Unterredungen
(Musik: watch?v=mhDe46UsHtY&list=PLBEYhiMr-hz5Intxw0YHEB-UoFUYIorLa)
In Gedanken über das kommende Gespräch mit Celeborn machte sich Elrond auf den Weg zurück in sein Arbeitszimmer, in dem Narya immer noch auf ihn wartete. „Erestor hat mir erzählt Celeborn wäre mit einer Gruppe Gardisten eingetroffen?" Fragend blickte sie von den Vorratslisten auf, die sie gerade noch zusammen bearbeitet hatten, wobei ihre Haare fast in die Kerze neben dem Papier gefallen wären. Schnaubend ignorierte sie Elronds Kichern und versuchte ihre Locken in einem Zopf zu bändigen.
Grinsend nickte er und ließ sich auf dem Stuhl neben ihr nieder. „Anscheinend ist die Lage in Lórien nicht so wie wir dachten. Die Ebenen um Lórien werden von sterblichen Flüchtlingen besiedelt und Celeborn will keinen Streit oder gar Krieg zwischen den Elben und Menschen."
„Also werden wir auf die Lieferungen aus Lórien verzichten müssen?"
„Nicht nur..." Er strich mit seiner linken Hand über seine Stirn. „Er meinte, sie seien hier, um ein neues Abkommen auszumachen." Er stand auf und nahm zwei Gläser und eine Flasche Wein aus dem Regal gegenüber dem Tisch, fülle sie damit und reichte ihr eines. „Wie es scheint brauchen sie sogar einen Teil unserer Ernten."
„Ich dachte immer Lórien würde im Überfluss der Dinge leben." Nachdenklich beugte sie sich vor, um das entgegengehaltene Glas zu nehmen und stellte es neben das Tintenfass.
„Du kennst Amdír. Wenn er sich etwas eingestehen muss hängt er es nicht gerade an die große Glocke." Seufzend begann er sich die Nasenwurzel zu massieren.
„Stimmt, die letzten Winter waren hart, aber ich dachte Galadriel könnte mit Nenyas Hilfe die Stürme abhalten. Mein letzter Besuch in Lórien war auch während der Winterzeit, jedoch war nach den Grenzen Lóriens kein Flöckchen mehr zu sehen."
„Er erwähnte etwas von einem dunklen Schatten der von Süden her hinauf zieht und den Grünwald vernichten würde", erklärte er und nahm einen Schluck aus seinem Glas.
„Ein dunkler Schatten?" Ungläubig zog sie eine Augenbraue in die Höhe. „Meinst du Orks, die sich im Grünwald niedergelassen haben?"
„Nein, Celeborn erzählte etwas von sterbenden Bäumen und Elben, die ihre Heimat deswegen aufgeben mussten. Womit wir wieder bei der Überbevölkerung Lóriens wären. Wie es aussieht flüchten sich die Elben nach Lórien."
„Nun, den ganzen Weg nach Süden bis zu Orophers Reich würde ich auch nicht gehen. Wahrscheinlich auch nur, um dann sofort wieder abgewiesen zu werden." Seufzend strich sie sich eine verirrte Locke aus dem Gesicht und beugte sich wieder über die Papiere.
„Und wie steht es mit den Vorräten? Glaubst du wir könnten etwas davon an Lórien abgeben?" Neugierig beugte er sich neben ihr über die Papiere, wobei ihm ihr kurzes Grinsen nicht entging.
„Nun, wenn die Ernten in Dathrim so bleiben, dann könnte es gut sein, dass wir etwas an Celeborn abgeben könnten." Sie runzelte die Stirn und kramte einige weitere Blätter aus dem Stapel, der in den letzten Wochen auf Elronds Schreibtisch gewachsen war.
Elrond nicke und nippte noch einmal an seinem Glas und beobachtete Narya gespannt, die auf der Suche immer mehr Blätter von einer Seite zur anderen schob. „Suchst du etwas Bestimmtes?"
„Die Briefe Darneths", antwortete sie und drückte ihm einen Stapel in die Hand, der sie scheinbar bei ihrer Suche störte. … Und einen Zweiten. … Und bald hatte Elrond Mühe die Briefe und Papiere nicht auf den Boden fallen zu lassen.
Schmunzelnd betrachtete er Narya einige Zeit, wie sie sich, genervt von der Unordnung in seinem Arbeitszimmer, durch die Blättermenge kämpfte und ebenfalls Mühe hatte sie nicht fallen zu lassen.
„Hör auf zu grinsen und hilf mir lieber. Ober besser räum hier gleich mal auf!" Kichernd vergrub sie sich weiter in den Blättern, als er sie empört anstarrte.
Elrond ließ kurz seinen Blick über den Stapel auf seinem Schoss schweifen und entdeckte nach kurzer Zeit einen ziemlich unspektakulären Briefkopf heraus ragen. Nach einigen Überlegungen wie er Narya das am besten unter die Nase reiben konnte, entschloss er sich es für heute einfach bleiben zu lassen und froh zu sein, dass jemand seine Arbeit erledigte, für die er kein Zeit hatte, wenn er sich in den Häusern der Heilung aufhielt. Es gab eine Zeit da hatte ihm die Arbeit mit dem Papierkram eine gewisse Befriedigung und Ruhe gegeben, jetzt jedoch wünschte er sich nichts sehnlicher als sich endlich wieder auf die Künste der Heilung zu konzentrieren.
Er überreichte ihr das zerknitterte Blatt wortlos und lehnte sich gemütlich in dem alten Holzstuhl zurück. „Was schreibt Darneth?"
Darneth war der Ortsvorsteher Dathrims. Daleth, Darneths Vater, hatte vor ungefähr einem Jahrhundert das kleine Örtchen Dathrim gegründet und die Aufgabe des Ortvorstehers wurde an seinen Sohn weitergegeben, als er bei einem Orkangriff getötet wurde. Es lag einige Meilen nördlich Bruchtals vor einem Ausläufer des Nebelgebirges.
Schnell überflog sie die Briefe, bewegte dabei jedoch ihre Lippen nicht. „Dass die nächste Ernte voraussichtlich noch besser wird als die Letzte."
„Dann können wir Celeborn ja morgen mit einer guten Nachricht überraschen." Zufrieden lächelnd verschränkte er die Arme vor der Brust und schlug die Beine übereinander.
„Ja, er wird sich freuen. Aber mich wundert wirklich, dass Amdír Celeborn jetzt sofort los geschickt hat. Von Lórien aus ist doch zu sehen, dass der Pass vollkommen zu geschneit ist und so schnell werden wir auch keine Lieferung bringen können." Kopfschüttelnd hob sie die Blätter von seinem Schoss und legte sie zurück auf den Haufen.
„Vielleicht hat Galadriel das alles veranlasst?"
Fragend hob Narya eine Augenbraue und sah ihn aus einem Vorhang dunkelbrauner Locken an, was Elrond mit einem Schulterzucken beantwortete. „Könnte doch sein, dass sie vielleicht etwas gesehen hat und nun irgendeinen Plan schmiedet?"
„Und ihren Ehemann dabei nicht einweiht? Das glaube ich nicht."
„Du kennst sie doch, sie sieht viel, erzählt ihrem Mann nur die Hälfte und wir erfahren noch weniger."
„Stimmt." Seufzend sah sie sich in Elronds Arbeitszimmer und ihn maß ihn dann mit einem tadelnden Blick. „Du weißt ich helfe dir gerne bei deinem Papierkram, aber ich bin nicht deine Putzfrau. Hier sieht's wirklich schlimm aus." Sie deutete mit dem Kopf in die Richtung eines weiteren Tisches in der Ecke, auf dem sich auch bereits Berge von Papieren häuften.
„Ich weiß, aber ich habe vor Kurzem ein altes Heilerbuch ausgegraben und bin gerade dabei einige neue hilfreichere Tränke zu brauen." Hilflos zuckte er mit den Schultern und stellte das Glas auf eine freie Stelle des Schreibtisches. Das Zimmer war nicht sonderlich groß und allen war von Anfang an klar gewesen, dass das hier nur provisorisch war, jedoch war bisher nicht ein freier Raum gefunden, der auch groß genug war, um Elronds Bücher, die Vorratsbücher, die Jahresprotokolle, Handelsabkommen und alles andere unter zu bringen. So stapelten sie sich auf dem Boden des kleinen Räumchens.
„Natürlich. Ich hatte nichts anderes erwart-" Ehe sie zu Ende sprechen konnte wurde sie von einem Klopfen an der Tür unterbrochen.
„Herein", befahl Elrond.
Langsam öffnete sich die Tür und Lachaivor, eine der Mägde, betrat mit einem silbernen Tablett das Zimmer. „Entschuldigt, mein Lord", ein leichter Rotschimmer legte sich über ihre Wangen. „Lord Glorfindel war der Meinung ihr könntet bei eurer Arbeit eine Stärkung gebrauchen." Verlegen warf sie einen kurzen Blick zu Elrond, der diesen lächelnd erwiderte, sich allerdings sofort wieder den Blättern widmete.
Hastig trat sie einige Schritte vor, um das Tablett auf dem Tisch ab zu stellen, hielt jedoch Inne, als sie das Chaos bemerkte und sah sich hilflos nach einem freien Platz um.
Nachdem sie einige Zeit verloren im Raum gestanden hatte, stand Narya auf und nahm ihr das Tablett mit den Worten: „Ist gut ich nehme das" ab.
Eilig nickte sie, sah zu Boden und verschwand so schnell wie sie gekommen war.
Grinsend setzte Narya sich wieder auf ihren Stuhl, schob ihr blau-goldenes Kleid zu Recht und sah Elrond auffordernd an.
Verwirrt starrte er zurück. „Was?"
„Sag mal hast du das nicht mitbekommen?" Kopfschüttelnd zupfte sie sich einige der auf dem Tablett verteilten Trauben von deren Stiel und schob sie sich genüsslich in den Mund.
„Was hätte ich denn mitbekommen müssen?" Endgültig verwirrt zuckte er mit den Schultern und schnappte sich den einzigen Apfel ehe sie ihn davon abhalten konnte.
„Wie sie dich angesehen hat. Nun komm schon, das musst sogar du gesehen haben. Sie hat dich immerhin direkt angesehen!" Grinsend überkreuzte sie ihre Beine.
„Du glaubst doch nicht, dass sie sich in mich verliebt hat?" Erschrocken zog er beide Augenbrauen nach oben.
„Nun ja, du bist doch nun doch auch schon etwas älter, du wirst doch wohl auch irgendwann mal daran gedacht haben, dir eine Gefährtin zu suchen, oder?", fragte sie schulterzuckend und knabberte eine Scheibe des dunklen, mit Käse belegten, Brotes an.
„Ja, aber ich kenne sie doch kaum und außerdem hatte ich dabei an jemand anderen gedacht. Jemanden, der nicht so… Nun, wie erklärt man das am besten?" Verlegen kratzte er sich am Kopf, wobei sich einige widerspenstige braun glänzende Strähnen lösten und in sein Gesicht fielen.
„Jemand so jungem und unerfahrenem?"
Er seufzte. „Ja, genau das."
„Nun, du bist jetzt aber auch nicht mehr der Jüngste. Vielleicht solltest du dich bald mal auf die Suche nach einer Gefährtin auf machen?"
„Mhm…", er warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Ich dachte ich sollte mich zuerst darum kümmern mein Arbeitszimmer auf zu räumen?"
„Vielleicht solltest du dich zuerst darum kümmern ein neues und vor allem größeres Zimmer zu bekommen?" Triumphierend richtete sie sich auf, strich ihr Kleid zu Recht und ging zur Tür. „Es ist spät. Kümmer dich morgen um das Zimmer, den Rest mit dem Umräumen erledige ich."
Elrond nickte kurz und packte sie noch rechtzeitig am Handgelenk, bevor sie hatte verschwinden können. Er schlang die Arme um sie und drückt sie fest an sich. Er spürte die seidig weichen dunklen Haare auf seiner Haut und die Wärme die von ihrem Körper aus ging. Sie roch selbst im Winter nach frischen Blumen und Honig.
„Danke", flüsterte er leise.
Zufrieden löste er sich von ihr und bemerkte ihr Lächeln. „Du weißt, ich helfe dir gerne, aber vom Heilen verstehe ich nicht viel, und viel anderes hast du bisher nicht im Sinn, mellon nîn."
Er musste ihr Recht geben. Die letzten Jahre hatte er sich darauf konzentriert die verbliebenen Bücher des letzten Zeitalters auszuwerten. In Gedanken versunken ließ er sich auf seinen Stuhl fallen und betrachtete den Papierhaufen vor sich, als die Tür plötzlich wieder geöffnet wurde und ein Schopf langer brauner Locken erschien. „Und vergiss nicht dich morgen ausreichend um Celeborn zu kümmern."
Lächelnd nickte er ihr zu und begab sich, als sie wieder weg war und er das Licht der Kerze gelöscht hatte, selbst zu seinen Gemächern.
