenbraue, als würde er es einem dummen Kind erklären.
«Das sehe ich», zischte ich. «Ich meinte viel eher, warum du auf einem Futon schläfst, während Kou-chan…-» Ich gestikulierte sprachlos in Richtung des am Boden liegenden.
Das ging jetzt aber wirklich zu weit. Jemand sollte dem Herrn Inspektor mal „ins Gewissen reden".
«Oh bitte Herr, wenn es dich gibt, schmeiß irgendwas vom Himmel, das ihm Vernunft eintrichtert! Wundern, wäre ich auch nicht abgeneigt, weißt du?»
«Ihr seid Hunde, also könnt ihr auch auf dem Boden schlafen, und den Eingang bewachen», erklärte Gino-san bloß schlicht, knipste die Taschenlampe aus und stolzierte auf sein Bett zu. In der Dunkelheit konnte ich nicht mehr, als Umrisse ausmachen.
Ich ballte die Hand zur Faust und spürte ein beunruhigendes Zucken an meinem rechten Auge, ließ mich aber langsam – darauf bedacht, keine schnellen Bewegungen zu machen – neben Kou-chan sinken. Ob er sich nun erbarmt hatte hin oder her, das hatte ein Nachspiel verdient! Ich hätte nur zu gern ein Gespräch mit Kougami aufgenommen, aber vermutlich wäre dies in eine Richtung verlaufen, die Gino-san lieber nicht hören sollte, also hielt ich mich doch lieber geschlossen.
In mich hinein knurrend legte ich mich so bequem wie nur möglich auf den harten Boden – der bereits jetzt allzu deutlich in meinem Rücken zu spüren war – und schloss die Augen. Es war ein unangenehmes Gefühl, fröstelnd auf dem Boden zu liegen aber wenn ich Glück hatte, würde ich in weniger als einer Stunde einschlafen…
Gerade als sich die Ruhe wieder über das Zelt gelegt hatte, ertönte ein unheilvolles Knacken, gefolgt von einem wahren Knall und einem Aufschrei, seitens Gino-san: «WAH!» Schließlich rumste es dumpf.
Ich konnte fühlen, wie Kougami zusammen zucke und hochfuhr. Wenig später knipste es, und die Taschenlampe leuchtete auf. Ich blinzelte in das erneute, grelle Licht hinein, bis ich sah, was den Krawall verursacht hatte. Es reichte vollkommen aus, um ein gerührtes «Danke!» Richtung Schöpfer zu senden, wenn ich es auch ganz leise aussprach, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.
«Ich habe zwar von „herunterschmeißen" geredet, aber ich hätte niemals damit gerechnet, dass du ihn in deiner göttlichen Weisheit direkt aus dem Bett rupfst, und für immer von dort verbannst! Ich danke dir so sehr! Und ich schwöre, ich werde in Zukunft öfter beten…»
Ich hatte tief im Inneren immer gewusst, dass es Wunder gab.
Ein breites Grinsen meißelte sich auf meine Züge und ich prustete in meine Hand, die ich fest auf meinen Mund gepresst hatte. An diesen Moment würde ich denken, wann immer ich in Zukunft schlecht gelaunt sein würde! Das Untergestell des Futons war zusammengebrochen, und hatte dazu geführt, dass die Matratze selbst sich ungefähr ab der Hälfte bog, und mit dem Gestell in sich zusammenkrachte. Nun lag der Inspektor mit dem Hintern auf dem Boden, während seine Beine in der Luft baumelten und sein Kopf, gepaart mit einem irritierten Gesichtsausdruck, seine Position nicht verändert hatte. Es musste einfach ein Wunder gewesen sein. Von selbst brach so ein Teil nicht einfach zusammen. Vielleicht war Kou-chan ja auch nicht ganz unschuldig daran, immerhin hatte er wohl eher als ich gesehen, was auf uns zukam und hatte ein bisschen am Gestell geschraubt… Ich nahm mir vor, ihn in einer ruhigen Minute zu fragen.
Der Inspektor griff sich seine Brille und setzte sie sich auf die Nase – Was vollkommen unnötig war, da er sie ohnehin nicht brauchte. Dann besah er sich den Schaden mit einem Blick, der schwierig zu deuten war.
Plötzlich drehte er den Kopf langsam in meine Richtung, und sah mich an. So, als wolle er mir unmissverständlich klar machen, wie sehr er mir den Schwarzen Peter zuschob. «Du bist das Unglück in seiner reinen Form. Gib's zu.»
Ich legte mich auf die Seite und stütze meinen Kopf auf die linke Hand. «Nein, nein, Gino-san. Das nennt man Karma…» Ich konnte mir das überdimensionale Grinsen nicht verkneifen, während ich mit der rechten Hand neben mich auf den Boden klopfte. Er sollte selbst testen, wie es sich anfühlte, auf dem kalten Boden zu schlafen.
Mit einem Mal starrte der Inspektor an mir vorbei, und schien einen Fleck hinter mir ebenfalls mit seinem Blick erdolchen zu wollen. «Das ist nicht witzig», bemerkte er schlechtgelaunt.
Erst jetzt merkte ich, dass Kou-chan vermutlich genau so sehr mit sich rang, wie ich es tat. Nur gelang es ihm deutlich besser.
Ich klopfte noch ein weiteres Mal neben mich, bevor ich mich schulterzuckend auf die andere Seite drehte. Gino-san durfte schließlich selbst entscheiden, wo er sich den Rücken kaputt machen wollte. Ich verkniff mir – dieses Mal erfolgreich – ein weiteres Prusten, als das befriedigende Geräusch, einer sich hebenden und senkenden Matratze erklang, und man Gino-san hörte, wie er auf uns zu geschlurft kam. Die Decke und das Kissen vermutlich im Schlepptau.
«Angenehme Nachtruhe…», säuselte ich.
Ich spürte, wie er sich zögerlich zu Boden gleiten ließ und fröstelte, aufgrund der Wärme die nun jeweils rechts und links von mir ausgestrahlt wurde, und mir nur bewusst machen wie sehr ich eigentlich fror. Ich zog das Handtuch von meinem Kopf und legte es mir notdürftig um die Schultern.
Dann verpasste mir jemand einen Klaps auf den Hinterkopf. «Halt die Klappe, Kagari.» Ach, der feine Herr Inspektor war jetzt soweit, dass er den Abschaum berühren konnte, ja?
Ich erwiderte nichts, sondern ließ sich die Stille erneut breit machen. Irgendwann ebbte das Zittern ab und ich schlief ein. Die nasse Kleidung klebte dabei immer noch spürbar an meiner Haut.
