Kapitel 2 – Das Interview
Zurück in Hamburg will sie endlich die Hausarbeit abschließen. Es fehlt aber noch ein Interview. In Rumänien konnte oder wollte ihr einfach niemand Rede und Antwort stehen. So fährt sie ins Irrenhaus, versucht das Thema doch noch zu retten durch einen neuen Blickwinkel: Wie sieht die Biographie einer psychisch gestörten Person aus? Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung für Johanna, denn sie hat schon manchmal an ihrem eigenen Verstand gezweifelt, wenn sie über Cassandra und die Möglichkeit über ihr unerklärliches Überleben nachgedacht hat.
Die Schwester am Empfang macht für sie eine Ausnahme unter der Bedingung, dass sie einen Freiwilligen findet und ihn nicht allzu stark aufregt mit ihren Fragen. Beim Rundgang durch das alte Haus fällt Johanna bald ein großer bulliger Mann auf, der sie sehr genau zu beobachten scheint, sich aber sonst überhaupt nicht in seinem Rollstuhl bewegt hat, dort hinten am Fenster, etwas abseits der anderen Patienten. Dank der geschlossenen Rollläden kann sie sein Gesicht kaum ausmachen.
„Hallo, ich bin Johanna. Dürfte ich mich vielleicht zu Ihnen setzen?", fragt sie ihn behutsam und wartet in einigem Abstand ob eine Antwort kommt.
„Sicher Kleine, hau dich hin. Ich beiß schon nicht zu."
Unsicher lächelt sie und zieht sich einen Stuhl heran.
Wie war das denn jetzt wohl gemeint? Seltsamer Humor.
„Wohnen Sie schon lange hier?"
„Wohnen ist gut. Ha! Ja nee klar. Aber nope, bin erst vor kurzem angekommen. Hab auch nicht vor lange zu bleiben. Weißt schon... nicht so die knackigste Auswahl für nen Feinschmecker wie mich."
Er blinzelt gar nicht. Irgendwie unheimlich.
„Das Essen sagt Ihnen also nicht zu? Das ist schade. War das in Ihrer vorigen Unterkunft besser?"
„Na du hast doch die alte Schachtel am Empfang gesehn, right? Und das ist sogar noch eine von denen, die halbwegs gut erhalten sind."
„Das ist jetzt aber nicht sehr nett."
„Das hab ich auch nie behauptet..."
„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich unser Gespräch auf Tonband aufnehme? Wissen Sie, ich bin Studentin und das würde mir bei einer Arbeit sehr helfen."
„Du arbeitest? Aber du hast doch grad gesagt du bist ne Studentin? Muss ich das verstehen?"
„Äh... nein. Das macht gar nichts."
Unauffällig drückte Johanna die Aufnahmetaste an dem Gerät.
„Was hat eigentlich das wenig schmackhafte Essen mit dem Erscheinungsbild des hiesigen Personals zu tun? Könnten Sie mir das bitte näher erklären?"
„Joa eigentlich würd ich die ganz gern vernaschen. So schön die volle Eisendröhnung in rot. Du verstehen? Aber ich bin grad auf Selbstfindung unterwegs und das geht am besten nach nen paar Tagen auf Entzug. Wenn das Verlangen immer größer wird und dann kurz vor der voll krassen Raserei – wenn du echt kurz davor bist alles, wirklich alles anzufallen, was nicht bei drei aufm Kirchturm ist und sich am Kreuz festkrallt – da weißt du echt warum du existierst."
„Sie meinen Blut? Sie würden das Blut dieser Menschen trinken?"
„Sicher Schätzchen... Was man als Vampir eben so macht. Ist doch wohl voll normal."
Johanna wird etwas bleich im Gesicht und rückt ihren Stuhl weiter von ihm weg.
Er ist verrückt. Eindeutig verrückt. Gleich fragt er bestimmt, ob er von mir ein Kätzchen bekommen kann. Wirklich gut, dass er im Rollstuhl sitzt.
„Äh... ja ok. Wenn das für sie eine Realität ist... Ich kann mir vorstellen, dass ihr Leben nicht einfach war mit dieser Einstellung oder?"
Mist, das war ne Suggestivfrage, schlechter Interviewstil!
„Als Kainist ist das Leben ein riesiger Spaß, kannste mir glauben. Sterbliche Menschlein wie du haben doch keine Ahnung was ne ordentliche Party is."
„Wieso bezeichnen Sie sich als ein Kainist? Hat das etwas mit dieser Bibelgeschichte zu tun, da wo Kain seinen Bruder erschlägt und zum ewigen Leben verdammt wird?"
„Bist du ne Nonne oder wieso weißt du so einen krassen Scheiß? Klingt aber doch logisch: Kain erschlägt seinen dummen Brudertypen, wird zum verdammt ewigen Leben verdammt und Vampire sind der Legende nach auch unsterblich. So, nu brauchste dein Köpfchen doch fast gar nicht mehr anstrengen, um da nen Zusammenhang zu sehn, right Schätzchen?"
„Du denkst Kain war dein Vorfahre?"
„Ja mal nich so direkt ne? Mehr wie mit dir und der Schlampe von Eva. Weißt ja, Kains Mudda. Das dauert wenn man da alle die dazwischen sind so aufzählen müsst."
„Dann hab ich glaube ich auch schon alles was ich brauche. Vielen Dank für dieses nette Gespräch. Ich hoffe Sie kommen bald wieder in den Genuss von etwas besserem Essen, Aufläufe sollen sehr gut sein."
Sie packt das Aufnahmegerät wieder zurück in ihre Handtasche und wendet sich zügig dem Ausgang zu, froh, dass er ihr nicht folgen kann.
„Mhm... Menschenaufläufe. Nettes Wortspiel."
Das hat Johanna zum Glück nicht mehr gehört, denn sie befindet sich bereits auf dem Weg zum Ausgang. Erst jetzt wird ihr klar, dass die Sonne während ihres kurzen Besuches untergegangen ist. Sie steigt in den Bus ein, der gerade vor der Anstalt gehalten hat. Mit einem Seufzer nimmt sie ganz hinten Platz und schaut noch einmal zurück zu dem alten Gebäude. In diesem Augenblick öffnet sich die Fronttür, durch die auch sie vorhin getreten ist, und ihr Interviewpartner kommt heraus gelaufen. Mit einem fiesen Grinsen im Gesicht winkt er ihr hinterher und spielt mit etwas Weißem in der rechten Hand herum. Johanna kann es erst nicht eindeutig zuordnen, doch dann erkennt sie darin die Haube der Schwester am Empfang und sieht im gleichen Atemzug, dass eine Spur aus Blut vom Mund des düsteren Mannes bis zu seinem Hemdansatz gelaufen ist.
Der ist doch völlig krank! Bin ich verrückt? Kann sie vielleicht doch noch leben?
tbc...
