3. Bruder Missor gibt Unterricht
Atrox Missor schulterte seine Armbrust, warf noch einen letzten Blick auf die toten Felsenwarane, dann machte er sich mit seinem Schutzbefohlenen auf den Heimweg. Schweigend lenkte der Jägersmann sein Pferd über einen schmalen Schleichpfad durchs Gebirge. Es gab keine mahnende Worte von seiner Seite. Der Mann mochte den Jungen und ahnte das weiteres Schimpfen keinen Sinn hatte. Im Gegenteil, er befürchtet dass er damit nur das freundschaftliche Band zwischen ihnen zerstören würde. Als der Wallach des Jägers über einen kleineren Felsbrocken sprang, spürte Missor wie der Junge bei der Landung zusammenzuckte. Dann trug das Pferd die beiden Reiter über den steinigen Weg ohne zu stolpern.
Silvius lehnte an der Brust seines Beschützers, dem er schon länger brüderliche Gefühle entgegenbrachte. Aus diesem Grund war er auch so schnell auf sein Angebot eingegangen. Damit er ja nicht mit jemand anderem, vielleicht gar mit Thorben, dem ihm unsympathischen grauhaarigen Förster, heimreiten musste.
Der nette Forstmeister bringt mich auf sicheren Wegen zurück, ohne dass wir gefressen werden. Missor kann das, ganz bestimmt! - Oh, wenn nur der Sattel nicht so hart wäre.Silvius verzog schmerzlich das Gesicht und drehte sich zu seinem kraushaarigen Begleiter um.
„Wir sind bald da, du musst nicht mehr lange aushalten" sagte dieser mit einem verständnisvollen Lächeln. Und wirklich, kurz darauf erreichten sie die Tore des Manors. Des Herzogs Sohn stieg vorsichtig vom Pferd und war froh, dass der Jäger den Grund seiner steifen Bewegungen nicht den neugierigen Stallburschen ausplauderte. Es war peinlich genug, dass der Vater ihn vor den Augen der hochrangigen Hauptleute wie ein ungezogener kleiner Junge verdroschen hatte. Der Chef der Leibgarde nahm die Rückkehr des jungen Mac Mountain mit Erleichterung zur Kenntnis und war froh, dass Missor jetzt die Hauptverantwortung für den Jungen übernahm.
In seinem Zimmer angekommen, blieb Silvius neben dem Schreibtisch stehen. Sich hinzusetzten, versuchte er erst gar nicht. Durch den Ritt spürte er die Züchtigung nur noch mehr. Der Bursche wirkte nach der rasanten Flucht etwas müde, sortierte aber erst einige Papiere und legte sie in die Schublade. Dann ging er unschlüssig im Raum herum, wobei sein Blick immer wieder zum Stuhl schweifte.
Atrox Missor hatte eine Weile an der Türe gestanden und zugesehen. Jetzt kam er näher und sagte mitfühlend: „Komm, leg dich bäuchlings aufs Bett. So wie dein Vater mit der Gerte ausgeholt hat, muss deine Rückseite ja glühen vor Schmerz."
Der Junge zog sich den Hosenbund etwas tiefer und blickte auf die feuerroten Striemen. Ahh, und wie das brennt! Ich werde bestimmt eine Woche nicht mehr sitzen können. Er schaute verschämt zum Jäger. Dieser hatte ein nasskaltes Tuch aus dem Badezimmer geholt und dirigierte Silvius zum Bett. „Ich bin auch ein Mann und guck dir bestimmt nichts weg. Ausserdem musste ich schon öfter unerfahrene Forstlehrlinge aus dem Wald holen und verarzten."
Durch die brüderliche Art des Wildhüters überredet, zog sich der Jüngling die Hose tiefer und legte sich aufs Bett. Das kühlende Tuch, mit dem sein Betreuer ihn bedeckte, liessen Silvius seine Hemmungen vergessen. „Uuh, schon viel besser! Herzlichen Dank Bruder Missor. Vielleicht dauert die Heilung jetzt doch nicht eine ganze Woche." Missor lachte fröhlich über den erleichterten Ausruf seines Schützlings. Er hatte seine Schuhe ausgezogen und setzte sich im Schneidersitz neben Silvius aufs Bett. Gebannt hörte dieser zu, als sein älterer „Bruder" Geschichten aus dem Wald zu erzählen begann. Vor drei Jahren zum Beispiel, hatte die Zahl der Wölfe so stark zugenommen, dass Missor gezwungen war in einer gefahrvollen Aktion gleich zwei Wolfsrudel abzuschiessen. Ohne diese Massnahme wäre ausserhalb des Manors niemand mehr sicher gewesen. Inzwischen hatte sich Silvius wieder angezogen, lag aber erneut auf dem Bett. So war es für ihn am bequemsten, den Geschichten über das Leben draussen im Wald zu lauschen. Der Waldläufer berichtete gerade in ergreifender Weise über den verletzten Platzhirsch, den er letzten Herbst am Fusse eines Steilhanges gefunden hatte. Ohne Hilfe hätte der Zwölfender die Nacht nicht überlebt. Doch töten wollte der Jäger ihn auch nicht, war das Rotwild in dieser Gegend ohnehin rar und dieses Exemplar war der ganze Stolz seines Reviers. Deshalb hatte der Wildhüter das Tier acht Tage lang unermüdlich gepflegt und beschützt. Die erste Nacht musste er durchgehend Wache stehen, um vom Blutgeruch angelockte Raubtiere zu vertreiben. Auch hatte er keine Strapazen gescheut um genügend Futter und Wasser herbeizuschaffen. Der Augenblick, als der prächtige Geweihträger genesen wieder zu seinem Rudel zurückkehren konnte und röhrend den Anspruch auf seine Damen geltend machte, hatte Missor alle Mühen und Entbehrungen jener Tage vergessen lassen. Diesen Frühling dürften die ersten Jungen des stolzen Rothirsches das Licht der Welt erblicken. - Mit dieser Voraussage beendete Atrox Missor seine Geschichte und blickte versonnen vor sich hin. Mit Leib und Seele der Natur verbunden, weilten seine Gedanken fast ständig in seinem Revier. Silvius wäre am liebsten sofort mit dem Waldläufer losgezogen, um selber solche Abenteuer zu erleben, so leidenschaftlich hatte der Jäger seine Erlebnisse erzählt. Atrox Missor war sehr angetan von dieser Idee. „Der Praktikums-Platz des Wildpflegers ist dieses Jahr noch frei. Wenn du die Lehrstelle belegen willst...?"
„Ja, das wäre toll. Aber ich frage besser zuerst noch meinen Dad um Erlaubnis, bevor ich definitiv zusage. Ich weiss ja nicht, was er mit mir vorhat." Ungeachtet ihres Altersunterschieds verweilten die beiden in Silvius Zimmer und unterhielten sich wie Geschwister über die alltäglichen Dinge des Lebens.
Plötzlich klopfte jemand an die Türe und rief: „Das Mittagessen ist serviert. Würde der junge Herr die Güte haben, uns mit seiner Anwesenheit zu beehren?" - Ups, das Mittagessen! Vor lauter Schwatzen hatten sie die Zeit vergessen. Rasch sprang Silvius vom Bett, Missor drückte ihm noch schnell ein weiches Sitzkissen in die Hand und dann eilten sie gemeinsam am Kammerdiener vorbei die Treppe hinunter in den Speisesaal.
Der Erfindungsgeist des tatkräftigen Junggesellen liessen bei Silvius keine Langeweile aufkommen und er merkte den Verdruss seines Hausarrests gar nicht mehr. Einmal bekam der junge Bursche eine Theoriestunde in Wildbiologie. Dabei diskutierten sie über interessante Themen aus Berg und Wald. Zum Beispiel wie alt Wildschweine normalerweise in freier Wildbahn werden. In welcher Jahreszeit Rothirsche ihr Kopfschmuck abwerfen und was der Bast beim neu wachsenden Geweih für eine Funktion hat. Oder auch, wie man die Spuren eines Mufflons und einer Gemse voneinander unterscheidet. - Ein andermal gab es praktischen Unterricht im Umgang mit Raubtieren. Sein Schüler sollte die Tiere der Wildnis näher kennen lernen. Dafür brachte sein Lehrer tatsächlich einen Turmfalken und einen halbzahmen Baummarder in den grossen Saal, der nun als Unterrichtsraum diente. Der junge Schüler freute sich über den schönen Falken, der elegant durch den Raum segelte. Doch um den unternehmungslustigen Marder zu studieren, stieg Silvius vorerst eilig auf den Tisch und schaute von dort auf das flinke Tier herab.
„Nein! Ich komm nicht herunter, solange er neben dem Tisch steht. Ich will ihn nicht wieder im Hosenbein haben!" empörte sich der Junge.
Missor hielt sich die Seiten vor Lachen, war doch Silvius Luftsprung, als ihm der Marder neugierig die Schnauze unter die Hose steckte, wahrlich rekordverdächtig ausgefallen.
Da gefielen dem Jüngling die kunstvollen Elemente des Schwert-Tanzes schon etwas besser. Die Anfangsgründe dieses Tanzes hatte er schon früher alleine geübt. So musste er nur noch den komplizierten Hauptteil mit rascher Schrittfolge und gleichzeitigen Armbewegungen zur graziler Schwertführung trainieren.
„Du musst dich mehr auf die Musik und die leichten anmutigen Bewegungen mit der Waffe konzentrieren. Hierbei darfst du dir keinen feindlichen Gegner vorstellen, sonst wirkt das Ganze sofort abgehackt und grob. - Das Ziel ist es, die Eleganz des Leichtschwertes hervorzuheben und nicht, einen Angreifer niederzumachen." Lehrer Missor war streng und erlaubte keine Eigenkreationen in der traditionellen Tanzdarbietung. „He, he nicht so heftig! Man hört die Wucht des Schlages ja bis vor die Tür."
Der Fechtschüler hatte gerade eine diagonale Dach-Parade (Schwertstreich gegen den Kopf eines imaginären Fechtpartners) mit solchem Enthusiasmus durchgeführt, dass er durch den eigenen Schwung völlig aus dem Takt geriet.
Der Lehrmeister schüttelte ungehalten den Kopf und rügte: „Jeder Krieger mit etwas Erfahrung in Cru-in-nim wird dich schallend auslachen, wenn du mit dem Schwert herumprügelst statt kämpfst."
Der Junge blickte schuldbewusst auf die „Waffe" und bemerkte, dass er nicht nur zu stark, sondern auch noch mit der Breitseite des Übungs-Schwertes zugeschlagen hatte. Diese Entdeckung und die Anspielung auf seinen laienhaften Kampf-Stil trieb ihm die Schamröte ins Gesicht. Ich muss noch um einiges besser werden, bevor ich den Sword-Dance vor einem Publikum vorführen kann. Geschweige denn, draussen einem feindlichen Gegner die Stirn bieten kann.
In der Anfangs-Phase übte Silvius mit einer Waffe aus Holz, musste lernen seinen jugendlichen Überschwang zu zügeln und beweisen, dass er während des Tanzes seine Reflexe unter Kontrolle hatte. Erst als der Junge seinen ruhenden Pol gefunden hatte und nicht mehr wild herumfuchtelte, erst dann gab ihm Missor ein echtes Schwert mit scharfer Klinge in die Hand. Zum Schluss übernahm Atrox Missor die Rolle des zweiten Tänzers und sein Schüler merkte noch intensiver, wie wichtig das konzentrierte Schreiten im stetigen Gleichgewicht war. Durch kraftvolles Zuschlagen und Vorstürmen, geriet man allzu leicht ins Stolpern und gab dem Gegner eine Blösse, die für ihn, Silvius, tödlich enden konnte. Die Erfahrungen aus dem kämpferischen Tanz, liessen ihn nicht mehr nur auf die Kraft seiner Jugend vertrauen. Man musste den Gegner genau beobachten und seine Absicht vorausahnen, um ihm immer einen Schritt voraus zu sein.
„Nur ein Mann, der seine Kräfte klug einsetzt, wird auch einen Angriff von mehreren Gegnern überleben und als Sieger heimkehren" sagt Missor am Ende des Trainings und schaute dabei bedauernd auf ein Bild an der Wand.
Silvius betrachtete das kleine Gemälde von zwei jungen Männern, die er schon immer um ihre Muskelkraft beneidet hatte. Leider war er seinen Idolen noch nie persönlich begegnet. Deshalb fragte er jetzt: „Was ist mit diesen beiden? Ich hätte sie gerne einmal kennen gelernt. Sind sie draussen bei der Grenzwacht stationiert?"
Der Jäger schwieg einen Moment und sein Gesichtsausdruck wurde ernst. Dann nahm er die beiden Schwerter, legte sie in ihre Halterungen zurück und verschloss den Waffenschrank. Dabei sagte er schroff: „ Andraste Mac Kerry und Taranis 0'Conroy. Wahre Prachtkerle, nicht wahr?"
Silvius nickte zwar, ihm war aber bei dem Verhalten seines Lehrers nicht wohl. Nun kam der Wildhüter auf den Jungen zu und legte ihm die Hände auf die Schultern. „Wenn du willst, kann ich dir später einmal den Platz ihrer Ermordung im Karstwald zeigen. Beide sind auch dort beerdigt."
Silvius schluckte und schüttelte den Kopf. „Nein, lieber nicht."
Missor lies ihn los und wandte sich halb ab. „In Ordnung, ist auch eine traurige Geschichte. Mein Cousin Andraste war erst 20 als er starb."
Silvius zuckte betroffen zusammen, als Atrox Missor seine Verwandtschaft mit einem der Mordopfer offenbarte. Unsicher blickte er zum Jäger hinüber. Weinte er etwa? Sollte er versuchen ihn zu trösten?
Doch der Mann hatte sich wieder gefangen und wechselte nun das Thema: „Hast du noch Fragen zum Tanz oder den Tieren?" Zusammen gingen sie in Richtung Türe.
„Wie schnell kann ein Falke fliegen, wenn er alle Kraft einsetzt? Könnte der Marder mit seinen Krallen auch an den Felsen entlang bis zu meinem Fenster klettern? Kannst du mir die Kunst des Cru-in-nim beibringen? Ich habe heute gesehen, wie wichtig die Einheit von Geist, Körper und Schwert im Ernstfall ist." Silvius fiel eine Menge Dinge ein, die er von dem Mann noch wissen wollte. Auch für den Nahkampf ganz ohne Waffen interessierte er sich.
Jäger Missor antwortete erfreut: „Ah, so ein wissbegierigen Praktikanten hatte ich selten, das gefällt mir. – Nun also, die höchste Geschwindigkeit, die man bei einem normalen Falken je gemessen hatte, war 79 km/h. Ich weiss aber von einem speziellen Falken namens Fulgur, der schafft im Notfall auch um die 100 km/h. Das ist jedoch ein Ausnahmetier und befindet sich auch nicht hier in Schottland. - Dann der Marder..." der Wildhüter begann wieder zu grinsen „...der Marder? Nein keine Angst, der kommt dich nicht in deinem Zimmer besuchen. Es sei denn, du hängst ihm eine Strickleiter hin und lockst ihn mit Futter. Aber sonst bleibt er lieber im Wald. - Schön finde ich, dass du dich fürs Cru-in-nim interessierst. Wenn du sicher bist, dass du mit diesen intensiven Konzentrations-Übungen beginnen willst, dann komm heute Abend um acht hier in den Saal. Zieh aber nur deinen Trainingsanzug an, keine Schuhe. – Mit den Nahkampf-Techniken aus den Bereichen des Faustkampfes und des Ringens will ich noch etwas warten. Immer eins nach dem anderen, mo Garsún."
cruinnim (irisch) sammeln, versammeln
moGarsún (irisch) meinJunge
