Inzwischen war fast eine Woche vergangen, seit Gilbert und Kiku nach Italien in die Toskana gereist waren, und beide hatten sich mittlerweile gut eingelebt.
Kiku gefiel sein Job in der Buchhandlung sehr. Allerdings musste er sich erst an seinen neuen Arbeitgeber gewöhnen. Denn er war anders als alle seine vorherigen Arbeitgeber, und das auf fast jede Art und Weise. Schon das erste Mal, als er die Buchhandlung betreten hatte, hatte er ein mulmiges Gefühl gehabt. Doch er hatte es zuerst abgetan und sich nichts weiter dabei gedacht, aber jetzt…. Sein Arbeitgeber war ein Mann namens Berwald Oxenstierna.
Er war ein großgewachsener Mann mit kurzen blonden Haaren und grünlich blauen Augen. Er trug eine Brille und außerdem einen Hut, den er selbst in der Buchhandlung nur selten abnahm. Berwald schien eigentlich ganz normal zu sein, doch allein sein Blick ließ Kiku einen Schauder eiskalt den Rücken hinunterlaufen und ihn automatisch nach unten blicken. Noch nie hatte er jemanden kennengelernt, der so eine einschüchternde Art hatte. Doch seinen lieben Freund Gilbert, der ihn manchmal begleitete, hielt selbst all das nicht davon ab, den Schweden zu ärgern. Aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund war Gilbert nahezu besessen von Berwalds Hut. Auch wenn er nicht verstand, warum Gilbert sich plötzlich für Hüte interessierte. Aber vielleicht war dies ja auch einfach nur ein Vorwand. Gilbert konnte man manchmal sehr schlecht einschätzen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit nahm er sich den Hut und ließ den verärgerten Berwald einfach stehen. So ging das in einem stetigen Wechsel immer weiter und man fragte sich, ob die beiden je damit aufhören würden.
Mit seinem Kollegen hatte Kiku dagegen eher weniger Probleme. Er hieß Tino Väinämöinen. Doch er selbst sagte einfach nur Tino zu ihm, weil er dessen Nachnamen sowieso nicht aussprechen konnte.
Tino hatte ebenfalls kurze blonde Haare und braune Augen und verhielt sich stets höflich und sehr freundlich. Er war eigentlich immer guter Laune. Selbst in Berwalds Gegenwart, wobei die beiden eindeutig mehr zu verbinden schien als nur ihr Beruf. Die beiden unterhielten sich ständig und erledigten fast ihre gesamten Aufgaben gemeinsam. Es war manchmal echt gruselig. Vor allem, weil man den Eindruck hatte, dass Berwald ein richtiger Kontrollfrek war, wenn es um Tino ging.
Neben seiner Arbeit hatte Kiku aber auch Zeit für seine anderen Aktivitäten. Seit seiner Ankunft hatte er bereits vier weitere Gedichte geschrieben und arbeitete schon an seinem Nächsten. Er hoffte immer noch darauf sie bald jemandem zeigen zu können, der etwas davon verstand. Denn um ehrlich zu sein waren weder Gilbert noch Yao gute Zuhörer, wenn es um Gedichte ging.
Den Preußen hatten Bücher, Gedichte und Ähnliches nie wirklich interessiert; und Yao beschäftigte sich viel lieber mit seinen wundervollen Antiquitäten oder probierte in der Küche neue Rezepte aus, als sich mit Kikus ergreifenden Gedichten auseinanderzusetzen.
Außerdem hatte Kiku neben seiner Aufgabe als Dichter auch damit begonnen, einige von Yaos kostbaren Antiquitäten auszusortieren. Nachdem der Japaner mit seinem Ziehvater lange diskutiert hatte, konnte er ihn endlich dazu überreden, einige der Antiquitäten wegzuwerfen, damit es wieder etwas mehr Platz in seiner Villa gab.
In einigen Räumen konnte man nicht mal einen Fuß vor den anderen setzen, und der ordentliche Kiku war der Meinung, dass sich dies allmählich ändern müsste. Also setzten sich die beiden in Yaos Haus zusammen und durchstöberten die verschiedenen Räume. Bei manchen Dingen, die sie dabei fanden, wusste der Chinese nicht einmal mehr, woher diese stammten oder warum er sie überhaupt erworben hatte.
An manchen Tagen war der arme Japaner der Verzweiflung nahe, weil er sich nicht sicher war, ob das Ganze überhaupt einen Sinn hatte. Doch er hörte nicht auf und ging jede Antiquität mit Yao durch. So hatten sie in dieser einen Woche schon zwei ganze Räume völlig durchkämmt, und ein großer Teil der Gegenstände war im Müll gelandet. Nun konnte man immerhin wieder durch die besagten Räume gehen, auch, wenn man sich doch noch nicht allzu frei bewegen konnte. Aber es war ein Anfang.
Während Kiku und Yao gemeinsam die Villa durchforsteten, war Gilbert entweder nicht zu Hause oder lag schlafend auf dem Sofa oder auf seinem Bett, je nachdem, wie müde er war und wie viele Schritte er noch gehen wollte.
Gilbert gefiel sein Kellnerjob eigentlich ganz gut (soweit jemandem wie Gilbert eine Arbeit gefallen konnte), aber für jemanden, der ansonsten andere für sich arbeiten lässt, war diese Kellnerei doch sehr ungewohnt und ermüdend. Jeden Tag musste er Teller hin und her tragen und sich den Gästen gegenüber stets freundlich verhalten. Das kostete ihn oftmals einiges an Überwindung, weil er nie extremen Wert auf Freundlichkeit und Höflichkeit gelegt hatte, doch nach einer Woche hatte er sich allmählich daran gewöhnt.
Außerdem hatte er einen interessanten Arzt kennengelernt, der in einem Hotel in der Nähe des Restaurants wohnte, mit dem er immer Rätsel austauschte. Erst wenn er das Rätsel des anderen gelöst hatte, konnte er ihm sein eigenes geben. Der Name des Arztes war Antonio Fernández Carriedo.
Antonio war ein Mann mit braunen kurz geschnittenen Haaren und grünen Augen. Er war Spanier, hatte eine Vorliebe für Gemüse, besonders für Tomaten XD und aß (zumindest im Restaurant) selten Fleisch. Antonio war immer gut gelaunt und oftmals etwas tollpatschig. Manchmal war man der Meinung, er bekäme nichts um sich herum mit und würde einfach sagen, was ihm gerade durch den Kopf ging. Trotzdem hatte er bisher jedes Rätsel gelöst, das er bekommen hatte, egal wie schwer es für andere zu sein schien.
Gilbert unterhielt sich gerne mit ihm. Außerdem wetteiferten die beiden immer, wer nun wessen Rätsel schneller lösen könnte. Das war definitiv eine der amüsanten Seiten an der Arbeit des Preußen. Außerdem hatte sich sein Verhältnis zu Yao gebessert. Der Chinese zweifelte nun nicht mehr an jedem Schritt, den der Preuße machte, und lobte ihn ab und zu sogar.
Außerhalb seiner Arbeitszeiten verbrachte Gilbert die meiste Zeit damit, zu schlafen oder sich die Gegend anzusehen. Seit Kiku und Yao angefangen hatten, das Haus auszuräumen, verbrachte Gilbert sogar mehr Zeit damit, draußen herumzulaufen als zu schlafen. Doch das war nicht der einzige Grund, warum er durch die halbe Stadt lief, anstatt sich auszuruhen. Schließlich hatte er sich etwas vorgenommen.
Seit er vor einer Woche Roderich getroffen hatte, hoffte er darauf, auch Elizaveta über den Weg zu laufen. Er war sich hundertprozentig sicher, dass Roderich gemeinsam mit Elizaveta hierher gefahren war. Also musste sie ja irgendwo zu finden sein. Vielleicht war sie mit dem kleinen Feliciano unterwegs und ließ sich von ihm die Gegend zeigen, oder sie saß mit ihm in einem Restaurant und aß mit ihm Pasta. Es war unglaublich wie sehr der Italiener Pasta liebte.
Der Preuße war völlig in seine Gedanken über Elizaveta vertieft, als er plötzlich mit jemandem zusammenstieß und zu Boden fiel.
„Also wirklich! Können sie nicht aufpassen, wo Sie hinlaufen, Sie Vollidiot?", riefen beide wie aus einem Mund.
Gilbert hob, sich die Stirn reibend, langsam den Kopf. Sein Schädel fühlte sich an wie Blei, doch er versuchte den Schmerz zu ignorieren und überlegte sich, was er dem Typen sagen würde, der ihn einfach so umgerannt hatte. Wie konnte es auch nur irgendjemand wagen ihn zu übersehen, ihn, Gilbert? Er wollte gerade anfangen sein Gegenüber zu beschimpfen, als er in ihr Gesicht blickte.
Zum ersten Mal in seinem Leben wusste der Preuße nicht, was er sagen sollte. Sein ganzer Kopf war völlig leergefegt. Ihm stockte der Atem, und er konnte einfach nur verdutzt in ihr Gesicht blicken. Vor ihm saß, ähnlich verwundert, Elizaveta, und um sie herum verstreut lagen gefüllte Einkaufstüten.
„Gilbert?" Elizaveta beugte sich vor und stellte fest, dass es wirklich Gilbert war, der vor ihr saß.
„Was machst du denn hier?"
„Ich…ich…ich…Entschuldige, ich hätte besser aufpassen sollen. Komm, ich helfe dir." Der Preuße stand auf, half Elizaveta auf die Beine und fing an, die auf dem Boden liegenden Einkäufe einzusammeln. Dabei hielt er den Blick gesenkt und versuchte, seine Fassung zurück zu bekommen, was deutlich fehlschlug.
Elizaveta stand da, immer noch völlig verwundert, und sah zu, wie der Preuße damit beschäftigt war, die Einkäufe aufzusammeln, die sie hatte fallen lassen. Sie war völlig überrascht und wusste nicht, was sie machen sollte. Immerhin hätte sie nie erwartet, ihren Feind aus Kindertagen hier in Italien zu treffen. Die Ungarin war wie gelähmt.
Während sie noch darüber nachdachte, warum Gilbert in Italien war, wie lange schon und was er überhaupt wollte, hatte dieser bereits alles wieder aufgesammelt. Er erhob sich und drückte Elizaveta die Tüten in die Hand.
„So…ich…mmmhhh… muss leider weiter. Vielleicht… sehen wir uns ja noch mal."
„…Ja…", sagte Elizaveta gedankenverloren.
„Ok, …tschüss." Gilbert machte auf dem Absatz kehrt und ging schnellen Schrittes weiter. Elizaveta hatte sich wieder gefasst und machte sich ebenfalls auf den Weg. Sie nahm sich vor, Roderich sofort von ihrer Begegnung mit Gilbert zu erzählen, wenn sie wieder zu Hause war. Mal sehen was er dazu sagte. Vielleicht würde er ähnlich überrascht sein wie sie, oder er würde es einfach zur Kenntnis nehmen und dabei belassen. Die beiden waren ja nicht gerade die dicksten Freunde, wirklich nicht. Doch dafür musste sie erst einmal wieder nach Hause gehen. Außerdem musste sie ja auch noch für Roderich und Feliciano kochen. Also beschloss sie Roderich erst darauf anzusprechen, nachdem sie ihre Aufgaben erledigt hatte.
O mein Gott! Habe ich gerade wirklich Elizaveta getroffen? Ich hab mich ja wie der letzte Idiot aufgeführt. Gilbert fühlte sich seltsam. Er war endlich Elizaveta über den Weg gelaufen und jetzt hatte er sich wie ein verliebter Teenager aufgeführt. Wie konnte das nur passieren?
Nie hätte der Preuße gedacht, dass er nichts zu sagen wüsste, wenn er vor Elizaveta stand. Statt vernünftig mit ihr zu reden (wenn sie ihn nicht gerade mit einer Bratpfanne verprügelte), hatte er nur gestottert und vor sich hin genuschelt. Er könnte sich am liebsten selbst mit der Bratpfanne verprügeln. Er wollte diese Begegnung am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen. Was würde sie nun von ihm denken? Elizaveta hatte wahrscheinlich noch nie viel von ihm gehalten (zumindest war das seine Meinung), aber was würde sie nach diesem Auftritt denken… Doch vielleicht war ihr das gar nicht so aufgefallen. Da sie nicht sofort mit ihrer Bratpfanne nach ihm geschlagen hatte, schien sie ebenfalls überrascht zu sein. Vielleicht bildete er sich das aber auch einfach nur wieder ein…
Gilbert wollte diesen Tag einfach vergessen und, falls er noch eine Chance dazu bekommen sollte, wollte er es beim nächsten Mal besser machen. Doch fürs Erste hatte er genug. Er wollte einfach nur nach Hause.
Dort angekommen, begrüßte er schnell Kiku und Yao, die nun damit angefangen hatten, den großen Speisesaal des Hauses auszuräumen, indem sich mehr Antiquitäten stapelten als irgendwo sonst. Danach legte er sich in sein Bett, vergrub den Kopf in den vielen kuschelig weichen Kissen, zog sich die Decke über den Kopf und hoffte, dass er endlich einschlafen und diesen Tag vergessen könnte. Zumindest fürs Erste…
Anmerkung des Autors: Sorry, dass ich so lange für das Kapitel gebraucht habe, aber mir ist ständig was dazwischen gekommen. Naja, jetzt ist das Kapitel fertig und ich versuche das nächste schneller zu updaten. :D Kommentiert, wenn es euch gefällt, oder falls ihr etwas anmerken wollt.
