Nimmerland 03
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Disclaimer: Die Lost Boys gehören leider nicht mir. Alle Rechte verbleiben bei ihren Inhabern.
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AN: Ab hier lasse ich einige Informationen aus dem von Eric Reed und Joel Schumacher geschriebenen, aber leider nie verfilmten Prequel „Lost Boys – The Beginning" einfließen. Das Skript ist im Internet zu finden.
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David erhob und streckte sich. Marko, Dwayne und Paul folgten seinem Beispiel, wobei Dwayne Laddie vom Boden aufklaubte und ihn sich auf die Schultern setzte. Der Junge lachte vergnügt.
Marko hob den stillen, seltsam verdrehten Körper Edgars hoch und trug ihn zum Sofa hinüber, wo er ihn fast behutsam ablegte. Paul holte Alan und lehnte ihn daneben. Derweil schlenderte David zu Michael hinüber und beugte sich über Sam.
Doch Michael war nicht willens, sich von der Leiche seines Bruders zu trennen. Er sprang auf, stieß David mit aller Kraft weg und grollte dabei drohend. Sein Gesicht war wieder das eines Vampirs.
David blieb unbeeindruckt und starrte ihn aus kalten, blauen Augen an. Dann richtete er den Blick gen Himmel, seufzte theatralisch – und verpasste Michael eine kräftige Kopfnuss.
„Wir bringen deinen Bruder nach Hause, Idiot!", knurrte er gereizt. „Damit er sich in Ruhe ausschlafen kann."
„Verarsch mich nicht, David!", keuchte Michael. Seine Stimme klang gepresst. Kalte Tränen rannen seine Wangen herab. „Du hast mich gezwungen, meinen Bruder zu töten …", würgte er mühsam voll Abscheu hervor. „Du hast mich zu einem Monster gemacht … Mich, und Star, und Laddie … Musst du mich auch noch verspotten?!", zischte er bitter.
David lachte herablassend. „Michael, du bist wirklich ein Idiot. Dein Bruder und die Frösche haben alle mein Blut getrunken, bevor sie hinüber waren." Er hob die Augenbrauen. „Was, meinst du wohl, bedeutet das? Schonmal Dracula gesehen, hm?"
Michael starrte ihn verwirrt an. „Heißt das …?", krächzte er fassungslos. Ein Funke Hoffnung glomm in seinen Augen auf.
„Ja, das heißt, dass auch dein kleiner Bruder einer von uns werden wird", erwiderte David kühl. „Nicht meine Idee, und ich bin mir auch nicht sicher, ob das Ganze besonders clever ist, aber …" Aber Max und seine Pläne stellte man besser nicht in Frage.
Michael schloss für einen Moment die Augen. Als er die Lider wieder öffnete, legte er seinem Bruder zärtlich eine Hand auf die reglose Brust. Sein Blick huschte unwillkürlich zu Sams Freunden hinüber. „Und … die Frogs?", fragte er unsicher.
Diesmal war Davids Lachen rau und gemein. „Oh, das war meine Idee. Die zwei sind geborene Killer. Sie denken, sie hassen uns, aber sie sind nur Kinder. Sie wissen nichts von der Welt. Vielleicht werden sie ihre Meinung ändern, wenn ich ihnen zeige, was ein Dasein als Vampir zu bieten hat …" Auf seine Lippen trat ein wölfisches Grinsen. „Und wenn nicht … Töten können wir sie immer noch."
Michael sah wieder auf Sam hinunter. Nach allen üblichen Kriterien schien der Junge tot zu sein. Es gab keinen Puls, keine Atmung, seine Lippen waren blau angelaufen und seine Gesichtsfarbe war ungesund gelblich.
„Und … was sagen wir meiner Mum?", fragte Michael schließlich zögernd.
David schnaubte wegwerfend und zuckte die Achseln. Er zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief und stieß langsam den Rauch aus. „Ich glaube nicht, dass wir ihr irgendwas erklären müssen", sagte er dann. „Das wird vermutlich Max übernehmen."
„Max?!" Michael starrte ihn ungläubig an. „Scheiße, heißt das, Sam und die Frogs hatten Recht? Max ist der Obervampir?!"
David lachte über seine Fassungslosigkeit. „Max ist der Obervampir", bestätigte er grinsend. „Auch wenn man es bei einem scheinbaren Langweiler wie ihm nicht vermuten würde. Tarnung ist alles, Michael."
Minuten später standen sie auf den Klippen oberhalb der Höhle, David und seine Jungs, Star, Laddie und Michael, während Sam, Edgar und Alan zu ihren Füßen lagen.
„Die Nacht, Michael", sagte David und breitete die Arme aus. „Die Nacht, und der Himmel, und die Sterne … " Dann erhob er sich in die Luft und blickte von oben auf Michael herab. „Schwerelosigkeit … Freiheit …", fügte er mit einem bitteren Lächeln hinzu. Michael hatte so viel Wunderbares leichtfertig zurückgewiesen, ohne es überhaupt zu kennen oder zu begreifen. „Nicht zu vergessen", setzte David mit Nachdruck hinzu, „ewige Jugend und Unsterblichkeit."
Doch Michael stand anscheinend nicht der Sinn danach, sich weitere Vorwürfe machen zu lassen. Schließlich, das musste selbst David zugeben, war er nie gefragt worden, ob er all das überhaupt haben wollte.
„Wie steuere ich das Fliegen?", fragte Michael, indem er herausfordernd zu David hoch sah.
David zuckte die Achseln. „Es kommt von selbst. Schau in den Himmel, mach dich leicht …" Dann lachte er plötzlich. „Denk glückliche Gedanken …" Seine Brüder kicherten.
Michael schien sich darum zu bemühen, das Gesagte umzusetzen. Er schloss die Augen, konzentrierte sich – und plötzlich verlor er den Boden unter den Füßen, glitt taumelnd in die Höhe.
„Wie hoch kommen wir?", fragte er atemlos, während er mühsam versuchte, seinen Aufstieg in die Luft zu kontrollieren.
David hatte den Kopf schief gelegt und beobachtete seine Bemühungen mit spöttischem Lächeln. „Ziemlich hoch", erwiderte er. „Nicht bis zum Mond, fürchte ich, und auch nicht zu anderen Planeten – wir sind nicht Peter Pan und Co, auch wenn wir uns nach seinen verlorenen Jungs benannt haben." Paul und Marko lachten. „Aber ziemlich hoch … Wenn du willst, kannst du an die Fenster eines Passagierflugzeugs klopfen."
Dann drehte David sich abrupt in Richtung Santa Carla um. „Und jetzt komm … Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit."
Paul und Marko packten sich je einen der Frog-Brüder, stießen jauchzende Schreie aus und stürzten sich von dem Kliff in die kalte Nachtluft hinab. Dwayne folgte gemessener; er hielt Laddie an der Hand.
Michael ließ sich wieder zu Boden sinken. Er wollte Sam auf die Arme nehmen, doch da verstellte David ihm den Weg.
„Nein", sagte David knapp. „Du kannst deinen Flug kaum kontrollieren. Zu gefährlich für euch beide."
Widerwillig ließ Michael es zu, dass David Sam hoch hob und mit ihm auf den Armen wieder in die Luft stieg. Er ließ David nicht aus den Augen, als er seinem Beispiel etwas unkoordiniert folgte.
Die Letzte, die noch am Klippenrand stand, war Star. Sie sah nachdenklich dorthin, wo Dwayne mit Laddie nach unten abgetaucht war. Doch anders als Michael beherrschte sie das Fliegen schon gut. Nach einem Augenblick erhob sie sich mühelos vom Boden und folgte ihnen.
Sie reisten mit hohem Tempo durch die Nacht, anfangs dicht über der Meeresoberfläche, dann immer höher steigend, bis sie über den Wolken dahin rasten. Der Wind riss an ihren Haaren und an ihrer Kleidung. Sie waren weit schneller, als wenn sie die Straße genommen hätten. Die Jungs und Laddie schrien und johlten, wie sie es während einer ihrer wilden Jagden auf den Motorrädern getan hätten. Endlich schienen auch Star und Michael ein bisschen von ihrer Begeisterung angesteckt zu werden. Star lächelte plötzlich. Michael dagegen schien von der Erregung des Fliegens überwältigt. Er hatte die Arme ausgebreitet, obwohl das die Arondynamik etwas behinderte, und einen entrückten Ausdruck im Gesicht.
Plötzlich war Paul an Michaels Seite und lachte ihn an. „Na, Mikey? Lässt du endlich mal locker, hm?" Er machte eine Rolle rückwärts, mit dem leblosen Alan in den Armen, und drehte dann, immer noch lachend, ab, um wieder an Markos Seite zu gleiten.
Michael warf rasch einen Blick zu David und Sam hinüber, um sich zu versichern, dass sein Bruder nicht in Gefahr war. Doch er hätte sich keine Sorgen machen müssen. David hatte nicht vor, Sam fallen zu lassen, und hielt den Jungen sicher in den Armen.
Als sie das Haus erreichten, parkten sowohl der zerbeulte alte Truck von Michaels und Sams Großvater als auch Lucys Pickup und Max' Corvette im Hof.
David schätzte, dass es inzwischen etwa zehn Uhr war. Sie lagen gut in der Zeit. Tatsächlich hatten Max und er für diese Nacht vorgehabt, Michaels Wandlung zu komplettieren, auch Sam zu initiieren und dann Lucy mit der Situation zu konfrontieren. Es war komplett anders gelaufen, als geplant, und trotzdem war David zur vereinbarten Uhrzeit am verabredeten Ort, und das Resultat war das gewünschte – zumindest, was seinen Teil der Abmachung betraf. Er grinste zufrieden.
David verlor an Höhe, und die anderen ließen sich mit ihm nach unten sinken, ohne dass ein Wort gesprochen wurde.
Michael kam der Boden für seinen Geschmack wohl etwas zu schnell entgegen; er schien damit zu rechnen, zu stolpern oder zu stürzen. Doch nichts dergleichen geschah, und sofort wandte er sich wieder an David. „Gib mir Sam", sagte er bittend. In seinen Augen stand immer noch Angst.
David hob spöttisch die Augenbrauen, rührte sich nicht, bis Michael selbst zu ihm trat, und übergab ihm dann seinen Bruder mit deutlich mehr Schwung als nötig.
Michael nahm Sam so behutsam in Empfang wie nur möglich, und hielt ihn dann wie ein Baby in den Armen. Der Junge wirkte zwar tot, aber auch Michael musste mit seinen ihm noch neuen und unvertrauten Sinnen wahrnehmen, dass da etwas war … Es ließ sich am Ehesten als glühender Funke beschreiben, der im Herzen seines Bruders zu pulsieren schien.
Mit Edgar und Alan war es genauso. Jeder Vampir konnte spüren, dass bei den Jungen der Prozess der Wandlung eingesetzt hatte.
Star hielt sich dicht neben Michael. Sie hatte Laddie an die Hand nehmen wollen, sobald sie gelandet waren, doch der Junge blieb lieber an Dwaynes Seite. Paul und Marko trugen nach wie vor die Frog-Brüder, wobei Paul Alan wie einen nassen Sack über die Schulter geworfen hatte, während Marko Edgar deutlich vorsichtiger in den Armen hielt.
Plötzlich ging die Haustür auf. Lucy trat auf die Veranda. Im Hintergrund, im Dunkel des Eingangsbereiches, war die riesenhafte Silhouette von Max zu sehen.
„Michael … Oh Gott …! Was ist mit Sam?!" Lucy stürzte ihnen entgegen und versuchte, ihren Jüngsten aus Michaels Armen zu reißen.
Doch Michael hielt seinen Bruder eisern fest. „Nicht, Mum", sagte er fast flehend. „Sam ist …"
„Er schläft nur", warf David ein. Er benutzte seinen hypnotischen Tonfall, und Lucys Interesse an Sam und seinem beunruhigenden Zustand erlahmte sofort.
„Was … was machen diese Jungs hier …?", fragte sie verwirrt und ließ ihren Blick über die Gruppe der vier jungen Männer schweifen, die sie vermutlich nach wie vor für eine Bande von Motorradrockern hielt. „Sind das … hm … Freunde von dir, Michael? Oh, und das Mädchen … Ich wusste doch, dass da ein Mädchen ist …" Sie zwinkerte Michael zu, und lächelte dann Star an.
Max trat aus dem Haus. „Lucy", sagte er herzlich und breitete die Arme aus. „Darf ich vorstellen: meine Jungs … meine Familie … und bald auch die deine, hoffe ich."
David gab ein halb schnaubendes, halb grunzendes Geräusch von sich. Max' Familienseeligkeit versetzte ihn regelmäßig in einen Zustand zwischen Ekel, Widerwillen und Amüsement.
„Das sind deine Söhne?" Lucy hatte sich irritiert zu Max umgewandt. „Aber ich dachte … Als sie in deinen Laden kamen …"
Max machte eine wegwerfende Geste. „Ach … Wie ich schon damals sagte: Es sind wilde Jungs. Sie sind nicht gut fürs Geschäft. Was ihnen fehlt, ist eine Mutter, Lucy."
Nun schwenkten Davids Gefühle eindeutig in Richtung Abwehr um. Sie brauchten ganz sicher keine Mutter. Er tauschte Blicke mit seinen Brüdern, die genauso ablehnend aussahen, wie er sich bei dem Thema fühlte. Nur Star schien neutral und abwartend.
„Willst du nicht diese Mutter sein?", fragte Max drängend, indem er die Stufen herab kam und sich an Lucys Seite stellte. „Willst du nicht meine Braut werden, Lucy?" Einen Moment lang sah es fast so aus, als ob Max vor ihr niederknien wollte, aber dann ergriff er nur ihre Hände und drückte sie. Es war eine scheußliche Schmierenkomödie.
„Mum!", krächzte Michael. David hätte es begrüßt, wenn die süßliche Szene gestört worden wäre. Aber er spürte Max' Warnung. Also zwang er Michael mit der Gewalt, die ihm das Blut über den Jungen gab, stumm, zu schweigen und stillzuhalten. Michael versuchte noch einmal, zu sprechen, aber kein Laut kam aus seinem Mund. Er sah verwirrt zu David hinüber und schien zu begreifen, dass dieser ihn am Sprechen, ja an jeder Bewegung hinderte, wenn er auch nicht wusste, wie – nur, dass er nichts dagegen tun konnte. Wie eingefroren stand Michael in der Einfahrt und musste stumm zusehen, wie seine Mutter Schritt für Schritt dem Charme eines Vampirs erlag.
„Ich …" Lucy lachte unsicher. „Max, das kommt ein bisschen rasch, ehrlich gesagt … Ich bin gerade erst geschieden … Und ich kann das nicht ohne Michael und Sam entscheiden."
„Oh, deine Jungs und meine Jungs passen hervorragend zusammen!", behauptete Max. Sein Lächeln war so breit, dass es fast bis zu seinen Ohren reichte. „Sie sind, sozusagen, als Blutsbrüder geschaffen worden …"
Paul schnaubte amüsiert. David schüttelte den Kopf und drehte sich zur Seite, so dass Max den angewiderten Ausdruck auf seinem Gesicht nicht sehen konnte. Marko kicherte und stieß Dwayne den Ellenbogen in die Rippen. Dwayne verpasste ihm einen Schlag auf den Arm und blieb ernst.
„Und das Mädchen …? Die … anderen Jungen …?", fragte Lucy zurückhaltend.
„Alles Familie!", verkündete Max, indem er seine Arme erneut in einer umfassenden Geste ausbreitete und sie anstrahlte. „Wir werden eine große, glückliche Familie sein …"
„Ohne dass der Tod uns scheidet", flüsterte Paul und gluckste albern.
Endlich hielt David es nicht mehr aus. „Max, du bist kitschig. Können wir ins Haus gehen und die da aufs Sofa packen oder so?" Er deutete mit einem Kopfnicken zu den Frog-Brüdern hinüber, die Paul und Marko inzwischen auf dem Boden abgelegt hatten.
„Lucy?" Max hob fragend die Augenbrauen.
„Ich …" Sie schüttelte den Kopf, dann lachte sie. Es klang unsicher. „Ja, natürlich, kommt rein …"
„Hab ich da nicht auch noch ein Wörtchen mitzureden?" Ihr Vater war überraschend in der Tür erschienen. Mit ausgebreiteten Armen versperrte er ihnen den Weg. „Immerhin ist das mein Haus!"
Max wandte sich mit einem verbindlichen Lächeln an den alten Mann. Benjamin Stills wusste genau, was sie waren. Viele Leute in Santa Carla wussten Bescheid, aber die meisten zogen es vor, ihr Wissen zu verdrängen und so zu tun, als wäre nichts. Dass die Vampire sich meist an Durchreisende hielten und nur selten einen Einwohner verspeisten, machte es ihnen wesentlich leichter.
Was Stills wollte, war eine Bestätigung seines Hausrechts. Um sie ernsthaft herauszufordern, war er zu intelligent.
Max spielte mit. „Selbstverständlich", sagte er höflich und neigte leicht den Kopf. „Es wäre sehr freundlich …"
„Ach!", stieß Stills hervor und warf in einer Geste der Kapitulation die Hände in die Luft.
Dann sah er plötzlich David an, der ihm grüßend zunickte. Sie kannten sich schon sehr lange, und genauso lange ging Stills ihm und seinen Jungs geflissentlich aus dem Weg.
„Na", brummte der alte Mann, „um mein Malzbier zumindest muss ich mir bei euch wohl keine Sorgen machen … Aber Finger weg von den Keksen!"
Michael starrte seinen Großvater verblüfft an. Offensichtlich fragte er sich, was Stills wusste, und woher.
Max sah den Alten prüfend an. „Ist das eine Einladung?", fragte er, und trotz aller aufgesetzten Höflichkeit wirkte er lauernd. „An alle?"
Stills kniff die Augen zusammen. „Verdammt, ja." Dann trat er zur Seite und machte den Weg frei. „Will schließlich mein Mädchen und meine Enkel nicht verlieren …"
„Eine weise Entscheidung", sagte Max schlicht und trat an Stills vorbei ins Haus. „Kommt!", rief er von drinnen. David folgte ihm, und dann betraten auch die anderen das Gebäude. Als er die Schwelle überschritt, spürte er ein leichtes Prickeln. Wären sie nicht eingeladen gewesen, dann hätte das Gefühl eher einem Faustschlag in die Magengrube geglichen.
Unter Michaels Führung brachten Paul und Marko die toten Jungen nach oben. David ging sicherheitshalber mit.
Michael legte Sam behutsam in dessen Bett. Er deckte seinen Bruder sorgfältig zu und strich ihm das in Unordnung geratene Haar zurecht. David konnte nicht umhin, das aufreizende Rob-Lowe-Poster an Sams Schranktür zu bemerken, ebenso wie das „Born to shop"-T-Shirt, das über seinem Stuhl hing. Er hatte schon eine gewisse Vermutung gehabt, was Michaels kleinen Bruder anging, und fand sie nun bestätigt.
Die Frog-Brüder legten sie in Michaels Bett. Ebenso wie Sam wirkten sie ausgesprochen tot. Sogar die Leichenstarre hatte inzwischen eingesetzt. Alans Lider waren nicht ganz geschlossen, so dass zu erkennen war, dass seine Augen milchig trüb geworden waren. Michael zuckte vor dem Anblick zurück. Dann überwand er sich, beugte sich zu dem Jungen herab, und schloss ihm die Lider.
Paul und Marko polterten bereits die Treppe hinunter. David schob Michael aus dem Zimmer und schloss die Tür hinter ihnen. Michael wirkte bedrückt, was nicht verwunderlich war, und ging mit gesenktem Kopf vor ihm her.
„Michael und Sam werden natürlich bei uns leben." Max war bereits eifrig damit beschäftigt, Lucy seine Pläne zu erörtern, während er mit großen Schritten im Wohnzimmer auf und ab ging.
David nahm im Hintergrund Aufstellung, und seine Jungs gruppierten sich lose um ihn herum. Keiner von ihnen sah begeistert aus. Dwayne hatte die Arme um Laddie gelegt, der sich eng an ihn schmiegte.
Vermutlich auf Lucys Drängen hin hatte Star sich zu ihr auf die Couch gesetzt, auf die Lucy nun auch ihren Sohn gestikulierte. Ihr Vater betrachtete das Ganze aus größtmöglicher Distanz aus einem Türrahmen heraus, die Arme vor der Brust verschränkt, einen missbilligenden Ausdruck auf seinem bärbeißigen Gesicht, und bildete auf diese Weise einen eigentümlichen Kontrapunkt zu David und dessen Gang.
„Star auch", fuhr Max mit Enthusiasmus fort, während Michael sich eher unwillig auf das Sofa fallen ließ. „Ich wünsche mir seit einer Ewigkeit eine Tochter. Außerdem sind sie und Michael ein reizendes Paar." Er lächelte den Genannten wohlwollend zu.
Max setzte wirklich alles ein, um seine von ihm auserwählte Familie einzulullen. David fühlte einen Stich von Eifersucht. Um sie vier hatte er nie so geworben. Allerdings, das musste er zugestehen, hatte Max sie auch nicht selbst geschaffen. Dafür, dass er sie nicht ausgesucht, sondern gewissermaßen aus der Konkursmasse seines verrückten Bruders übernommen hatte, war er ihnen ein guter Vater gewesen.
„Ich denke, wir sollten auch Laddie hierbehalten …"
Sofort verstärkte sich Dwaynes Griff um den Jungen. Laddie sah furchtsam zu seinem Beschützer auf und klammerte sich an dessen Jacke fest. „Nein!", sagte Dwayne leidenschaftlich. „Laddie bleibt bei mir."
Max drehte sich überrascht zu ihm um. Dwayne redete selten, und noch seltener widersprach er. David war natürlich auf der Seite seines Bruders, auch wenn er in Bezug auf das Kind Zweifel hatte.
„Laddie?", fragte Max forschend. Der Junge sah ihn aus weiten, unruhigen Augen an. „Möchtest du nicht mit Lucy und mir leben? Mit Star, Michael und Sam? Eine Familie haben? Ein Zuhause?"
Laddie schüttelte wild den Kopf. „Ich will bei Dwayne bleiben!", stieß er heftig hervor.
„Bist du sicher, Laddie?", fragte Max eindringlich. „Der Lebensstil der Jungs … Alkohol, Drogen, Motorräder, und … hm … andere Dinge … ist nicht wirklich das Richtige für ein Kind. "
„Ich wäre sehr gerne eine Mutter für dich", warf Lucy leise ein und lächelte Laddie gewinnend an.
Doch Laddie schüttelte erneut den Kopf. „Ich bleibe bei Dwayne."
Nun hatte David genug. „Wenn Laddie bei Dwayne bleiben und Dwayne ihn behalten will, dann bleibt er." Er lieferte sich ein minutenlanges Duell der Blicke mit Max, ehe der ältere Vampir schließlich nickte.
„Gut", sagte David befriedigt. „Da das geklärt wäre …" Er ließ ein etwas provozierendes Grinsen sehen. „Es gibt da eine Kleinigkeit, die du der lieben Lucy vielleicht noch mitteilen solltest, ehe sie sich für oder gegen deinen Antrag und deine Pläne entscheidet", merkte er an, indem er Michaels Mutter spöttisch zunickte.
„Max?" Lucy hob fragend die Augenbrauen.
Max hüstelte unterdrückt. „Nun ja …", sagte er dann zögerlich. „Es wäre … hm … eine kleine Transformation von Nöten …"
„Wohl eher eine Transfusion", kicherte Paul im Hintergrund. Max warf ihm über den Raum hinweg einen strengen Blick zu.
„Meine Jungs und ich sind … ein bisschen anders", tastete er sich behutsam vor. „Biologisch gesehen. Aber … nun ja, es hat fast nur Vorteile." Er klang bemüht fröhlich. „Michael und Star konnten wir auch schon … hm … überzeugen, ebenso Laddie. Und … hm … die Jungen oben, Sam eingeschlossen … Im Grunde fehlst nur noch du, Lucy."
Stills räusperte sich.
„Ah, und dein Vater, eventuell."
„Kann nicht sagen, dass ich von der Idee begeistert bin", brummte der Genannte. Dann drehte er sich um, so als ob damit alles gesagt wäre, und verschwand in der Küche. Die Kühlschranktür war zu hören, dann das Geräusch einer Bierflasche, die geöffnet wurde.
„Du wirst niemals alt werden … niemals sterben … Wir werden für immer zusammen sein", lockte Max an Lucy gewandt.
„Also wirklich, Max!" Lucy lachte unsicher. Ihre Stimme klang brüchig. „Sind wir nicht beide ein bisschen zu alt, um noch an Märchen zu glauben?"
Max seufzte tief. Dann nickte er zu David und seinen Jungs hinüber. „Zeigt es ihr", verlangte er.
David gehorchte mit Vergnügen.
Lucy schnappte nach Luft und starrte ungläubig auf die vier jungen Männer, die sich vor ihren Augen in einem Sekundenbruchteil in alptraumhafte Monster verwandelt hatten. Dann schrie sie, schrill und entsetzt, sprang auf, wandte sich wie Hilfe suchend zurück zu Max – und schrie erneut, als ihr eine fremde Fratze mit rotglühenden Augen und langen, scharfen Reißzähnen entgegenstarrte.
Michael sah aus, als wollte er aufspringen, um sich schützend vor seine Mutter zu stellen, doch unter Davids stummem Befehl sank er wieder in die Kissen zurück. Alles, was Michael tun konnte, war, etwas näher an Lucy heranzurücken, tröstend ihre Hand zu nehmen, und sie zu ihrem eigenen Besten zurück aufs Sofa zu ziehen.
„Lucy", sagte Max bittend und machte einen Schritt auf sie zu, die Hände beschwichtigend erhoben. „Lucy, bitte … Ich bin genau derselbe. Ich sehe nur ein bisschen anders aus … Aber ich bin derselbe Mann, mit dem du Essen warst, mit dem du gelacht hast, der dich geküsst hat …"
„Oh Gott!", stöhnte Lucy fassungslos. „Das ..." Sie riss in plötzlichem Begreifen die Augen auf. „Sam! Sam und seine Freunde! Sie waren dir auf der Spur, sie wussten, was du bist …"
Max nickte.
„Aber … Sam! Was hast du mit ihm gemacht?! Warum ist er nicht hier?" Erst jetzt schien ihr bewusst zu werden, dass ihr Jüngster in der Runde fehlte.
„Es geht ihm gut", sagte Max. Er benutzte den eindringlichen, beruhigenden Tonfall, den alle Vampire beherrschten, wenn es darum ging, menschliche Wesen zu beschwichtigen und Verdacht zu zerstreuen. „Dein Sohn schläft nur. Wenn er kommende Nacht erwacht, wird er einer von uns sein … so wie Michael."
„Michael?!" Lucy fuhr zu ihrem Sohn herum.
Michael nickte, ein bitteres Lächeln auf den Lippen. Er wollte sich nicht vor seiner Mutter verwandeln, aber als sowohl Max als auch David ihn mental dazu drängten, gab er nach und zeigte sein Vampirgesicht, wenn auch nur für Sekunden.
Lucy schlug die Hände vor den Mund. In ihre Augen stiegen Tränen. „Michael!", hauchte sie entsetzt.
Dann fiel ihr Blick auf Star, huschte zu Laddie hinüber. „Und …?", hob sie mit zitternder Stimme an.
„Wir alle", erwiderte Max, der inzwischen wieder in seine menschliche Gestalt zurückgeglitten war. „Alle in diesem Raum … außer dir, Lucy." Von der Tür zur Küche her erklang ein Brummen. „Und deinem Vater", setzte Max hinzu. „Sam und seine Freunde stehen noch am Beginn der Wandlung, aber auch sie werden bald sein wie wir … Vampire."
Es war das erste Mal, dass jemand im Raum das Wort aussprach.
„Vampire", wiederholte Lucy benommen. „Ihr trinkt Blut … Ihr bringt Leute um …?!"
Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu David und seinen Brüdern hinüber. Sie hatten sich nicht zurückverwandelt und trugen immer noch ihr dämonisches Antlitz zur Schau.
„Ja", erwiderte David, der die Show genoss. „Das tun wir." Er lächelte kalt.
„Töten ist keine Notwendigkeit", warf Max rasch ein.
David schnaubte verächtlich.
„Ich unterhalte seit Jahren eine sehr befriedigende Kooperation mit einem Blutspendedienst …"
Der berühmte Blutspendedienst … David machte ein würgendes Geräusch, in das Paul und Marko sofort einfielen.
Dann trat David einen Schritt auf Lucy zu. Ein sichtbarer Schauer lief über ihren Körper. Michael drückte beruhigend ihre Hand.
„Blutspenden hin oder her …", begann David mit süffisantem Lächeln. „Zur Vollendung deiner Wandlung", sagte er genüsslich, obwohl Max ihn drohend anfunkelte, „wirst du töten müssen, liebe Lucy. Wenigstens ein Mal …"
