Kapitel 3- Alltag im Kerker

Die Tage im feuchten, dunklen Kerker wurden immer unerträglicher. Harry versank in tiefen Depressionen. Nachdem er alle Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, aus diesem fürchterlichen Loch zu entfliehen, konnte er nur noch abwarten und hoffen, dass man nach ihm suchen würde.

Doch wie Spinky ihm erzählt hatte, hatte Voldemort eine Art Doppelgänger zu seinen Freunden geschickt.

"Das wird ja immer besser!", hatte sich Harry gedacht und die Augen verdreht. Warum lebte er eigentlich noch? Viel schlimmer konnte es doch gar nicht werden! Was wollte er noch auf dieser Welt? Sein Leben war ein einziges Desaster!

Doch irgendetwas in Harry gab ihm Kraft zum Lebenswille. Er war noch nicht tot und er würde das hier auch überstehen, nachdem er schon so viel durchgemacht hatte.

Und es war ein Gefühl, das tief aus seinem Innern emporstieg. Ein Gefühl, dass es jemanden gab, für den es sich lohnte, weiter zu leben. Ein Gefühl, noch eine wichtige Aufgabe in seinem Leben erfüllen zu müssen.

Jeden Tag um sieben schaute Spinky heimlich bei ihm vorbei. Sie brachte ihm stets eine Kante Brot und einen Becher mit Wasser mit. Außerdem unterhielten sie sich immer noch ein wenig- eine kleine Ablenkung in dieser Trostlosigkeit.

Später, um elf Uhr morgens, wurde Harry von Todessern in einen großen Raum geführt, wo er täglich einen Crucatius-Fluch an den Hals gehetzt bekam.

Es war immer wieder eine Höllenqual von Schmerzen. Als ob mehrere Messerstiche in seine Brust gerammt werden würden. Harry konnte sich auch nicht dagegen wehren, hatte man ihm doch schon längst den Zauberstab abgenommen.

Um 15 Uhr wurde die tägliche Mahlzeit ausgeteilt: eine fade, wässrige Suppe und ein trockenes Stück Brot.

Ohne Spinky wäre Harry wohl schon bis auf die Knochen abgemagert.

Harry begriff einfach nicht, wieso er von Voldemort hier festgehalten wurde. Warum hatte man ihn nicht gleich getötet?

Kurz bevor er einschlief, verlor er sich ein jedes Mal in schönen Erinnerungen. Darin schwelgte er stundenlang. Sie gaben ihm ein wenig Optimismus. Und das, genau das, konnte ihm niemand wegnehmen.

Auf einmal kam Harry aufgeregt zu Ron und wedelte mit einem Stück Pergament.

"Was ist?", fragte er.

"Ich kann's kaum glauben, aber ich bin Schulsprecher!"

"Wow"

Ron klang allerdings weniger überzeugend. Natürlich gönnte er seinem Freund den Erfolg aber er wäre selbst auch gerne Schulsprecher geworden. Er gab es nicht zu, aber der Vertrauensschülerjob vor zwei Jahren hat ihm mehr Spaß gemacht, als die anderen zu wissen glaubten.

Harry zeigte Ron das goldene Abzeichen mit dem großen "H" für Headboy.

Staunend hielt er es in den Händen.

"Na dann, viel Glück, Kumpel!", er klopfte seinem besten Freund lächelnd auf die Schulter.

"Ron!"

Nun waren auch Maria und Hermine gekommen.

"Weißt du, was Maria gerade erhalten hat? Das Schulsprecherabzeichen! Und sie ist noch nicht einmal in Hogwarts gewesen! Das muss was heißen!"

"Du auch?", ungläubig kratzte er sich an der Stirn, "Harry ist es auch geworden"

"Echt?", Hermine stürmte auf Harry zu und umarmte ihn.

"Herzlichen Glückwunsch!"

"Ja... ähm... danke", würgte Harry hinter einer Wand aus braunen Strubbelhaaren hervor.

Maria fing an zu lachen.

"Auf gute Zusammenarbeit", sie gab ihm geschäftsmäßig die Hand und gemeinsam gingen sie nach unten, um es den anderen zu erzählen.

Der August verabschiedete sich und der September brachte auch sogleich dicke Regenwolken mit sich.

Harry fühlte sich unglaublich mies.

"Winterdepressionen", meinte Spinky nur seufzend und stellte das Tablett mit Essen vor ihm ab.

"Aber es ist doch erst Herbst"

"Stimmt, Mr Potter"

"Spinky, gibt es denn keinen Weg, hier rauszukommen?"

"Der Kerker ist von vielen Dementoren bewacht und steht auf einem durch viele, starke Zauber geschütztem Waldstück. Aber Spinky wird sehen, was sich machen lässt"

"Leben hier noch mehr Gefangene?"

"Ja, gewiss. Aber nicht viele"

"Kennst du sie? Bitte, du musst es mir sagen, Spinky! Bitte!", flehte Harry.

"Spinky kennt nur Mafalda Gilmore und... einen, der nennt sich Tom"

Harry seufzte. "Wer ist denn diese Mafalda Gilmore?"

"Oh, kennen Sie die Gilmores nicht?"

"Nein"

"Das ist eine ganz alte, berühmte Familie. Damals wohnten sie in London, bis sie der Pest um 1500 in England entflohen und nach Amerika übersiedelten. Sie waren einer der ersten Siedler dort. Lambertus Gilmore, ein großartiger Zauberer, hatte zwei Kinder: Mafalda und Frederik. Der Sohn hat mittlerweile fünf Kinder. Eine Tochter müsste in ihrem Alter sein, Spinky glaubt, sie heißt Mia" .

"Stehen die Gilmores auf Dumbledors Seite?"

"Aber ja, selbstverständlich. Sie sind einer der wenigen, reinblütigen Zaubererfamilien, die gegen den dunklen Lord stehen."

"Du weißt aber wirklich viel über diese Familie. Danke, Spinky" Harry war beeindruckt.

"Keine Ursache. Aber bitte essen Sie doch jetzt etwas"

"Oh ja, natürlich", er stopfte heißhungrig sein Brot in den Mund und trank das Wasser in einem Zug aus.

Im Gehen meinte Spinky noch augenzwinkernd: "Die Potters waren damals sehr gut mit den Gilmores befreundet", und mit einem Plopp war sie auch schon verschwunden.

"Eine wirklich außergewöhnliche Elfe", dachte Harry. Sie erinnerte ihn irgendwie an Dobby.

An einem schönen Samstagmorgen gingen die fünf gemeinsam mit Mrs Weasley in die Winkelgasse. Maria war schon sehr gespannt auf das, was sie dort erwarten würde. Eine Liste aus Hogwarts, was sie benötigen würde, packte sie sorgfältig in ihre Umhängetasche. Mit dem Flohpulver reisen war ihr nicht ganz unbekannt, nur war sie noch etwas unsicher. Sie hatte es erst ein oder zwei Mal versucht. Mrs Weasley schmiss also ein wenig davon in das prasselnde Kaminfeuer. Es leuchtet sofort in einem grellen grün auf. Ein wenig unsicher tappte Maria nach vorne und sagte laut und deutlich: "Zum Tropfenden Kessel"

Die warmen Flammen ergriffen sie und zogen sie mit in die Tiefe. Ihr wurde leicht übel, denn sie überschlug sich mehrmals. Nach nur kurzer Zeit landete sie in einem dunklen Lokal. Die Hexen und Zauberer rührten in irgendwelchen grauen Gebräuen und unterhielten sich sehr leise. Schnell klopfte sie den Staub von ihrer Jacke und stand auf.

Aber war das denn überhaupt der Tropfende Kessel? Sie hatte keine Ahnung. Langsam kamen Zweifel in ihr auf. Wo blieben nur die anderen?

Ein etwas älterer Mann sprach sie plötzlich an. Er hatte nur noch drei Zähne und eine Augenklappe.

"Na, Püppchen, kann man dir irgendwie behilflich sein?"

"Ähm, ist das hier der Tropfende Kessel"

Der Mann lachte bellend auf. "Aber sicher! Das weiß doch jeder"

Maria errötete. "Trotzdem danke"

"Bitte, bitte"

Und so wartete sie Minute um Minute auf den Rest der Truppe. Wieder fühlte sie sich so unendlich allein gelassen. Sie wollte zurück nach Amerika. Zurück in das große Haus. Zurück zu Oma und Opa. Stattdessen musste sie jetzt mit ein paar verrückten Teenagern, die sie nicht leiden konnten, in die Winkelgasse gehen, während ihre Eltern für Dumbledor auf Reisen waren. Es hätte nicht besser werden können! Ihre Schwester Kerstin war währenddessen noch bei Oma und Opa in New York. Schließlich war sie erst sechs Jahre alt. Leyla wohnte mit ihrer Familie in Australien, Matthew arbeitete in einer Hilfsorganisation in Afrika und Elisabeth wohnte bei ihrem Freund in Los Angeles. Eigentlich hatte sie die Ferien bei ihnen verbringen wollen, aber das hatten ihre Eltern nicht erlaubt. Sie wollten, dass sich Maria erst einmal in England einlebt und eventuell schon Freunde findet. Und jetzt saß sie da: Völlig alleine, in einem Land, dass sie nicht kannte, in einem Pub, der ihr unheimlich war und in eine Zukunft blickend, die ihr Angst bereitete. In Ohio war es nicht unbedingt toll gewesen, aber immerhin hatte sie dort eine Freundin gehabt, die ihr immer zur Seite gestanden hatte: Karen Boss. Aber zu ihr konnte sie nun auch nur noch Briefkontakt halten. Wäre sie doch bloß hier!

"Hey", fing plötzlich jemand an. Abrupt drehte sie sich um und erblickte Hermine. Sie lächelte.

"Sorry, hat ein bisschen länger gebraucht, aber Ginny hatte noch etwas gesucht und ist dabei hingeflogen. Ihre Wunde musste erst noch schnell verarztet werden. Ich hoffe, es war nicht allzu schlimm."

"Geht schon", log Maria und musste sich anstrengen, ihre Tränen zurückzuhalten.

Nun kamen auch die anderen. Mrs Weasley klatschte zweimal vergnügt In die Hände und marschierte voran.

Als Maria durch den Pub hinaustrat, brannten ihre Augen von grellen Sonnenlicht. Doch der Anblick war atemberaubend: Tausende von Hexen und Zauberern liefen umher. Überall waren kleine Geschäfte mit allerlei Krims Krams und an jeder Ecke war ein Buchladen oder ein Cafe. Es erinnerte sie irgendwie an eine Szene im Mittelalter. Vor lauter Staunen hatte sie Probleme den anderen zu folgen.

Zuerst klapperten sie die Buchläden ab, um ihre Schulbücher zu erstehen. Dann setzten sich alle in eine Eiscafe. Mrs Weasley hatte eine andere Mutter zum Tratschen gefunden und die vier anderen unterhielten sich angeregt über Schüler und Lehrer aus Hogwarts. Ein Thema, bei dem Maria nicht mitreden konnte.

Stumm betrachtete sie das Geschehen. Wie gerne hätte sie jetzt Karen bei sich gehabt.