John empfand es schlicht
als seine persönliche Pflicht, sich um seinen Black Hawk zu kümmern,
vor allem, wenn es bald in einen Einsatz gehen sollte, so wie
heute.
Fliegen war für ihn etwas natürliches. Zeit seines Lebens
hatte er sich bereits gefragt, warum die Menschheit keine Flügel
besaß. Sich in der Luft zu bewegen, den weiten, unbegrenzten Himmel
über sich, alle Zwistigkeiten, Sorgen und Nöte auf der Erde
zurücklassen, das war ein normaler Zustand für ihn. Und seit er
einen Flugschein hatte, hatte er wirklich jede Chance genutzt, die
sich ihm bot, um in der Luft sein zu können.
Nur ein Traum, der
war für ihn bisher unerreicht: Der Weltraum! Er wollte ins All, ein
SpaceShuttle fliegen und sich einmal ansehen, was er nur aus diversen
Filmen und Dokumentationen kannte.
Bewerbungen hatte er schon mehr
als genug an die NASA geschickt. Er hatte sogar entgegen den Wünschen
seines Vaters ein Studium in Maschinenbautechnik begonnen - das er
dann aber abbrechen mußte, als er das erste Mal auf einen anderen
Kontinent versetzt wurde.
Der einzige wirklich positive Punkt an
der Air Force war für ihn schlicht das Fliegen, egal ob nun
Versorgungsflugzeuge, Jäger und Bomber oder, wie jetzt eben,
Helikopter. Nur in der Luft konnte er sich wirklich frei fühlen. Und
um diesen Zustand der Freiheit wirklich auskosten zu können, mußten
die ihm zugeteilten Maschinen in einem Top-Zustand sein. Und ihm als
Pilot oblag es, eben diesen Top-Zustand zu erreichen und zu
kontrollieren.
So kam es, daß er als einer der ersten im Hangar
war, nur umgeben von den Technikern, die die Maschinen warteten, die
Tanks füllten und die Systeme kontrollierten.
Die heutige
Offensive sollte einen entscheidenen Punkt bringen in diesem Krieg.
Die Allierten Truppen würden weit in das Gebiet der Taliban
eindringen. Und die Aufgabe der Helikopter war es, die Truppen zu
transportieren, da der Landweg schlecht kontrollierbar oder gar
unpassierbar war.
John fühlte einen gewissen Adrenalinschub, den
ersten, der ihn aufpeitschen wollte. Doch noch kontrollierte er sich,
ebenso wie er den Helikopter kontrollierte.
Er würde nicht in die
direkten Kampfhandlungen eingreifen, dafür waren andere zuständig.
Er sollte ausschließlich Truppen transportieren und eventuell bei
möglichen Evakuierungen helfen, mehr nicht.
Fromme Wünsche
derer, die die Schlachten an Reißbrettern planten ...
Unwillkürlich
fiel Johns Blick auf die hintere Wand des Hangars, wo neben den
Dienst- und Flugplänen auch ein kleiner Schrein für die gefallenen
Piloten dieses Krieges angebracht worden war. Bekannte Gesichter,
Männer und Frauen, mit denen er zusammen teils auf engstem Raum
gelebt hatte zu Beginn des Einsatzes, als es noch keinen
Bodenstützpunkt gab. Damals waren sie alle eingepfercht gewesen auf
zwei Flugzeugträgern, die im persischen Golf kreuzten. Dagegen waren
die zugigen Wellblechhütten, die sie jetzt als Quartiere benutzten,
Luxusvillen!
Die hintere Tür hinaus in die Mannschaftsräume des
Flugpersonals öffnete sich wieder, gerade als John aus "seinem"
Black Hawk kletterte.
"Hey, Shep!" grüßte eine
bekannte Stimme.
Als er sich, auf der metallenen Türschiene
balancierend, so gut wie möglich umdrehte, lachte ihm ein schmales
Gesicht entgegen.
"Morgen, Holland", grüßte er
zurück.
Der Sanitätsflieger kam schnellen Schrittes näher,
lehnte sich dann gegen das Chassi mit überkreuzten Armen und blickte
zu ihm hoch.
"Der Alte ist auf dem Weg hierher. Und er hat
verdammt schlechte Laune", warnte Holland ihn.
John stöhnte
innerlich auf, nickte aber, während er noch kurz eine der
Aufhängungen des Hauptrotors überprüfte. Er mußte beileibe kein
Hellseher sein, um sich zusammenreimen zu können, zu wem Myers
wieder wollte.
"Du solltest wirklich vorsichtiger werden,
Shep", fuhr Holland fort. "Hey, wir alle machen unsere
Extratouren, das weißt du. Aber du fällst immer aus dem
Rahmen."
John warf dem Sanitätsflieger einen leidenden Blick
zu. "Manchmal haben Vorgesetzte einen aber auch auf den Kieker",
gab er zu, kletterte jetzt endlich vom Helikopter herunter und lehnte
sich neben Holland gegen das Chassi.
"Wie geht's deiner
Kleinen?" fragte er dann.
Holland grinste. "Fatima?
Hervorragend." Ein verklärter Ausdruck trat in seine Augen.
"Weißt du, das Kleine ist jetzt weit genug. Hat sich gestern
das erste Mal bewegt."
John nickte verständnisvoll.
Fatima
war eine junge Flüchtlingsfrau, die Holland als blinden Passagier
mitgenommen hatte aus einem zerstörten Dorf. Ihre Familie war nicht
aufzutreiben, weder über das Rote Kreuz, noch über deren
muslimischen Pendant des Roten Halbmondes. Bekannte und Nachbarn
hatten erzählt, daß das Haus komplett zerstört worden war.
Fatima
war allein, und sie war westlicher erzogen worden als in Afghanistan
erlaubt. Ob es zu Beginn pure Dankbarkeit gewesen war konnte später
niemand mehr sagen. Nur, daß sie und Holland schließlich eine
Beziehung begannen. Wenn der Einsatz des Captains beendet sein würde,
also in einigen Monaten, wollte er die inzwischen schwangere Fatima
mit in die Staaten nehmen und dort heiraten. John, der beileibe kein
Beziehungsexperte war, glaubte an das Paar. Still in sich beneidete
er Holland sogar um diese Beziehung, zumindest ein kleines bißchen
...
"Das ist ..."
Mit einem lauten Knall flog die
Hangartür wieder auf und prallte gegen die Metallwand. Wie ein
riesiger Gong hallte dieser Knall durch die große Halle.
Holland,
der mit dem Rücken zur Tür stand, drehte sich um. "Ach du ..."
Mit einem mitleidigen Grinsen nickte er John zu. "Viel Glück,
Shep. Wir sehen uns später."
Der hatte plötzlich einen
pelzigen Geschmack auf der Zunge, als er Colonel Myers schnurstracks
und mit dunkelrotem Gesicht auf sich zumarschieren sah. Und in dessen
Schlepptau ... Mickey!
"Kleiner Verräter", flüsterte
John sich selbst zu und schoß einen wütenden Blick auf seinen
Bordschützen ab. Daß Holland ihm noch aufmunternd die Schulter
klopfte, ehe er ging, nahm er gar nicht mehr wahr. Statt dessen trat
er seinem Vorgesetzten entgegen und grüßte demonstrativ stramm,
während sich immer mehr Luftwaffenangehörige im Hangar
einfanden.
Eine Gardinenpredigt stand bevor, und jeder einzelne
der anderen, ob Luft- oder Bodenpersonal, war mehr als froh, nicht
das Ziel des Zornes ihres aller Vorgesetzten zu sein.
Colonel
Myers baute sich vor John auf. Ein wenig lächerlich wirkte diese
Szene schon, war der Colonel doch mehr als einen halben Kopf kleiner
als sein Untergebener. Dennoch aber strahlte Myers Autorität - und
vor allem Wut - aus. Genug, um das leiseste Gemurmel im Keim zu
ersticken.
"Sheppard!" begann der Colonel jetzt.
John
kniff kurz die Lippen zusammen. "Sir, Colonel, Sir", grüßte
er Myers. "Einen guten Morgen, Sir."
"Drauf
geschissen, Sheppard!" Myers trat drohend noch einen Schritt
näher. "Vor allem, wenn's von Ihnen kommt!"
John
schluckte.
Es war nicht die erste öffentliche Demütigung von
seiten seines Vorgesetzten. Bisher allerdings hatte er aber noch nie
einen Verräter in seinem eigenen Flugteam gehabt.
Was hatte
Mickey nur geritten?
"Wissen Sie, daß ich nahe daran bin,
Sie in Haft nehmen zu lassen, Sheppard?"
"In Haft,
Sir?"
"Oh ja." Myers nickte. "Oder wollen Sie
etwa leugnen, daß Sie und Ihr Team gestern mit einem dieser
Muselmanen unterwegs gewesen sind?"
"Sir, wenn ich
erklären dürfte ..."
"Dürfen Sie nicht!" Dieses
Mal war es ein Brüllen.
John schloß augenblicklich den Mund.
Was
zum Kuckuck hatte Mickey Myers erzählt? Sie waren doch ...
"Wegen
Ihnen mußten wir fast den heutigen Einsatz abbrechen. Wochenlange
Vorbereitungen - wegen Ihnen für die Mülltonne!" Myers beugte
sich vor, starrte ihm in die Augen. "Sie sind so dicht davor,
vor einem Kriegsgericht zu landen, Sheppard!" Mit Daumen und
Zeigefinger deutete er einen, vielleicht millimeterbreiten
Zwischenraum an.
"Sir, ich glaube, Sie sind falsch
informiert, Sir", wagte John zu bemerken. "Es ist richtig,
wir haben uns mit einem Einheimischen getroffen. Aber es ging nicht
um geheime Informationen. Er führte uns nach Bamiyan, Sir."
"Und
was ist so besonderes daran?" ätzte Myers ihn an.
"Die
... die Buddhastatuen, Sir." Johns Stimme versagte, als er Myers
ins Gesicht sah.
"Sind wir die verdammten Blauhelme von der
UNO?" knurrte Myers.
John schüttelte stumm den Kopf.
"Sind
Sie Kunsthistoriker?"
Wieder ein Kopfschütteln.
"Wer
hat Sie dann ermächtigt, mit Eigentum der Vereinigten Staaten von
Amerika irgendeine Statue zu besuchen?"
John hob die
Schultern. "Niemand, Sir ..."
Myers nickte, während ein
Raunen durch die immer noch anwachsende Menschenmenge zog.
John
wäre im Moment am liebsten im Boden versunken. Er haßte solche
Szenen einfach, dennoch aber brachte er sich immer wieder in
Situationen, die in eben einer solchen Bloßstellung endeten.
Myers
starrte ihn wieder an, dann tippte er ihm mit einem Finger gegen die
Brust.
"Ein weiterer Verstoß, Sheppard, und Sie fliegen
zurück in die Staaten - und aus der Air Force, dafür werde ich
persönlich sorgen", drohte der Colonel. "Auch nur ein
falsches Husten und Sie können sich von Ihrer Karriere endgültig
verabschieden. Haben Sie das verstanden?"
John fühlte die
Blicke der sie Umstehenden wie Nadelstiche auf der Haut. Langsam
begann er zu nicken.
Myers nickte ebenfalls, winkte Mickey heran.
"Sergeant Wood wird Sie beobachten. Eine Extratour und es ist
egal, wieviel Ihr Daddy für den Senat gespendet hat. Ist das
klar?"
"Ja, Sir", flüsterte John, plötzlich
heiser geworden.
Mickey grinste siegessicher, und John hätte dem
Mann am liebsten seine Faust direkt in dieses Grinsen gerammt.
"Damit
wir uns verstehen, Sheppard", fuhr Myers fort, "ich will
diesen Terroristen Bin Laden. ICH will ihn, verstanden? Und Sie sind
nur ein Nagel an einem der Finger, die Bin Laden greifen soll. Ich
kann Sie jederzeit abschneiden und durchs Klo spülen."
"Ich
habe verstanden, Sir", preßte John irgendwie aus seiner Kehle
heraus.
Myers nickte wieder. Dann drehte er sich abrupt herum und
fixierte die versammelte Gemeinde. "Habt ihr nichts zu tun? In
einer Stunde ist Einsatzbeginn!"
Prompt waren alle sehr
beschäftigt - außer John, der Myers' Abgang mit hängenden
Schultern, aber auch einer odentlichen Portion Wut im Bauch,
beobachtete.
"Das war unfair." Jemand klopfte ihm
aufmunternd auf den Rücken. Als er den Kopf drehte sah er seinem
Copiloten ins Gesicht.
"So ist die Air Force. Jeden Tag ein
neues Abenteuer." John versuchte sich an Galgenhumor und drehte
sich wieder zu seinem Helikopter um. "Wir haben noch zu tun.
Komm schon."
