3. Entscheidung

Langsam betrat Lord Voldemort Selenas Schlafgemach, schaute sich kurz um und setzte sich, auf den einzigen freien Stuhl im Zimmer, vor den Waschtisch. Selena schloss währenddessen die Tür und nahm auf der Bettkante platz. Sie bemerkte noch, wie zerwühlt die Decken waren und wusste, dass er das genauso registrieren würde wie sie.

»Alles in Ordnung mit Euch, kleine Selena? Ich dachte, als Ihr vorhin die Treppe heraufgestürmt seid, würdet ihr nur Euren Umhang ablegen und zurückkehren. Das ist jetzt fast zwei Stunden her und wie ich sehe habt ihr den Umhang immer noch an. Schätzt ihr meine Gesellschaft nicht mehr, Miss d'Esmerald?«

»Oh doch, Mylord, ich schätze Eure Gesellschaft sehr. Es tut mir Leid, wenn ich Euch warten ließ. Sind wirklich bereits zwei Stunden vergangen? Ich bin nur etwas verwirrt, auch wenn es mir wenig behagt dies einzugestehen. Bitte verzeiht.«

»Was habt ihr dann so lange hier oben gemacht, wenn ihr nicht einmal bemerkt, wie die Zeit vergeht, kleine Miss?«

Selena spürte den Zorn in seiner eiskalten Stimme. Deshalb hielt sie es für besser die Wahrheit zu sagen.

»Mylord, ich lag seit wir hier angekommen sind auf meinem Bett und habe geweint, obwohl ich selbst nicht weiß, warum. Das habt ihr sicherlich bereits gewusst, als ihr mir ins Gesicht gesehen habt. Ich muss furchtbar aussehen! Meine Gedanken drehen sich seit dem Frühstück im Kreis. Das hätte niemals passieren dürfen! Verdammt! Warum habt ihr diesen Test von mir verlangt? Warum? Was hat es uns seither eingebracht, außer sentimentalen, irrationalen Reaktionen? –Nichts! Gar nichts!«

Sie hatte nicht bemerkt, dass sie aufgestanden war und war nun erstaunt, sich nur wenige Zentimeter vor dem Stuhl des Dunklen Lords wiederzufinden. Auch er stand nun auf und sah ihr in die grünen Augen. Da sie den Blick nicht senken wollte, wusste Selena nicht, ob er seinen Zauberstab in der Hand hielt oder nicht. ‚Hatte er ihn gezückt, als er das Zimmer betrat? Sich setzte? –Verdammt, Selena! Du musst besser aufpassen!', schoss es ihr durch den Kopf. Sie hatte zwar erreicht, dass er sie in seiner Nähe duldete, obgleich sie wusste, dass er sich ihr seiner Meinung nach zu sehr offenbart hatte und keinen Moment zögern würde, sie zu töten. ‚Und', dachte sie verzweifelt ‚er weiß von meinem Ring! -Folglich auch, wie er mich vernichten kann!'

Sie war nie besonders schicksalsergeben gewesen, doch in diesem Moment war Selena bereit zu sterben.

»Lord Voldemort wird Euch nicht töten, Selena Morgaine d'Esmerald, zumindest noch nicht. Doch er will nie wieder auch nur ein Wort über die heutigen Ereignisse hören. Dies gilt auch für alle Menschen die Euch fortan begegnen sollten. Gelobt Schweigen oder sterbt!«, und mit diesen Worten sah Selena die Spitze seines Zauberstabes nur wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht innehalten.

»Ich gelobe hiermit, über jedes gesprochene Wort, Englisch, wie Parsel und jedes Geschehnis hier in Little Hangleton, zu schweigen, ganz gleich, was auch passiert, Zeit meines Lebens.«,sagte sie atemlos und hoffte inständig, dies möge ausreichen Lord Voldemort zu besänftigen.

Ein Moment, der Selena wie eine Ewigkeit schien, verging, bevor er kaum merklich nickte und seinen Zauberstab senkte. Er wandte sich von ihr ab und verstaute seinen Stab in der Tasche seines Umhangs.

»Heute Abend, nach Sonnenuntergang, reise ich ab. Ihr sagtet letzte Nacht, ihr hättet mich unter anderem gesucht, um mir zu dienen. Sollte dies noch immer Euer Wunsch sein, so kommt mit. Wenn nicht... flieht, kleine Selena, und hofft, das ich Euch nie finden werde oder erfahre, dass ihr wortbrüchig geworden seid, denn dann werde ich Euch finden. Dies ist ein Versprechen Lord Voldemorts.«

Damit ging er aus dem Zimmer ohne sich noch einmal umzuwenden.

Selena setzte sich auf den nun freigewordenen Platz vor dem Spiegel und zwang sich hineinzuschauen. Wie sie erwartet hatte, waren ihre Augen verquollen, die Farbe ihrer Wimpern verlaufen und ihre Haare wirr und unordentlich. Sie nahm den Kamm zur Hand, gab es aber kurze Zeit später auf, die Knoten zu entwirren. Resigniert rief sie nach ihrer Elfe und gebot ihr Schweigen.

»Bringe mich nur wieder in Ordnung, ich sehe furchtbar aus!«, sagte sie und genoss es endlich wieder zu befehlen und sich nicht mehr wie ein dummes kleines Mädchen zu fühlen, wie in den letzten paar Stunden. Warum warf sie das alles nur so aus der Bahn? Sie war es nicht gewohnt, die Kontrolle zu verlieren. War dies überhaupt schon einmal geschehen?, fragte sie sich. –Ja, das letzte Mal am Tag als ihre Familie ausgelöscht wurde. Aber damals war sie ja noch ein Kind... Doch jetzt? Sie war immerhin zweiundzwanzig Jahre alt, hatte mehr Menschen getötet, gefoltert und verletzt als sie zählen konnte und jetzt endlich den Mann der Prophezeiung gefunden. Wut auf sich selbst stieg in ihr auf. Sie, Selena Morgaine d'Esmerald, sollte die Zügel aus der Hand verlieren? Die Kontrolle über sich selbst? –Niemals!, antwortete eine Stimme in ihrem Hinterkopf. Der Dunkle Lord wird seinen Zorn auf Dich überwinden und die Prophezeiung wird erfüllt werden! ‚Auch nicht schlecht', dachte sie belustigt. ‚noch keinen Tag hier und Du hast Lord Voldemort bereits wütend gemacht!'

»Lola? Bist Du fertig?« fragte sie und ein Blick auf ihr Spiegelbild sagte ihr, dass sie ihre Schönheit wiedererlangt hatte, noch ehe die Elfe antworten konnte:

»Ja, Herrin. Lola hofft, dass sie es zu Eurer Zufriedenheit gemacht hat.«

»Ja, meine Kleine! Ich bin sehr zufrieden!«, ‚Nicht nur mit Dir', fügte sie in Gedanken hinzu. Tatsächlich hatte Selena ihre gewohnte Selbstsicherheit wiedergefunden. Sie wies ihre Elfe an zu packen, da sie am Abend zusammen mit dem Dunklen Lord abreisen würden und verließ das Zimmer.

‚Eigentlich gab es für mich nie eine andere Wahl, als bei ihm zu bleiben', dachte sie auf dem Weg die Treppe hinunter. Wusste er dies, oder rechnete er schon halb mit ihrer Flucht, überlegte sie, als sie den Salon mit den zwei Lehnsesseln vom Vorabend betrat.

Doch das Zimmer war leer... Selena verließ den Raum wieder und rief im Flur nach Wurmschwanz. Der kleine Mann tauchte nach ein paar Augenblicken ganz aus außer Atem vor ihr auf und verneigte sich.

»Weißt du, wo der Dunkle Lord steckt, Wurmschwanz?«, sagte sie mit ihrer ganzen Autorität. Dieser winselte bei ihren Worten und antwortete:

»Nein, Milady. Er wollte einen Spaziergang unternehmen, ich weiß allerdings nicht, wohin.«

»Nun gut... so muss ich eben warten. Bringe mir eine Karaffe Wein, ich bin im Salon.«

Damit ließ sie ihn stehen und ging zurück in das Zimmer, das sie eben verlassen hatte.

Selena nahm in dem Lehnsessel platz, auf dem sie schon am Vortag gesessen hatte und musste auch gar nicht lange auf ihren Wein warten.

Als sie Wurmschwanz entlassen hatte und an ihrem Kelch nippte, ließ sie die Ereignisse der vergangenen vierundzwanzig Stunden Revuepassieren. Eigentlich hatte sie sich das Alles ein wenig anders vorgestellt. Ein wenig harmonischer, vielleicht gar wie eine kleine Romanze. –‚Eine Romanze mit dem Dunklen Lord? –Mach Dich nicht lächerlich, Selena!', antwortete eine boshafte Stimme in ihrem Kopf.

Sie hatte Lord Voldemort verehrt, seit sie denken konnte. Schließlich war ihre ganze Familie auf seiner Seite. Dass er verschwunden war, hatte Selena erst in ihrer Schulzeit herausgefunden, ihre Familie starb bereits 1980, sie wurde also bereits ein Jahr vor seinem Verschwinden aus der magischen Welt gerissen und drei Jahre in die Muggelwelt gezwungen, bis sie nach Durmstrang kam und nur in den Sommerferien zurück musste.

Selena hielt inne. ‚Magische Welt? Muggelwelt? Der Eine mit der Macht die Welten zu verbinden?' –War dies die Antwort? Ihr und des Dunklen Lords Sohn wird die magische mit der Muggelwelt verbinden? Hatte sie endlich das größte Rätsel ihres Lebens gelöst?

Selena lächelte, denn sie war sicher, dass sie die Lösung des Rätsels gefunden hatte. Sie stellte den nun leeren Kelch auf den kleinen runden Tisch, sprang auf, drehte eine kleine Pirouette und hielt jäh inne als ihr Blick auf die offene Tür fiel. Dort stand Lord Voldemort, an den Türrahmen gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt und sah sie neugierig an.

»Lasst Euch nicht stören, kleine Selena. Eure Tanzeinlage sah sehr hübsch aus. Darf ich daraus schließen, dass ihr eine Entscheidung getroffen habt?«

»Ja, das habe ich, Mylord. Ich werde Euch folgen, wenn es sein muss bis ans Ende der Welt.«

»Lord Voldemort ist erfreut dies zu hören. Ihr scheint eine sehr bemerkenswerte, fähige Hexe zu sein und ich sähe Euch gern in meiner Nähe, kleine Selena.«

»Vielen Dank Mylord.«, sagte Selena mit einer leichten Verbeugung »Eure Worte bedeuten mir viel. Dies ist aber nicht der einzige Grund, weshalb ich glücklich bin. Ich glaube das Rätsel der Prophezeiung gelöst zu haben. Ich denke sie besagt, dass unser Sohn... ähm... das heißt, das Kind aus der Prophezeiung, die Macht haben wird, die Muggel- mit der magischen Welt zu verbinden.«

Der Dunkle Lord dachte kurz über ihre Worte nach und sagte:

»Möglich, auch wenn ich glaube, ihr steigert Euch zu sehr in diese Sache hinein, kleine Selena. Lasst uns zu Abend essen, die Sonne geht bald unter.«

»Mylord? Darf ich mir eine Frage erlauben? Wohin reisen wir eigentlich ab?«

»…Fragt die Frau, die mir bis ans Ende Welt folgen will, wenn es sein muss?«, er klang belustigt. Wir gehen zum Anwesen von Lucius Malfoy. Das ist besser als dieses heruntergekommene Haus meines Vaters.«

Sobald es dunkel wurde, gingen Lord Voldemort, Nagini um seine Schultern gelegt, sowie Selena, gefolgt von Lola und Wurmschwanz mit dem Gepäck der Beiden, nach draußen in den Garten.

»Ich hoffe doch, kleine Selena, dass Ihr fähig seid, zu apparieren!«, fragte der dunkle Lord leise und spöttisch, außer Hörweite ihrer beiden Diener.

»Das habt ihr mich jetzt nicht wirklich gefragt, nicht wahr, Mylord? Selbstverständlich kann ich apparieren!«

»Etwas Anderes hätte mich jetzt auch sehr verwundert.«, antwortete er belustigt über ihre Worte. Dann blickte er zum blauschwarzen Himmel hinauf, auf dem sich die ersten Sterne zeigten und sprach die Worte:

»Es ist Zeit... lasst uns aufbrechen.«

Damit drehte er sich im Kreis und verschwand. Auch Selena wirbelte herum und disapparierte. Sie dachte noch an die beiden Diener. Waren sie fähig ihnen zu folgen? Aber eigentlich brauchte sie sich um Lola keine Sorgen zu machen, die kleine Elfe würde sie schon finden. Was Wurmschwanz betraf... nun ja... das war nicht ihr Problem. Mit diesem Gedanken ließ das erdrückende Gefühl der Kompression nach und sie landete zielsicher unter dem gleichen Himmel, den sie eben zuletzt gesehen hatte, in der gleichen kühlen, frischen Luft, zwei Schritte neben Lord Voldemort. Im Mondlicht erkannte Selena ein schmiedeeisernes Doppeltor, hinter dem sich ein langer Zufahrtsweg befand, der von hohen Hecken gesäumt war. Dahinter ein Herrenhaus, ähnlich dem Ihren, alt, düster und geheimnisvoll.

Bei ihrem Erscheinen öffnete sich das Tor und im Licht seines Zauberstabes erkannte man Lucius Malfoy. Einen gepflegten Mann mit einem blassen, spitzen Gesicht, kalten grauen Augen und weißblondem langen Haar. Zumindest nahm Selena an, dies müsste Lucius Malfoy sein, da sie ja zum Anwesen der Malfoys aufgebrochen sind, von dem er folglich der Hausherr sein musste.

Beim Anblick des Dunklen Lords fiel er auf seine Knie, rutschte auf dem erdigen Feldweg auf ihn zu und küsste den Saum seines Umhangs.

Belustigt sah Selena diesem demütigenden Schauspiel zu und wisperte auf Parsel:

»Ich hoffe doch, Mylord, dass ihr dies nicht auch von mir verlangen werdet? Eine d'Esmerald lässt sich nicht derart erniedrigen!«

»Wir werden sehen...«

»Willkommen, Herr, ich habe Euch bereits erwartet.«, sagte Lucius nun, sich aufrichtend und etwas verwirrt blickend angesichts der Zischlaute, die er nicht verstand, da er kein Parsel sprach. Dann blickte er zu Selena und zog fragend die Augenbrauen hoch. Dies überging der Dunkle Lord jedoch und sprach

»Führe uns ins Haus, Lucius.«

»Sehr wohl, Mylord.«, antwortete dieser mit einer Verbeugung und sie setzten sich in Bewegung. Der Dunkle Lord und Selena voraus, Lucius ein paar Schritte hinter ihnen schloss mit einem Schlenker seines Zauberstabes das große, eiserne Tor. Sie stiegen eine breite Steintreppe hinauf, durch eine schwere, reichverzierte Eichentür, hinein in den weitläufigen hell erleuchteten Empfangsraum. Selena sah sich um und dachte bei sich, das ihrer kaum anders aussah: Schwere, teure Teppiche, eine breite Treppe mit schmiedeisernem Geländer, die auf eine Galerie, parallel zur Eingangstür führte und an den Wänden zahllose Ahnenporträts, die fast alle eine Familienähnlichkeit aufwiesen, die sie nicht weiter überraschte.

»Folgt mir in den Salon, Mylord und Lady...?«, damit sah Lucius erst den dunklen Lord, dann Selena fragend an.

»Selena Morgaine d'Esmerald.«, stellte sie sich nun selbst vor, da Lord Voldemort es erneut versäumte zu sprechen. »Und ihr müsst Lucius Malfoy sein, nicht wahr, edler Herr?«, woraufhin dieser mit einem knappen Nicken seines Kopfes antwortete.

»d'Esmerald?«, fragte er schließlich doch, auf dem Weg in den Salon »diese alte, ehrwürdige Reinblutfamilie aus Deutschland?«

Als Selena ihrer Bestätigung mit einem kurzen Nicken Ausdruck verlieh, fuhr er fort

»Ich hatte einst geschäftlich mit einem Albriech d'Esmerald zu tun. Aber das muss gut fünfzehn Jahre her sein. Euer Vater?«

»Ja. Er wurde 1980 zusammen mit dem Rest der Familie getötet.«

Unterdessen waren sie im Salon angekommen, der mehreren Sesseln, einer Couch und einem großen, lackierten Holztisch mit sicher einem Dutzend schöner, bequemer Stühle Platz bot. Erhellt wurde der Raum einerseits von einem Feuer im marmornen Kamin und andererseits einem kristallenen Kronleuchter.

Bei ihrem Eintreten erhoben sich zwei Personen von der Couch: Eine schlanke, großgewachsene, blonde Hexe und –scheinbar ihr Sohn- ein etwa vierzehnjähriger Junge, der eindeutig Gesicht, Haare und Gebaren seines Vaters geerbt hatte. Auch sie ließen sich auf die Knie nieder, rutschten nach vorn und küssten den Saum Lord Voldemorts Umhang. Selena gefiel es irgendwie, wie verängstigt beide dabei wirkten.

Als die beiden sich wieder aufgerichtet hatten begann Lucius mit der Vorstellung.

»Lady d'Esmerald, dies sind meine Frau Narzissa«, er deutete auf die blonde Hexe „und unser Sohn Draco."

Als Selena dies mit einem Nicken zur Kenntnis nahm fuhr er fort:

»Narzissa, Draco, dies ist Lady Selena d'Esmerald. Sie kommt aus Deutschland und ist die Letzte der alten Reinblutsfamilie d'Esmerald. –Schatz? Erinnerst Du Dich noch an Albriech d'Esmerald? Es ist zwar bestimmt fünfzehn Jahre her, aber ich hatte damals geschäftlich mit dem Vater der jungen Lady hier zu tun. Ein paar Mal war er auch bei uns zum Essen. Aber setzt Euch doch! Mylord, Milady.«

Selena und der Dunkle Lord nahmen in den ihnen angebotenen Lehnsesseln platz und die Kelche mit Rotwein entgegen, die ihnen nun gereicht wurden. Nagini rollte sich zu Füßen ihres Herrn zusammen und döste vor dem warmen Kamin. Narzissa öffnete unterdessen die Tür um Wurmschwanz und Lola einzulassen und zeigte ihnen die Zimmer ihrer Herren.

Narzissa nahm bei ihrer Rückkehr neben Lucius auf der Couch platz, Draco hatte sein Vater auf sein Zimmer geschickt.

»Auf Euch, Mylord. Und vielen Dank für die Ehre, Euch unsere Gastfreundschaft gewähren zu können.«, sagte Lucius Malfoy, mit erhobenem Glas.

»Auf Euch, Mylord!«, sprachen Selena und Narzissa gleichzeitig.

»Euer Vater hat mir einmal eine Geschichte erzählt, wie die Familie d'Esmerald zu ihrem Adelstitel gekommen ist. Er ist doch echt? Nicht wahr?«

»Was heißt ‚echt'? -echt auch in der Muggelwelt, ja, das ist er, aber ansonsten haben wir unseren Aristokratenstand in der magischen Welt wohl mehr unserer reinen Blutlinie und unserem Vermögen zu verdanken.

Ich kann euch natürlich trotzdem die Geschichte meiner Urururgrossmutter Geneviève erzählen. Sie wurde 1837 als Geneviève Sacombe geboren. Sie verliebte sich in einen reinblütigen Zauberer namens Wilhelm Xaver Sangesfeld, dessen Familie allerdings völlig verarmt war. Als sie sich schon mit der Armut abgefunden hatte, traf sie auf den Baron d'Esmerald, ein Muggel zwar, aber unglaublich reich und dieser fing an um sie zu freien. Eigentlich verabscheute meine Ahnin Muggel, aber sie dachte sich einen schlauen Plan aus: Sie heiratete ihn, um des Namens und des Geldes willen, hatte mit ihm aber nachweislich keine Kinder. Sie gebar trotzdem zwei Söhne, allerdings von ihrem Geliebten, der Baron wusste nichts davon und erkannte sie an und voilà, es waren d'Esmeralds. Besser als Sangesfeld allemal. Nach dem plötzlichen und unerklärlichen Tod des Barons- meine Ahnin soll ihn im Schlafzimmer getötet haben, als er zu aufdringlich wurde- heiratete sie ihn natürlich trotzdem und wurde eine Sangesfeld, aber ihre Söhne behielten den Namen d'Esmerald.

Meine Urgroßmutter Claire bestand bei ihrer Hochzeit darauf, den Namen ihrer Geburt zu behalten, weshalb ich ihn noch heute trage.«

Interessiert hatte der Dunkle Lord zugehört, desgleichen Mr. und Mrs. Malfoy. Selena unterdessen nippte an ihrem Wein und stellte erfreut fest, dass es der Gleiche wie am Vorabend war. Da sprach Lord Voldemort plötzlich.

»Lucius, ich muss Verbindung mit Severus aufnehmen. Rufe ihn für mich!«

»Sehr wohl, Herr.«, mit diesen Worten schob er seinen linken Ärmel zurück und offenbarte sein Dunkles Mal, konzentrierte sich und berührte es mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand.

Selena schaute interessiert zu. Sie hatte zwar bereits vom Dunklen Mal und seiner Funktionsweise durch den Proteus-Zauber gehört, gesehen hatte sie es allerdings noch nie: die schöne Schlange, die einem Schädel entspringt. Lucius schlug seinen Ärmel zurück und verließ das Zimmer. Kurze Zeit später kehrte er mit Severus Snape, einem schlanken Mann mit Hakennase, schwarzen, fettigen Haaren, die in Strähnen herunterhingen und kalten, schwarzen, undurchdringlichen Augen, zurück. Als Lucius und Narzissa Anstalten machten das Zimmer zu verlassen, hielt der Dunkle Lord sie zurück.

»Nein, nein, ihr könnt ruhig hier bleiben und mithören. Ich brauche Deine Hilfe, Lucius, vielleicht auch von euch Beiden.«

Misstrauisch und ängstlich wirkend, nahmen sie wieder auf der Couch Platz. Snape rückte sich einen Stuhl herum und setzte sich ebenfalls, nachdem er Lord Voldemort gebührend begrüßt hatte.

»Die kleine Miss d'Esmerald hier«, damit deutete er auf sie, »hat mich auf eine Idee gebracht. Erinnerst Du Dich noch an die Prophezeiung Sybill Trelawneys, über die Du mich vor vierzehn Jahren informiert hast, Severus?«

»Ja, Mylord. Leider konnte ich damals nur den ersten Teil davon belauschen und Euch überbringen.«, antwortete dieser.

»Richtig. Ich kenne nur den ersten Teil dieser Prophezeiung, der mich veranlasste Harry Potter zu verfolgen und zu töten. Es ist mir misslungen, wie ihr wisst, weil ich den zweiten Teil nicht kannte und deshalb einige der Risiken nicht bedenken konnte. Lord Voldemort ist aber nicht gerne unwissend. Ich will die ganze Prophezeiung kennen, Wort für Wort –und ihr werdet mir helfen sie zu bekommen!«, hier machte er eine dramatische Pause, bevor er fortfuhr »Ein Todesser berichtete mir damals schon, dass es in der Mysteriumsabteilung des Zaubereiministeriums einen Raum gibt, in dem sie aufbewahrt werden. Lucius, Du hast immer noch glänzende Kontakte ins Ministerium, nicht wahr?«

»Ja, Herr, bis zum Minister höchst selbst«

»Dann wird es Zeit, den Zaubereiminister einen Besuch abzustatten. Meinst Du nicht auch?«

»Sehr wohl, Mylord, ich werde ihn gleich Morgen früh aufsuchen.«

»...und Du Severus. Sage mir noch einmal die Worte, welche mich dazu brachten, meine Macht und meinen Körper zu verlieren!«

Severus Snape dachte kurz nach und sprach:

»'Der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, naht heran... jenen geboren, die ihm drei Mal die Stirn geboten haben, geboren wenn der siebte Monat stirbt...' Weiter konnte ich Trewlaneys Worte damals leider nicht verstehen...«

»Schaut Euch das an, kleine Selena« sprach Lord Voldemort am nächsten Morgen nach dem Frühstück und überreichte ihr die Zeitung, die er soeben gelesen hatte. Selena nahm den Tagespropheten entgegen und begann die Schlagzeilen zu überfliegen.

»Ich sehe nichts von Belang, Mylord, außer, dass euer Minister bis nächste Woche im Urlaub ist, vielleicht.«

»Nein, das ist nicht der Punkt. Vielmehr, dass das Ministerium meine Rückkehr abstreitet und die Zeitungen Harry Potter und Albus Dumbledore als Lügner bezeichnen, die nur Aufmerksamkeit erregen wollen. Ist das nicht amüsant, kleine Selena? Wie unser werter Minister alles dafür tut, Lord Voldemorts Macht zu erweitern? Und nebenbei noch diesen alten, krummnasigen Muggelliebhaber von allen seinen Ämtern entlässt, weil er angeblich senil wird? Ich finde es einfach köstlich...«, sagte er selbstzufrieden und belustigt. Selena musste nun ebenfalls Lächeln.

»Da habt ihr allerdings recht, Mylord. Es ist zu komisch... Die Ignoranz dieser sogenannten Offiziellen ist mal wieder unglaublich; Alles was denen nicht in den Kram passt wird einfach dementiert.«

Nach einem weiteren Schluck Kaffee sprach sie erneut

»Dieser Urlaub von Fudge, kommt Euch und Euren Plänen nicht gelegen, habe ich recht, Mylord?«

»Eine Woche mehr oder weniger ist für Lord Voldemort nicht von Belang... Ich habe in meinem Leben schon oft und lange genug gewartet. Meist war das Ergebnis hinterher sogar besser. Ich habe Zeit...«

Man hatte für Selena ein mittelgroßes Schlafzimmer hergerichtet und sie ließ sich bevorzugt von ihrer Elfe Lola bedienen. Sie hatte immer noch das Gefühl, dass die Malfoys und die anderen Todesser ihren Befehlen nur widerwillig folgten, da Lord Voldemort nicht widersprach beziehungsweise sie von ihm mit besonderem Respekt behandelt wurde. Teilweise wirkten sie sogar neidisch auf ihren Einfluss, den sie nur durch jahrelanges, treues Dienen unter tausend Gefahren, erreichen konnten... Wenn es dem Dunklen Lord gefiel, natürlich...

In der folgenden Woche hatte Selena das Haus und Anwesen erkundet, wobei sie auf viele interessante Dinge gestoßen war. Zum Beispiel, dass die Malfoys mehrere Pfauen im Garten hielten, darunter auch einen Albino mit wunderschönem weißem Gefieder.

Im hinteren Teil des Gartens entdeckte sie eine Kapelle, von etwa der Größe und Ausstattung einer kleinen Dorfkirche, allerdings wirkten die blutrünstigen Wand- und Deckengemälde, bei der die Passion Christi völlig fehlte und die große Steinplatte im Altarraum, wenig kirchlich. In der Kapelle befanden sich im unteren Teil mehrere Reihen von Sitzbänken und auf der Empore entdeckte sie eine wunderschöne alte Orgel. Besonders gefiel ihr aber die große Bibliothek im Haus. Ein über zwei Stockwerke hoher Raum, mit einer bequemen Sitzgruppe im unteren Teil und einer Galerie auf Höhe der zweiten Etage. Die Wände komplett mit vollen Bücherregalen bedeckt.

Dort saß sie nun auch und las ein Buch über mittelalterliche Foltermethoden als Lord Voldemort eintrat und sprach:

»Der Tee wird in Kürze serviert. Wollt ihr mir ein wenig Gesellschaft leisten, kleine Selena? Auch Lucius müsste bald aus dem Ministerium zurück sein, mal sehen, was er zu berichten weiß...«

Sie markierte die Stelle im Buch, die sie soeben gelesen hatte, nickte und stand auf um ihm zu folgen.

Sie gingen nicht, wie sie vermutet hatte ins Speisezimmer im Erdgeschoss, sondern in ein Zimmer im zweiten Stockwerk, das man wohl für Lord Voldemort hergerichtet hatte. Es war ein großzügig geschnittener Raum, mit einer Sitzgruppe vor dem Kamin, ein altmodischer Schreibtisch, neben einem Sekretär befand sich unter den Fenstern, daneben diverse Bücherregale und Schränke an den Wänden. Über dem Kamin hing ein altersfleckiger Spiegel. Ein Bett sah sie nicht, deshalb vermutete Selena, dass man ihm mehrere Zimmer zur Verfügung gestellt hatte und dies als sein Aufenthaltsraum diente.

Sie tranken bereits ihren Tee –Selena wäre Kaffee zwar lieber gewesen, aber man war hier nun einmal in Großbritannien- als Lucius Malfoy von Wurmschwanz ins Zimmer geführt wurde. Nachdem er seinen Meister ehrfurchtsvoll begrüßt hatte, Selena beobachtete diese Erniedrigung wieder mit Abscheu und Belustigung, fing er an zu berichten. Man hatte ihn nicht aufgefordert platz zu nehmen.

»Mylord, es ist mir eine Ehre Euch zu berichten, dass der Minister mir immer noch wohlgesonnen ist, auch wenn ich scheinbar nach den Ereignissen auf dem Friedhof von Harry Potter als Todesser denunziert wurde. Nebenbei erfuhr ich auch, dass Harry Potter heute Morgen zu einer Anhörung erscheinen musste, da er das Gesetz zur vernunftgemäßen Beschränkung der Zauberei Minderjähriger übertreten hatte. Er soll, so der Minister, am vierten August vor den Augen eines Muggels einen gestaltlichen Patronus heraufbeschworen haben. Leider muss ich seiner Lordschaft sagen, dass die meisten Mitglieder des Zaubergamots, sein und Dumbledores Ammenmärchen von einem Angriff durch zwei Dementoren in Little Whinging, geglaubt haben. Ich dachte, die Dementoren unterstehen noch nicht Eurer Macht, Mylord?«

»Womit du vollkommen Recht hast, Lucius. Sie unterstehen mir noch nicht. Jemand anders muss sie also geschickt haben, sollte diese Geschichte stimmen... Fahr bitte fort.«

»Sehr wohl, Herr«, sagte er mit einer leichten Verbeugung »Ich begleitete den Minister bis in die unterste Etage des Ministeriums, wo die Gerichtsverhandlung abgehalten werden sollte. –Findet Ihr es nicht auch merkwürdig, dass ein volles Straftribunal stattgefunden hat, wegen eines simplen Falls von Minderjährigenzauberei? Wie dem auch sei, ich schaute mich im Zugangsbereich der Mysteriumsabteilung um und meinte jemanden zu spüren. So, als würde die Tür dorthin von irgendjemandem bewacht, unsichtbar natürlich. Bevor ich jedoch mehr herausfinden konnte, wurde ich von einem Unsäglichen entdeckt und musste verschwinden.

Ich wartete also, bis Cornelius Fudge aus der Verhandlung kam. Er glaubt übrigens tatsächlich nicht an Eure Rückkehr, Mylord. Er meint nur Dumbledore wolle mit dieser Geschichte seinen Posten als Minister untergraben. -Wie töricht von ihm...«, fügte er gedehnt hinzu.

»Danke für Deine Informationen, Lucius. Wenn Du das nächste Mal ins Ministerium gehst, alter Freund, so finde heraus, ob die Tür tatsächlich bewacht wird. Homenum revelio müsste dafür genügen. Das würde die Dinge sogar noch vereinfachen... Falls dort jemand ist, unterwirf ihn durch den Imperiusfluch und versuch in die Halle der Prophezeiungen einzudringen. Du kannst nun gehen...«

»Sehr wohl, Mylord«, mit einer Verbeugung verließ er das Zimmer.

»Seht ihr, kleine Selena«, fuhr er auf Parsel fort »Selbst seine Feinde unterstützen Lord Voldemort! Wie findet ihr das?«

»Euch gebührt nichts Anderes, Mylord«

Doch die Dinge liefen nicht so, wie der Dunkle Lord es geplant hatte...

Beim gemeinsamen Mittagessen wirkte er noch glücklich, doch als Selena abends mit ihm beim Wein saß und Lucius von seinem Misserfolg berichtete, wurde er zusehends wütender...

»Soso, Lucius, nachdem Du diesem Podmore seinen Tarnumhang entrissen hast, wurde er also beim Eindringen in die Mysteriumsabteilung geschnappt? -Wie kannst Du es wagen, zu versagen und mir unter die Augen zu treten?«, sagte Lord Voldemort gefährlich leise.

»Mylord, es war nicht meine Schuld. Heute war der freie Tag des Wachmannes, den ich die letzten Wochen beobachtet habe. Ich konnte doch nicht wissen, dass er ausgerechnet ein Uhr nachts seinen Rundgang durch die unteren Flure macht...«, antwortete der am Boden kniende, verängstigte Mann.

»Du konntest es nicht wissen? Nein, Lucius? Crucio!«

Beim letzten Wort richtete er seinen Zauberstab auf den sich nun in Schmerz am Boden windenden Lucius und bestrafte ihn. Selena schaute ungerührt zu, sie konnte den Zorn des Dunklen Lords verstehen.

»Natürlich konntest Du es nicht wissen!«, fuhr er fort, nachdem er die Folter beendet hatte. »Du hast nicht genug Informationen gesammelt und warst nur mit halbem Herzen bei der Sache, da dein Sohn morgen nach Hogwarts zurückkehrt und du dir lieber Sorgen machst, ob er seine ZAGs besteht, als deinem Meister zu dienen!« und erneut quälte er ihn mit dem Cruciatusfluch.

»Geh mir aus den Augen«, zischte der Dunkle Lord noch leiser und der nun total verängstigte Lucius verließ auf Knien den Raum.

»Es ist so schwer, gute Diener zu finden, die ihren Meister nicht immerzu enttäuschen, habe ich recht, kleine Selena?«

»Wie wahr, Mylord...«

Eine Woche später erst besserte sich Lord Voldemorts Laune wieder. Zwei Todesser, Walden Macnair und Mephisto Avery Jr., kehrten von ihrer Reise zurück und konnten berichten, dass die Riesen nun auf der Seite des Dunklen Lords stünden und die Versuche von Dumbledores Anhängern, sie auf die gegnerische Seite zu ziehen, gescheitert seien.

Einige Zeit später unterrichtete Lord Voldemort Avery Jr., der einst glänzende Kontakte ins Ministerium hatte, von seinem Plan, die Prophezeiung zu bekommen, sowie vom gescheiterten Versuch von Lucius Malfoy, sie zu stehlen.

»Mylord. Sturgis Podmore ist ein bekennender Anhänger Dumbledores. Wäre es nicht vielleicht besser, einen Unsäglichen zu unterwerfen? Er müsste in der Lage sein, die ihm bekannten Schutzzauber, die sicherlich auf dem Ort liegen, zu umgehen und die Prophezeiung für Euch zu stehlen...«

»Bist Du Dir da auch sicher, Avery? Lord Voldemort möchte nicht noch einmal enttäuscht werden...«

»Gewiss, Eure Lordschaft, dieser Plan ist narrensicher...«

»Sehr gut, Avery, schick mir Lucius hinein.«

»Schon wieder Lucius, Mylord?«, fragte ihn Selena auf Parsel, nachdem Avery das Zimmer verlassen hatte. Er antwortete:

»Lucius ist der Einzige von uns, der sich gefahrlos im Ministerium sehen lassen kann, kleine Selena. Außerdem möchte ich ihm die Gelegenheit geben, sein Versagen beim letzten Mal wieder gut zumachen...«