Während ihr war, als platze ein Knoten, schien sich für ihn der Galgenstrick zu knüpfen.
Eren las. Im warmen Schein der Öllaternen erfuhr er die Wahrheit, die sein Vater ihm versprochen hatte. Doch er wurde davon nicht glücklicher. Immer wieder legte er das Büchlein beiseite, stützte die Ellenbogen auf die Kniee und das Gesicht in die Hände. Am Anfang tat er dies nur alle zwei, drei Kapitel. Schließlich wollte er nichtmals mehr eine Seite lesen.
Annie dagegen wurde begeisterter mit jedem Stück der Aufzeichnungen, das sie zu Gesicht bekam. Zuerst hing sie über seiner Stuhllehne und las mit, doch dann nahm sie sich die anderen Bücher vor, um einfach mitten in die Geschichte der Aufzeichnungen zu springen. Was sie nicht verstand, dichtete sie sich zusammen. Für sie hatte der Dämon des Verstehens, der Eren nun zusetzte, längst die Zähne verloren. Schließlich war sie in der Welt, die ihm fremd war, aufgewachsen.
Annie hatte nie großartig vom Widerstand gehört. Zumindest nicht über offizielle Quellen hinaus. Denn natürlich hatten Zeitungen immer wieder berichtet, und in der Militär-Akademie hatte es die übliche Fegefeuer-Rhetorik gegeben, wenn undankbare Eldier-Hunde die Hand bissen, die sie fütterte. Sie hätte nicht vermutet, dass sich etwas wirklich Überlegtes dahinter verbergen mochte. Und erst recht nicht, dass ihr Vater eine Rolle darin spielte.
Während Eren sich durch die Jugendjahre seines Vaters quälte, las sie von „Der Eule" und jenem Kind, welches sie als Zeke kannte. Schon auf dem Bild erkannt hatte.
[style type="italic"]„Na, Kameraden? Wer möchte denn gern Kinderfotos von mir sehen?"[/style]
Zekes Eisbrecher damals. Zusammen mit einem Plüschäffchen und einer gelben, krummen Frucht, die irgendwo aus fernen, südlichen Ländern gekommen war.
Das Wunderkind Zeke, ihr Lebensretter im Isketanum. Und der Halbbruder ihres Gefangenen... oder was war er nun?
Annie versuchte es bei ihrem neuen, alten Kameraden mit Einfühlsamkeit.
„Lies weiter. Du bekommst deine Antworten", forderte sie ihn auf, mit weicher Stimme und Schulterklopfen. Er wimmelte sie ab.
„Was ist das", presste er zwischen seinen Händen hervor. „Was ist das alles. Es ist grausam. Warum ist alles so grausam?"
Es war schwer, darauf zu antworten. Sie versuchte, sich drumherum zu winden. „Hast du... auch Erinnerungen, wenn du dies alles liest?" Sie zog einen Stuhl her und setzte sich ihm gegenüber. Nochmals berührte sie seinen Arm, und wieder schnappte er zurück.
„Voller Feinde. Die Welt ist groß und voller Feinde", murmelte er lakonisch.
„Ja." Sie langte hoch, zog seine Hände entschlossener auf und zwang ihn, sie anzusehen. „Du musst lesen, auch wenn es keine schöne Geschichte ist. Du musst lesen, um zu verstehen."
„Warum bist du so scharf darauf. Warum plötzlich."
Sie lächelte, offen und ehrlich. [style type="italic"]Weil ich am Ziel bin[/style] dachte sie. [style type="italic"]Weil ich heim gehen darf. Weil der Albtraum vorbei ist.[/style] „Lies und verstehe."
Er tat es, während sie sich wieder erhob und zu einem der Schränke ging. Sie holte eine Zinndose zwischen den Arzneien hervor. Der Inhalt duftete stark nach Apfel und Zimt.
„Ich koche Tee." Mitten im Keller, in einer steinernen Schale zum Mörsern, entfachte sie ein kleines Feuer und setzte Wasser auf.
„Sag mir was", kam es nach einer Weile vom Schreibtisch her.
„Gern."
„Sind wir... Reiner, Berthold, du und ich, ebenso wie alle Menschen in diesen Mauern, ein Volk?"
„Wir sind ein Volk."
„Wir töten uns gegenseitig." Eren sprach schleppend. „Ihr tötet uns."
„Weil andere es so wollen." Sie zögerte, ehe sie hinzufügte: „Aber ja. Wir töteten euch."
Eren legte das Buch beiseite und nahm sich jenes, welches Annie begonnen hatte. Nun würde er also über den Widerstand lesen. Von der ersten Ehefrau seines Vaters, Dina Fritz, und seinem Halbbruder Zeke. Annie verfolgte aus dem Augenwinkel, wie er reagierte. Sie hoffte, zumindest im ersten Moment würde sich seine Stimmung vielleicht heben, doch er wurde nur immer unergründlicher und verschlossener.
„Der Stolz Eldias", murmelte er, als der Tee für ihn, unberührt, schon wieder lauwarm wurde. „Kümmert dich dieser... Stolz?"
Annie saß wieder auf der anderen Seite des Tisches, nippte an ihrem Tee und wiegte den Kopf leicht von einer Seite auf die andere. „Er kümmert mich nicht, nein. Marley. Eldia. Wessen Stolz ist größer? Sie sind alle... gleich." [style type="italic"]Sie sind alle gleichermaßen egoistisch. So wie ich.[/style] "Doch die Eldier... wenn sie auch nicht den Stolz des Herrschens verdienen, so verdienen sie es zumindest, als Menschen behandelt zu werden. Anstatt einfach in der Strömung mitgerissen zu werden..."
„Hm. Als Menschen." Er nahm dies hin. Schielte plötzlich wieder zu ihr, grimmig und mürrisch. „Deine Laune ist so... gehoben. Es irritiert mich einfach."
„Hmhm..." Sie lächelte versonnen. Nicht die Geschichte über den Widerstand, Stolz oder sonstwas war dafür verantwortlich. Was ihre Freude entzündet hatte, war vor allem ihre eigene Vision gewesen, eine Erinnerung aus den [style type="italic"]Pfaden[/style] heraus.
[style type="italic"]Solltest du mich nun so sehen, solltest du in Gegenwart eines Wandlers sein, der sowohl den Angreifer-Titan als auch den Gründer in sich trägt.[/style]
Sie legte eine Hand in den Nacken und blickte gegen die Decke. Sie fing sogar an, mit dem Stuhl zu kippeln, einen Fuß gegen die Tischkante gestemmt. „Sagen wir, ich weiß einfach schon mehr als du. Lies einfach -..."
„Ja, ja." Er war gereizt. Sie ging ihm auf die Nerven.
„Nun sei nicht so." Sie versuchte es erneut mit Freundlichkeit. Damit war sie nicht gut. „Ich bewundere deinen Vater, weißt du? Gestern nachmittag noch, da dachte ich, es könnte nichts Besonderes mit ihm sein, doch schau nun. Du kannst ja gar nicht ermessen, wie sehr sich das Blatt gewendet hat." Sie lachte leise, was ihr erneut einen erschrockenen Blick von seiten Erens einbrachte. Ein Erschrecken, das sich rasch in eine überraschend wütende Miene verwandelte.
„Dann sags doch. Wie sehr."
„Ich soll dir das Ende der Geschichte verraten?" Sie klimperte mit den Fingernägeln an ihrer Tasse herum, als wünsche sie sich Trommelwirbel für die Enthüllung. „Dein Vater und ich, wir sind auf derselben Seite."
Er warf die Tasse nach ihr. Sie sah den Porzellanbecher auf sie zukommen und stieß sich ab – polternd ging der Stuhl zu Boden, und sie mit ihm. Klirrend sprang die Tasse an der Wand auseinander.
„Vor nichtmals drei Tagen! Vor nichtmals drei Tagen hast du noch das Blut meiner Freunde vergossen, weil man es dir [style type="italic"]befohlen[/style] hat! Und nun kommst du an, grinst wie bescheuert und sagst, du wärst auf der Seite meines Vaters?!"
Sie sprang erschrocken auf die Füße, die Hände in einer Geste der Entschuldigung hochgerissen. „Es war nicht anmaßend gemeint!"
„Du spinnst ja!" Er warf mit der kleinen Waage und den winzigen Gewichtchen, dann auch mit einem Tintenfässchen nach ihr. „All die Toten. Nichtmals nur von letztens, überhaupt alle! Hättest du nicht diese – diese Ymir-Kraft oder was auch immer verwendet, um sie wie Wanzen zu zerquetschen, hättest du noch ihr Blut an deinen Händen! Große Güte, ich sehe es noch immer vor mir, wie du Petra gegen den Baum getreten hast!"
„Hör auf!" Die Wurfgeschosse flogen haarscharf an ihr vorbei oder über sie hinweg. Das Tintenfass platzte hell klirrend an der Wand auseinander und hinterließ einen nachtschwarzen, riesigen Fleck. „Du verstehst nicht! Hör mir zu!"
Der Stuhl kam geflogen. Sie fing ihn und stolperte rückwärts. Eren kam über den Tisch hinweg hinterher, packte den Stuhl und schob an. Er klemmte sie gegen die Wand. Die Verbindungsstreben zwischen den Stuhlbeinen drückten ihr hart gegen den Oberkörper.
„Stimmt, ich verstehe rein gar nichts." Eren zischte sie über das Möbelstück hinweg an. „Mein Kopf ist voll von all dem Zeug, und du sagst nur ständig [style type="italic"]Lies, lies, lies![/style] Und das, nachdem du mich am liebsten direkt hier vorbeigezerrt hättest. Um mich diesen Marleyern auszuliefern. Ist das nicht so!"
„Ja. Ja, das war so. Jetzt nicht mehr!"
„Weil du nun eine Rebellin bist? Sag bloß nicht, ich soll einfach lesen!"
„Weil mein Vater einer ist." Im ersten Moment hatte sie noch ganz intuitiv gegengedrückt. Nun hörte Annie auf und sprach einfach. „Die Erinnerungen über die [style type="italic"]Pfade[/style], ich habe sie genau so wie du. Alle Wandler haben sie. Und mir ist mein Vater erschienen." Sie pausierte kurz, schöpfte Atem. „Dein Vater, Eren, war ein Wandler. Er hat den Besitzer des Gründer-Titan verschlungen und damit die beiden Titanen zu einem vereint, deinen Wächter – deinen Angreifer – mit dem Gründer. Er hat ihn dir vererbt, verstehst du?"
Er hielt kurz inne. „Vererbt. Ich habe... ihn [style type="italic"]gefressen?[/style]?"
[style type="italic"]Das Eine, das ich ihm erzählt habe. Das Fressen.[/style] Sie bereute es. Rechnete zerknirscht mit dem Schlimmsten. Und legte verstohlen den Daumen gegen den metallenen Ring, der an ihrem Finger steckte. „Ja. So muss es wohl sein. Wenn nicht, wären die Dinge anders gekommen."
Zu ihrer Überraschung ging er nicht weiter hoch. Stattdessen war sein Blick, wie zuvor immer mal wieder, glasig geworden. Wieder eine Erinnerung. Hatte sie ein Schlüsselwort verwendet? Annie zwängte sich hinter dem Stuhl weg und ruckte ihn schließlich aus Erens Händen. Es gab keine Gegenwehr.
„Eren. Du bist der Grund, aus dem wir, Reiner und Berthold, Marcel und ich, hierher kamen. Du besitzt den Gründer-Titan, du besitzt die Kommando-Fähigkeit. Weil dein Vater für den Widerstand arbeitete. Und er hinterließ dir einen Auftrag: Geh nach Marley und schließe dich dem Widerstand an." Sie trat an ihn heran und fasste ihn bei den Schultern. „Und ich habe den Auftrag, dich dabei zu unterstützen. Verstehst du?"
„Ich... verstehe."
[style type="italic"]Endlich.[/style] „Dann weißt du", flüsterte sie hoffend, „was nun zu tun ist?"
„Ja." Er kam mit zittriger Stimme in die Wirklichkeit zurück. Und schob sie erneut weg. „Ich gehe nun zurück zur Kundschafter-Legion."
„Was? Nein! Der Widerstand -"
„Hat zu warten. Ich bin zuerst anderen Leuten verpflichtet." Er starrte ihr entschlossen in die Augen. „Ich liebe meinen Vater. Doch ob er mir nun einen Auftrag überlassen hat oder nicht – ich werde nicht alles stehen und liegen lassen für ihn. Ich vergesse meine Freunde nicht und führe blind Befehle aus, weil Papa es sagt. So wie du."
Annies Augen wurden schmal. „Eren. Bitte."
„Sowieso. Reiner und Berthold sind noch immer in den Mauern unterwegs. Ich kehre ihnen nicht den Rücken und finde später gebrochene Tore vor."
„Sie liegen auf Eis. Sie werden sich vor meiner Rückkehr nichtmals rühren, geschweige denn eine Mauer angreifen."
„Was, wenn doch? Was, wenn sie auch einen Erinnerungs-Mist kriegen und völlig durchdrehen? Du selbst gehst gerade von Teufel zu Engel, ihr seid doch unberechenbar!"
[style type="italic"]Bin ich so schlecht. Bin ich so schlecht im Reden?[/style] Sie hätte weiter schweigen sollen. Verstockt wie ein Fisch war sie bisher durch diese ganze Geschichte gekommen, und nun?
„Nein, deswegen dreht man nicht... So funktioniert es nicht... Eigene Entscheidungen... Wir sind schließlich auch Menschen!"
Dann platzte die Decke auf. Sonnenstrahlen! Es war früher Morgen. Und ein Titan lächelte auf sie herab.
Riesige Finger hatten reingegriffen und zerrten das Holz weg wie den Deckel eines Picknick-Korbs. Über all das Gewerfe, Geschimpfe und Gerangel hatten sie völlig überhört, wie der Titan sich genähert hatte. Und über das Lesen hatten sie die Zeit vergessen. Das Monstrum starrte mit einem wahren Mörderlächeln auf sie herunter, mit entblößtem Zahnfleisch und grotesk runden Wangenknochen. Es warf die Holzdecke beiseite. Krachend landete der ganze Trumm außer Sicht.
Eren starrte in die Höhe, und sein Mund klappte auf vor Schock und Staunen. „Es ist er!", rief er aus. Und dann, leiser, als spräche er mit einer verlorenen Liebe: „Es ist... sie."
Annie stürzte an ihm vorbei und dorthin, wo das Manövergerät lag. Das Gurtzeug hatte sie gar nicht erst abgelegt; im Laufen fischte sie die Kabeltrommel auf und klinkte alles ein. „Raus hier! Jetzt!"
Doch Eren blieb stehen.
Die Hand des Titanen langte zu.
Annie schoss die Zugleinen aus dem Keller heraus in das Gebälk eines Nachbargebäudes. Mit heftigem Schub flog sie nach draußen. Hinter ihr gab es einen Knall, und der Blitz warf trotz des Morgenlichts einen scharfen Schatten, ihren eigenen Umriss, auf das Dach, auf dem sie nun schliddernd landete. Sie fuhr herum. Erens Titan reckte sich in die Höhe, ließ ein ohrenbetäubendes Röhren aus der Kehle aufsteigen. Er schlug dem Lächelnden, der nach ihm griff, gegen die Brust, sodass dieser stolperte und durch eine einsam stehende Fachwerkwand stürzte.
[style type="italic"]Ein Glück.[/style] Annie wähnte die Lage unter Kontrolle. Allerdings nur kurz, denn aus dem Augenwinkel erspähte sie Bewegungen. Schwankende Gestalten wimmelten im Distrikt umher. [style type="italic"]Der Einzelgänger... er war also wirklich nicht allein.[/style] Ärger auf sich selbst machte ihr das Schlucken schwer. Sie hatte noch daran gedacht, dann aber alle Vorsicht vergessen.
Der Wächter-Titan suchte sein Umfeld ebenfalls ab. Er musterte das Titanen-Rudel, das aus nicht gerade kleinen Exemplaren bestand und fünf Kreaturen zählte, und sicherte in Richtung des Lächelnden, der sich gerade erst wieder hochraffte. Dann fiel der Blick auf Annie.
Und er [style type="italic"]brüllte![/style] Er wirbelte förmlich in Bewegung und hielt direkt auf sie zu.
Erschreckt warf sich Annie vom Dach in die Straße und schwirrte los. Steckte so viel Wut in ihm, dass Eren sich ausgerechnet auf sie stürzte, während ganz Shiganshina voller Gegner war? Bloß weil er ihr kurz vor der Wandlung noch ins Gesicht hatte gehen wollen? Blindes Selbstkommando passierte doch nur Anfängern.
[style type="italic"]Andererseits ist er genau das...[/style]
Mit einem Krachen explodierte das Gebäude gleich neben ihr in einer Zunderwolke: Der Wächter-Titan war gesprungen! Seine Hand rauschte in ihren Pfad. Annie kam so hart zum Stehen, dass ihr der Rücken vom Steiß bis zu den Schultern brannte. Sie federte in den Zugseilen zurück und weg von den packenden Fingern, feuerte den Haken durch eine offene Tür in ein Haus, das kein Dach mehr hatte. Sie zog den Kopf ein und schoss unterm Türsturz hindurch, flog durch eine Wohnung und landete in einem Esszimmer, auf einem Tisch. Sie rannte schon, da war sie noch in der Luft. Seit Jahren ordentlich aufgestelltes Geschirr flog runter. Gleich weiter, durch ein Fenster. Glas klirrte.
Erens Fuß ging auf den Tisch nieder.
Auf die Hauptstraße hinaus. Kaum Hindernisse, aber viele hohe Dinge! Nur der Wald wäre noch besser gewesen. Das Manövergerät schleuderte sie über das Kopfsteinpflaster. Ihre Schuhspitzen streiften gelbes, sonnenverbranntes Gras. Aufregung. Da war keine Spur von Müdigkeit mehr. Bloß das Feuern von Haken und Reflexen, das Zerren von Zugleinen und Muskelsträngen.
Spaß. In diesen Mauern gab es immerhin etwas, das hatte Spaß gemacht. Neben dem waffenlosen Kampf. Das Manövergerät. Reiner, Berthold und sie hatten, nur zu dritt, zu drastischen Mitteln gegriffen, um es zu meistern. Schließlich konnte niemand so rücksichtlos mit dem eigenen Körper umgehen wie sie. In den Wäldern hatten sie sich die Knochen gebrochen, dutzende Male, und Muskeln gerissen, hunderte Male. Keine dieser Verletzungen hatte je ein Lazarett gesehen. Spaß. Bei all der Schinderei hatten sie Spaß gehabt. [style type="italic"]Marcel hätte es sicher auch gefallen...[/style]
Die Ergebnisse dieses Trainings hatten ihnen mit die besten Plätze gesichert.
[style type="italic"]Nur nicht den ersten Platz... Dieses Biest. Heute nehme ich dich als Vorbild.[/style]
Annie Leonhardt fegte durch Shiganshina wie Mikasa Ackermann durch Trost.
Ein Schatten wie ein dahinschießender Falke raste über sie hinweg. Sie warf die Füße nach vorn – die Schubdüse kehrte sich gegen den Boden, kämmte das Gras nieder und wirbelte sie senkrecht hoch! Ein vierfüßiger Titan, katzenhaft schlank, landete genau vor ihr, und sie segelte über ihn hinweg. Schlug einen Salto in der Luft, spürte den Zugwind eines zuschnappenden Mauls. Noch auf dem Kopf stehend sah sie, wie der Wächter-Titan mit dem Knie voran in den Schlanken krachte, ihn zusammenstauchte.
Sie huschte um eine Hausecke. Was jetzt also? Sollte sie ihren Titan rufen? [style type="italic"]Ich habe bloß noch ein einziges, vernünftiges Mal. Und das, wo doch alles schon wieder viel schlechter ist als vorher...[/style]
Eigentlich hatte sie geplant, mit Eren zusammen zum Hafen zu reisen, dort das Schiff der Marleyer zu erobern und dann heimwärts zu fahren. Es klang so schön simpel. Doch wenn Eren nicht wollte, musste sie ihn niederknüppeln – wie ursprünglich geplant. Doch mit dem Unterschied, dass sie nun nichtmals mehr die Marleyer als Verbündete hatte.
[style type="italic"]Ich kann am Hafen nichtmals rasten. Ich kann es nirgendwo, außer ich gebe Eren auf! Oder soll ich vorgeben, noch auf ihrer Seite... Nein, wenn ich erstmal liege, werde ich für drei Tage nicht mehr aufstehen. Bis dahin werden sie ihn einschiffen...[/style]
Vor ihr erhob sich als mahnender Zeigefinger der Kirchturm. Annie stieg in Spiralen an ihm hinauf, spürte dabei das Nachlassen des Schubs. Offenbar ging ihr das Gas aus. Half nichts. Schließlich landete sie auf dem Dach, fing sich mit der Armbeuge an der Wetterstange. Und spähte rundum.
Auf der Straße zur Kirche rannte Eren heran, mit glimmenden Smaragden in schwarzen Augenhöhlen. Und der schlanke Titan folgte ihm, eine Dampfspur nach sich ziehend. Der Abnormale schleuderte sich plötzlich in den Rücken des Wächters, krachte ihm ins Kreuz und warf ihn von den Füßen. In einem Knäuel stürzten sie die letzten paar Meter zum Turm. Mit Schwung. Und Wucht.
„Maria", flüsterte Annie, „Rose", fluchte sie, „Sina."
Sie schrie vor Wut, als Abnormaler und Wandler unter ihr einschlugen. Der Turm erbebte in einer Welle und ging in Stücke, verwandelte sich in einen steinernen Schwarm aus grauen Quadern und roten Ziegeln. Annie fiel. Wehrte sich nicht dagegen. Suchte keinen neuen Haltepunkt für die Zugleinen. Sondern klappte das versteckte Messer ihres Rings hervor. [style type="italic"]So seie es eben.[/style]
Schnitt. Blitz. Als sie rücklings aufschlug, brach sie einem aufheulenden Ding die Knochen. Dem Schlanken vielleicht? Ihr war es egal. Der Weibliche Titan blieb noch einige Momente still liegen und starrte in den blauen Himmel.
Wie chaotisch das doch alles war. So durcheinander. Vielleicht hätte sie den impulsiven Trottel gar nicht erst kriegen sollen, gar nicht erst fangen sollen. Dann wäre sie nun schon wieder in Stohess... und hätte Ruhe.
[style type="italic"]Ich wäre gern frei wie ein Vogel. Hoch oben bei den Wolken.[/style]
Am Rande ihres Blickfeldes erschien der spitz zulaufende Kopf des Abnormalen. Er beäugte sie, als seie er verwundert über ihr plötzliches Erscheinen. Ihre Hand schoss vor, umkrampfte seinen gertenschlanken Hals. Pressen. Zermalmen. Ließe sich doch nur jedes Problem so leicht lösen! Wäre doch nur alles Schlechte auf dieser Welt einfach titanengroß, menschenfressend und in Rauch auflösbar.
[style type="italic"]Ich werde... ich sollte... ach![/style] Weg mit der Planung, das war doch alles doof. Und ging eh schief. Denn die Welt hasste sie, und sie hasste die Welt, und diesen Hass würde sie nun an irgendwem auslassen.
Sie kam schwankend hoch. Wälzte sich von ihm herunter, der da lag und röchelte. Eren. Dem Wächter-Titan, dem Angreifer-Titan. Und ihre Kampflust löste sich auf wie ein Schneeball in der Pfanne. Sie sah ihn da liegen und erschlaffte einfach, geistig und körperlich. Ließ ihn schwankend und schief aufstehen. [style type="italic"]Warum? Warum bist du mir nachgestürmt?[/style] Wollte er sie wirklich so sehr als ersten Gegner zum Auslöschen, selbst jetzt noch? [style type="italic"]Selbst jetzt, nachdem ich dir meine Hilfe anbot?[/style] Das hautlose Gesicht des Weiblichen Titan musste die Traurigkeit, die sie so unvermittelt und machtvoll erfasste, wohl wiederspiegeln. Ihr Titan war ohnehin besser darin.
Ergeben legte Annie den Kopf schief, sodass der Angreifer einen guten Blick auf ihren Nacken bekam. Einen guten Blick auf das Ziel. Dabei betrachtete sie ihn, unbeteiligt und... neugierig. Was wollte er jetzt? [style type="italic"]Mach, was du willst.[/style]
Eren öffnete die Kiefer weit. Und biss zu.
