3 Das Gerücht

Er war aufgeregt. Den Grund konnte er nicht wirklich benennen. Er fragte sich, warum zufällig jetzt Death Eater in Transsylvanien entdeckt wurden und woher Malfoy das wusste. Diesen Gedanken wälzte er immer noch, als seine Wachzauber losgingen und Besuch anmeldeten. Als er an der Tür war, klopfte es.

»Hey Malfoy. Woher hast du die Information mit den Death Eatern?«

Draco sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen und einem schelmischen Grinsen an: »Auch dir einen guten Morgen, Potter.«

Mit geringschätzigem Blick über Harry streifend, fügte er noch hinzu: »Ist ein ungepflegtes Erscheinungsbild Pflicht auf dieser Reise?«

Er ging nicht ins Haus, sondern wartete im Türrahmen auf eine Reaktion. Harry schnaufte, wandte sich ab, um seine geröteten Wangen nicht zu zeigen und sagte:

»Du bist der Letzte, mit dem ich meine Kleidungswahl diskutieren werde. Es kann ja nicht jeder … Komm rein, willst du einen Kaffee?«

Draco lachte, er hätte gerne gewusst, was Harry da gerade verschluckt hatte. Er blieb gelassen. Wie es aussah, konnte er den Anderen immer noch reizen.

»Ich würde einen Tee nehmen, aber ich dachte wir wollen abreisen.«

Harry drehte sich zu ihm um, bereits an der Tür zur Küche. Merkwürdigerweise trug er heute wieder eine Brille.

»Ich möchte vorher noch ein paar Punkte klären. Woher hast du die Information? Warum willst du mitkommen? Renne ich in eine Falle?«

Draco schüttelte den Kopf, jedoch nicht ohne sein berühmtes Glitzern in den Augen und den Anflug eines höhnischen Lächelns.

»Es ist schön zu wissen, dass einem vertraut wird. Ich habe die Information von einem Mitarbeiter des Ministeriums. Fraglos hat auch der Held unserer Welt Beziehungen. Du kannst ja deine Quellen noch mal anzapfen, um meine Hinweise ob ihres Wahrheitsgehaltes zu prüfen. Wenn es eine Falle wäre, würde ich sie dir kaum ankündigen. Und ich dachte den Punkt meiner Begleitung haben wir gestern geklärt.«

Harry drückte ihm eine Tasse Tee in die Hand und nickte in Richtung Sofa.

Irgendwie schien es ihm, als würde Malfoy immer besonders gestochen reden, wenn er sich ärgerte. Er drehte Malfoy den Rücken zu und ging zum Kamin, warf eine Prise Flohpulver hinein und steckte den Kopf ins Feuer.

»Guten Morgen Kingsley, kann ich dich mal kurz was fragen?«

Draco konnte die Reaktion nicht hören, aber sie musste positiv gewesen sein, da Harry direkt ohne Überleitung nach den Death Eatern in Transsylvanien fragte. Nach zwei Minuten bedankte und verabschiedete er sich und zog den Kopf aus dem Kamin. Nachdem er gegenüber von Draco Platz genommen hatte, musterte er ihn lange bevor er sprach.

»Die Information ist erst gestern im Ministerium angekommen und nur wenigen bekannt. Deine Quelle muss gute Ohren haben. Es wurde von Runcorn und einem anderen gesprochen, dessen Status jedoch ungeklärt sei. Wir könnten ihnen tatsächlich in die Arme laufen. Muss ich mit einer Attacke von hinten rechnen, wenn die beiden vor mir stehen?«

Draco schüttelte den Kopf, diesmal ohne zu grinsen. »Nein, Har– Potter. Ich werde dir nicht in den Rücken fallen. Welchen Punkt meiner Rede gestern hast du nicht verstanden? Wenn ich gleich auf der Reise eine Chance erhalte, mich meiner Lebensschuld zu entledigen, indem ICH deinen Arsch anstelle deiner üblichen Sidekicks rette, dann bist du mich umso schneller wieder los. Wollen wir jetzt aufbrechen oder soll ich erst noch ein Tässchen Veritaserum trinken und das Ganze noch mal wiederholen?«

Harry überlegte einen Moment. Es war möglich, dass Malfoy pokerte und damit rechnete, dass Harry ihm vertraute. Andererseits war ihm nicht entgangen, dass der andere ihn zum ersten Mal fast bei seinem Vornamen genannt hätte. Auch freute er sich, dass er Malfoy dazu gebracht hatte, ordinärer zu sprechen.

Er grinste und nickte, was Malfoy zu überraschen schien.

Sie gingen in den Garten, Harry nahm Malfoy bei der Hand, was ihm einen fragenden Blick und sehr hoch gezogene Augenbrauen einbrachte, und disapperierten. Harry ließ Malfoy wieder los als sie ankamen und sagte:

»Ich fange in kleinen Schritten an dir zu vertrauen, aber je weniger du über unsere genaue Position weißt, umso geringer ist das Risiko. Oder dachtest du ich mache dir gleich einen Antrag?«

Mit einem für ihn sehr frechen Grinsen, drehte sich der Schwarzhaarige um und lief los. Draco versuchte seine Verwirrung zu überspielen, indem er die Umgebung in sich aufnahm. Eigentlich war es seine Rolle frech zu grinsen.

Wann war Harry so selbstbewusst geworden? Auch dieses schelmische Blitzen in den grünen Augen war ihm neu. Er schluckte und versuchte sich stärker auf die Landschaft zu konzentrieren. Sie waren am Fuße eines Berges und um sie herum war es stockdunkel. Hauptsächlich lag das jedoch an den dichten Baumkronen.

»Willst du etwa da rauf laufen? Warum können wir nicht hoch apparieren?«

Draco war der Gedanke an unnötige Wege nicht angenehm. Er war doch nicht auf einer Muggel-Wandertour. Aber er versuchte, seine Stimme beiläufig zu halten, damit Harry nicht gleich am Anfang schon bereute ihn mitgenommen zu haben. Dieser drehte sich nur um und zog aus seiner Gürteltasche seinen Feuerblitz und sagte:

»Ich will genau sehen, wo der Eingang zur Schlucht ist und was uns darin erwartet, deshalb fliegen wir. Ich weiß auch nicht, ob die Oberfläche des Berges eine sichere Landung gewährleistet. Hast du deinen Besen dabei?«

Draco sah ihn mit ausdruckslosen Gesichtausdruck an:

»Vielleicht hättest du mir sagen sollen, dass wir einen brauchen.«

Harry funkelte ihn spöttisch an.

»Dann wirst du wohl hinten Platz nehmen müssen. Aber ist ja nicht dein erstes Mal …«

Draco errötete leicht. Er konnte sich noch zu genau daran erinnern, wie Harry ihn hinter sich auf den Besen gezogen hatte, um ihn aus dem brennenden Raum zu retten. Aber er war eigentlich nicht gewillt, sich ohne Notfall an Harry zu klammern. Nicht dass er Angst hatte, er wusste, Harry war ein guter Flieger.

Aber weder das Gefühl, seinem Rivalen ausgeliefert zu sein, behagte ihm, noch die Aussicht auf ungewünschte Nähe. Er seufzte und beschloss, dass es keinen Sinn machte zu widersprechen, er konnte schließlich nicht ohne Hilfsmittel fliegen. Mittlerweile hatte Harry seine Brille abgenommen und Kontaktlinsen eingesetzt. Sein Gesicht wirkte dadurch nackt, aber seine Augen waren gleich doppelt so auffällig. Malfoy musste feststellen, dass diese Erkenntnis weitere unerwünschte Gedanken hervorriefen. Draco stieg hinter Harry auf den Besen und sie flogen los.

Je höher sie kamen, umso mehr Licht erreichte sie. Die Bäume unter ihnen standen dicht und bildeteten einen sich lang erstreckenden Wald.

»Was sind das für Dinger, die du dir in die Augen gepackt hast?«

Harry lachte:

»Du bist wirklich ignorant gegenüber der Muggelwelt. Das sind Kontaktlinsen, sie stören mich beim Fliegen nicht so und behext kann ich sie auch nicht verlieren. Das macht mich weniger angreifbar als mit Brille. Halt dich fest.«

Mit diesen Worten flog er eine scharfe Drehung und nahe dem Berg nach oben. Harry verspürte einen verstärkten Druck auf den Hüften. Es war ein schönes Gefühl, Dracos Hände dort zu spüren, aber Harry würde den Teufel tun, ihm das zu sagen. Er fragte sich ein weiteres Mal, warum er so wenig Rivalität gegen Draco verspürte. Er war älter geworden und ohne frischen Anlass hatten sich viele seiner Befindlichkeiten erstaunlicherweise verflüchtigt. Er konnte auch das Gefühl nicht loswerden, sie hätten in ihren endlosen Duellen noch andere Gefühle kompensiert. Er schob den Gedanken weg. Stattdessen rief er Draco zu:

»Halt nach einem Durchgang zur Schlucht Ausschau und nach Leuten.«

Draco verstand, dass er mit Leuten Death Eater meinte und nickte. Sie waren fast ganz oben, als sie beide etwas sahen. Der Berg war massiv, trotzdem konnten sie an einer Stelle hindurch sehen. Harry flog langsam auf die Öffnung zu, und sie inspizierten sie aus der Nähe, ohne abzusteigen. Als sie keine Bewegungen sahen, beschloss Harry durchzufliegen, nicht ohne seinen Tarnumhang über sie zu legen. Sie konnten nichts in der Höhle entdecken, aber auf der anderen Seite tat sich ein atemberaubender Ausblick auf. Sie waren in der Mitte eines Bergkreises mit einer schmalen Schlucht, die jedoch nach hinten mehrere Windungen nahm und sichtlich breiter wurde bevor sie aus der Sicht verschwand. Die Berge wirkten unten wuchtig, liefen nach oben hin schmaler zu und sahen an den Gipfeln aus wie die Hauben spitzer Tannen. Die Hänge waren zerklüftet. Draco vermutete, dass viele Nischen und Höhlen zwischen den hervorstehenden Felsbrocken verborgen waren. Unter ihnen berührten sich die Ausläufer der Berge fast, rückten jedoch immer weiter aus einander, je weiter sich der Bergkreis von ihnen entfernte. Mit der Breite des Weges, nahm auch die Begrünung an den Seiten zu.

»Was denkst du, sollten wir durchfliegen oder laufen? Hier ist die Schlucht noch zu schmal für Drachen, aber hinten könnten welche leben. Der Vorteil beim Fliegen ist die Geschwindigkeit, aber der Nachteil, dass uns wichtige Sachen entgehen könnten.«

Draco konnte sich einen Kommentar und einen blasierten Blick nicht verkneifen.

»Der große Potter fragt nach Rat? Du scheinst ohne deine übliche Gang echt aufgeschmissen zu sein!«

Harry grummelte.

»Wenn ich dich schon mitnehme, kann ich auch so tun, als wärest du Teil der Operation und deine Meinung sei mir wichtig.«

Draco lachte. Es war ein offenes, warmes Lachen, ohne Schadenfreude oder Spott. Harry hatte Malfoy nur selten ehrlich erfreut lachen hören. An ihn gerichtet hatte sich dieser Gefühlausdruck jedoch noch nicht. Harry schüttelte das Gefühl von Freude darüber jedoch schnell wieder ab, da ihn Malfoy davor noch versucht hatte zu provozieren. Er konzentrierte sich auf Malfoys Worte.

»Falls dir das Beteiligung genug ist. Ich bin ja eher zu deinem Schutz vor dir selbst hier. Vielleicht fliegen wir einfach langsam bis zur Verbreiterung und laufen ab dort.«

Harry nickte, noch immer leicht verstimmt und sie flogen weiter. Draco genoss die Nähe zu Harry, was ihn wiederum verstimmte. Er konnte Harry riechen,fühlen und genau betrachten. Seine Schultern waren schmal, aber offensichtlich muskulös. Ihm gefiehl, was er sah, er unterdrückte ein Schlucken und konzentrierte sich wieder stärker auf die Umgebung. Es konnte doch nicht sein, dass er mitten in einem Streit Harrys Körper begutachtete.

Als sie landeten, stellte er fest, dass sich das Tal hinter der Biegung anscheinend endlos ausdehnte. Er war froh eine neutrale Frage stellen zu können, um die Stimmung zu lösen.

»Ist das die einzige Schlucht dieser Art oder gibt es davon hier noch mehr?«

Harry überlegte kurz, wie viel er Draco sagen wollte und sagte:

»Laut Charlie gibt es noch zwei weitere, die in Frage kommen. Wir brauchen ungefähr eine Woche pro Schlucht, um sie und die Höhlen hier genau zu untersuchen. Deshalb hatte ich drei Wochen geplant. Es ist schon Mittag, hier sogar schon Nachmittag. Wollen wir erst was essen oder erst ein wenig laufen?«

Draco sah ihn kurz an und antwortete:

»Lass uns erst noch ein wenig weiter gehen, ich habe noch keinen Hunger, aber würde mir nach deiner Fliegerei gerne die Beine vertreten.«

Mit einem bezaubernden Lächeln lief er los, ohne Harrys Antwort abzuwarten.

Harry war genervt, dass er versuchte Draco einzubinden, während dieser seine gewohnte Befehlshaltung auslebte. Die nächste Frage von Draco überraschte ihn.

»Warum lebst du eigentlich alleine? Ich dachte, du müsstest längst deine Hochzeit mit dem Weasley-Mädchen planen.«

»Ihr Name ist Ginny und warum sollte ich mit dir darüber reden?«

Draco rollte mit den Augen. »Wir werden einige Wochen zusammen verbringen und ich dachte Konversation könnte uns die Zeit angenehmer machen. Oder hast du Angst in schlechtem Licht da zu stehen?«

Harry knirschte mit den Zähnen. Aber eigentlich hatte er auch mehr Interesse an einer Unterhaltung. Sie konnten sich nicht drei Wochen streiten.

»Sie …, sie hat mich abblitzen lassen. Aber ich bin ihr dafür eigentlich ganz dankbar. Was ist mit dir? Ich dachte du heiratest Pansy?«

»Kein Interesse. Nicht dass sie nicht den Boden geküsst hätte auf dem ich laufe, aber als Freundin ist sie mir lieber. Ich …, ich hab's nicht so mit Frauen.«

Er ignorierte das Zusammenzucken von Harry. Sollte doch der prüde Gryffindor denken, was er wollte. Nicht dass er mit seinem Sexualleben hausieren gehen würde. Das konnte sich ein Malfoy nicht leisten. Die alten Familien wählten zwar schon immer ungeachtet des Geschlechts ihre SexualpartnerInnen.

Aber in der Öffentlichkeit musste immer eine Familie her, um die wichtigen Erben zu produzieren, an die Vermögen und Name weitergegeben wurden und um den traditionellen Schein zu wahren. Aber er wollte gerne offen zu Harry sein, weil er sein Vertrauen gewinnen wollte. Außerdem würden es unangenehme Wochen werden, wenn sie durchgehend nacheinander schnappten.

Draco hatten Frauen noch nie sehr gereizt. Er hatte am Anfang angenommen, er sei zu ehrgeizig. Wie sonst ließ sich erklären, dass ihn Rangeleien mit Harry mehr erregten, als Pansys Aufmerksamkeit. Er bemerkte, dass er sich in seinen Gedanken verloren hatte. Um das unangenehme Schweigen zu brechen fragte er weiter nach Ginny.

»Ich dachte sie hat dich schon immer angehimmelt. Sie hat dir doch schon in der zweiten Klasse Liebesgedichte geschickt. Warum hat sie dich abgewiesen?«

Harry dachte nicht gerne an den Tag zurück. Es war einige Tage nach der Schlacht in Hogwarts gewesen. Er war zu ihr gegangen und hatte sie gefragt, ob sie die Beziehung zu ihm wieder aufnehmen wolle. Schließlich war der Grund ihrer Trennung mit Voldemort gestorben. Er musste sie nicht länger schützen.

Er dachte nicht zu gern an den Tag zurück, da ihn die Erkenntnis schmerzte, dass Ginny Recht hatte. Die Vorstellung das Erlebte mit Draco Malfoy zu teilen, behagte ihm noch weniger. Da Draco jedoch offen zu ihm war, wollte er gerne etwas zurückgeben. Zumal der Slytherin bisher noch keine Witze über ihn gemacht hatte und er hatte schon Peinlicheres enthüllt.

»Sie war sauer auf mich. Ich hatte ihr verboten an der Schlacht teilzunehmen und Ginny ist wirklich nicht die Person, die du auf einem Seitenplatz zurücklassen kannst. Sie meinte, ich hätte nicht das Recht ihr vorzuschreiben, was sie zu tun hat, egal ob es aus Sorge passiert. Ich würde mir von ihr ja auch nichts

sagen lassen, sondern immer meiner Mission hinterher rennen. Sie hatte da durchaus einen Punkt getroffen. Ich hatte sie zuerst abgewiesen, weil ich mich auf die Suche nach Horcruxes machen und Voldemort töten musste. Ich dachte, da gäbe es keinen Platz für eine Beziehung, ohne sie zu gefährden. Menschen die mir wichtig waren, sind nicht selten als Druckmittel gegen mich verwendet worden.«

Draco sah zu ihm rüber. Er schien ernsthaft interessiert.

»Glaubst du sie war sauer und hat sich für die erste Trennung gerächt?«

»Nein. Sie wollte nur nicht immer in meinem Schatten stehen und warten, dass ich zu ihr zurückkomme, nachdem ich die Welt gerettet habe. Ihre genauen Worte waren,«

Er tippte mit seinem Zauberstab an seine Schläfe und Ginnys Worte erklangen:

›Du hast immer gemacht, was von dir erwartet wurde und es wurde immer viel von dir erwartet. Für dich waren es bereits gestohlene Augenblicke, dich mit mir zu treffen in deinem 6. Schuljahr. Ich habe dich erst angebetet, mich dann in dich verliebt. Aber ich habe schnell gemerkt, dass ich nicht mit jemandem

zusammen sein möchte, der mich auf Grund einer Pflicht zurückstellt oder, um mich zu schützen im Room of Requirement zurück lässt. Niemanden der glaubt zu wissen, was gut für mich ist und mich ständig unterschätzt. Du erwartest mein Verständnis, ohne mich verstehen lernen zu wollen. Ich mag dich und liebe dich wie einen Bruder, aber ich werde nicht die Person sein, die dich tun lässt, was von dir erwartet wird: zu heiraten, Kinder zu bekommen und eine dich liebende Hausfrau um dich herum zu haben, die bequemerweise auch noch die Schwester deines besten Freundes ist und dich zum Teil einer Familie macht, der du auch so schon angehörst. Ich weiß, dass du so bist und du hattest auch nicht viel Wahl, aber du solltest dich wirklich nach einer Person umsehen, die dich zwingt ehrlich und kompromisslos lieben zu können oder du wirst einen anderen Voldemort finden, der dein Leben zu einem Nebenschauplatz macht.

Es war für dich logische Schlussfolgerung dich in mich zu verlieben, nicht Leidenschaft.

Du hast dir dein Leben immer so gewünscht, wie es in meiner Familie ist und dir vorgestellt mit mir als Ehefrau könntest du es haben. Aber das wirst du nicht. Ich will geliebt werden. Leidenschaftlich und kompromisslos.

Ich will nicht Rücksicht darauf nehmen müssen, dass du die Last der Welt auf den Schultern trägst – ich weiß, dass du dir das niemals ausgesucht hast, aber du spielst deine Rolle gut – und dich selbst dadurch zum Spielball der Ereignisse machst. Du hast es geschafft da raus zu wachsen, in Bezug auf Voldemort. Aber du wirst für deine anderen Lebensbereiche noch eine Weile brauchen. Übernimm Verantwortung für dein Leben. Ich wünsche dir viel Glück dabei.‹

Harry tippte wieder mit dem Zauberstab an seine Schläfe und verstummte.

Den Rest des Dialogs wollte er Malfoy wirklich nicht vorspielen. Draco war beeindruckt.

Er wusste nicht, dass Harry diesen Zauber beherrschte. Anscheinend hatte er die letzten Jahre gut genutzt. Außerdem überraschte es ihn, dass Harry solche intimen Details mit ihm teilte.

»Bist du unglücklich darüber?«

»Nein. Zuerst bin ich in Selbstmitleid versunken. Ich habe mich aber ein paar Wochen nach meinem Schock bei ihr entschuldigt. Sie hat mich ausgelacht und sich gefreut, dass ich erwachsen werde. Sie ist großartig und hat wirklich nicht verdient, in meinem Schatten zu stehen.«

Draco nickte. Er hatte gehört, dass Ginny Weasley besonders begabt war. Sie hatte als einzige eine gute Idee, wie mit den Dementoren zu verfahren sei, die während des Krieges ungehemmt Nachwuchs produziert hatten und denen die Wache über Askaban entzogen wurde, während Kingsley Shacklebolt Minister war. Die meisten Dementoren waren bereits unter Kontrolle gebracht. Sie waren in menschenleere Gegenden verbannt worden, wo sie nicht an den Emotionen anderer Lebewesen teilhaben konnten. Dadurch starben sie langsam aus.

Bestimmt war das nicht das einzige, was sie schon bewerkstelligt hatte.

»Heißt das, du lebst derzeit solo?«

Draco versuchte die Frage ganz beiläufig klingen zu lassen, da er nach seinem vorherigen Geständnis keine Panik bei Potter aufkommen lassen wollte.

Harry schien auch keinen Verdacht zu hegen. Er sog tief Luft ein, bevor er antwortete:

»Es ist nicht einfach. Zum einen möchte ich mein Privatleben gern privat halten, was als Harry Potter und ohne große Ereignisse, die von mir ablenken, nicht einfach ist. Ich habe mir sogar einen Zauberspruch gegen Animagus rausgesucht um Reeter Kimmkorn fern zu halten. Aber leider kann mir nicht mal Hermione zeigen, wie er auszuführen ist, also weiß ich nie, ob nicht eine Reporterin auf meiner Fensterbank sitzt.«

Draco hatte immer wieder nickend zugehört. Auch er hatte Erfahrungen mit einer zu neugierigen Gesellschaft gemacht. Eigentlich wollte er mehr über Harry Potter erfahren, aber er wollte nicht ebenfalls in seinem Leben bohren.

Beim letzten Teil sah er jedoch eine Möglichkeit, Harrys Vertrauen zu gewinnen, ohne sich aufzudrängen.

»Wenn du willst, zeige ich dir den Zauber heute Abend. Ich kenne ihn, er ist auch an Malfoy Manor aktiv.«

Harry grinste. »Gern, danke. Außerdem ist es schwierig, weil fast alle Leute mich kennen, bevor ich sie kenne. Woher will ich denn wissen, ob sie mich toll finden und nicht meinen Namen. Ich möchte eine ehrliche Beziehung. Aber die ist schwer zu finden. Jemand der nicht einfach nur denkt, ich müsse toll sein, weil ich Voldemort besiegt habe. Eine Person, die sich für mich als Harry interessiert.

Naja, ich hatte ein paar Affären und Beziehungen, aber nichts Langes, nicht Ernstes, keine Liebe oder so. Ich glaube Ginny war bisher die Einzige, mit der ich ernsthaft Gefühle geteilt habe. Aber sie hatte Recht. Auch unsere Beziehung basierte darauf, dass sie zu mir aufschaute. Und ich bin mir nicht so sicher, ob ich immer noch in dieses Familienleben will. Früher war ich immer sicher, dass das mein größter Wunsch ist, du weißt schon, keine Eltern und so, aber in letzter Zeit … Aber genug von mir, wie sieht es bei dir aus. Hast du einen festen Partner?«

Draco war überrascht, dass Harry anscheinend problemlos seine sexuellen Vorlieben akzeptierte. Er nahm deshalb sogar kommentarlos den Themenwechsel hin. Vielleicht war an dem jungen Mann wirklich mehr, als er ihm zutraute.

Mit der Antwort hingegen tat er sich nicht so leicht.

»Ich habe eine Beziehung, aber die ist offen und wir wissen beide, dass es nicht die große Liebe ist. Eher eine praktische Freundschaft-mit-Sex-Einigung. Wir haben beide auch andere Geschichten und uns geht es damit gut. Ich bin mir nicht so sicher, aber ich glaube ich bin nicht wirklich in der Lage zu lieben.«

Harry sah überrascht zu ihm rüber. Er wunderte sich, was Malfoy zu einem solchen Kommentar veranlasste. Dieser sah die unausgesprochene Frage in Harrys Augen. Er schüttelte den Kopf, aber lächelte kaum spöttisch:

»Du bist schon ein neugieriger Mensch, Harry Potter. Vielleicht ein anderes Mal.«

Harry nickte. Er wusste, dass es nicht rüde gemeint war und konnte verstehen, dass Draco nicht gleich alle seine Geheimnisse offen legen wollte. Es war schon ein Wunder, dass sie sich mehr als höflich unterhielten. Sie liefen schweigend weiter.

Sie fanden den ganzen Tag keine einzige Höhle oder irgendwas, was es zu untersuchen galt. Abends bauten sie ein Zelt auf, schützten es mit den üblichen Zaubern und machten sich etwas zu essen. Harry war überrascht. Er war davon ausgegangen, dass Malfoy daneben stünde und wartet, bis alle Arbeit erledigt war. Dass Harry wie ein Bediensteter behandelt würde und Draco keinen Finger rührt. Statt dessen hatte Malfoy das Zelt aufgebaut, Feuer gemacht und Essen ausgepackt, während Harry die Wachzauber aktivierte. Harry war von der Selbstverständlichkeit Malfoys Beteiligung fasziniert. Vielleicht konnte ihm Malfoy tatsächlich helfen und eine angenehme Begleitung anbieten. Bevor sie aßen, zeigte ihm Draco noch den Zauberspruch, um Verwandlung in Animagusformen zu verhindern, und Harry fügte ihn zu den Schutzzaubern hinzu.

Ein bisschen enttäuscht, ihn nicht gleich austesten zu können.

Beim Essen fragte Draco erneut nach Umbridge und der Beweislage gegen sie.

»Ich habe ein paar Indizien. Das Auge von Mad Eye Moody zum Beispiel, das in ihrer Tür war, nachdem Death Eater ihn erledigt hatten. Auch denke ich, dass sie ein Gegengift zu Veritaserum hatte und deshalb lügen konnte, dass sie nicht aus freien Stücken gehandelt hat. Sie hat behauptet, dass Yaxley sie unter dem Imperius Fluch hatte. Und Yaxley war noch vor seinem Verhör geflohen, konnte also nicht aussagen. Eigentlich sollte sie allein für ihre Taten in Hogwarts ins Gefängnis. Sie hat irgendeinen Weg gefunden, mich aus der Anklage raus zu halten. Wahrscheinlich Kontakte im Ministerium. Dadurch wurden Punkte nicht mit verhandelt, die sie alle ans Messer geliefert hätten: die Dementoren, die sie gegen mich nach dem vierten Schuljahr geschickt hatte – du erinnerst dich, sie hat es in eurer Gegenwart gestanden, die Folter in der Schule und die Frage, wie sie an dieses Auge rangekommen ist. Sie wurde einfach nur degradiert. Ist jetzt Leiterin der Abteilung Kriegsopferentschädigung.

Hat schon jede Menge Skandale gegeben, weil die Opfer von Umbridge jetzt wieder mit ihr konfrontiert sind. Ich bin nicht der Einzige, der weiß, dass sie aus freien Stücken gehandelt hat. Kingsley hat seine kurze Amtsphase darauf verwendet, alle Death Eater UnterstützerInnen im Ministerium zu finden, aber ist an Umbridge gescheitert. Und wir sind uns sicher, da sind noch mehr.«

Draco schaute gedankenverloren ins Feuer.

»Kennst du die Anderen?«

Harry überlegte kurz: »Einen vom Sehen, aber er ist mir danach nicht über den Weg gelaufen.«

Draco nickte. »Hast du mal die Akten nach ihm durchgeschaut? Ich habe Informationen zu Umbridge. Wir haben doch auch beide Ministeriumskontakte. Wir könnten versuchen, die Fälle neu aufzurollen. Schon für die Ideologie, die sie vertreten haben, sollten sie sich in Verwahrung befinden. Die waren, soweit ich weiß, keinen Deut besser als die direkten Gefolgsleute Voldemorts. Schreibtischtäter, die alle muggelstämmigen Zauberer und Hexen nach Askaban, in die Gosse oder direkt in den Tod geschickt haben.«

Harry sah Draco schockiert an. Nicht nur, dass er Voldemort beim Namen genannt hatte, er war offensichtlich wütend, dass solche Leute frei waren.

Wahrscheinlich weil seine Familie zahlen musste und die anderen nicht. Oder es steckte noch mehr dahinter. Ihm fiel auch auf, dass Draco noch gestern so getan hatte, als wisse er nicht, dass Umbridge noch im Ministerium arbeitet und heute bereits Informationen über sie hatte. Er wusste nicht, was er von der Situation halten sollte. Aber Draco schien sich nicht auf ein Gespräch dazu einlassen zu wollen.

Er wiederholte nur: »Denk darüber nach Harry – Potter, wir könnten da wirklich was zusammen erreichen.«

Harry hatte den Versprecher freudig zur Kenntnis genommen.

»Ich weiß wirklich nicht, ob ich mich darauf einlassen will. Ich denk darüber nach. Aber ich finde, du kannst mich jetzt langsam Harry nennen, schließlich habe ich dir den ganzen Nachmittag mein Herz ausgeschüttet. Okay? Darf ich dich Draco nennen?«

Draco grinste ihn überrascht und unschuldig an. »Na gut Harry, aber nur weil du meinen Namen aussprichst, als wäre er etwas Besonderes und Liebenswertes.«

Harry wurde rot, aber grinste zurück. Er konnte diese Nacht nicht anders, als über dieses offene und ehrlich erfreute Lächeln nachzudenken, das Bild klar vor Augen, bevor er zu den beruhigenden Geräuschen des Mannes in dem Bett neben ihm einschlief.