Kapitel 2: Flammende Vergangenheit
Schweigsam
gingen Timothy und Salazar in der Abenddämmerung auf die St.
Petrus Kathedrale, Worcester zu. Der laue Wind war noch warm, die
Blätter der Bäume raschelten im Wind und Salazar kam es so
vor, als wären es tausend flüsternde Stimmen aus den
Schatten, die ihn davor warnten, mit Timothy zu gehen.
Die
letzten Sonnenstrahlen warfen ein gespenstisches Licht auf St.
Petrus. Salazar blieb stehen und sah mit großen Augen zu der
Kathedrale empor.
Er hatte dieses monumentale Bauwerk, mit einen
spitz zulaufenden Türmchen und den schnörkelhaften
Verzierungen schon oft aus der Ferne betrachtet, vor allem die
stetigen Bauarbeiten hatte seine kindliche Neugier aufs Neue geweckt,
doch stets hatte ihm sein Vater verboten es sich aus der Nähe
anzusehen.
Nun
wünschte Salazar, die strenge Stimme seines Vaters zu
hören:„Salazar!
Komm her, das ist nichts für dich! Das ist ein Ort, nur für
Muggel!" Er
erinnerte sich seinen Vater gefragt zu haben, warum dieser Ort nur
für Muggel wäre.
„Muggel
wissen nicht viel, Salazar, deshalb müssen sie glauben. Und dort
ist der Ort, den sie gebaut haben, um sich ihres Glaubens zu
vergewissern."
Salazar
hatte nicht verstanden, was sein Vater damit sagen wollte. Muggel
waren dumm und böse. Sie waren dumm, weil sie nichts wussten und
böse, weil sie...
„Salazar, komm weiter. Man erwartet uns
bereits", riss Timothy Salazar aus seinen Gedanken. Der Junge sah
überrascht auf, Verwirrung spiegelte sich in seinen Augen.
„Ja,
ich kenne deinen Namen", sagte Timothy leise, „ich kannte auch
deine Eltern. Die Dorfbewohner brauchen das nicht wissen, Salazar,
ebenso wenig wie meine Brüder."
Salazar vergaß
kurzzeitig seine Verwirrung: „Eure Brüder? Wohnt dort Eure
Familie? Und woher kennt Ihr meine Eltern?", fragte er neugierig.
Überrascht von der förmlichen, höflichen
Ansprache, fing Timothy an zu erklären, dass in dieser
Kathedrale seine Brüder im Geiste lebten, in einer friedlichen
Gemeinschaft der Arbeit und des Gebets. Auf die Frage nach Viviane
und Ophiuchus, ging Timothy nicht ein. Er wollte darüber erst
mit Salazar sprechen, wenn sie in Sicherheit waren und der Junge das
volle Ausmaß der Ereignisse verstanden hatte.
Salazar
verstand nur wenig davon, beschloss aber zu einem späteren
Zeitpunkt nachzufragen, denn je näher sie der 'Kathedrale',
wie sie Timothy genannt hatte, kamen, desto unwohler fühlte er
sich.
Timothy hielt Salazar an der Hand, während er mit
ihm die breiten Stufen hinauf zu dem ersten Plateau ging. Anfangs
hatte sich Salazar noch gesträubt Timothys Hand zu nehmen, doch
mittlerweile klammerte sich der Junge fast daran. Timothy spürte,
dass Salazar zitterte und strich ihm beruhigend mit dem Daumen über
den kleinen Handrücken.
Am Rande des Plateaus stand ein
kleines Häuschen, aus dem Tellergeklapper und Hundegebell zu
hören waren. Die Tür des Hauses ging auf und ein großer,
gefleckter Hund schoss auf Timothy und Salazar zu. Sofort versteckte
sich der Junge hinter Timothy, der sich bereitwillig vor ihn stellte.
„Barrow! Rufen Sie Ihren Hund zurück!", schrie Timothy
und starrte die wild aussehende Mischung ärgerlich an. Böse
Zungen behaupteten, Hector sei eine Mischung aus Wolf und
Wildschwein. Timothy gehörte zu diesen bösen Zungen und
wunderte sich wieder einmal, wie ein Hund derart potthässlich
sein konnte.
Hector fletschte die schiefen, kreuz und quer
gewachsenen Zähne, die trüben gelben Augen starrten
feindselig in zwei verschiedene Richtungen und der Gestank, der von
dem Hund ausging, war sogar auf fünf Meter Entfernung fast nicht
zu ertragen.
Ein schriller Pfiff ertönte aus dem Haus,
Hectors noch verbliebenes Ohr zuckte wild. Kurz zögerte er, dann
drehte er sich um und trottete mit wedelndem Stumpf zum Haus zurück.
Timothy atmete sichtbar erleichtert aus, als Barrow im Türrahmen
erschien und Hector im Dunkel des Hauses verschwand.
„Guten
Abend Barrow", rief Timothy und ging auf den Ostiarier [2 zu.
Salazar spürte, dass Timothy den Mann nicht besonders mochte,
aber er wusste von seinem Vater, dass man auch zu Leuten, die man am
liebsten gegrillt hätte, freundlich sein musste. Solange der
Gegenüber mächtig war oder etwas hatte, was man selbst
brauchte.
Salazar sah, dass das Herrchen und sein Hund gewisse
Ähnlichkeiten aufwiesen. Der Ostiarier war mindestens genauso
hässlich wie sein Hund: Ihm fehlte ein Auge, die gelben Zähne
wiesen Lücken auf und der Gestank nach Schweiß und anderen
Körperflüssigkeiten, der von dem zerfleddert aussehenden
Mann ausging, raubte einem den Atem.
„Guten Abend Pater
Timothy", grüßte Barrow mit heiserer Stimme und linste
neugierig zu Salazar. „Ihr bringt einen Novizen, Pater?"
Timothy
zögerte einen Augenblick mit der Antwort und lächelte: „Das
wird sich noch herausstellen, Barrow. Wenn Ihr uns
entschuldigt."
Barrow nickte heftig, nuschelte noch einige
Floskeln und wollte Salazar durch das schwarze Haar wuscheln. Der
Junge wich zurück und Timothy hatte es plötzlich besonders
eilig, ihn die restlichen Stufen hinaufzuzerren. Eine Gruppe Männern
in braunen Kutten, die Timothy und Salazar schon einige Zeit bei
ihrem Aufstieg beobachtet hatten, erwartete sie vor der Kathedrale.
Timothy und Salazar stoppten vor einer Gruppe aus etwa sechs
Männern und einem Jungen in Salazars Alter. Salazar musterte die
Männer neugierig und sah zu dem Jungen mit kahlgeschorenem Kopf,
der ihm aufmunternd zuzwinkerte.
Timothy ging auf den Ältesten
der Gruppe zu, verneigte sich vor ihm und küsste den Ring an der
behandschuhten Hand, die ihm vorgehalten wurde. Die graue Mähne
des Alten umrandeten seinen Kopf wie Efeuranken, die eng
zusammenstehenden, braunen Augen blickten missmutig drein. Sein
stechender Blick huschte von Salazar, der versuchte sich so klein wie
nur irgend möglich zu machen, zu Timothy, der immer noch in
demütiger Pose vor dem Alten kniete.
„Wen hast du uns hier
mitgebracht, Timothy?", wollte der Alte mit rauer Stimme wissen und
musterte Salazar eingehend.
„Salazar Slytherin, Abbé",
erwiderte Timothy leise und fügte gleich hinzu: „Seine Eltern
wurden vom Dorfmob getötet, Abbé. Er ist ein Waise, ein
guter Junge..."
„Schon gut, Bruder Timothy", unterbrach ihn
der Alte, „wir werden uns drinnen weiter unterhalten. Du hast
richtig gehandelt, mein Sohn, über alles weitere sprechen wir
unter vier Augen."
Timothy hatte nicht bemerkt, dass er die Luft
angehalten hatte, aber die Worte von Abbé Wilcox gaben ihm
neuen Mut.
Er hatte richtig gehandelt.
Sie würden sich
um Salazar kümmern und wenn er Glück hatte, konnte er sein
Mentor werden.
Kurzzeitig rief er sich in Erinnerung, dass er
selbst viel zu jung war um einen Novizen aufzunehmen, doch das gute
Gefühl, dem Jungen ein Zuhause geben zu können, verdrängte
diesen Gedanken.
Timothy nahm Salazar an der Hand und folgte
seinen Brüdern um die Kathedrale herum in ein separates Bauwerk
hinter dem riesigen Sakralbau.
Salazar wurde erklärt, dass
die Mönche nicht in der Kathedrale lebten, sondern hier im
Kloster St. Maria, und dass die Bruderschaft derzeit den neuen Teil
der Kathedrale, ebenfalls einer heiligen Maria gewidmet, einrichteten
und einweihten.
Timothy versprach Salazar bald die
Räumlichkeiten, sowie die Gemüse- und Kräutergärten
und die Obstplantage zu zeigen.
Bald. Sobald die Frage über seine Zukunft geklärt war.
Timothy beobachtete nachdenklich den jungen Slytherin, der lustlos in seinem Abendessen herumstocherte. Er konnte es ihm nicht verdenken. Bruder William, ein dünner Mittfünfziger mit schütterem grauen Haar und schelmischen Lachfältchen um die Augen, war ein hervorragender Denker und Philosoph - aber ein grauenhafter Koch. Wieder einmal wunderte sich Timothy, dass kein anderer Bruder den Küchendienst übernahm. Sogar er selbst hätte, obgleich er ein fürchterlicher Tollpatsch war, selbst gekocht. Die Gefahr einen oder mehrere Finger beim Hacken von Gemüse zu verlieren würde er in Kauf nehmen, nur um nicht jeden Tag den ständig faden Brei, aus Kartoffeln und undefinierbarem anderen Gemüse, vorgesetzt zu bekommen.
Aber
Abt Wilcox, den Bischof Gregor während seiner Abwesenheit
ernannt hatte, bestand darauf, dass, solange seine Exzellenz Gregor
in Rom weilte, alles beim Alten blieb.
Timothy seufzte und sah zu
Phillip, dem einzigen Novizen in diesem Hause Gottes, der versuchte
mit Salazar ein Gespräch zu beginnen.
Unter den Brüdern
herrschte beim Abendmahl stets eisernes Schweigen, doch keiner, nicht
einmal Abbé Wilcox, rügte Phillip. Sie alle warfen nur
neugierige Blicke zu dem jungen Slytherin und rührten genauso
gelangweilt in dem Gemüse-Kartoffelbrei. Alle - außer
Bruder William, der scheinbar verzückt seine eigene Kreation in
sich hineinschaufelte, als sei es göttliche Ambrosia.
„Phillip", unterbrach Abbé Wilcox den Redefluss
seines jüngsten Schützlings, der sogleich verstummte.
Salazar sah zu Abbé Wilcox auf, legte seinen Löffelt
weg und erschauderte.
Er fing an zu zittern und wusste nicht
warum, nur, dass er sich in Abbé Wilcox Nähe unwohl
fühlte. Zwar war der Vorsteher der Brüder bisher freundlich
zu ihm gewesen, doch irgend etwas an dem Mann brachte Salazar dazu,
weiterhin vor ihm auf der Hut zu sein.
"Erzähl mir
etwas von dir, Salazar", forderte der Abbé mit ruhiger
Stimme.
Salazar fühlte sich unwohl und warf einen unsicheren
Blick zu Bruder Timothy, zu dem er ein wenig Vertrauen gefasst hatte.
Als Timothy ihm ermunternd zunickte, fing er leise an zu sprechen.
Salazar nuschelte seinen vollen Namen: Salazar Ophiuchus
Slytherin, nannte die Namen seiner Eltern und erzählte, dass er
in dem Schloss in den Bergen, auf der anderen Seite des Dorfes
wohnte.
"... sie haben mir schon ein bisschen lesen und
zaubern ---"
"STILL!" Donnerte Abbé Wilcox
plötzlich, sprang auf und warf mit lautem Poltern seinen Stuhl
um. Salazar riss erschrocken die Augen auf und starrte verwirrt auf
Wilcox, der mit hochrotem Kopf am anderen Ende des Tisches stand.
Ohne seinen wütenden Blick von Salazar zu nehmen, umrundete
Wilcox den Tisch und ging langsam auf Salazar zu. Dicht vor ihm blieb
der Abbé stehen, beugte sich zu dem zitternden Jungen hinunter
und flüsterte Salazar etwas ins Ohr. Die Augen des Jungen
weiteten sich entsetzt und er schluchzte trocken auf.
Pater
Timothy hatte die ganze Szene mit unverhohlenem Entsetzen beobachtet.
Er riss sich aus seiner Lethargie, stand auf und zog den
schluchzenden Jungen zu sich. Wilcoxs Kopf war immer noch hochrot,
und als Timothy ihm in die Augen sah, stellte er mit einem unguten
Gefühl fest, dass sich der Glanz fanatischen Feuers in den Augen
des Abbé wiederspiegelte.
Timothy zog den Jungen näher
zu sich, nuschelte eine schnelle Entschuldigung und verließ mit
Salazar den Speisesaal.
Gleich nachdem Timothy die Tür ins
Schloss hatte fallen lassen, ging er vor Salazar auf die Knie und zog
den leise weinenden Jungen in eine schützende Umarmung.
Er
strich Salazar beruhigend über den Rücken, aber das Zittern
hörte nicht auf, so nahm er ihn auf den Arm und trug ihn zu der
Zelle, direkt neben seiner.
Schon nach seiner und Salazars
Ankunft hatte Bruder William stillschweigend seine Sachen gepackt. Er
hatte Timothy kurz mitgeteilt, dass die Zelle neben seiner eigenen
nun frei war und ihm väterlich den Arm getätschelt.
Als
Timothy nun den zitternden Jungen auf die harte Pritsche legte,
dankte Timothy William im Stillen, da dieser scheinbar schon bei der
Ankunft des Jungen gesehen hatte, dass er stets eine Bezugsperson in
seiner Nähe brauchte.
"Shhh..."
Timothy
versuchte Salazar zu beruhigen und wagte nicht zu fragen, was Abbé
Wilcox ihm zugeflüstert hatte.
Fieberhafte überlegte
er, welche Worte den Jungen so erschüttern konnten. Er hatte
Abbé Wilcox noch nie derart wütend gesehen und Timothy
hatte einige Sekunden befürchtet, Abbé Wilcox könnte
die Beherrschung verlieren.
Gedankenverloren strich Timothy über
Salazars rabenschwarzes Haar und dachte über die Zukunft nach.
War es wirklich eine gute Idee ihn, das Kind zweier Zauberer, in das
Haus Gottes zu holen?
Die Kirche wusste, dass Magie existierte,
doch entgegen Timothys Glauben waren seine Brüder überzeugt,
dass die Magie Teufelswerk war.
Er musste Salazar beibringen über
seine Kräfte stillschweigen zu bewahren, das war das beste für
den Jungen.
Timothy warf einen Blick auf Salazar und bemerkte
tiefe, ruhige Atemzüge. Der Junge schlief.
Nach der
Aufregung und der Anstrengung des heutigen Tages nicht verwunderlich.
Timothy wollte aufstehen, doch Salazar klammerte sich an seine
Hand uns schluchzte im Schlaf leise auf. Seufzend lehnte Timothy sich
am Kopfende des Bettes gegen die kalten Steinmauern und beobachtete
Salazars friedlichen Schlaf im Mondlicht.
Nach einigen Minuten
war auch er eingeschlafen.
Mitten
in der Nacht erwachte Timothy und kräuselte die Nase. Es roch
nach Feuer. In sekundenschnelle war Pater Timothy wach, stürzte
zum Fenster und erstarrte:
In weiter Ferne schien ein Feuerdämon
in den Wäldern, mitten auf dem Berg zu sitzen. Die leckenden
Flammenzungen winkten spöttisch in seine Richtung.
Das
einzige Haus, das in dieser Richtung kannte, das einzige Haus auf der
Spitze des Berges in den Wäldern, war der Familiensitz der
Familie Slytherin.
Plötzlich hörte er hinter sich einen
erstickten Schrei, wirbelte herum und sah die hellblauen,
schreckensgeweiteten Augen von Salazar.
Langsam ging der Junge
auf das Fenster zu, unfähig den Blick von dem Inferno zu nehmen,
das die letzten Erinnerungen an seine Eltern zerstörte.
Timothy
legte eine Hand auf Salazars magere Schulter, eine tröstende und
doch hilflose Geste. Schweigend sahen die beiden Magier wie das Feuer
in seinem blinden Zerstörungswahn auf die umliegenden Wälder
übergriff.
Sie sahen die Bauern wie kopflose Hühner auf
den Feldern herumrennen und keiner der beiden stillen Beobachter
hatte Mitleid mit ihnen.
Timothy dachte, dies sei Gottes gerechte
Strafe.
Salazar dachte, keine Strafe könnte gerecht genug
sein.
A/N:
In Zukunft werde ich im Livejournal die, teilweise viel zu langen,
'Autors Note' einstellen. Hier wären das nur störend.
http://0-noctifer-0.
St. Peter / Diozöse Worcester / Kloster St. Maria
Die Diözese
Worcester wurde 680 durch die Synode von Hatfield gegründet. Als
erster Bischof wurde ein Mönch aus Whitby bestimmt, der
unmittelbar am Bischofssitz ein Kloster gründete. Die erste
Kathedrale in Worcester wurde St. Petrus geweiht. Später, im
Jahr 743, wurde dank einer Stiftung durch Ethelbald, König von
Mercia, das Kloster St. Maria gegründet, in das die Mönche
aus der Kathedrale umzogen.
961 wurde der in Fleury ausgebildete
Benediktiner Oswald Bischof von Worcester. Oswald entwickelte auf
Basis der Klosterregeln von Fleury eine Regel für Worcester, die
Regularis concordia anglicae nationis, die danach auch bei weiteren
benediktischen Gründungen zum Einsatz kam. Zur Zeit von Oswald
wurde auch mit dem Bau einer neuen St. Maria geweihten Kathedrale
begonnen.
[2 Ostiarier war im frühkirchlichen Gemeindegottesdienst eine Art Türsteher und Hausmeister. Das Amt wandelte sich im Laufe der Zeit in das des 'Küsters'.
