Disclaimer: Siehe erstes Kapitel
Kapitel 3: Mein 1. offizieller Auftritt in Hogwarts
Eine
Mary Sue fährt nicht mit dem Hogwarts-Express. Es sei denn, sie
besitzt die Gabe des Hellsehens und weiß, dass irgendetwas auf der
Fahrt passiert, was ihr bei ihrem großen Auftritt in Hogwarts von
Nutzen sein kann. Natürlich habe ich diese Gabe nicht und bei meiner
Tollpatschigkeit hielten es meine Eltern für besser, nicht zu
riskieren, dass ich mich an meinem ersten Tag damit blamierte, dass
ich die Stufen in den Eisenbahnwaggon hochfiel, bloß weil ich über
den Saum meiner Roben gestolpert war. Stattdessen wurde beschlossen,
dass ich kurz vor Ende der Auswahlfeier ankommen sollte, indem ich
mit dem Besen direkt in die große Halle fliegen sollte. Einer der
Vorteile an Traumland-Besen ist, dass man nicht hinunterfallen kann –
noch nicht einmal ich – und sie sich von den üblichen, magischen
Barrieren nicht aufhalten lassen.
„Wie ich sehe, ist unsere
letzte Schülerin auch eingetroffen", sagte Professor Dumbledore am
Abend des 1. September mit einem amüsierten Funkeln in den Augen,
als ich planmäßig zwischen dem Hufflepuff- und Ravenclaw-Tisch
landete.
Professor McGonagall, welche soeben die Pergamentrolle
mit den Namen der Schüler wieder zusammenrollen wollte, kräuselte
die Lippen, ehe sie mit einem unterdrückten Seufzen von der Liste
ablas: „Sue, Mary Arabella Rasputina Ysopia."
Aufgeregtes
Gemurmel begleitete mich, als ich, darauf bedacht, nicht doch noch
über meine Robe zu stolpern, nach vorne zu dem Sprechenden Hut
schritt. Zwar glänzte mein blondes Haar im Kerzenlicht weder golden
noch silbern, obwohl ich es extra am Morgen mit 1000 Bürstenstrichen
auf Hochglanz gebürstet hatte, noch schien meine äußerliche
Erscheinung die Jungs an denen ich vorbeikam auf irgendeine Weise
dazu zu animieren, vor Bewunderung von den Bänken zu fallen, aber
mein vorsichtiger Gang verlieh mir immerhin etwas Schwebendes, mit
gerade genug Anmut, um sicher zu stellen, dass keiner der Anwesenden
sich wünschte, es würde endlich Abendessen geben. Immerhin. Man
muss auch für die kleinen Dinge im Leben dankbar sein.
„Ist es
mal wieder soweit?", fragte eine Stimme in meinem Kopf, kaum, dass
ich den Sprechenden Hut aufgesetzt hatte. „Du bist also die nächste
Mary Sue… Mal sehen… in welches Haus passt du wohl am besten? Du
bist neugierig auf diese Welt und willst möglichst alles wissen…
eindeutig ein Zug, der für Ravenclaw spricht. Du gehst keiner
Herausforderung aus dem Weg und wächst an ihnen, was wiederum für
Gryffindor spricht. Und du bist ehrgeizig, ein
Slytherin-Charakteristikum…"
„Norma war in Gryffindor,
Thomas in Slytherin und Mia in Ravenclaw", überlegte ich in meinem
Kopf. Bei jedem dieser Häuser kannte ich aus den Erzählungen meiner
Geschwister in etwa die Abläufe, wusste was ihnen wichtig ist, wie
man mit seinen Kameraden auskommt. Andererseits ist es ein weiterer
Zug der Mary Sues, dass sie alle mit allen Häusern ein
freundschaftliches Verhältnis pflegen. „Im Grunde ist es mir egal,
in welches Haus ich komme", dachte ich, doch der Hut widersprach
mir augenblicklich.
„Nein, tief in deinem Herzen möchtest du
dich deiner Familie beweisen und wer in die Fußstapfen eines anderen
tritt, kann keine Spuren einer eigenen Identität hinterlassen."
Ich
wusste, dass dies bedeutete, dass Hufflepuff die offensichtlichste
Wahl wäre, war es doch das einzige Haus, das bislang aus meiner
Familie noch keine Mary Sue gehabt hatte. Aber… „Wenn ich nach
Hufflepuff gehe, welches Haus soll Emily dann besuchen, um ihre
eigene Spur zu hinterlassen?", fragte ich mental. Außerdem glaubte
ich nicht wirklich, dass ich nach Huffelpuff passte.
„Das lass
meine Sorge sein, wenn es soweit ist. Aber weshalb glaubst du, dass
du nicht nach Hufflepuff passt? Oder teilst du etwa das Slytherin-
und Gryffindor-Vorurteil, dass Hufflepuff das Looser-Haus sei, wie
man heutzutage so gerne sagt?", wollte der Hut wissen.
„Nein,
das nicht", versicherte ich rasch. Immerhin würde ich so oder so
mit allen Häusern Freundschaft schließen. „Es ist nur so, dass
ich nicht glaube, dass ich so loyal zu Freunden und Familie bin, wie
es sich für einen Hufflepuff geziemt."
„Ah, Bescheidenheit…
eine sehr lobenswerte Eigenschaft, auch für eine Mary Sue. Aber sag
ehrlich, war deine Besorgnis gegenüber deiner Schwester nicht loyal?
Außerdem, wie willst du dich deiner Familie, oder viel mehr, dir
selbst beweisen, wenn du erst noch den Ansprüchen deines Hauses
gerecht werden musst, dir ihr Wohlwollen, ihren Respekt erarbeiten
musst?"
„Aber ich bin eine Mary Sue, sie werden mich
akzeptieren und respektieren", erwiderte ich verwirrt.
„Ja,
aber werden sie dich vorbehaltlos unterstützen? Werden sie nicht
neidisch auf dich sein? Neid hat in Hufflepuff keinen Platz.
Tatsächlich ist es das einzige Haus, wo sogar eine Mary Sue einmal
einen miesen Tag haben darf. Und wenn ich dich richtig lese, dann
kommt es bei dir durchaus vor, dass du mal einen nicht so perfekten
Tag hast. Hufflepuff würde dich in diesem Fall verteidigen, dir
ermöglichen du selbst zu sein. Also, kein weiterer Widerspruch.
Außerdem werden die anderen langsam ungeduldig und ich höre auch
den ein oder anderen Magen knurren", sagte der Hut mit einem
leichten Lachen. Ein eher unheimliches Lachen, wenn man mich fragt.
Nicht, dass es mir Angst machen würde oder so, schließlich bin ich
eine Mary Sue und wir haben höchstens vor wirklich gefährlichen
Dingen Angst. Wie in einem riesigen Topf mit Honig zu
ertrinken…
„Hufflepuff!",
verkündete der Sprechende Hut in diesem Moment laut, noch ehe ich
die Erinnerung daran, wie Thomas mich einmal in besagten Honigtopf
geworfen hatte, um zu beweisen, dass ich keine echte Mary Sue sei, in
voller Länge durchleben konnte.
Tosender und größtenteils
erleichterter Applaus, wohl, weil die Auswahlzeremonie endlich
vorüber war, begrüßte mich, als ich zum Hufflepuff-Tisch ging,
während meine neuen Hauskameraden untereinander und zu den anderen
Tischen hinübergebeugt wild tuschelten: „Schon gesehen? Wir haben
jetzt unsere eigene Mary Sue!" Dass der Rest der Schülerschaft die
ganze Zeit über anwesend gewesen war und somit gesehen hatte, wie
der Hut mich zu einer Hufflepuff gemacht hatte, schien sie dabei
wenig zu kümmern.
