Kapitel 3: Bekanntschaften

Die fahrt verlief verhältnismäßig ruhig, wie ich fand. Obwohl der Zug voller lärmender Schüler war, hielt sich der „Besuch" in dem Abteil, in dem ich es mir gemütlich gemacht hatte, relativ in Grenzen.

Ab und zu öffnete sich die Abteiltür und gab hereinlukende Gesichter frei. So suchte ein Junge mit dunklen Haaren und einem schüchternen Blick kleinlaut seine Kröte. Ich musste mich beherrschen, um ihm so freundlich wie nur irgendwie möglich verstehen zu geben, dass seine Kröte sich nicht in meinem Abteil befand und er doch bitte woanders suchen sollte. Ich musste seufzen.

Ein verlorenes Haustier war für mich nun wirklich nicht von Bedeutung. Besonders nicht nach letzter Nacht. Die Todesvision von letzter Nacht beschäftigte noch immer meine Gedanken. Wie jedes Mal zog sie mich mental runter. Wie so oft, stellte ich mir wieder und wieder die gleichen Fragen. Wer war sie? Warum musste sie sterben?

Ein Sonnenstrahl blitzte durch die Wolken und traf mein Gesicht. Schmerzerfüllt wandte ich mich vom Fenster ab. Die Kopfschmerzen, welche ich regelrecht vergessen hatte, begannen mich wieder zu quälen. Wieder einmal verfluchte ich die Tatsache, dass diese Kopfschmerzen selbst das beste Schmerzmittel überlebten. Meine ohnehin schlechte Laune sank nahe Richtung Nullpunkt.

Wenig später fanden auch noch ein paar weitere Schüler den Weg in mein Abteil. Offensichtlich waren sie von Neugierde gepackt. Die Nachricht, dass sich eine neue Schülerin im Zug befand, lief wie ein Lauffeuer durch den Zug. Ich fühlte mich wie ein Tier im Zoo, so wie ich angestarrt wurde. Es fing an zu nerven, was sich in meiner Miene deutlich widerspiegelte. Ein Blick reichte daraufhin aus, um auch den Neugierigsten mit hochroten Kopf und einer Entschuldigung zu vertreiben.

Ich wusste selbst nicht, was mit mir los war. Normalerweise war ich ein Mensch, der seine Gefühle gut beherrschen konnte. Gerade Wut und schlechte Laune machte mir in der Hinsicht wenig aus.

Egal wie viel Wut ich auch bisher in meinem Bauch hatte, sie blieb bis jetzt auch dort. Doch im Moment war ich so genervt und vor allem wütend auf meine fehlende Beherrschung, dass ich das Gefühl hatte, meine Wut würde gleich aus mir herausbrechen. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Schließlich wollte ich nicht, dass sie Abteilscheiben zerspringen. In meiner Kindheit war dies typisch für mich. Wenn ich damals starke Gefühle hatte, gab es immer irgendwo Scherben.

Meine Eltern fanden diese Ereignisse nie verwunderlich. Sie taten es stets als Zufall ab und es wurde nicht darüber gesprochen. Es wurde zum Tabu-Thema erklärt. Heute weiß ich, dass meine Eltern sehr wohl wussten, warum dies geschah. Schließlich geschah dies schon unzähligen zukünftigen Hexen und Zauberern.

Verwundert schüttelte ich den Kopf, als ich merkte, dass meine Gedanken zum Zweiten Mal an diesem Tag in der Vergangenheit verweilten. Erst die Erinnerung an meine Freundinnen und jetzt an meine Kindheit.

„Hallo, du musste neu sein!"

Ich schreckte aus meinen Gedanken. An der Tür stand ein junges Mädchen. Rote Haare umrahmten ein freundliches und offenes Gesicht. Blaue Augen funkelten mir entgegen. Sie war attraktiv, musste ich neidisch zugeben. Ich konnte mit meinen widerspenstigen Locken und meinem blassen Gesicht nicht mithalten. Als ob ich sie dazu aufgefordert hätte trat sie ganz ein und schmiss sich auf die Bank mir gegenüber.

Meinen feindlichen Blick a la „Lass mich in Ruhe, ich hab schlechte Laune" ignorierte sie geflissentlich. Die Neugierde in Person schien mir gegenüber zu sitzen. In Gedanken verdrehte ich genervt die Augen.

„Ich bin Ginevra Weasley! Du kannst mich Ginny nennen. Wie heißt du?", kam auch schon die nächste Frage.

Ich hatte nun wirklich nicht den Nerv, ihr zu antworten. Meine Kopfschmerzen schwellten an. Mein Blick glitt zum Fenster in der Absicht ihr nicht zu antworten. Vielleicht lässt sie mich in Ruhe meine schlechte Laune pflegen, wenn ich sie lang genug ignoriere.

„Oh, ich verstehe, du willst mich ignorieren, sodass ich abhaue und du in schlechte Laune ertrinken kannst, stimmst?" Mist, konnte sie jetzt auch noch Gedanken lesen? Diesen Triumph wollte ich ihr nicht gönnen.

„Phoebe Mackenzie ist mein Name.", sagte ich nach ein paar Minuten Stille und blickte weiterhin aus dem Fenster.

„Freut mich dich kennen zu lernen! Weißt du schon in welches Haus und welchen Jahrgang du kommst?" Hier horchte ich zum ersten Mal auf. Meine Eltern hatten mir bisher nur wenig von Hogwarts erzählt, doch das mit den Häusern hörte ich zum ersten Mal. Neugierde regte sich in mir.

„Was hat es mit diesen Häusern auf sich?" Sie sah mich überrascht an. Anscheinend nahm sie einfach an, dass ich es wusste. Seltsamerweise fühlte ich ein Bedürfnis mich zu erklären.

„Ich komme aus Deutschland von der Zauberschule Magiras. Meine Eltern sind hierher gezogen und so musste ich die Schule wechseln. Ich weiß so gut wie nichts über Hogwarts", entschuldigend sah ich sie an.

Ginny setzte sich auf und stützte die Ellbogen auf die Knie. Ich bereitete mich auf einen längeren Vertrag vor.

„Also, eigentlich ist es ganz einfach. Es gibt vier Häuser: Gryffindor, Ravenclaw, Hufflepuff und dann gibt es noch Slytherin. Hoffe mal, dass du da nicht hinkommst. Malfoy und Konsorten sind da." Gerade wollte ich sie fragen, wer denn nun wieder dieser Malfoy war, als die Tür erneut aufflog.

„Hier bist du. Ich hab dich schon überall gesucht!" das Mädchen, dass nun in meinem Abteil stand, kannte ich. Vom Sehen natürlich. Es war das Mädchen aus der Gruppe, der ich zum Gleis gefolgt war. Ihr Blick fiel auf mich und es hellte sich auf. Sofort hatte ich das Gefühl offiziell zum „Pflegefall" zu mutieren.

Ginny stellte mich ihrer Freundin vor. Im Gegensatz dazu lernte ich, dass der Neuankömmling Hermine Granger hieß und in den Abschlussjahrgang ging. Beide Mädchen, die doch nicht so nervig waren, wie ich angenommen hatte, klärten mich anschließend über Hogwarts auf. Sie redeten über Lehrer, Fächer, die Häuser, Unterricht und über Jungs. Letzteres tat vor allen Ginny.

Mit der Zeit verschwand meine schlechte Laune und auch meine Kopfschmerzen verzogen sich. Die restliche Zeit verging wie im Flug.

Es war bereits dunkel, als der Zug in den Bahnhof von einem kleinen Zaubererdorf namens Hogsmeade. Ginny und Hermin verabschiedeten sich von mir. Beide mussten ihre Aufgaben als Vertrauensschülerin und Schulsprecherin wahrnehmen. Ich trat auf den Bahnhof. Wie bereits auf dem Postwege besprochen hielt ich nach den kleinen Erstklässlern Ausschau.

„Erstklässler! Hierher!" Hinter mir stand der größte Mann, den ich je gesehen hatte. Schwarze Knopfaugen sahen mich an. Er war mir sofort sympathisch. Mittlerweile hatten sich auch die letzten Erstklässler um uns gescharrt. Wir folgten dem sympathischen Riesen zu einem Seeufer, wo ich mit drei weiteren kleinen Schülern in ein Boot verfrachtet wurde.

In der Dunkelheit glitten die Boote über den See. Sie folgten einer Biegung und dann sah ich es. Majestätisch ragte es vor uns auf, Schloss Hogwarts…

tbc