Disclaimer: Ich erhebe keinerlei Ansprüche auf die hier verwendeten Charaktere, außer natürlich auf die, die ich mir selbst ausgedacht habe.

Summary: Jahre sind vergangen, seit Jack und seine Hüterfreunde Pitch Black besiegten. Der König der Alpträume hat zu alter Stärke zurückgefunden, doch anstatt sich an den Hütern des Lichts zu rächen, pflegt er eine sonderbare Beziehung zu dem rebellischsten unter ihnen. *Slash*


Zick-Zack; Turboflug; Loopings. Jack versuchte alles, um die zwei Nightmares abzuschütteln. Warum hatte sie Pitch zurückgelassen? Was dachte er sich dabei?

Eines der Nightmares schoss, in einem Wirbel aus schwarzen Sandkörnern, an ihm vorbei. Prustend, wischte sich Jack den Sand aus dem Gesicht. Finster starrte er es an. Das Pferd trabte elegant, mit erhobenen Hauptes vor Jack und zeigte ihm stolz sein Hinterteil.

Mit einem knirschen landete Jack auf dem vom Sommer ausgetrockneten Waldboden. Laub wirbelte empor. Ein einzelnes Ahornblatt berührte seinen Hirtenstab und fiel mit Eiskristallen überzogen zu Boden. Jack bemerkte es nicht einmal. Er drückte Sträucher beiseite und steuerte schnurgerade auf den Höhleneingang von Pitchs zu Hause zu. Pitch sollte gefälligst seine Nightmares zurücknehmen. Jack wollte nicht, dass sie ihm überallhin folgten. Wie sollte er das seinen Hüterfreunden erklären, wenn er ihnen begegnete.

Jack lief zum dritten Mal an der dicken Eiche vorbei. Er kannte diesen Baum. Eine Eichhörnchenfamilie hauste in der Krone. Manchmal saß er auf einem der Äste und unterhielt sich mit ihnen, während er auf Pitch wartete. Stirnrunzelnd blieb Jack stehen. Der Höhleneingang – er war nicht mehr da! Aber wieso? Er legte seine Hände trichterförmig an den Mund und rief nach Pitch, dann lauschte er in den Wald hinein. Nichts! Keine Antwort. Das einzige was er hörte, waren aufgeschreckte Vögel, die hastig davonflogen.

Die Nightmares standen abseits und beobachteten ihn. Pitchs Mantel hing immer noch zwischen den Zähnen des Pferdes. Blätter und kleine Äste hatten sich mittlerweile im Stoff verfangen. Durch ein Loch brach die Sonne und bildeten einen hellen Punkt auf dem Waldboden ab. Bei jeder Bewegung des Pferdes, flitzte er über die welken Blätter, als hätte er großen Spaß daran.

Jack hatte keinen Spaß. Die Befürchtung, dass zwischen Pitch und dem irischen Kobold mehr vorgefallen war, schien sich immer mehr zu verhärten. Pitch hatte davon gesprochen, dass sein Alptraumsand Veränderungen in seinem zu Hause vornahm. Jack hatte an Renovierungsarbeiten gedacht, aber doch nicht, dass der Eingang dadurch verschwinden würde.

»Ihr beide!« Jack sprang vor die Nightmares. »Führt mich zu eurem Herrn. Ihr wisst doch bestimmt, wo sich Pitch aufhält.«

Die Nightmares sahen sich gegenseitig an, dann setzten sie sich auf die Hinterläufe und betrachteten gelangweilt die Umgebung. Dass Jack nicht zur Umgebung gehörte, wurde schnell offensichtlich, denn sie wichen seinem Blick aus.

»Schön! Wenn ihr –« Jacks Stimme erstarb. Er spürte plötzlich ein merkwürdiges Ziehen in seinem Körper. Es fühlte sich an, als ob jemand nach ihm rief. Aus seinen Augenwinkeln heraus, sah er ein eigenartiges leuchten im Himmel. Sofort sprang er von Ast zu Ast, immer weiter hinauf, bis er schließlich durch das Blätterdach brach. »Wow!«, stieß Jack aus. Der Himmel – er war wunderschön. Wie sanfte Wellen im Meer, schwappte eine Farbenpracht aus grün, rosa, rot und violett über seinen Kopf hinweg.

Polarlichter! Seine Freunde; Sie brauchten ihn.

Jack zügelte seine Begeisterung und rief den Wind. Böen packten ihn und zusammen schossen sie Richtung Norden davon. Das Ziel war der Nordpol, die Festung des Weihnachtsmannes. Es pfiff und peitschte am Nordpol. Ein gewaltiger Schneesturm fegte über das Eis und tauchte die Landschaft in ein dunkles grau. Jack machte sich die Energie des Windes zu nutzen. Er beschleunigte sein Tempo und brauste über die Eisfläche, dabei stoben Schneeflocken hinter ihm in alle Richtungen davon. Jack blickte über seine Schulter und seufzte. Die Nightmares folgten ihm immer noch. Er hatte versucht sie über Grönland abzuhängen, doch sie konnte mit seinem rasanten Tempo mithalten. Pitch musste stärker geworden sein.

Jack verlangsamte seine Geschwindigkeit, bis er völlig anhielt. Das konnte so nicht weitergehen. Er musste sie loswerden. »Hört zu«, Jack hielt seinen Hirtenstab fest umklammert. Das Ende zeigte auf die Nightmares. »Ihr könnt mir nicht bis zur Festung folgen. Es ist die Festung des Weihnachtsmannes. Versteht ihr? Er mag euch nicht. Keiner meiner Freunde mag euch. Selbst ich wäre froh, wenn ihr verschwinden würdet.«

Jack drehte sich um und flog weiter. Er spähte nach hinten – und ließ den Kopf hängen. »Habe ich nicht gesagt, dass ihr mir nicht folgen sollt. Ihr bringt auch euren Herrn damit in Gefahr.«

Ein lautes Wiehern durchschnitt die Luft. Jack hatte den Eindruck, dass es nicht gerade vor Sorge um Pitch sprühte. »Ok, ok … lasst mich nachdenken« Jack stützte seine Stirn mit der Hand ab. Es dauerte nicht lange und sein Kopf schnellte nach oben. Ein breites Grinsen malte sich auf sein Gesicht. »Wie wäre es mit einem Deal. Ihr bekommt etwas leckeres von mir, wenn ihr hier auf mich wartet. Hmm ... wie wäre es mit Möhren. Habt ihr gewusst, dass der Osterhase und ich dicke Freunde sind. Es sollte also kein Problem sein, einen Sack voll, von ihm zu bekommen.«

Die Nightmares schüttelnden schnaubend den Kopf.

»Ihr wollt also keine Möhren.« Jack strich sich über das Kinn. »Hafer! Ich kann euch Hafer besorgen.«

Wieder schüttelten sie den Kopf.

»Ihr macht es mir ganz schön schwierig. Keine Möhren, kein Hafer … äh … vielleicht Fleisch?«

Ruckartig schnellten ihre Köpfe nach hinten. Ihre Ohren legten sich dicht an und ihre Augen wuchsen zu großen, runden Kugeln.

Jack hob die Hände an. »Schon gut, also definitiv kein Fleisch.«

Pitch war der König der Alpträume. Er ernährte sich von Angst. Er hatte die Nightmares erschaffen und wie Pitch konnten sie die Angst in anderen spüren. Jack schlug sich die Hand gegen die Stirn. Aber natürlich, Angst war es was sie wollten.

Jack schloss die Augen, dann atmete er mehrmals tief ein und aus. Sein Brustkorb hob und senkte sich dabei. Angst. Er musste so viel Angst wie möglich aus sich herausholen. Jack war nicht der Meinung, dass er sehr ängstlich war. Zur Zeit machte er sich aber viele Sorgen und so war es nicht verwunderlich, als diese mit einem tiefen Grollen erwachten. Sie reckten ihre hässlichen Köpfe, sahen den Riss über ihnen und bahnten ihren Weg an die Oberfläche. Schwarze Asche spie in alle Richtungen und verpestete die Luft. Jack zuckte zusammen und biss sich schmerzlich auf die Lippen, als bittersüße Worte an sein Ohr drangen.

»Hast du gedacht, du bist für mich wichtig?« Pitch lachte ihn aus. »So naiv« Er trat neben Jack und beugte sich zu ihm herab, so dass ihre Gesichter nur wenige Zentimeter von einander entfernt waren. »Ich spiele nur mit dir. « Seine goldenen Augen brannten sich unerbittlich in Jacks.

»Oh, Jack, wie konntest du nur.« Toothianas Gesicht tauchte vor seinem auf. Tränen glitzerten auf ihren wunderschönen Federn. »Es tut mir Leid, Jack, aber ich denke, es ist besser, wenn du kein Hüter mehr bist. Wie kannst du die Kinder beschützen, wenn du die Person liebst, vor der wir sie beschützen müssen.«

»Der Mann im Mond ist der selben Meinung. Er muss wohl bei dir einen Fehler gemacht haben.«

Bunny! Toothiana! Jack hielt sich den Kopf und stöhnte. Immer mehr Ängste flüsterten zu ihm. Es kostete ihm große Kraft, in diesem Strudel nicht zu ertrinken. Jack spürte wie die Nightmares sich ihm näherten. Mit aufgeblähten Nüstern, zogen sie begierig die Luft um ihn ein. Sein Hirtenstab fing bläulich an zu leuchten. Magie sammelte sich an der gekrümmten Spitze und wartete darauf befreit zu werden. Als die Angst aus seinem Körper wich, atmete er erleichtert aus. Sie wanderte seinen Hirtenstab hinauf und bildete eine fußballgroße Kugel an der Spitze, die davon schoss, um sich in einen Polarfuchs von dunklen Azurblau zu verwandeln.

Der Polarfuchs nickte Jack zu, dann rannte er davon und mit ihm die Nightmares.

***
»Wo bist du gewesen, Jack? Wir haben alle auf dich gewartet.« Toothiana entdeckte ihn als erstes. Sie stützte ihre Hände an den Hüften ab und warf ihm einen tadelnden Blick zu.

»Ja, Keule, wir warten schon eine Ewigkeit auf dich. In der Zeit hätte ich noch ein dutzend Eier bemalen können.« Bunny lehnte mit verschränkten Armen gegen einen Tisch.

»Tut mir echt Leid, Freunde. Ich –«, Jack stoppte, »– ich war verhindert«, endete er schließlich.

Bunny öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Weihnachtsmann ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Jack, da bist du ja endlich. Was machst du denn in der Ecke? Komm näher. Da du jetzt hier bist, kann ich euch sagen, weswegen ich euch rufen ließ.« Er klatschte in die Hände. »Aber davor, gibt es noch etwas zu erledigen.« Er nahm ein Plätzchen aus einer Schale, die auf dem Tisch stand und stopfte es Jack in den Mund.

Sofort verzogen sich die Gesichter seiner Freunde.

»Die Elfen haben sie gebacken«, flüsterte der Weihnachtsmann Jack ins Ohr. »Sie schmecken schrecklich, aber wir wollen nicht unhöflich sein, also tun wir so als seien sie besonders gut.«

Die zwei Elfen, die neben der Schale voll mit Plätzchen standen, blickten Jack erwartungsvoll an. Jack fing vorsichtig an zu kauen und verzog kurz darauf den Mund. Er schmeckte Zimt, Anis, Vanille, Schockolade … und Salz? Der anfängliche süße und würzige Geschmack, konnte nicht lange gegen die Menge an Salz ankommen, die die Elfen in den Teig gegeben hatten. Zurück blieb etwas, was Jack als das schlechteste Weihnachtsplätzchen bezeichnen konnte, das er je probiert hatte.

»Sie müssen den Zucker mit dem Salz verwechselt haben«, flüsterte der Weihnachtsmann ihm abermals zu.

Jack zwang sich, den salzigen Brei in seinem Mund, herunterzuschlucken. Er hob den Daumen an und zog seine Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln nach oben. Kaum sahen sie seinen Daumen, hüpften die Elfen auf und ab. Mit bimmelten Glöckchen umarmten sie sich und schlugen stolz ihre Hände gegen die Brust, derweil grinsten sie von einem Ohr zum anderen.

»Da die Elfen jetzt zufrieden sind, kommen wir zum eigentlichen Thema.« Die Stimme des Weihnachtsmannes wurde ernst. »Ich habe euch gerufen, weil es ganz danach aussieht, dass ein alter Feind zurückgekehrt ist.«

Bunny, der gerade ein Osterei anmalte, hielt in seiner Arbeit inne. »Das hat mir gerade noch gefehlt. Kann der nicht einfach in seiner Höhle bleiben und dort Unruhe stiften.«

»Pitch?«, keuchte Toothiana. Sie flatterte vor den Weihnachtsmann, dabei knetete sie unruhig ihre Hände. »Was will er? Was hat dieses Scheusal schon wieder geplant? Ohje, meine Feen. Ich muss sofort zu ihnen.«

Jack legte eine Hand auf ihre Schulter. Überrascht stellte er fest wie weich doch ihre Federn waren, wie Watte, in die man sich legen wollte, um ein Nickerchen zu machen. »Beruhig dich, ich bin mir sicher Babyfee und den anderen Feen geht es gut.«

»Jack«, sagte Toothiana. »Wenn ihnen wieder etwas passiert ...«

»Also, weswegen bist du der Meinung Pitch sei zurückgekehrt? Hast du ihn gesehen?« Bunny überreichte sein fertig bemaltes Osterei den Elfen. Sofort bimmelten ihre Glöckchen stürmisch. Dieses Mal jedoch nicht aus freudiger Erregung, sondern aus dem simplen Grund, dass sich die zwei Elfen zankend über den Tisch rollten.

»Der irische Kobold hat sich bei mir beschwert«, sagte der Weihnachtsmann.

Bunny wischte sich über die Stirn. »Puh, zum Glück kam er nicht zu mir in den Hasenbau. Ich hätte nicht garantieren können, dass er nicht versehentlich in meinen Farbfluss fällt. Mir hat sein grün noch nie gefallen.«

Jacks Stirn legte sich in Falten. »Was wollte er von dir?« Natürlich ahnte er es, aber er hoffte dennoch, dass er sich irrte.

Die Miene des Weihnachtsmannes wurde grimmig. »Es sieht ganz danach aus, als habe sich Pitch mit dem chinesischen Spirit verbündet. Seine Nightmares und der chinesische Spirit haben den Kobold überfallen, während dieser gerade eine Mittagspause machte. Sie wollten sein Gold stehlen, doch der Kobold konnte sie davonjagen.« Der Weihnachtsmann strich sich über den Bart. »Er hatte wohl Glück im Unglück, denn einen Goldtaler haben sie ihm gestohlen.«

»Aber was will Pitch mit dem Gold?«, kam es von Toothiana.

»Das müssen wir herausfinden. Wenn es um Pitch geht, dann sollten wir ihn keinesfalls unterschätzen.« Bunny holte seinen Bumerang hervor und strich liebevoll über das glatte Holz, das mit vielen kleinen Farbtupfer verziert war. Er zog seinen rechten Mundwinkel weit nach oben und zeigt stolz seine großen Hasenzähne. »Was haltet ihr davon, wenn wir ihm einen Besuch abstatten. Bumerang und ich haben schon lange keine Nightmares verkloppt.«

»Halt! Wartet mal.« Jack sprang in die Mitte des Kreises und sah von der Spitze seines Hirtenstabes auf seine Freunde hinab. »Glaubt ihr wirklich Pitch würde sich mit dem chinesischen Spirit verbünden? Was für einen Grund hätte er dazu?«

»Wer weiß, Keule. Tatsache ist, er ist wieder aktiv. Selbst meine Ostereier können mir nicht erzählen, dass er nichts im Schilde führt.«

»Wir müssen die Kinder beschützen, Jack. Pitch wird ihnen wieder Alpträume schicken – die armen kleinen«, sagte Toothiana. Ihre Flügel bebten vor Sorge.

Dieser Kobold. Was hatte er nur angerichtet. Pitch war unschuldig. Weder hatte er sich mit dem chinesischen Spirit verbündet, noch wollte er das Gold stehlen. Aber wie sollte er das seinen Freunden sagen, ohne erklären zu müssen, woher er das alles wusste. »Was ist mit dem chinesischen Spirit?«, warf Jack in die Runde.

»Keine Sorge, Jack. Um den werden wir uns kümmern, nachdem wir Pitch gestellt haben.« Der Weihnachtsmann zog an einer langen Kordel. Hinter ihm fiel ein Vorhang zu Boden und entblößte eine Spielzeuglokomotive. »Und jetzt meine Hüterfreunde, möchte ich euch meine neueste Erfindung vorstellen. Mein Bauch sagt mir, die Kinder werden sie lieben.«

Die Räder der Lokomotive fingen sich langsam an zu drehen. Immer schneller rotierten sie, dabei bewegten sie sich jedoch keinen Zentimeter vorwärts. Die Lokomotive und ihre vier Wagons waren in einem schlichten Silberfarbton. Wie langweilig, dachte Jack. Welches Kind wollte denn mit so etwas spielen? Zu seiner Überraschung veränderte sich plötzlich die Farbe. Wie ein lauer Sommerwind, der durch ein Feld von goldenen Gersten blies, breitete sich ein glitzerndes rot wellenförmig aus. Bald schon wurde es von einem strahlenden violett vertrieben, das selbst den Kopf einzog, als ein kräftiges gelb, gefolgt von einem grün das Spielzeug in einen Regenbogen verwandelte.

Mit einem lauten 'Tuten', spukte die Lokomotive Sterne aus ihrem Kamin und stieg in die Luft. Sofort erinnerte sich Jack an 1998, als er in Rio de Janeiro bei einer Karnevalsparade mit lief. Damals war er übersät mit Konfetti gewesen und genauso fühlte er sich auch jetzt, als tausende von bunten Sternen wie ein Regenschauer auf ihn niederieselten.

Sandy, der die ganze Zeit über geschlafen hatte, wachte durch den Lärm der Lokomotive auf. Er rieb sich den Sand aus den Augen und gähnte herzhaft. Die Hüter standen mit dem Rücken zu ihm und verfolgten mit großen Augen den Zug, der um ihre Köpfe Bahnen zog. Sandy entdeckte Jack. Er griff nach dem Kapuzenpullover des Winterspirits und zog einmal kräftig daran.

»Oh, du bist aufgewacht Sandy. War wohl eine harte Nacht.« Jack lächelte ihn warmherzig an.

Sandy legte einen Finger an die Lippen und deutete Jack an ihm zu folgen. Sie verließen den Raum und blieben vor der gigantischen Weltkugel des Weihnachtsmannes stehen. »Was ist Sandy? Was ist los?«

Über dem Kopf des Sandmannes bildeten sich Symbole. Jack bemühte sich, sie zu verstehen, doch es war schwierig mit der Geschwindigkeit von Sandy mitzuhalten. »Wow! Etwas langsamer, Sandy. Ich kann dir nicht folgen. Was willst du mir sagen?«

Der Sandmann verlangsamte sein Tempo, doch Jack begriff immer noch nicht. Sandy blies seine Backen auf und Sand rieselte aus seinen Ohren. Er veränderte seine Symbole und sie wurden um einiges verständlicher in ihrer Bedeutung. Über seinem Kopf tauchte ein Vollmond auf. Der Sand löste die Form und Jack Frost drehte sich wie eine Spielfigur im Kreis. Wieder zerfiel der Sand und schaffte ein neues Bild. Pitch tauchte auf, umringt von seinen Nightmares.

Jacks Härchen richteten sich auf. Er umklammerte mit beiden Händen seinen Hirtenstab und hielt den Atem an. Was würde als nächstes kommen? Sandy erschuf eine Szene, die Jack fast vornüberstolpern ließ. Er sah sich selbst, wie er auf dem Hausdach saß, mit weit gespreizten Beinen, während Pitch sich in ihm bewegte. Reflexartig schoss Jacks Hand nach vorne und hielt Sandy den Mund zu. Im nächsten Moment lachte er verlegen auf und zog sie zurück. »'Tschuldigung«, nuschelte er. Sandy kniff die Augen zusammen. Das Bild über seinem Kopf verschwand zu Jacks Erleichterung.

»Bist du wahnsinnig«, zischte Jack, sein Herz hämmerte immer noch wild in seiner Brust. Er sah sich nach allen Richtungen um und hoffte inständig, dass niemand sie beobachtet hatte. »Hättest du nicht an einem anderen Ort mit mir darüber reden können?«

Sandy schüttelte den Kopf und zeigte über sich, wo sich ein Herz formte.

»Du … du hast also keine Probleme damit, dass ich und er –«, Jack kratzte sich hinter dem Ohr, »– du weißt schon was machen?«, brach es schließlich aus ihm heraus. Seine Stimme wurde zu einem Flüsterton.

Sandy griff nach seiner Hand und sah ihm direkt in die Augen, dann lächelte er Jack an.

Jack atmete erleichtert aus. »Danke Sandy. Für einen Moment, hast mir einen Heidenschrecken eingejagt.«

***
Die Hüter des Lichts versammelten sich im Wald, an der Stelle, wo sich Pitchs Eingang noch bis vor kurzem befunden hatte.

»Der Eingang! Er ist nicht mehr da!« Toothiana flatterte Kreuz und Quer über ihnen und suchte nach dem Loch im Boden.

»Hmpf! Er muss wohl gewusst haben, dass wir kommen.« Die Barthaare des Osterhasen erzitterten, während er die Luft schnupperte. »Pitch war nicht hier, aber seine Nightmares und –«, Bunnys Augen wurden groß, »– Jack? Was hattest du hier zu suchen?«

Jack erstarrte. »Äh …« Er räusperte sich geräuschvoll. »Ich bin zwei seiner Nightmares gefolgt. Sie waren in Burgess.«

»Die Kinder! Pitch schickt wieder Nightmares in die Städte.« Toothianas Flügel bebten vor Aufregung. Sie tauchte vor Jacks Gesicht auf. »War der Eingang noch da, als du hier warst?«

Jack schüttelte den Kopf. »Er war nicht mehr da.«

Bunny schlug die Arme über den Kopf zusammen. »Na toll, dass hättest du aber früher sagen können.«

Der Weihnachtsmann kniff seine buschigen Augenbrauen zusammen und musterte Jack nachdenklich. Jack zog den Kopf ein, als er die Blicke seiner Freunde auf sich spürte. Er wollte sie nicht anlügen. Seit er ein Hüter war, hatte er endlich so etwas wie eine Familie. Ihr Vertrauen in ihm war ihm wichtig. Doch was sollte er tun? Pitch hatte einen Platz in seinem Herzen gefunden. Für Jack war er ein weiteres Familienmitglied. Für seine Freunde war er ein Monster. Einzig Sandy, der am meisten Grund dazu hätte, Pitch zu verachten, schien ihn nicht zu verurteilen. Der Sandmann hatte sich schon immer von ihnen allen unterschieden.

»Ich habs vergessen zu erwähnen«, sagte Jack und versuchte nicht zusammenzuzucken, denn seine Entschuldigung hörte sich nicht gerade überzeugend an.

Bunny schnaubte. »Keule, vielleicht solltest du nicht immer so viel Unfug im Kopf haben. Stell dir vor, ich würde Ostern vergessen. Brrr …« Der Osterhase umarmte sich selbst. »Daran möchte ich gar nicht denken.«

»Was machen wir jetzt?« Toothiana blickte fragend von einem zum anderen.

»Wir werden nach Pitch und seinen Nightmares suchen«, sagte der Weihnachtsmann. »Sobald ihn einer von uns sieht, benachrichtigen wir die anderen.« Er lief zu seinem Schlitten und nahm auf der vorderen Bank platz.

»Wie? Du gehst schon?« Bunny sah ihn verwundert an.

»Besser nicht die Elfen zu lange alleine lassen. Wer weiß, was sie anstellen. Zum Nordpol!« Der Weihnachtsmann ließ die Zügel schnallen. Sofort stießen sich die Rentiere vom Boden ab und flogen steil in den Himmel, dabei trafen die Hufen des Schlittens eine Tanne und machten sie um einen Kopf kleiner.

Bunny klopfte mit dem Fuß auf den Boden. »Man sieht sich«, rief er, bevor er in das Loch sprang, das sich sofort hinter ihm schloss.

»Pass auf dich auf, Jack«, sagte Toothiana.

»Mach ich. Grüß Babyfee von mir. Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen.«

Toothiana schenkte ihm ein bezauberndes Lächeln und flog zu ihrem Feenpalast. Sandy erschuf mit seinem Traumsand seine geliebte Propellermaschine. Er winkte Jack zu, dann brauste er davon. Jack ritt den Wind nach Burgess, wo er sich im Stadtpark zum Schlafen hinlegte. Die Stimmen der spielenden Kinder beruhigten ihn. Er lauschte ihrem Schreien, dem Zwitschern der Vögel und dem Rascheln der Blätter.

***
Es war Samstag und Jack hatte wie versprochen Jamie daheim abgeholt, um mit ihm die Höhle zu erkundigen. Sie liefen durch den Wald, der bei der Hitze, unter der Burgess seit einigen Tagen litt, angenehm kühl war.

Jamie zupfte an Jacks Ärmel und flüsterte: »Jack uns folgen Nightmares. Findest du das nicht merkwürdig? Was wollen sie von uns?« Er blickte verstohlen hinter sich zu den beiden Pferden, die ihnen seit geraumer Zeit hinterherliefen. »Und was ist das für ein widerlicher, halb verwester Stofffetzen im Maul des einen?« Jamie hielt sich die Nase zu. »Der Gestank ist kaum auszuhalten.«

»Ignorier sie einfach. Sie werden uns nichts tun.«

Verdutzt sah Jamie Jack an. »Wie kannst du dir so sicher sein? Das sind Pitchs Nightmares. Hast du schon den Kampf vergessen? Damals haben sie uns angegriffen! Warum sollten sie es jetzt nicht tun?«

Jack legte seine Hand auf Jamies Schulter und drückte sie beruhigend. »Natürlich kann ich mich noch erinnern. Wie könnte ich diesen unglaublichen Mut vergessen, den du und deine Freunde gezeigt habt. Ihr wart großartig! Trotzdem vertrau mir hier, die Nightmares werden uns in Ruhe lassen.«

Jamie starrte nachdenklich auf den Waldboden. »Ich vertrau dir, Jack«, begann er langsam. »... aber findest du das nicht wenigstens ein bisschen merkwürdig?«

»Ein bisschen«, entgegnete Jack mit leiser Stimme, die bei seinen nächsten Worten anschwoll. »Leider kann ich Pitch nirgendwo finden, ansonsten könnte ich ihn fragen, warum sie uns folgen.«

»Was!« Jamie packte Jack am Arm und stoppte ihn. »Du würdest mit Pitch reden?«

»So ist es.« Jack grinste Jamie an. »Nun komm schon, Jamie. Mach nicht so ein Gesicht. Vergess die Nightmares einfach. Vergess Pitch. Wir sind hier um Spaß zu haben.«

Jamie nickte zaghaft und warf erneute Blicke in Richtung der Pferde.

Jack mimte den fröhlichen und ausgelassenen Winterspirit – genau wie ihn Jamie kannte. Innerlich war es ihm jedoch klamm ums Herz. Er konnte Pitch nicht finden. Egal wo er nach ihm suchte, der König der Alpträume blieb verschwunden. Zu seinem Leidwesen hatten ihn seine Nightmares wieder gefunden. Jack wollte Pitch vorwarnen. Es war besser, wenn er wusste was auf ihn zukam. Vielleicht konnte Jack es schaffen, dass das Treffen zwischen Pitch und seinen Hüternfreunden glimpflich ablief. Er wüsste nicht, wie er reagieren sollte, käme es zu einem Kampf. Wie sollte er gegen Pitch kämpfen, wenn er ihn doch liebte. Jack verstand die Sorge seiner Freunde. Er konnte sie sehr gut nachvollziehen. Wenn es um Pitch ging, dann war es wirklich schwer zu glauben, dass der König der Alpträume nichts vorhatte. Aber genau so war es. Er war unschuldig. Wieso konnte der irische Kobold nicht akzeptieren, dass er seinen Goldtaler verloren hatte?

Jack stieg hinter Jamie die Höhle hinab. Die Nightmares blieben draußen und warteten dort auf sie. Jack knipste die Taschenlampe an und leuchtete über Jamies Kopf in den Höhleneingang. »Sei vorsichtig, Jamie. Manche Steine sind rutschig.«

»Keine Sorge.« Jamie schlitterte an einem Felsen hinab und landete auf matschigen Boden. »Warst du schon mal hier?«

Jack wirbelte über seinen Kopf und kam vor Jamie auf. »Ja, ich hab sie schon erkundigt. Ich möchte dir etwas zeigen, dafür müssen wir aber noch ein Stück weiter.« Jack vereiste das seichte Wasser vor ihnen, damit Jamie es nicht durchwaten musste.

Jamies Taschenlampe huschte über die Höhlenwände. Man hörte es tropfen. Stalagmiten und Stalaktiten hatten sich auf dem Boden und der Decke gebildet. Wasser traf Jamies Wangen, das er mit der Hand wegwischte.

Jack blieb mit einem Mal stehen und knipste seine Taschenlampe aus. Als Jamie seine weiterhin anließ, sagte er: »Mach sie schon aus. Solange du sie an hast, kannst du nichts sehen.«

Das Licht von Jamies Taschenlampe erlosch. »Aber jetzt kann ich … Wow!«, brach es mit einem Mal aus Jamie heraus.

Von überall fing es an bläulich zu funkeln. Tausende von Sternen erwachten zum Leben. Galaxien entstanden und türmten sich an den Höhlenwänden auf. Sie nahmen Jack und Jamie mit ins All, von wo sie Zeuge eines unglaublichen Naturschauspiel wurden.

»Was ist das?«, hauchte Jamie.

»Glühwürmchen«, antwortete Jack. »Wir sind in einer Glühwürmchenhöhle. Mach das Licht an und schau genauer hin, dann verstehst du was ich meine.«

Das Licht der Taschenlampe traf die Höhlenwand und Jamie trat näher. Die Wände waren bedeckt mit einem pilzähnelten Fadengeflecht. Jamie erkannte den Wurm, der an jedem Faden hing und nicht größer als eine Stechmücke war. »Das muss ich unbedingt Sophie zeigen – und meinen Freunden«, sagte er begeistert.

Fasziniert verweilte Jamie einen weitere Moment, dann gingen sie weiter, bis sie das Ende der Höhle erreichten. Sie kehrten um und Jack half Jamie den Felsen hinauf, den er zuvor hinunter gerutscht war. Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen traten sie aus der Höhle und erstarrten.

»Hallo, Jack Frost.«

Ein Junge stand zwischen den Pferden und tätschelte liebevoll ihre Hälse. In seinen Augen brannte ein Feuer wild und ungebändigt. Eine unglaubliche Hitze ging von seinem Körper aus.

Jack schob sich vor Jamie, den Hirtenstab hielt er vor sich ausgestreckt. Er fühlte das Holz in seinen Händen beben. Eis bildete sich an der gekrümmten Spitze. Schneeflocken sprühten wie Wunderkerzen in alle Richtungen davon. Es war eine Warnung, die der chinesische Spirit hoffentlich verstand. Jack hatte ihn sofort an seiner asiatischen Kleidung erkannt; Die mit Goldfäden bestickte ärmellose Jacke und die dunkelrote Hose, die sich kurz über den Knöcheln nach außen wölbte, würde er überall wiedererkennen.

Jacks Kiefer verkrampfte sie, als er sah wie der chinesische Spirit die Nightmares streichelte, ohne dass die Pferde ihn angriffen. Was ging hier vor sich? Warum ließen sie es sich gefallen? Hatte der Kobold vielleicht doch recht? Hatte ihn Pitch angelogen? Aber das machte doch alles keinen Sinn.

»Du weißt, wie ich heiße. Was willst du von mir?« Jack rechnete nicht mit einer Antwort. Das letzte Mal hatte er auch keine bekommen. Der chinesische Spirit konnte kein Englisch und Jack konnte kein Chinesisch. Umso überraschter war er, als der Junge ihm antwortete.

»Wie könnte ich den Namen vergessen, wegen dem ich seit Jahren Hohn und Spott ertragen muss.«

»Du sprichst unsere Sprache!« Jack machte einen Satz nach vorne. »Endlich kann ich mich mit dir unterhalten.« Er stellte den Stab neben sich ab und beugte sich vornüber. »Was meinst du damit, wegen mir wirst du ungerecht behandelt? Ich habe dich bis vor kurzen noch nie gesehen. Wie kann ich dann daran Schuld sein?«

Schlagartig riss der Junge seine Augen auf, seine Pupillen verschmälerten sich und wurden zu schmalen Schlitzen. Ein tiefes, bestialisches Knurren brach aus ihm heraus. Jack zuckte zusammen und wich hastig zurück.

»1977!«, brüllte er, dabei spie er Feuer in Jacks Richtung.

»Jack!«, rief Jamie warnend hinter ihm.

Jack fror das Feuer ein und landetet neben seinem Freund. »Verschwinde von hier, Jamie. Geh nach Hause, ich komm sobald ich das hier geklärt habe.«

»Ich werde hier bleiben. Wir haben Pitch zusammen besiegt. Ich kann dir helfen.«

Jack schnappte Jamie und sprang mit ihm in Sicherheit. Flammen loderten an der Stelle, an der sie eben noch selbst gestanden hatten. »Hier geht es nicht um Angst. Das Feuer wird dich verbrennen, auch wenn du keine hast.« Jack schickte eine Schneeböe dem chinesischen Spirit entgegen. Sie prallte gegen eine Feuerwand und verdampfte. »Geh schon«, drängte Jack. »Ich kann nicht gegen ihn kämpfen und dich gleichzeitig beschützen.« Zu seiner Erleichterung sah er Jamie nicken.

»Aber wenn du heute Abend nicht bei mir vorbeikommst, dann werde ich die anderen Hüter benachrichtigen.« Ihre Blicke trafen sich für einen kurzen Moment und Jack sah die Besorgnis in Jamies Augen, dann drehte sich sein Freund um und rannte davon.

»Ich war in China«, sagte Jack gedehnt, während er sich wieder dem chinesischen Spirit zuwandte.

Das Feuer erlosch in der Hand des Jungens.

»Ich erinnere mich. Man hat das chinesische Neujahr gefeiert. Es –«, Jack stockte, denn ihm fiel plötzlich etwas ein, »Es war das Jahr des Drachens«, flüsterte er. »Aber natürlich«, schrie er. Seine Augen fingen an zu leuchten. »Du bist ein Drachenspirit. Du bist Long. Ha, und ich dachte, du wärst der Spirit für das ganze Fest. Oh ...«, raunte Jack. »Dann gibt es ja auch alle anderen Tiere. Ob der Hase mit Bunny Ähnlichkeiten hat? Hey Long, was machst du so weit von daheim?«

Long biss sich knirschend auf die Zähne. »Du sollst dich noch mehr erinnern. Was hast du 1977 in China gemacht …«

»Ich, ähm, naja …« Jack kratzte sich am Hinterkopf. »Hab ein bisschen rumgealbert.«

»Und«, fauchte Long.

»Ich gebs ja zu. Beim Schneesturm hab ich wohl übertrieben. Aber hey, der hat keine zehn Minuten angedauert und die Kinder haben sich gefreut.«

»Wegen diesem Schneesturm«, zischte Long, »ist die Schlange vor mir ins Ziel gekommen.« Aus seiner Nase stieg Rauch auf. »Seit dem Lachen sie mich aus. Vor allem das Schwein kann es nicht lassen. Immer und immer wieder muss ich mir sein blödes gegrunze anhören. Ich bin zum Gespött geworden.«

»Komm schon, das war vor langer Zeit. Du kannst mir deswegen doch nicht immer noch böse sein.«

»Aber das bin ich!«, schrie Long. Der Waldboden fing unter ihm Feuer. »Jedes Jahr von neuem, erreiche ich nur den sechsten Platz. Dein Schneesturm hat die Reihenfolge durcheinander gebracht und die Schlange zum mächtigsten Tierzeichen erhoben. Es ist nun wichtiger im Jahr der Schlange geboren zu werden als im Jahr des Drachens.«

»Ok, ok.« Jack hob beschwichtigend seine Hände an. »Es tut mir wirklich Leid, dass mein Schneesturm dieses Schlamassel verursacht hat.« Jack fühlte sich ehrlich schuldig. Er wusste auch nicht, was ihn damals überkommen hatte. »Vielleicht kann ich dir helfen?«

Long lachte tief und lang. »Damit du noch mehr Schaden anrichten kannst? Nein, ich will deine Hilfe nicht. Was ich will, ist, dass du die gleiche Schmach wie ich ertragen musst. Ich will, dass man dich genauso verspottet und verhöhnt wie man es mit mir seit Jahren macht.«

Die Haut von Long verfärbte sich grau und seine Augen bekamen einen goldenen Glanz. Er streckte seinen Arm lang vor sich aus, seine Hand war geöffnet. Ruckartig schloss er seine Finger und eine Wand aus schwarzen Alptraumsand rollte auf Jack zu. Jack war zu verwirrt, als das er rechtzeitig reagieren konnte. Der Sand traf seine Brust und schleuderte ihn gegen einen Baum. Benommen stürzte er zu Boden. Blätter segelten durch die Luft und legten sich auf ihn. Jack schüttelte sie von sich und zog sich an seinem Hirtenstab in eine stehende Position. Long konnte Alptraumsand benutzen. Wie war das möglich?

»Du brauchst ihn, nicht wahr? Ohne ihn bist du nutzlos« In Longs Händen formten sich Pfeil und Bogen aus schwarzen Sand. Er spannte den Pfeil ein und zielte damit auf den Hirtenstab. Long ließ den Pfeil los, der auf Jack zuraste und ihn an der Hand traf.

Jack schrie auf, als Schmerz seinen Arm hinaufwanderte. Zur gleichen Zeit ließ er den Hirtenstab los, der sofort einige Meter entfernt im Unterholz landete. Jack hastete ihm nach und wurde von einer Wand aus Feuer zurückgedrängt. Aus dem Augenwinkel, sah er Long einen weiteren Pfeil einspannen, um dessen Spitze die Flammen züngelten. Jack wirbelte herum. Der Pfeil sauste durch die Luft und zielte auf seinen Oberkörper. Jack hob schützend die Arme vor den Kopf und kniff die Augen zusammen. Plötzlich stieg ihm ein schrecklicher Gestank in die Nase. Er nahm die Hände runter und entdeckte Pitchs Mantel vor sich. Das Pferd schlug unruhig mit seinem Schweif und gab ein Schnauben von sich. Jack umrundete es und entdeckte den Pfeil, der im Bauch des Nightmares steckte.

»Du bist getroffen. Warte, ich helfe dir.« Bevor Jack den Pfeil berühren konnte, löste der Sand seine Form auf und verschmolz mit dem Pferd. Es schüttelte seine Mähne, als wäre es ein Hund, der gerade vom Baden kam – anstatt Wassertropfen flogen schwarze Sandkörner durch die Luft.

Long stieß ein Zischen aus, das sich eher nach einer Schlange als einen Drachen anhörte. Ein dritter Pfeil formte sich. Er war gerade dabei ihn loszulassen, als eine tiefe, erzürnte Stimme über sie hinweg donnerte.

»Genug mit diesen Kinderspielen.« Pitch löste sich aus dem Schatten eines Baumes und trat neben Jack. In seiner Hand hielt er den Hirtenstab, den er Jack wortlos überreichte.

Longs Aufmerksam galt sofort ihm. »Du!« Seine Stimme sprühte vor Zorn. »Du hast mich in ein Monster verwandelt.« Alptraumsand, so heiß wie das Innere eines Vulkans, brach unter seinen Füßen hervor und hielt genau auf den König der Alpträume zu.

Blitzschnell trat Pitch vor Jack. In der Hand schwang er die furchteinflößende Alptraumsense. Seine Lippen wanderten hinauf zu einem breiten, sichelförmigen Grinsen und seine Augen glänzten vor Erregung.