Vollmond
Heute war es soweit, nur noch wenige Stunden und über Atlantis würde der Vollmond aufgehen. John war froh, dass das Warten ein Ende hatte. In den letzten Tagen hatte er ein Wechselbad der Gefühle durchlebt. Es gab Momente, wo er fest überzeugt war, dass alles nur ein böser Albtraum und Rodney nicht von einem Werwolf gebissen worden war. Und dass der Virus, den Carson entdeckt hatte, nichts zu bedeuten hatte. Dass alles nur seiner eigenen, tief sitzenden Angst vor seiner Vergangenheit entsprungen war.
Die meiste Zeit aber war er sich aber sicher, dass Rodney sich verwandeln würde. Deswegen hatte er vorgesorgt. Unter anderem hatte er sich bei einem Ausflug aufs Festland einen silbernen Ritualdolch besorgt. Inzwischen war er scharf geschliffen und eine nützliche Waffe im Kampf gegen einen losgelassenen Werwolf. Gleichzeitig war es auch die einzige Möglichkeit, so eine Bestie zu töten.
John hoffte, das Messer niemals benutzen zu müssen. Er wollte Rodney überzeugen, die Nacht in einer der Hochsicherheitszellen zu verbringen. Das Energiefeld, das die Wraith zurückhielt, sollte auch einen Werwolf vor einem Ausbruch bewahren. Das einzige Problem war nur, Rodney in die Zelle zu kriegen.
Und diese Aufgabe lag noch vor ihm.
John hatte seit dem Zwischenfall sehr viel Zeit mit dem Wissenschaftler verbracht, um sicherzugehen, dass Rodney nicht schon vor seiner Verwandlung zu einer Gefahr für die Station wurde. John wusste nur das wenige, was er früher im Unterricht über Werwölfe gelernt hatte – selbst davon hatte er viel vergessen. Und der Rest reichte einfach nicht aus, um zu wissen, wie sich Rodney vor seiner ersten Verwandlung verhalten würde. Und ob sich die Werwölfe der Pegasusgalaxie genauso wie die irdischen Werwölfe verhielten, war eine weitere ungeklärte Frage.
Zuerst war es recht einfach den Wissenschaftler zu beobachten, denn ohne Zugang zu seinem Labor war Johns Büro Rodneys bevorzugter Aufenthaltsort. Da er damit beschäftigt war, sein neues Laptop zu programmieren, war er recht erträglich und hielt John nicht zu sehr von seiner Arbeit ab.
Nachdem Carson die Fäden gezogen und Rodney diensttauglich erklärt hatte, versuchte er, Tag und Nacht im Labor zu verbringen, um die verlorene Zeit aufzuholen. John hatte es sich deswegen angewöhnt, um sechs Uhr Feierabend zu machen und anschließend Rodney im wissenschaftlichen Bereich abzuholen, mit ihm in der Kantine essen zu gehen und auch einen Teil der Freizeit mit ihm zu verbringen.
Es hatte wirklich Spaß gemacht, mit Rodney Star-Wars und Herr der Ringe zu sehen. Die sarkastischen Kommentare des Wissenschaftlers hatten John mehr als einmal zum Lachen gebracht.
Diesen Abend würden sie aber nicht mit Indiana Jones anfangen. John hatte etwas anderes geplant. Obwohl es erst fünf Uhr war – sechs Stunden vor Mondaufgang und lange bevor Rodney eine Gefahr darstellen würde -, entschloss er sich, seinen Arbeitstag zu beenden. Er hielt es nicht mehr aus.
Mit Carson hatte er abgemacht, dass er sich um Rodney kümmern und dafür sorgen würde, dass sein Freund während des Vollmonds sicher untergebracht war. Der Arzt widersprach zwar nicht, aber es schien, dass er immer noch seine Zweifel hatte, dass Rodney sich wirklich in einen Werwolf verwandelte. Deswegen auch seine Zurückhaltung gegenüber Elizabeth. John versuchte gar nicht erst, die zivile Leiterin zu überzeugen, dass es Werwölfe gab. Sie würde es erst glauben, wenn er Beweise vorlegen konnte und das konnte er erst nachdem Rodney sich verwandelt hatte.
John hatte es satt zu grübeln. Entschlossen klappte er sein Laptop zu, steckte einige Schokoriegel ein und machte sich auf den Weg. Im Gang lief Miko an ihm vorbei; John konnte es nicht genau erkennen, aber er hatte den Eindruck, dass sie weinte.
„… ihr seid zu dumm, um diese Technik auch nur ansatzweise zu begreifen. Wie wollt ihr denn damit arbeiten? Manchmal frage ich mich, wie ihr an eure Doktortitel gekommen seid."
Das Brüllen war so laut, dass John noch nicht einmal das Schott öffnen musste, um jedes -Wort zu verstehen. Das war definitiv nicht normal – nicht einmal für Rodneys Verhältnisse. Er schonte seine Mitarbeiter nie, auch kam es schon einmal zu vereinzelten Auseinandersetzungen, aber so führte er sich sonst nur auf, wenn er mindestens 24 Stunden nicht geschlafen hatte.
Aber so ein Verhalten war normal für einen Werwolf kurz vor seiner Verwandlung. Selbst Remus war an diesem Tag gereizt und unausgeglichen gewesen.
Bevor John das Schott öffnen konnte, glitt es von selbst auf und Rodney stürmte hinaus. Sehr wütend und sehr gereizt. Er wollte einfach vorbeilaufen, doch John hielt ihn am Arm fest.
„Rodney! Bleib stehen!"
Er hörte sogar auf den Befehl und sah John an. Es waren keine wirklich menschlichen Augen mehr. Sie waren anders geworden. Einfach wölfisch. Die Verwandlung war näher, als John gedacht hatte. Es war keine Zeit mehr, Rodney zu irgendetwas zu überreden. Er musste jetzt sofort in die Zelle.
„Was ist?"
Es war ein Knurren in der Stimme, das Angst machen konnte. John durfte sich aber nicht einschüchtern lassen.
„Ich muss dir etwas zeigen."
„Das geht nicht, ich habe anderes zu tun."
„Und was? Deine Mitarbeiter schikanieren? Du kommst jetzt mit. Das ist ein Befehl!"
„Ich lasse mir nichts befehlen."
Gleichzeitig versuchte Rodney, sich loszureißen. Mit mehr Kraft, als John jemals zuvor in ihm gespürt hatte. Doch er gab nicht nach. Wenn er Rodney jetzt nicht unter Kontrolle bekommen würde, dann hatte er bald einen Werwolf, der durch die Gänge hetzte.
Um weitere Gegenwehr zu verhindern, verdrehte John Rodneys Arm und presste ihn nicht gerade sanft gegen eine Wand.
„Aua! Du tust mir weh! Das darfst du nicht!"
„Und du darfst keine Befehle verweigern. Kommst du mit?"
„Habe ich eine andere Wahl?"
Doch das reichte John nicht und er verstärkte den Griff. Er konnte sich noch dunkel aus seinem Unterricht daran erinnern, dass man einem Werwolf kurz vor seiner Verwandlung mit sehr viel Dominanz begegnen musste, um ihn zu bändigen. Es galt, die Rangordnung in einem Rudel auszumachen.
„Aua! Verdammt, ja, ich beuge mich der rohen Gewalt."
Ganz vorsichtig lockerte John den Griff und trat zwei Schritte zurück. Bereit, jederzeit auf einen Angriff zu reagieren. Gleichzeitig streckte er seine Hand aus.
„Tut mir leid, Rodney. Wie wär's, wenn du mir unterwegs erzählst, was dich so aufgeregt hat?"
Er begegnete dem misstrauischen Blick des Wissenschaftlers mit einem Lächeln. Dies schien Rodney zu beruhigen und er ergriff Johns Hand, um die Entschuldigung anzunehmen.
„Ich weiß auch nicht, was mich so aufgeregt hat. Aber heute scheint sich wirklich jeder noch dümmer anzustellen, als er wirklich ist. Natürlich muss ich es dann wieder richten. Und dann habe ich noch eine neue Allergie."
Die kleine Machtdemonstration hatte also gewirkt, selbst Rodneys Augen sahen nicht mehr ganz so animalisch aus. Deswegen riskierte John auch einen Scherz.
„Ich dachte, du bist schon gegen alles allergisch."
„Das geht nicht. Aber du hast Recht, mein Geist ist brillant und mein Körper sehr anspruchsvoll. Deswegen dachte ich auch nicht, jemals gegen Silber allergisch zu werden."
Ohne Misstrauen betrat Rodney den Fahrstuhl.
„Was macht ihr denn mit Silber?"
John stellte sich vor die Schalttafel, so dass Rodney nicht sehen konnte, welches Ziel er eintippte.
„Wir haben eine Versuchsreihe, zu kompliziert, um sie dir zu erklären, wo wir mit verschiedenen Edelmetallen arbeiten. Als ich das Silber anfassen wollte, habe ich mir die Finger verbrannt."
Die Tür öffnete sich und John verließ, gefolgt von Rodney, den Fahrstuhl.
„Wohin willst du? Hier geht es doch zu Steves Zelle!"
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich dir etwas zeigen will."
„Das glaube ich nicht."
Rodney war stehen geblieben und sah John mit gelb leuchtenden Augen an.
„Du weißt, dass du mir noch einen Gefallen schuldest. Und ich biete dir hier die Möglichkeit, ihn abzuarbeiten."
„Das glaube ich nicht."
Diesmal war ein panischer Unterton in Rodneys Stimme.
„Rodney, du brauchst keine Angst zu haben. Ich bin dein Freund. Wir sind Freunde. Ich tue dir nichts."
John sprach mit ihm, als würde er auf ein unruhiges Tier einreden. Mit leiser, beruhigender Stimme, dabei ging er einen Schritt auf Rodney zu. Dessen Augen flackerten unruhig und er wich zwei Schritte zurück.
„Dann kannst du mir auch sagen, was mit mir passiert. Ich fühle mich so seltsam. Ich habe Angst."
„Bleib ganz ruhig, Rodney. Wenn du jetzt in Panik verfällst, dann hilfst du niemandem. Bitte, vertraue mir und komm mit."
Der Ausdruck auf Rodneys Gesicht war wild und gehetzt. Bis zur wirklichen Verwandlung würden noch einige Stunden vergehen, aber scheinbar war der Geist schon betroffen.
„Weißt du denn, was mit mir passiert?"
„Ich habe einen Verdacht, aber ich werde es dir erst sagen, wenn du mitkommst."
Doch das war wohl nicht genug, denn Rodney drehte sich um und lief weg. Schneller als John reagieren konnte.
„Verdammt!"
Wütend sprintete er hinter dem Flüchtenden her. Er hätte wissen müssen, dass es nicht so einfach war, ein wildes Tier in einen Käfig zu locken.
Aber bevor er zuließ, dass ein Werwolf ein Massaker anrichtete, würde er tiefer in seine Trickkiste greifen. Ein magisches Wesen konnte man nur mit Magie einfangen. Auch wenn er sich geschworen hatte, nie wieder zu zaubern, zum Wohle aller musste er seinen Schwur brechen – wie er es schon viel zu oft getan hatte, seitdem er Atlantis betreten hatte.
Aber erst einmal musste er Rodney finden. Und das war in diesen wenig genutzten Gängen gar nicht so einfach.
Eine Stunde später war John immer noch auf der Suche. Langsam wurde die Zeit knapp. Er hatte sich von seinen Instinkten leiten lassen und war in eine Ebene vorgedrungen, die er noch nie betreten hatte. Doch er wusste, dass Rodney nicht mehr weit weg sein konnte.
Auch wenn dieser jetzt einem Tier mehr ähnelte als einem Menschen, seine Kondition hatte sich durch die Veränderung nicht großartig verbessert.
Geschwächt durch die alte Verletzung hatte er sich wahrscheinlich ein Versteck gesucht und hoffte, nicht gefunden zu werden.
Deswegen bewegte John sich so leise wie möglich, lauschte, um ein verräterisches Geräusch zu hören. Den Dolch hielt er in seiner Hand, bereit ihn einzusetzen, falls Rodney versuchte ihn anzugreifen.
In einer großen, dunklen Halle, die mit Containern voll gestellt war, hatte John das Gefühl, nicht allein zu sein. Sämtliche Sinne waren geschärft, als er eine Reihe nach der anderen abschritt.
Und dann sah er Rodney - immer noch ein Mensch und kein Werwolf. Er hockte hinter einem umgekippten Container und seine ganze Körperhaltung drückte Erschöpfung, Verzweiflung und Irritation aus.
„Rodney. Ich bin es, John. Ich habe dich gesucht, mir Sorgen gemacht. Du siehst erschöpft aus. Wenn du möchtest, kannst du von mir einen Schokoriegel haben, ich habe einen in meiner Tasche. Rodney, ich bin es, John."
Viel konnte John in der Dunkelheit nicht erkennen, aber dass Rodney weder floh noch angriff, wertete er als positives Zeichen. Ununterbrochen beruhigende Worte murmelnd, kam John immer näher.
Doch dann hatte er die kritische Distanz unterschritten, Rodney sprang auf und wollte wieder weglaufen.
„Petrificus Totalus!"
Auch ohne Stab hatte John genug Kraft, dass Rodney wie versteinert stehen blieb.
„Ganz ruhig bleiben, Rodney. Dir passiert nichts, ich will nur verhindern, dass du weiter wegläufst."
Und dann stand John direkt vor dem Wissenschaftler. Er blickte in die Augen eines wilden, verängstigten Tieres, nicht in die Augen eines Menschen.
Ganz vorsichtig hob John eine Hand und dann berührte er Rodneys Haare. Versuchte, ihn wie einen verängstigten Hund zu beruhigen. Dabei murmelte er unablässig vor sich hin.
Es dauerte eine Weile, bis Rodney merkte, dass ihm wirklich nichts passierte, denn der verängstigte Ausdruck verschwand. Dies nutzte John, um einen Schokoriegel aus der Jackentasche zu holen.
„Wenn du mir versprichst, nicht wegzulaufen, dann kannst du dich wieder bewegen und bekommst von mir den Schokoriegel."
Der hungrige Blick gab John Hoffnung, dass Rodney nicht weglaufen würde.
„Finite Incantatem."
Zuerst bewegte sich der Wissenschaftler gar nicht, schien nicht zu glauben, dass die Ganzkörperklammer weg war. Dann griff er zu und riss John den Schokoriegel aus den Fingern. Er trat einen Schritt zurück, riss das Papier auf und verschlang gierig die Süßigkeit. Er sah John auffordernd an, scheinbar hatte er verlernt zu reden.
„Ist ja gut. Du bekommst noch etwas. Aber erst musst du mich zum Fahrstuhl begleiten. Du kommst mit zum Fahrstuhl und bekommst dann noch Schokolade. Ist das ein Deal?"
John zog den nächsten Riegel aus seiner Tasche, schwenkte ihn einmal in der Luft und ging dann langsam rückwärts. Er wusste, dass nur zwei Gänge weiter ein Fahrstuhl war, der sie innerhalb einer Minute wieder zu Steves Zelle brachte.
Der Trick funktionierte. Rodney folgte John brav und folgsam in den Fahrstuhl. Als er dann den nächsten Riegel bekam, verschlang er ihn genau so gierig wie den ersten.
Als John den Fahrstuhl verließ, holte er den nächsten heraus.
„Komm mit mir, Rodney. Ich weiß, dass du ein braver Junge bist. Und ein hungriger noch dazu. Wenn wir am Ziel angekommen sind, dann bekommst du gleich drei von den Riegeln, das verspreche ich dir. Sei ein guter Junge und komm mit."
Es war ein dummes Gefühl, so mit einem der brillantesten Männer zu sprechen, die John kannte, aber es schien zu wirken, denn Rodney folgte ihm.
Erst als sie kurz vor den Hochsicherheitszellen waren, schien Rodney etwas zu ahnen. Sein Blick war nicht mehr ausschließlich auf die Schokolade gerichtet, sondern er sah sich unruhig um.
„Ganz ruhig, braver Junge. Es sind nur noch wenige Meter, dann sind wir am Ziel. Ja, so ist es gut."
John war erleichtert, als Rodney ihm in die Zelle folgte. Dann rückte er den Schokoriegel raus und verteilte die restlichen auf den Boden.
Während Rodney sich bückte, um sie aufzuheben, lief John aus der Zelle und aktivierte mit einem geistigen Befehl das Energiegitter.
Ein wütendes Knurren machte klar, dass auch Rodney gemerkt hatte, was los war. Doch jetzt war es zu spät. Er warf sich aber nicht wie ein wildes Tier gegen die Absperrung, nein, er schien zu wissen, dass es kein Entkommen gab. Er blieb in der Mitte stehen, blickte John hinterher.
Mit zitternden Beinen setzte John sich hin. Die Anspannung der letzten Stunde war zu groß gewesen, als dass sie keinen Tribut gefordert hätte.
„Colonel Sheppard! Wo sind Sie? Melden Sie sich bitte. Wir registrieren die Aktivierung eines Energiegitters im Sicherheitstrakt."
Musste das jetzt auch noch sein? Müde aktivierte er sein Headset.
„Elizabeth, das ist in Ordnung, das habe ich getan."
„Ist etwas passiert? Brauchen Sie Hilfe?"
Wie sollte er es erklären? John war sich sicher, dass Rodney bestimmt nicht wollte, dass mehr Personen als unbedingt notwendig sahen, was mit ihm geschah.
„Nein, ich brauche keine Hilfe, die Situation ist unter Kontrolle. Aber wenn Sie Carson bitten könnten, zu mir zu kommen, wäre ich Ihnen sehr verbunden."
Dass Carson bei der Verwandlung dabei sein wollte, war von Anfang an klar gewesen. John ließ es zu, denn ohne Zeugen würde ihm niemand glauben. Zudem war es besser, einen Arzt dabei zu haben, falls etwas passierte. Auch wenn niemand es wagen konnte, einen Werwolf zu behandeln.
„Gut, ich schicke Carson und einige Sicherheitsleute zu Ihnen."
„Nur Carson, bitte. Niemand anders."
„John, was ist los?"
„Ich werde es Ihnen morgen erzählen, Elizabeth. Bitte vertrauen Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass die Station nicht gefährlich ist und es sich um ein delikates persönliches Problem handelt."
Dabei log John noch nicht einmal. Die Gefahr war gebannt - gebannt in einem Energiekäfig.
„Wie Sie wünschen."
Dabei war die Irritation deutlich aus ihrer Stimmer herauszuhören.
„Danke."
Erleichtert schaltete John ab und schaute zu Rodney. Der stand immer noch in der Mitte der Zelle und wirkte verärgert, wütend und ängstlich zugleich. Zwei Schokoriegel lagen unbeachtet auf dem Boden.
„Tut mir leid, Rodney. Es ist nur für diese Nacht."
Was John jetzt ganz dringend brauchte, war eigentlich einer dieser Riegel. In seiner Kindheit hatte er gelernt, dass Schokolade eine gute Medizin gegen Schockzustände jeglicher Art war. Und seitdem er beim Militär war, hatte er mehr als nur einmal Schokolade gebraucht, um nicht zusammenzuklappen. Was er hier in der Pegasusgalaxie erlebte, war manchmal selbst für ihn zuviel.
Nachdenklich betrachtete John seine Hände. Das Zittern konnte er nur sehen, wenn er sich darauf konzentrierte. Dagegen konnte er die Veränderung, die das Retrovirus an seinem rechten Arm hinterlassen hatte, nicht nur sehen, wenn er über die Haut fuhr, nein, es fühlte sich anders an. Es war keine Narbe. Es war einfach nur anders. Und wenn er nicht einige Heilzauber angewendet hätte, dann wäre nicht nur diese eine Stelle am Arm verändert.
John hatte diese Veränderung seines Körpers und seines Geistes irgendwie überstanden, und konnte jetzt zu gut verstehen, was Rodney durchmachte, konnte aber nicht helfen. Er konnte nur hilflos daneben stehen und zusehen.
Das Geräusch eines sich öffnenden Schotts riss John aus seinen Gedanken. Angespannt blickte er hoch, doch es war wirklich nur der Arzt, der den Fahrstuhl verließ. Kein Soldat folgte.
„Carson, ich bin hier!"
Dabei stand John auf. Der Arzt kam auch direkt auf ihn zu, stellte seine Ausrüstung ab und hielt sich nicht mit irgendwelchen Vorreden auf.
„Also sind es nicht nur Hirngespinste."
„Nein, leider nicht. Schauen Sie selbst."
Carson nickte und näherte sich dem Energiegitter bis auf wenige Zentimeter.
Rodney war seit dem Eintreffen des Arztes unruhig auf- und abgelaufen, hatte aber immer respektvollen Abstand von dem Gitter gehalten. Nun blieb er direkt vor Carson stehen.
Und bevor dieser wusste, wie ihm geschah, griff Rodney mit einem wütenden Knurren an – nur um von dem Gitter abgehalten zu werden. Mit einem schmerzhaften Heulen wich er zurück. Dabei verfolgte er jede Bewegung, die Carson machte.
Es roch unangenehm nach verbrannten Haaren, aber eine ernsthafte Verletzung konnte das Gitter nicht verursachen.
„Oh mein Gott!"
„Es ist nur der Anfang, es dauert nicht mehr lange und dann verwandelt sich auch sein Körper."
Fasziniert beobachtete der Arzt Rodney.
„Wie geht es weiter?"
„Gar nicht. Wir beobachten nachher, wie er sich verwandelt. Ich bleibe die Nacht über hier und werde mich auch morgen früh um ihn kümmern. Dann werde ich auch Ihre Hilfe brauchen, weil er danach sehr geschwächt sein wird."
Carson näherte sich erneut dem Gitter, um Rodney zu beobachten. Er nahm eine Kamera aus seinem Rucksack und baute sie direkt vor dem Gitter auf, um jede Bewegung von Rodney aufzunehmen. Doch der fand das gar nicht lustig. Er gab Geräusche von sich, die einem Knurren sehr nahe kamen.
„Ich werde diese Nacht bei Ihnen bleiben und den Krankheitsverlauf studieren. Wie lange ist Rodney schon in diesem Zustand?"
„So schlimm erst seit einer Stunde. Er muss aber den ganzen Tag sehr gereizt gewesen sein und seine Leute terrorisiert haben."
„In welchem Zustand war er, als Sie ihn getroffen haben?"
John wusste, dass Carson es aus wissenschaftlicher Neugierde fragte. Und dass er keine Ruhe haben würde, bis er die alle Details erfahren hatte. Also erzählte John, dass Rodney ihm ausgebrochen war und wie er ihn wieder eingefangen hatte.
„Und was hätten Sie gemacht, wenn Rodney nicht freiwillig mitgekommen wäre?"
Es blieb einen Augenblick ruhig. John hob seine Rechte, in der er immer noch das Messer hielt, betrachtete nachdenklich die scharfe Klinge und sah dann Carson in die Augen
„Wenn es keinen anderen Weg gegeben hätte, dann hätte ich ihn getötet."
Doch daran wollte er nicht denken und schon gar nicht an die Konsequenzen, die es für sein Leben gehabt hätte. Er hatte schon viel durchgemacht, doch noch nie war er gezwungen gewesen, einen Freund mit seinen eigenen Händen zu töten. Angewidert schmiss John die Waffe weg und sah zu, wie das Messer über den Boden schlidderte
Dann fühlte er Carsons Hand auf seiner Schulter. Hochblickend sah er in die warmen und mitfühlenden Augen des Arztes.
„Es ist nicht soweit gekommen. Also denken Sie nicht weiter darüber nach. Und was den weiteren Verlauf von Rodneys Krankheit angeht, dann können Sie mit meiner Unterstützung rechnen. Vorausgesetzt Sie sagen mir, womit ich rechnen muss."
Eine zentnerschwere Last fiel von Johns Schulter. Wenn Carson auf seiner Seite war, dann hatte er die erste Hürde genommen. Elizabeth zu überzeugen, würde ein Kinderspiel werden.
„Er wird sich gleich auch körperlich verwandeln und die restliche Nacht den Mond anheulen. Morgen früh, wenn der Mond untergeht, wird er sich zurückverwandeln. Wann sein Geist wieder menschlich ist, kann ich nicht genau sagen. Ich hoffe, dass der ganze Spuk nicht mehr als zwölf Stunden dauert. Den restlichen Tag wird er im Bett liegen, weil er sich von den Strapazen der Verwandlung erholen muss. Und das wird auf Atlantis alle sechzig Tage passieren."
„Dann kann er erst andere Planeten betreten, wenn wir wissen, wann dort Vollmond ist."
Damit musste John sich einen anderen Wissenschaftler für sein Team suchen. Falls er denn ohne Rodney fremde Planeten erkunden wollte.
„Da haben Sie Recht. Es wird seinen Charakter verändern. Er wird noch leichter explodieren, als er es jetzt schon tut. Ich habe eben miterlebt--"
Ein schmerzhaftes Wimmern lenkte John ab. Er blickte in die Zelle und sah Rodney in embryonaler Haltung am Boden liegen. Das Wimmern wurde lauter und zu einem Jaulen, das John mit den Zähnen knirschen ließ. Wie sollte er es ertragen, wenn sein Freund so litt?
Aber er konnte nicht zu ihm gehen und ihm beistehen. Das war einfach zu gefährlich.
Dann setzte die physische Veränderung ein. Zuerst waren es die kleinen Dinge, die sich wandelten: Haare, die anfingen zu sprießen, Ohren, die spitzer, wolfsähnlicher wurden.
Einen Moment schien es, als ob dies das Ende der Mutation war, und John hoffte, dass der - im Vergleich zum irdischen Mond – kleine Trabant, der Atlantis umkreiste, nicht kraftvoll genug war, weitere Veränderungen an Rodney zu bewirken. Doch als dessen Shirt aufplatze und darunter die Schultern eines Wolfes zum Vorschein kamen, wurde auch diese Hoffnung zerstört.
Als der Körper fast vollkommen die Gestalt eines Wolfes angenommen hatte, veränderte sich auch der Kopf. Er zog sich in die Länge und aus dem Mund wurde ein Maul mit vielen spitzen Zähnen.
Das Heulen wurde zu einem bösartigen Knurren. Zwei Minuten nachdem Rodneys Verwandlung begonnen hatte, war sie komplett.
Nur die Fetzen der Kleidung erinnerten daran, was oder wer dieses Tier gewesen war.
„Oh mein Gott!"
John zwang sich, nicht mehr auf das Maul des Werwolfs zu starren und Carson anzublicken. Dieser war kreidebleich und schien von dem Erlebnis geschockt zu sein.
„Kommen Sie, setzen Sie sich hin. Wo haben Sie den Whiskey in Ihrer Ausrüstung versteckt?"
Mit sanfter Gewalt zwang John den Arzt, sich auf den Boden zu setzen. Dieser konnte seine Augen nicht von dem Werwolf abwenden und starrte in den Käfig.
„Im Rucksack, in der linken Seitentasche, ist eine kleine Flasche."
Ohne Probleme fand John den Whiskey, schraubte den Deckel ab und reichte Carson die Flasche. Dieser nahm einen tiefen Zug und reichte die Flasche wieder zurück. John nippte nur. Schokolade wäre ihm jetzt lieber gewesen.
„Besser?"
„Nicht wirklich. Ich dachte, dass ich Ihnen glauben würde, und trotzdem hat mich Rodneys Verwandlung schockiert."
„Mich auch. Es ist Jahre her,---"
Ein schauerliches Geheul unterbrach John. Es war der Werwolf, der diese Laute von sich gab. Wild und unheimlich. Viel zu laut, um sich zu unterhalten.
Es gab zwar die Möglichkeit, den Käfig mit einem Lärmschutz zu versehen, aber das wollte John nicht, denn dann würde er seinen Freund wirklich in Stich lassen.
So richtete er sich darauf ein, die restliche Nacht mit schlechter musikalischer Untermalung sehr schlaflos zu verbringen.
Nur noch sechs Stunden und dann würde Rodney sich hoffentlich wieder zurückverwandeln.
Es war die Stille, die John aufschrecken ließ. Er hatte mit Carson vereinbart, abwechselnd zu wachen und den anderen zu wecken, falls Rodney sich zurückverwandeln sollte. John war unruhig umhergewandert hatte immer wieder den Wolf angeschaut, der in der Mitte seiner Zelle hockte und jaulte. Doch jetzt war das Jaulen verstummt und Rodney verwandelte sich wieder zurück. John drehte sich um, um Carson zu wecken. Es dauerte einen Moment, bis der Arzt zu sich kam. Dann rappelte er sich schnell hoch.
John blickte wieder zu dem Werwolf. Doch der war nicht mehr da. Stattdessen lag Rodney auf dem Boden.
Selten war John so schnell aufgestanden, doch bevor er die Zelle betrat, beobachtete er Rodney durch das Gitter. Er musste sicher gehen, nicht angegriffen zu werden. Doch Rodney blieb ruhig. Keine Bewegung, die zeigte, was mit seinem Freund los war. Ob er überhaupt noch lebte. John hielt die Ungewissheit nicht mehr aus, schaltete die Barriere ab, ging zu Rodney und hockte sich neben ihn.
Das Gesicht des Wissenschaftlers war unnatürlich bleich und seine Atmung war flach und unregelmäßig. Als John Rodneys Hals berührte, um den Puls zu messen, zuckte dieser zusammen und stöhnte leise. Das einzig Positive war, dass dieser Laut durch und durch Rodney war. Niemand anders hörte sich so gequält und leidend an.
„Gehen Sie zur Seite, ich muss ihn untersuchen. Wenn Sie sich nützlich machen wollen, dann holen Sie aus dem Rucksack eine Decke. Ich möchte nicht, dass er unterkühlt."
Zu gern gab John die Befehlsgewalt ab und fügte sich der Anordnung des Arztes. Statt nur die Decke zu holen, brachte er den Rucksack mit, den er in Carsons Reichweite absetzte.
Dieser nahm es mit einem abwesenden Nicken zu Kenntnis, aktivierte gleichzeitig sein Headset.
„Carson hier, Krankenstation bitte kommen!"
Es dauerte einen Moment, bis John sein eigenes Headset aktiviert hatte, um der Unterhaltung zu folgen.
Statt des Dienst habenden Sanitäters hatte sich wohl Elizabeth gemeldet.
„Es tut mir leid, dass ich mich nicht gemeldet habe, Dr. Weir, aber es hat kein akuter Notfall vorgelegen. Ich habe aber die Bitte, dass zwei Sanitäter mit einer Trage schnellstmöglich zu mir kommen."
Während des Gesprächs nahm Carson die Decke und breitete sie über Rodney aus.
„Was ist passiert, Dr. Beckett? Ist John verletzt?"
„Nein, es geht um McKay. Und einen Bericht bekommen Sie, wenn ich ihn medizinisch versorgt, einen Kaffee getrunken und mich geduscht habe. Und jetzt schicken Sie mir die Sanitäter in den Hochsicherheitsbereich!"
Dass Carson Elizabeth so abfertigte, wertete John als schlechtes Zeichen, hielt aber seinen Mund und ließ Carson seine Arbeit machen.
Als kurz darauf die Sanitäter mit der Trage kamen, Rodney darauf legten und ihn dann zur Krankenstation brachten, blieb John zurück. Er war einfach noch nicht soweit, sich den Kollegen und ihren neugierigen Blicken zu stellen.
Die Schokoriegel lagen immer noch auf dem Boden. Der Werwolf hatte noch nicht mal mit der Verpackung gespielt. Auch lag noch das, was von Rodneys Kleidung übrig geblieben war, in der Zelle. John sammelte jeden Fetzen auf, um ihn anschließend wegzubringen. Zum Schluss nahm er den Dolch wieder an sich. Es war eine gute Waffe und er würde sie bestimmt irgendwann brauchen können.
Dann blickte John sich noch einmal um, die Kamera war immer noch an und machte Aufnahmen. Schnell war sie eingepackt und es gab keinen Hinweis mehr, dass Rodney die Nacht in dieser Zelle verbracht hatte.
Die Kamera lieferte John in der Krankenstation ab, wurde dort aber vertrieben, ohne zu erfahren, was mit Rodney los war.
Er schaffte es gerade noch, sich zu duschen und etwas zu essen, bevor er von Elizabeth in ihr Büro beordert wurde. Nicht, dass die Tatsache an sich John überraschte. Aber es war noch nicht mal acht Uhr morgens und Elizabeth war alles, nur keine Frühaufsteherin. Sie arbeitete bis spät in die Nacht, aber vor neun Uhr sah man sie selten in ihrem Büro. Ihr Headset hatte sie immer an, um Tag und Nacht erreichbar zu sein.
Um ihre schlechte Laune ein wenig zu mildern, nahm er aus der Kantine noch einen Becher Kaffee mit.
Bevor er ihr Büro betrat, konnte John erkennen, dass Elizabeth nicht nur schlechte Laune hatte, sondern auch sehr wütend war. Sie saß verkrampft vor ihrem Laptop und schlug auf die Tasten ein, statt zu tippen.
Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, sie nicht einzuweihen. Aber John stand zu seiner Entscheidung.
Leise klopfte er an und als ihr herrisches „Herein!" ertönte, wagte er sich in die Höhle der Löwin. Den Becher stellte er neben ihrem Laptop ab.
Doch der Kaffee wurde ignoriert. Genauso wie John auch. Elizabeth blickte weiter auf ihr Laptop und schien ganz in ihre Arbeit vertieft zu sein. Nur die feinen Linien um ihre Mundwinkel sagten etwas ganz anderes.
Solange sie meinte, ihn ignorieren zu müssen, blieb John vor ihrem Schreibtisch stehen. Normalerweise hätte er sich schon längst hingesetzt. Aber jetzt wartete er auf ihre Aufforderung dazu. Es waren Machtspielchen und John hasste es, sie spielen zu müssen, doch sie war nur die zivile Leiterin und er war ihr gleichgestellt. Wenn er ihr schon soweit entgegenkam und zu ihr kam, dann musste sie auch mit ihm sprechen.
Endlich blickte sie hoch, musterte John und dann lenkte sie ansatzweise ein.
„Setzen Sie sich bitte, John. Ich bin gleich fertig."
Den Kaffee ignorierte sie immer noch.
John machte es sich bequem. Die ersten fünf Minuten vergingen, ohne dass Elizabeth hochblickte. Und bei John machte sich die durchwachte Nacht bemerkbar. Es fiel ihm immer schwerer, die Augen offen zu halten, doch jetzt einzunicken, würde ein schwerer taktischer Fehler sein.
Da Elizabeth immer noch den Kaffeebecher ignorierte und er etwas Aufmunterndes gebrauchen konnte – er beugte sich vor und nahm den Becher.
Ein leichtes Zucken der linken Augenbraue war das einzige Zeichen, dass Elizabeth es bemerkte. Doch immer noch schwieg sie.
Wenn es ihm nicht eine Gnadenfrist gab, bevor Elizabeth ihn auf die Vorgänge der letzten Nacht ansprach – John wäre schon längst gegangen. Er hatte es nicht nötig, sich so behandeln zu lassen. Aber er bezweifelt, dass er sie ohne Carsons Hilfe davon würde überzeugen können, dass McKay sich in einen Werwolf verwandelt hatte. Deswegen konnte sie solange schweigen, wie sie wollte, er würde nicht nachgeben und zuerst sprechen.
Nach einer Viertelstunde war es Elizabeth, die aufseufzte und dann John anblickte.
„Ich warte auf eine Erklärung. Ich habe Ihnen gestern geglaubt, als Sie mir sagten, dass es sich um ein delikates persönliches Problem handelt und jetzt ist Dr. McKay auf der Krankenstation. Als ich eben dort war, wurde ich weggeschickt. Dr. Beckett hat mich rausgeschmissen, mit dem Kommentar, dass er ein Leben zu retten und keine Zeit für mich hat. Ich will wissen, was vorgefallen ist."
Was war mit Rodney los? Normalerweise dürfte er doch nur unter extremer Erschöpfung leiden, aber nicht mehr.
„Ich habe niemals gesagt, dass es mein Problem ist, um das ich mich gestern gekümmert habe. Es war McKay, um den ich mich kümmern musste. Warum er jetzt in Lebensgefahr ist, verstehe ich nicht. Das darf eigentlich nicht sein."
„Was für ein Problem hat er denn? Ich habe den Eindruck, dass Sie mir schon seit der Mission auf M7K-693 etwas verheimlichen. Und ich habe inzwischen den Verdacht, dass es um den Virus geht, den Rodney sich dort eingefangen hat. Keine Ausflüchte, ich will es jetzt wissen."
Ihr Tonfall machte klar, wie verärgert sie war.
„Rodney wurde auf M7K-693 von Werwölfen gebissen und hat sich letzte Nacht in einen Werwolf verwandelt."
Stille. Darauf wusste Elizabeth nichts zu sagen, sie blickte John einfach nur an. Schien zu überlegen, ob sie gerade Opfer eines sehr schlechten Scherzes geworden war. Extremer Unglaube spiegelte sich auf ihrem Gesicht wieder.
„Was haben Sie letzte Nacht getrunken?"
„Nicht genug, um Ihnen so etwas wie ein Märchen zu erzählen. Es ist leider die Wahrheit."
„Angenommen, es ist wirklich die Wahrheit. Warum liegt McKay dann auf der Krankenstation? Mussten Sie Gewalt anwenden, um ihn in den Sicherheitstrakt zu bringen? Kann man einen Werwolf überhaupt verletzten oder sogar töten? Das ist doch ein Fabelwesen!"
„Wenn Sie ein silbernes Messer oder silberne Kugeln verwenden, dann ist ein Werwolf leicht zu töten. Aber mit ganz normalen Waffen ist so eine Bestie zäher als ein Wraith. Und nein, ich habe keine Gewalt angewendet. Die körperliche Verwandlung ist nur extrem Kräfte zehrend und Rodney dürfte eigentlich nur mit schweren Erschöpfungszuständen auf der Krankenstation liegen. Warum Carson immer noch bei ihm ist, weiß ich nicht."
Und es machte John große Sorgen. Doch er musste sich hier und jetzt mit Elizabeth auseinandersetzen und durfte sich nicht ablenken lassen.
„Und woher wissen Sie, dass es Werwölfe gibt? Es sind Fabeltiere. Und Geschöpfe der Filmindustrie."
„Was wissen Sie über mich?"
„Das steht doch gar nicht zur Diskussion! Ich will wissen, was letzte Nacht passiert ist."
Elizabeth war aufgestanden und sah auf John herunter. So wütend hatte er sie selten gesehen.
„Darum geht es auch. Also was wissen Sie über mich?"
„Was hat das mit McKay zu tun?"
„Ich muss Sie überzeugen, dass es Werwölfe wirklich gibt. Und dafür muss ich Ihnen etwas aus meinem Leben erzählen. Was wissen Sie über mich?"
„Aus Ihren Akten kenne ich nur Ihren militärischen Werdegang. Was Sie vorher gemacht haben, weiß keiner. Obwohl Sie sämtlichen Sicherheitsanforderungen für dieses Projekt entsprachen, weiß ich nur, dass Sie im Juli 1973 in New York geboren wurden und dort zur Schule gingen, bis Sie auf die Akademie Ihre Pilotenausbildung gemacht haben. Keine Einträge, keine Verstöße, nichts. Noch nicht mal einen Strafzettel für zu schnelles Fahren, was bei Piloten eigentlich normal ist. Wenn Sie nicht so einen extremen Gerechtigkeitssinn hätten, würde ich vermuten, dass Sie vom Geheimdienst zum Militär gewechselt sind."
„Danke, das werte ich als Kompliment. Auch, dass Sie sich trotz der wenigen Informationen für mich eingesetzt haben."
„Mir reichte es zu wissen, dass Sie degradiert wurden, weil Sie entgegen Ihren Befehlen zwei Männer hinter feindlichen Linien gerettet haben." Elizabeth sah John an. „Aber was hat das mit Ihrer Behauptung zu tun, dass McKay ein Werwolf sein soll?"
„Es steht nicht in meinen Akten, dass ich in England aufgewachsen bin. Genauso wenig können Sie dort lesen, dass ein guter Freund meines Vaters ein Werwolf war."
John schwieg, doch Elizabeth stellte keine Zwischenfrage, zweifelte das, was er gesagt hatte nicht an, sondern sah ihn einfach nur weiter an.
„Als ich auf M7K-693 von den Biestern verfolgt wurde, war ich mir nicht sicher, ob es wirklich Werwölfe waren, sonst hätte ich Sie sofort eingeweiht. Aber wie sollten Sie mir glauben, wenn ich selber unsicher war? Deswegen habe ich geschwiegen und Vorkehrungen getroffen, dass Rodney beim Aufgehen des Vollmondes sicher untergebracht war. Und wenn Sie mir immer noch nicht glauben, dann warten Sie, bis Carson Bericht erstattet, er wird meine Aussage bestätigen."
Es kam zwar keine Zustimmung von Elizabeth, aber sie widersprach auch nicht. Dies wertete John als ein Teilsieg. Sie blickte auf den Monitor und gab einige Daten ein. Dann rang sie sich eine Antwort ab.
„Dann werde ich auf seine Aussage warten. Er wird sich bei mir melden, wenn Rodney soweit stabilisiert ist."
Dieses Zugeständnis schien Elizabeth nicht leicht zu fallen. John hatte aber nicht das geringste Interesse, ihr entgegenzukommen. Sie würde es ohne Carsons Aussage sowieso nicht glauben.
Ein unangenehmes Schweigen herrschte, doch keiner der beiden war gewillt, es zu brechen.
Während John in den leeren Becher stierte, fragte er sich, was er getan hatte, um immer wieder von seiner Vergangenheit eingeholt zu werden und warum Rodney dafür bestraft wurde. Als ihm die Stille zu bedrohlich wurde, blickte er hoch. Doch das Bedürfnis, sich zu räuspern, um wenigstens ein Geräusch zu erzeugen, unterdrückte er, als er Elizabeths abwesenden Gesichtsausdruck sah. Sie war mit ihren Gedanken ganz woanders.
Als es nach einer kleinen Ewigkeit an der Tür klopfte, zuckte sie erschrocken zusammen. Fing sich aber sofort wieder.
„Herein."
Es klang nicht mehr ganz so herrisch.
John drehte sich um, um zu sehen, wer es war. Es war Carson. Entgegen seiner Ankündigung hatte er nicht geduscht und sah sehr müde aus.
„Nehmen Sie sich einen Stuhl und setzen Sie sich, Doktor. Ich habe vom Colonel eine unglaubliche Geschichte zu hören bekommen, die Sie bestätigen sollen."
„Danke, Dr. Weir." Carson ließ sich mehr in den Stuhl fallen, als das er sich setzte. „Wenn Sie sagen wollen, dass Sie nicht glauben, dass Doktor McKay zum Werwolf mutiert ist, dann kann ich Sie verstehen. Aber ich habe seine Verwandlung mit eigenen Augen beobachtet und muss leider sagen, dass er ein Werwolf ist. Ich habe auch Aufnahmen gemacht, habe sie aber noch nicht ausgewertet, werde sie Ihnen aber später zur Verfügung stellen."
Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätte John über ihren verblüfften Gesichtsausdruck gelacht.
„Es ist wirklich wahr?"
„Genauso wie die Tatsache, dass es Wraiths gibt und dass wir in einer fremden Galaxie stationiert sind. Wie Sie wissen, trägt Doktor McKay einen unbekannten Virus in sich, der wohl für diese Verwandlung verantwortlich ist. Ich habe schon mit der Analyse begonnen, aber Aussagen kann ich noch nicht treffen. Dafür stehe ich ganz am Anfang der Forschung. Viel mehr Sorgen macht mir McKays Gesundheitszustand."
„Was ist mit ihm? Normalerweise dürfte er nur sehr erschöpft sein."
Besorgt sah John Carson an.
„Erschöpft ist der falsche Ausdruck. Sein Körper hat die Belastung der zweifachen Verwandlung innerhalb so kurzer Zeit nicht ausgehalten und sein Herz hatte aufgehört zu schlagen und ich musste ihn wiederbeleben. Es ist mir so gerade eben gelungen, ihn soweit zu stabilisieren, dass ich sagen kann, dass er es wohl überleben wird. Aber ob ich das nach dem nächsten Vollmond auch noch schaffe, ist eine andere Frage."
Das durfte einfach nicht sein! Warum wurden immer seine Freunde bestraft? Warum musste die Vergangenheit so brutal zuschlagen?
„Das ist nicht fair!"
„Was ist los, John?"
Elizabeth hörte sich besorgt an. Doch es war egal. Alles war egal. Die magische Welt wollte sich das nächste Opfer holen. Aber das würde er nicht zulassen. Er würde nicht akzeptieren, dass Rodney starb. Ginnys und Rons Tod hatte er nicht verhindern können, aber hier war es noch nicht zu spät. Er musste nur Elizabeth überreden, ihn mit Rodney zur Erde zurückkehren zu lassen.
„Nichts! Oder alles! Verdammt!"
Er stand auf und ging unruhig auf und ab. Um Rodney zu helfen, musste er zurück, doch das wollte er nicht. Er hatte damals geschworen, niemals zurück zu gehen, niemals wieder zu zaubern und wie ein normaler Mensch zu leben.
Seitdem er auf Atlantis war, hatte er den einen Schwur mehr als nur einmal gebrochen. Aber zurück wollte er nicht. Zu viele schlechte Erinnerungen waren mit der magischen Welt verbunden.
John spürte die Blicke, die auf ihm ruhten. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie untypisch er sich verhielt. Dass dieses Verhalten nicht zu dem John Sheppard passte, den sie zu kennen glaubten. Doch diesmal er konnte nicht so ohne weiteres in seine Rolle zurück fallen.
„Entschuldigt mich!"
Ohne auf eine Antwort zu warten, stürmte er aus dem Büro. Er hörte noch, wie Elizabeth ihm etwas hinterher rief, verstand aber ihre Worte nicht. Er bemerkte auch nicht, dass sich überall, wo er ging, das Licht verdunkelte, und jedes Crewmitglied, das ihn sah, ihm auswich und noch eine ganze Weile hinterher schaute.
Wohin John floh, wusste er nicht, er lief ziellos durch die Gänge der Station. Tausend Gedanken schossen durch seinen Kopf. Kein einziger war wirklich gut. Und irgendwie war er nicht in der Lage, rational zu überlegen, ob er wirklich bereit war, für Rodney nach England zurückzukehren und sich der magischen Welt zu stellen. Er hatte damals mehr als nur einen guten Grund gehabt, ihr den Rücken zu kehren.
Reichte die Tatsache, dass Rodney - der eigentlich mehr nervte, als dass er ein guter Freund war – Hilfe brauchte, um John all seine Vorbehalte vergessen zu lassen?
Nicht zu vergessen, dass es nach all den Jahren bestimmt noch den einen oder anderen Todesser gab, der ihm ein ‚Avada Kedavra' verpassen würde, wenn er die Gelegenheit bekam.
John hatte von diesem Chaos genug. Er war ein Teenager gewesen, als er das letzte Mal so empfunden hatte und er musste doch einen rationalen Weg finden, sich soweit zu beruhigen, um eine Entscheidung zu treffen.
Vielleicht schaffte er es, sich durch etwas Training abzureagieren und das Chaos in seinem Kopf zu ordnen. Er war auch schon in der Nähe der als Sportzentrum genutzten Räume und brauchte nur wenige Schritte zu gehen, um den Kampfsportraum zu erreichen.
Vor der Tür atmete John tief durch , aktivierte mit einem geistigen Befehl den Öffnungsmechanismus und trat ein. Erleichtert stellte er fest, dass der Raum nicht belegt war.
Er begann mit einigen Dehnübungen, merkte aber rasch, dass es nichts brachte, den Körper auszupowern, da er schon erschöpft war. Die schlaflose Nacht und die vorhergehende Suche nach Rodney steckte in seinen Knochen. Keine Möglichkeit, geistig zu entspannen.
John schätzte, dass nur eine Schlacht gegen Todesser jetzt noch eine beruhigende Wirkung hätte. Alternativ könnte Hermiod ihn auf ein Wraith-Schiff teleportieren. Er war in der Stimmung, um wirklich jeden einzelnen Wraith mit einem ‚Adava Kedavra' umzubringen.
Fluchend ging John zur Trainingspuppe und drosch mit den Fäusten auf sie ein, um kurz darauf keuchend vor ihr stehen zu bleiben. So ging es nicht weiter.
Er trat zwei Schritte zurück und hob seine rechte Hand, deutete mit seinem Zeigefinger auf den Dummie und ohne dass John ein Wort zu sagen brauchte, traf ein grüner Strahl die Puppe mitten ins Herz. Wieder und wieder, bis der Kunststoff zu einem stinkenden Aschehäufchen zerschmort war.
Dann kam John zur Besinnung. Fassungslos senkte er seinen Arm und starrte ungläubig auf das, was er getan hatte. Die Wut und der Hass war verschwunden – aufgezehrt vom Fluch. Was zurückblieb, war eine grenzenlose Leere.
„Diese Fähigkeit ist fast schon beängstigend."
Nur mit Mühe konnte John den Drang unterdrücken, herumzuwirbeln und den Beobachter ein ‚Stupor' zu verpassen. Teyla musste schon vor einigen Minuten den Raum betreten haben, aber John hatte sich so auf die Puppe und ihre Vernichtung konzentriert, dass er es nicht bemerkt hatte.
„Sie ist beängstigend", stimmte er zu. „Deswegen habe ich auch geschworen, sie niemals gegen Lebewesen anzuwenden."
„Im Kampf gegen die Wraith könnte es aber sehr nützlich sein."
Teyla setzte sich auf die Matte und sah John auffordernd an. Sie ließ ihm die Wahl, sich für oder gegen ein Gespräch zu entscheiden.
Nach kurzem Zögern setzte er sich zu ihr. Wenn es auf der Station jemanden gab, der seine Situation verstehen konnte, dann war er die Athosianerin. Schließlich musste sie auch mit einer Gabe zurecht kommen.
„Es könnte nützlich sein", stimmte John ihr zu. „Ich glaube aber nicht, dass der Zweck die Mittel heiligt. Und diese Gabe einzusetzen geht mir zu weit – ich weiß, dass es sich unglaubwürdig anhört, nach allem, was wir hier getan haben."
„Du sprichst jetzt von Michael?"
Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Und ganz selbstverständlich hatte Teyla aufgehört, ihn wie einen Vorgesetzten zu behandeln.
„Auch. Und doch nicht. Und im Moment habe ich ganz andere Probleme."
Um seine Verlegenheit zu kaschieren, lächelte er Teyla an.
„Betrifft es Rodney?"
Ihre Fähigkeit, direkt auf den Punkt zu kommen, war erschreckend. John war froh, dass sie keine großen Erklärungen verlangte.
„Weißt du, was passiert ist?"
„Nein, nicht wirklich." Teyla schüttelte den Kopf. „Ich habe gehört, dass Rodney gestern einen unverhältnismäßigen Wutanfall hatte, die Nacht weder in seinem Bett, noch in seinem Labor verbracht hat und jetzt auf der Krankenstation liegt und nicht weit vom Tod entfernt war. Du sollst eine Diskussion mit Dr. Weir gehabt haben und anschließend sehr wütend aus ihrem Büro gestürmt sein. Es kann erklären, warum du die Puppe attackiert hast. Es ist definitiv zu wenig, um irgendetwas dazu sagen zu können."
Sie zuckte mit den Schultern.
„Ich bin nicht auf Elizabeth wütend, sondern auf mich selbst."
Teyla antwortete nicht, sah John nur fragend an. Instinktiv entschloss er sich, ihr zu vertrauen und alles zu erzählen. Im Gegensatz zu den anderen Menschen kannte sie die Erde nicht und würde seine Erzählung nicht grundsätzlich als Märchen abtun.
„Hast du Zeit für eine lange Geschichte?"
Er spürte ihren prüfenden Blick, dann lächelte sie. Es war ein warmes, einladendes Lächeln, sie wusste, welches Vertrauen John ihr schenkte.
„Ja, aber nicht hier. Wenn du möchtest, gehen wir in mein Quartier, wo wir ungestört sind."
„Das ist der beste Vorschlag, den ich heute gehört habe."
John stand auf, sah auf Teyla, die ihn erwartungsvoll anblickte, und reichte ihr lächelnd seine Hand. Sie schlug ein und ließ sich hochziehen.
Bevor sie den Trainingsraum verließen, zeigte John mit seinem Zeigefinger auf die Überreste der Puppe, konzentrierte sich und stellte mit einem gedachten ‚Reparo' die ursprüngliche Form her. Außer Teyla sollte niemand mitbekommen, was passiert war.
„Liege ich richtig, wenn ich denke, dass du mir eine sehr lange Geschichte erzählen wirst?"
Die Athosianerin hatte gesehen, was mit der Puppe passiert war.
„Ja, denn sie fängt kurz nach meinem ersten Geburtstag an."
Es fiel John schwer, über seinen Schatten zu springen und sich Teyla anzuvertrauen. Zu tief saß das Misstrauen, die Angst, von seinem Gegenüber ausgelacht zu werden oder für einen Idioten gehalten zu werden. Glücklicherweise tat Teyla weder das eine noch das andere.
Sie hatte ihn einfach in ihre Räume mitgenommen, Kerzen angezündet, ein heißes Getränk, das irdischem Schwarzen Tee sehr nahe kam, aufgebrüht, zwei Tassen gefüllt und sich zu John auf eines der Kissen, die auf dem Boden lagen, gesetzt und gewartet.
Hin und wieder nippte sie an ihrer Tasse, doch die Athosianerin ließ ihm die Zeit, die er brauchte, um die ersten Worte über seine Lippen zu bringen. Stockend, leise, fast flüsternd. Als John merkte, dass Teyla ihm glaubte und ihn nicht als einen Spinner abtat, wurde seine Erzählung flüssiger. Als er berichtete, wie sie in ihrem ersten Schuljahr den Troll im Mädchenklo besiegt hatten, lachte Teyla; sie wurde ernst, als er schilderte, wie er zum ersten Mal seinen Paten traf und Remus sich in einen Werwolf verwandelte. Eine Träne rann über ihre Wange, als John schilderte, wie Cedric Diggory von Voldemort ermordet wurde und er die Leiche wieder zurück nach Hogwarts brachte.
Dann griff Teyla Johns Hand und drückte sie. Selten hatte er sich so verstanden gefühlt. Es war nur eine kleine Geste, aber die Athosianerin schaffte es, darin ihr Mitgefühl auszudrücken.
Im Gegensatz zu Teyla wusste John aber, dass Olivers Tod nur der Anfang und noch lange nicht das Ende von Voldemorts Herrschaft war und erzählte weiter. Vom Tod seines Paten, seinem Zerwürfnis mit Dumbledore und der Aussöhnung. Von der gemeinsamen Jagd nach den Hoacruxen und wie Dumbledore von Severus Snape vor seinen Augen getötet worden war. Er berichtete von seiner wilden Jagd mit Ron und Hermine nach den letzten Hoacruxen.
Zum ersten Mal in seinem Leben brachte es John über sich, zu erzählen wie Ginny gestorben war. Er stockte mehrfach, hatte Probleme, die richtigen Worte zu finden, doch er gab nicht auf. Es hatte irgendwie etwas Befreiendes, alles zu erzählen. John verschwieg auch nicht, dass er wenige Tage später aus Rache ein halbes Dutzend Todesser mit dem ‚Adava Kedavra' getötet hatte, obwohl er die Männer auch mit anderen Mitteln hätte überwältigen können.
Teyla machte ihm keine Vorwürfe, sondern nahm ihn einfach in den Arm. John ließ es nicht nur zu, er erwiderte die Geste. Er fühlte sich sogar ein wenig getröstet. Er löste sich nur aus der Umarmung, um einen Schluck zu trinken, flüchtete dann fast schon wieder in Teylas Arme, und fuhr dann fort.
Erzählte von der Vollmondnacht, in der er von einem Rudel Werwölfe gejagt worden war, beschrieb dabei sehr detailliert, wie die Tiere aussahen. Verschwieg auch nicht, wie er eine Bestie nach der anderen mit einem silbernen Dolch – ein Geschenk von Remus – getötet hatte. Und dann beschrieb er die finale Schlacht, in der Ron gestorben war und wie er es geschafft hatte, Voldemort zu besiegen.
Die blutigsten Details ließ John aus. Teyla war Kriegerin genug, um zu wissen, was er verschwieg.
Nachdem John geendet hatte, wartete er auf eine Reaktion der Athosianerin, die ihn immer noch in ihrem Arm hielt. Er hatte kein Bedürfnis, sich aus der Umarmung zu lösen. Die Geborgenheit, die sie ihm gab, war genau das, was er brauchte. All die Trauer, die er in den letzten Jahren erfolgreich verdrängt hatte, war auf einmal wieder da.
„Und was passierte nach der Schlacht?"
Ja, Teyla hatte Recht, der letzte Kampf war nicht das Ende, sondern der Anfang gewesen und sie hatte ein Recht, auch das zu erfahren.
„Ich war schwer verletzt und lag mehrere Wochen im Krankenhaus. Ich hatte viel Zeit, um über meine Zukunft nachzudenken, und entschied, dass ich in der magischen Welt nicht mehr leben konnte. Ich wollte weder den Ruhm und die Berühmtheit noch die Morddrohungen. Es gab so viele unentdeckte Todesser, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis man mich hinterrücks umbrachte. Ich entschied, in die ‚normale' Welt zu gehen. Arthur Weasley hat mir geholfen, besorgte mir neue Papiere, die mich wesentlich älter machten, und organisierte auch, dass ich beim Pilotentraining der US Air Force mitmachen konnte. Und deswegen bin ich hier."
Es war so ruhig, dass John Teylas Herzschlag hören konnte. Ruhig und gleichmäßig. Es war tröstend.
„Rodney ist von Werwölfen gebissen worden."
Keine Frage, eine Feststellung. John konnte nur zustimmen.
„Ja, und letzte Nacht hatte er sich zum ersten Mal verwandelt. Ich konnte jedoch dafür sorgen, dass er sicher in einer Zelle untergebracht war. Warum muss so was immer meinen Freunden passieren? Ich will nicht, dass ihnen meinetwegen etwas passiert
Teyla lockerte ein wenig die Umarmung, doch nur, um John in die Augen zu sehen.
„Wenn du nicht hier gewesen wärst, dann wären wir schon lange von den Wraith umgebracht worden. Ohne dich wäre Rodney nicht nur von den Werwölfen angegriffen worden, sie hätten ihn auch getötet. Und ohne dich hätte er – nach allem was ich von dir erfahren habe – letzte Nacht ein Massaker angerichtet. Du bist nicht schuld, John! Bitte glaube mir."
„Ich kann aber nichts gegen dieses Gefühl tun. Zu viele sind schon gestorben, weil sie mich schützen wollten. Ich bin ja der-Junge-der-lebt und hatte damals eine Prophezeiung zu erfüllen. Andere Menschenleben waren im Vergleich zu meinem unwichtig."
Die Bitterkeit dieser Worte erschreckte selbst John. Sie waren ihm einfach rausgerutscht.
Teyla schien dies nicht zu stören, sie nickte nur. Dann erzählte sie.
„Als ich ein kleines Mädchen war, griffen die Wraith unser Dorf an. Es war das zweite Mal, dass ich sie fühlte, bevor sie das Tor durchschritten. Mein Vater war auf den Feldern und ich erzählte einer Tante, dass ich die Wraith spürte. Wir warnten die Nachbarn und flohen vor dem kommenden Angriff. Doch ich konnte nicht so schnell laufen wie die anderen und blieb hinter der Gruppe zurück. Meine Tante verließ mich aber nicht, sondern hielt meine Hand fest und zog mich mit sich. Wir waren in der Nähe des Waldes, als ein Fangstrahl der Wraith vor uns erschien und direkt auf uns zukam. Eigentlich gab es kein Entkommen, doch meine Tante…" Teyla schlucke, es fiel ihr schwer, dies zu erzählen. „Meine Tante stieß mich mit ihrer ganzen Kraft zur Seite, dass ich mehrere Meter weiter weg in einen Busch fiel. Und dann, dann wurde sie ein Opfer der Wraith."
Jetzt war es an John, sie zu trösten. Doch Teyla schüttelte den Kopf, schob eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht und erzählte weiter.
„Irgendwann am nächsten Tag fand mich mein Vater. Er hatte den Angriff überlebt und mich nach dem Abzug der Wraith gesucht. Doch ich hatte auf sein Rufen nicht geantwortet, denn ich fühlte mich schuldig am Tod meiner Tante und wollte nicht mehr in unser Dorf zurück. Wie sollte ich jemals wieder meinem Onkel in die Augen blicken? Ich versuchte, mich zu wehren, als mein Vater mich zurückbringen wollte, es war vergeblich, denn natürlich war er viel stärker als ich. Doch statt mich einfach fort zu tragen, nahm er sich die Zeit, mich zu fragen, warum ich nicht mit wollte. Zuerst verstand er meine Gründe nicht. Doch als er es begriffen hatte, erklärte er mir, dass ich am Vortag durch meine Gabe zwei Dutzend Menschen vor den Wraith gerettet hatte. Und dass mein Leben deswegen höher zählte als das jedes anderen Athosianers. Er meinte auch, dass meine Tante sich geopfert hätte, damit der ganze Stamm durch mein Weiterleben eine größere Chance hatte zu überleben. Als Kind hatte ich nicht verstanden, was mein Vater sagen wollte, aber mit den Jahren lernte ich zu akzeptieren, dass Menschen starben, um mein Leben zu retten. Dabei galt dieses Opfer nicht mir, sondern einzig und allein meiner Gabe. Verstehst du, was ich sagen will?"
Zögernd nickte John.
„Ich verstehe es. Deswegen tut es aber nicht weniger weh."
„Das wird es nie. Aber wenn du diese Opfer akzeptierst, weil alle wussten, dass du der einzige warst, der Voldemort töten konnte, dann war ihr Tod nicht sinnlos."
„Das sage ich mir auch. Und es ist lange Zeit gut gegangen. Seit ich die magische Welt verlassen habe, hatte ich noch nicht einmal mehr Albträume. Ich hatte es geschafft, dieses Kapitel in meinem Leben mehr oder weniger zu vergessen. Aber seit Rodney von einem Werwolf gebissen wurde, ist alles wieder da."
John vergrub sein Gesicht in Teylas Haaren. Ihr Duft war anders, als alles, was er bisher gerochen hatte. Wilde Kräuter und Blüten – Pflanzen die es auf der Erde nicht gab.
„Ich kann es gut verstehen. Wie soll es weitergehen?"
Mit leisem Bedauern hob John den Kopf und sah Teyla an.
„Ich werde damit klarkommen. Und für Rodneys Problem finden wir bestimmt eine Lösung. Carson weiß, welches Virus es auslöst. Und das ist viel wert. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, mir zuzuhören."
Entschlossen löste sich John von Teyla. So gut ihm ihre Nähe auch tat, wenn er es länger zuließ, würde etwas daraus entstehen, was er nicht wollte. Teyla war eine Kampfgefährtin und bis zum gewissen Grad eine Freundin. Sich auf mehr einzulassen, würde alles zu kompliziert machen. Teyla blickte ihn ernst an.
„Ich schulde dir viel, John. Ohne dich wäre ich tot und mein Volk von den Wraith vernichtet worden. Und wenn du jemanden zum Zuhören brauchst, dann bin ich immer für dich da."
„Wenn ich Rodney erzählt habe, was ihn wirklich gebissen hat, brauche ich garantiert jemanden, dem ich mein Leid klagen kann. Denn das wird nicht einfach."
„Er ist noch nie einfach gewesen. Darf ich noch etwas fragen?"
Vorsichtig stand John auf. Die Umarmung war zwar Balsam für seine Seele gewesen, aber seine Beine waren eingeschlafen und fühlten sich seltsam fremd an.
„Ja und wenn ich es kann, werde ich dir auch eine Antwort geben."
„Wie wird es weiter gehen?"
Etwas ratlos kratzte John sich am Hinterkopf. Eine Lösung hatte er auch nicht.
„Wenn ich das wüsste. Rodneys Körper hat die Verwandlung gar nicht gut überstanden, er wäre beinahe daran gestorben. Ob er eine weitere Belastung dieser Art verkraftet, konnte Carson noch nicht sagen. Und ob es sinnvoll ist, ihn kurz vor Vollmond auf einen Planeten ohne Mond zu schicken…" John zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Wenn unser Doktor nicht helfen kann, muss Rodney zurück auf die Erde. Auch wenn es noch nicht möglich war, Lykantrophie zu heilen, so gab es doch Mittel, den Krankheitsverlauf zu mildern."
Teyla war auch aufgestanden, dehnte und streckte sich. Sie blickte ihn offen an, als sie die nächste Frage stellte.
„Wirst du mit ihm gehen?"
Stille. John wusste einfach nicht, was er sagen sollte. Bisher hatte er immer gedacht, dass er es nicht könnte, aber nachdem er sich Teyla anvertraut hatte, erschien es nicht mehr unmöglich, nur noch gefährlich.
„Wenn ich wirklich zurückgehen sollte, dann ist es fraglich, ob ich es überlebe. Auch wenn der Krieg mehrere Jahre her ist, glaube ich, dass es noch genügend Todesser gibt, die ihr eigenes Leben opfern würden, nur um mich zu töten."
„Kannst du dich denn deiner Vergangenheit stellen?"
Allein der Gedanke, Snape gegenüberzutreten und ihn zu bitten, für Rodney einen Trank zu brauen, ließ John schaudern. Aber er fühlte, dass er keine Angst vor der Konfrontation hatte. Weder vor Snape, noch vor den Weasleys, noch vor McGonagall.
„Ich könnte es, aber ich weiß nicht ob ich will. Und jetzt muss ich gehen. Ich wollte Rodney noch kurz besuchen, bevor ich selbst einige Stunden schlafe. Danke noch einmal."
„Gern geschehen."
Teyla beugte andeutungsweise ihren Kopf, John nickte ihr auch einmal kurz zu und verließ dann ihre Räume und machte sich auf den Weg zur Krankenstation.
Zu seiner großen Erleichterung schlief Rodney. John berührte kurz seine Hand und ging, bevor Carson ihn mit irgendwelchen Fragen bombardieren konnte.
In seinem Quartier duschte er und ging dann ins Bett. Er war so müde, dass er sofort einschlief.
