Kapitel 3 Lydias Rebellion

Lydia hatte sich gar nicht die Mühe machen müssen so geräuschlos wie möglich die Haustür zu schließen. Kaum war diese ins Schloss gefallen, stürmte Natalie Martin bereits aufgeregt aus der Küche und schlang erleichtert die Arme um sie.

„Lydia! Oh Gott, wo warst du bloß den ganzen Tag?"

Beruhigend tätschelte Lydia ihrer Mutter den Rücken. „Mum, ich hab dir doch geschrieben, dass du dir keine Sorgen um mich machen musst."

„Du warst den ganzen Tag nicht in der Schule! Wie kannst du da erwarten, dass ich mir keine Sorgen mache?"

„Ich war bloß im Krankenhaus."

„Im Krankenhaus?" Natalie drückte sie alarmiert von sich und musterte sie von oben bis unten mit einem panischen Blick. „Dir geht es doch gut, oder?"

„Ja, mir gehts gut, Mum." Allmählich begann jedes Wort Lydia viel Kraft zu kosten und so sehr sie ihre Mutter auch liebte, würde sie sich dennoch wünschen endlich ein wenig Zeit für sich zu haben, um den heutigen Tag verdauen zu können. „Es ging nicht um mich, sondern um einen Freund. Heute Morgen wurde bei ihm eingebrochen. Er hat den Kerl überrascht, aber er hatte Glück. Es geht ihm einigermaßen gut."

Natalie wirkte entsetzt, doch Lydia war erleichtert, dass sie sie dadurch endlich losließ. „Mit Stiles und Scott ist aber alles in Ordnung, oder?"

„Ja, es war keiner der beiden", erwiderte Lydia knapp. „Hör zu Mum, ich hatte einen harten Tag. Ich würde jetzt gerne etwas Ruhe haben. Das ist doch okay, oder?"

„Natürlich, mein Schatz." Natalie umarmte Lydia ein weiteres Mal. „Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist. Soll ich dir eine Tasse Tee machen?"

„Das ist lieb von dir, aber nein, danke."

Lydia fühlte sich vollkommen ausgelaugt, als sie endlich die Tür ihres Zimmers hinter sich schließen konnte, doch an Zubettgehen konnte sie aktuell noch nicht denken. Sie zog ein braunes Buch aus ihrem Regal und setzte sich an ihren Schreibtisch. In- und auswendig kannte sie das Bestiarium bereits, doch sie konnte sich nicht an ein Flügelwesen in menschenähnlicher Gestalt erinnern. Allerdings wusste Lydia nicht, wo sie sonst nach Antworten suchen konnte. Entschlossen schlug sie die erste Seite auf.


Die Digitaluhr am Nachtisch zeigte mit aufdringlich grellen-grünen Ziffern bereits halb zwölf Uhr nachts an, während sich Jordan in seinem Krankenbett herumwälzte. Obwohl er einige Tabletten geschluckt hatte, quälten ihn noch immer die Schmerzen seiner Prellungen und verhindern, dass er eine angenehme Liegeposition finden konnte. An Schlaf konnte er ohnehin nicht denken, da der heutige Tag sein Leben zu sehr verändert hatte.

Jordan lauerte darauf, dass er wieder kommen würde, denn er wusste, dass er es tat.

Die Minuten verstrichen quälend langsam. Er wusste nicht, ob er Angst hatte oder es einfach hinter sich bringen wollte. Allerdings wollte er auch nicht zu sehr darüber nachdenken, was ihn erwarten würde, denn im war bewusst, dass die Angst dann zwangsläufig gewinnen würde. Er hing viel zu sehr an diesem Leben.

Weiterhin war es mucksmäuschenstill und dunkel im Krankenzimmer, doch irgendwann begann sich die Luft zu verändern. Es wurde wärmer. Doch da Jordan wusste, was das bedeutete, jagte ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Wenn er zuvor keine Angst gehabt hatte, hatte er sie spätestens jetzt. Schmerzvoll zog sich sein Magen zusammen und vermittelte ihm das Gefühl, dass er sich am liebsten übergeben würde.

Einige Sekunden lauschte Jordan in die Dunkelheit und wartete darauf, dass etwas passieren würde, doch nichts geschah. Es wäre ein leichtes für ihn gewesen ihn jetzt aus dem Weg zu räumen, doch er schien auf etwas zu warten. Es kostete Jordan einiges an Überwindung sich mühselig im Bett aufzurichten und ihn anzusehen.

Einige Meter vor sich konnte Jordan seine beeindruckenden Umrisse und die stechend rotgoldenen Augen erkennen. Spätestens jetzt wurde ihm bewusst, dass er sich mittlerweile wirklich vor ihm fürchtete. Früher war das anders gewesen.

„Bist du hier um dein Werk zu vollenden, Michael?", fragte Jordan und war selbst überrascht, wie herausfordernd er klang, obwohl Michael diese furchteinflössende Wirkung auf ihn hatte.

„Da scheint sich wohl wieder jemand zu erinnern?", entgegnete Michael und klang dabei so neutral und emotionslos wie eh und je. „Dir ist bewusst, dass ich das nun nicht mehr kann. Das Mädchen war ein sehr listiger Trumpf von dir. Ganz deine Handschrift. Skrupellos und böse. Es ist sinnlos, dass sie dich an sich gebunden hat. Es gibt dir höchstens etwas mehr Zeit und macht es umso trauriger, dass ihr Leben verschwendet wird."

Jordans Puls beschleunigte sich und er spürte, wie ihn Panik überkam. Lydia hatte ihn an sich gebunden? Er brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, was das bedeutete - und vor allem, was es für sie bedeutete.

„Du wirst sie doch nicht allen ernstes töten wollen?", fragte er Michael entsetzt. „Sie ist ein guter Mensch!"

„Du bist eine viel zu große Gefahr. Ihr Opfer ist tragisch ja, aber wenn dafür sehr viele andere gerettet werden können, ist es das wert."

Michaels Tunnelblick, mit dem er engstirnig jede Tat zum Wohle aller rechtfertigte, hatte Jordan bereits früher nie gefallen, aber nun war es etwas persönliches und schlichtweg einfach nur falsch. Es machte ihn zornig. „Das kannst du Lydia aber nicht antun!", schrie er ihn an. Er sprang aus seinem Bett und hatte sich am liebsten auf Michael gestürzt, wohl wissend, dass es nicht die geringste Chance hatte, doch bereits sein einiger Körper setzte ihn außer Gefecht, als er mit den nackten Füßen auf dem kalten Parkett aufkam. Aufgrund seiner Verletzungen durchzuckte ein stechender Schmerz seinen Körper und zwangen ihn ächzend in die Knie, während ihm ein paar Sekunden lang schwarz vor Augen wurde.

Michael war anscheinend unbeeindruckt von seinen Worten, denn er blieb stumm und erst recht nicht machte er Anstalten ihm wieder aufzuhelfen. Das hatte Jordan allerdings auch nicht erwartet, nachdem er ihn erst heute Morgen noch mit seinem Schwert aufspießen wollte.

„Sie wusste nicht mal was sie tat oder für wen sie es tat", fuhr Jordan fehlend fort, nachdem der Schmerz wieder etwas nachgelassen hatte. Er rappelte sich mit zusammengebissenen Zähnen mühselig an sein Bett gestützt wieder auf. Was würde er jetzt darum geben mit Michael auf gleicher Höhe zu sein.

„Nicht ich tu ihr das an", erwiderte Michael und blieb dabei weiterhin so sachlich, als würde er feststellen, dass es draußen regnete. „Das ist deine Schuld. Es ist gleichgültig, dass sie die Wahrheit über dich nicht kennt."

„Aber ihr hab doch gesehen, dass ich mir in diesem Leben noch nie etwas habe zu Schulden kommen lassen! Die Dinge haben sich geändert. Ich habe mich geändert!" Jordan war verzweifelt und er versuchte den beengenden Kloß in seinem Hals runterschlucken, der es ihm allmählich immer schwerer machte zu sprechen. Er war gefährlich den Tränen nahe und stellte sich plötzlich die triviale Frage, wann er zuletzt hatte weinen müssen. Eigentlich war er nicht sehr nah am Wasser gebaut.

„Das weiß er und er hat es berücksichtigt, aber du bist viel zu gefährlich und das können wir nicht ignorieren. Du hättest weiterschlafen sollen. Das wäre das Beste für dich gewesen. So wie die Dinge jetzt liegen gehörst du nicht mehr hierher." Plötzlich konnte man zum ersten Mal etwas Bedauern aus Michaels neutralem Tonfall heraushören. „Ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann du dich zuletzt für jemanden anderen eingesetzt hast. Das macht es umso tragischer. Dir bleibt nicht mehr viel Zeit. Nutze sie also."


„Lydia, Schatz. Wach auf!", drang eine sanfte Stimme an ihr Ohr, während sie eine Hand leicht schüttelte.

Irritiert blinzelte Lydia und realisierte ein paar Sekunden später, dass die Stimme und die Hand zu ihrer Mutter gehörten, die im Nachthemd vor ihr stand und sie mit besorgter Miene musterte. Gleichzeitig wurde sich Lydia des starren Gefühls in ihrem Körper bewusst und, dass ihr Kopf auf dem Schreibtisch lag. Sie musste wohl dort eingeschlafen sein. Gequält und verschlafen setzte sie sich aufrecht auf den Stuhl und rieb sich den Nacken. „Uh."

„Was hast du denn da gelesen?"

Ehe Lydia es verhindern konnte, nahm Natalie das Bestiarium in die Hände und betrachtete nachdenklich die aufgeschlagenen Seiten. Lydia konnte sich nicht mehr erinnern welchen Teil des Buches sie sich angesehen hatte, bevor sie darüber eingeschlafen war. Allerdings spielte das auch keine Rolle, denn für einen Außenstehenden war alles an und in diesem Buch merkwürdig.

„Das ist nichts besonderes, Mum." Schnell riss Lydia das Buch ihrer Mutter wieder aus den Händen und schlug es zu. „Das sind nur Märchen und so."

„Das sah aber eher nach einem Lexikon aus. Einem recht grusligem Lexikon", erwiderte Natalie stirnrunzelnd und musterte Lydia nachdenklich. „Glaubst du etwa an solche Dinge?"

„Oh Gott, nein! Wie gesagt, das sind Märchen und Märchen sind auch gruselig. Hänsel und Gretel ist das beste Beispiel dafür. Weißt du noch wie schlimm es für mich als kleines Kind war, als wir uns die Verfilmung mit Cloris Leachman angesehen haben? Ich habe nur wegen dieser Frau einen Monat nicht richtig schlafen können."

Natalie blieb stumm, doch ihr nachdenklicher Blick ruhte weiterhin prüfend auf ihr, was Lydia nicht behagte. Dann lächelte sie allerdings kopfschüttelnd. „Ja, das weiß ich noch", sagte sie lachend und wurde augenblicklich wieder ernst. „Aber du warst schon immer sehr sensibel … Ich habe nur gerade an die Zeit gedacht, als du geglaubt hast ein Monster vor der Videothek gesehen zu haben und es dir deswegen so schlecht ging. Ich möchte nicht, dass du das alles noch einmal durchmachen musst. Bitte Lydia, verspricht mir, dass du mit mir reden wirst, sollte dich etwas bedrücken oder etwas merkwürdig sein."

Nicht zum ersten Mal verspürte Lydia das starke Bedürfnis ihrer Mutter die ganze Wahrheit über die vergangenen Monate zu erzählen. Aber wie sagt man einer Mutter, dass man neuerdings mit Werwölfen befreundet und die beste Freundin von einem Dämon getötet worden war? Wie sagt man ihr, dass man ständig Stimmen in seinem Kopf hörte, Blackouts hatte und an Orten wieder zu sich kam, von denen man nicht wusste, wie man dorthin gelangt war oder wo sich diese Orte eigentlich befanden? Ganz zu schweigen von den vielen Leichen, die mittlerweile ihren Weg pflasterten. Das Verlangen, sich all das von der Seele zu reden und einfach von ihrer Mutter tröstend wie ein kleines Kind in den Arm genommen zu werden, war so groß, aber Natalie würde sie mit Sicherheit nur für verrückt halten und wahrscheinlich gleich einen Termin im Eichen House vereinbaren.

„Es geht mir gut, Mum. Das damals war einfach eine schwierige Zeit. Ich hatte viel Lernstress und mit Jackson lief es nicht so gut, aber das ist vorbei. Wie heißt es doch so schön: Was einen nicht umbringt, macht einen härter."

Natalie lächelte erneut, doch Lydia konnte nicht erkennen, ob sie sie mit ihren Worten überzeugen konnte. Allerdings beugte sie sich zu ihr hinunter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

„Freut mich. Gute Nacht, Schatz", sagte Natalie und klang dabei zufrieden. „Tu dir den Gefallen und leg dich jetzt zum Schlafen ins Bett."


Lydia war übermüdet und fühlte sich elend, als die Bücher für ihre kommende Biologiestunde aus ihrem Spind kramte und schwerfällig die Metalltür wieder ins Schloss fallen ließ. Allerdings entdeckte sie plötzlich Scott im Augenwinkel an seinem Spind und war sofort hellwach. Schnell hastete sie zu ihm hinüber.

„Du hast mir heute Morgen nicht auf meine Nachricht geantwortet!", begrüßte sie ihn mit vorwurfsvoller Stimme.

„Tut mir leid, Lydia." Er würdigte sie kaum eines Blickes, während er ebenfalls sein Biologiebuch aus dem Schrank zog und in seinen Rucksack steckte. Als würde diese knappe Entschuldigung vollkommen ausreichend sein, ließ Scott sie an seinem Spind stehen und setzte seinen Weg in Richtung Klassenzimmer fort. Lydia sah ihm für einige Sekunden verblüfft hinterher, ehe sie begriff, dass er sie wohl bewusst mied - auch wenn er sich recht schlecht dabei anstellte.

Eine böse Ahnung beschlich sie. Hätte sie nicht spüren müssen, wenn Jordan etwas zugestoßen wäre? Lydia klammerte sich an die Hoffnung, dass dem so sein müsste und wollte den Gedanken, dass sie selbst im Grunde die letzte war, die ihren Fähigkeiten vertraute, so schnell wie möglich abschütteln. Hastig versuchte sie Scott einzuholen und mit seinen großen Schritten mitzuhalten, was angesichts ihrer Körpergröße ein schwieriges Unterfangen war.

„Scott! Ich will sofort wissen was deine Mum gesagt hat und denk nicht mal daran mir nicht die Wahrheit zu sagen!", rief sie hinter ihm aufgebracht. „Bleib gefälligst stehen und sag mir, ob es ihm gut geht."

Scott seufzte lautstark, aber er blieb zu Lydias Überraschung tatsächlich stehen und drehte sich wieder zu ihr um. Eigentlich hatte sie mit mehr Widerstand gerechnet. Ein paar Sekunden lang musterte Scott sie prüfend und Lydia glaubte zu erkennen, er würde überlegen, ob sie seine Worte verkraften würde, oder nicht. Schnell versuchte sie diesen paranoiden Gedanken an das Schlimmste wieder zu verdrängen.

„Als Mum heute Morgen nach ihm gesehen hat, ging es ihm gut. Allerdings war er nach dem Frühstück plötzlich verschwunden."

Lydias Augen wurden groß vor Entsetzen. Hatte etwa jemand Jordan entführt? Er war verletzt gewesen. Mit seinen Prellungen konnte er unmöglich eigenmächtig das Krankenhaus verlassen haben.

„Oh mein Gott …", wisperte sie und verstärkte den Griff um ihr Biologiebuch. „Wir müssen ihn suchen! Was ist, wenn ihm etwas passiert ist und ihn jemand entführt hat, Scott? Ich suche nach Malia und Kira, du holst Stiles und dann-"

„Bitte, hör mir kurz noch mal zu", unterbrach sie Scott beschwichtigend. „Ehrlich gesagt denke ich eher, dass er sich selbst entlassen hat. Gestern hat uns Parrish nicht die Wahrheit erzählt. Ich denke, dass er weiß wer dieses Monster war und was es von ihm wollte."

Das war definitiv eine Nachricht, mit der Lydia nicht gerechnet hatte. Für einen Moment vergaß sie ihre Panik und sah Scott überrascht an. „Wie kommst du darauf? Warum hätte er uns belügen sollen?"

„Als uns Parrish erzählt hat was passiert ist, war er aufgeregt gewesen. Man hat es ihm nicht angesehen, aber ich habe gehört wie sein Herz geschlagen hat. Er hat uns definitiv was verschwiegen. Stiles und ich waren uns erst nicht sicher, ob wir dir das sagen sollen, aber ich möchte nicht, dass du dich jetzt vielleicht für jemanden in Gefahr begibst, der es im Nachhinein doch nicht so wert ist, wie es gerade noch scheint."

Plötzlich schienen die Informationen, die Lydia auf einmal verdauen musste, etwas zu viel zu werden. Erst war Jordan verschwunden, dann sollte er sie angeblich gestern belogen haben, aber Scott hätte ihr das am liebsten verschwiegen, hat es dafür aber Stiles erzählt, der im Gegensatz zu ihr immer alles wissen durfte, und dann kam er auch noch auf den lächerlichen Gedanken, dass Jordan es wegen dieser angeblichen Lüge vielleicht nicht wert war gerettet zu werden?

Lydia wusste nicht, was sie im Moment wütender machte. Diese vollkommen an den Haaren herbeigezogenen Theorie Scotts oder die Tatsache, dass sie mal wieder außen vorgelassen wurde, obwohl Scott und Stiles nicht in Jordans Wohnung dabei gewesen waren, ihn nicht in den Armen gehalten hatten, als er starb und plötzlich wieder quicklebendig war, nicht dieses Gefühlschaos durchgemacht oder nicht das geflügelte Monster gesehen hatten - schlichtweg einfach absolut nichts damit zu tun gehabt hatten.

Und da sich Lydia nicht entscheiden konnte, entschied sie sich einfach für beides.

„Mag sein, dass Jordan uns gestern etwas verschwiegen hat, dass heißt aber noch lange nicht, dass wir einfach tatenlos zusehen können, wie ein irres Monster ihn nochmal mit einem Schwert aufspießt! Im Gegensatz zu euch weiß ich nämlich, dass er es wert ist, Scott!", sagte sie aufgebracht. „Im Gegensatz zu euch war er mir sogar in den letzten Monaten ein besserer Freund als ihr alle. Und weißt du warum? Weil ich verdammt noch mal die ganze Zeit von euch vergessen werde oder, weil ihr es nicht für nötig haltet, mich bei gewissen Dingen auch ins Vertrauen zu ziehen! Aber ich verstehe euch natürlich, immerhin bin ich fast nie zu etwas zu gebrauchen und renne nur immer orientierungslos in der Gegend herum und irgendwelchen Stimmen hinterher, wie eine Wahnsinnige, während das perfekte Rudel wenigstens in der Lage ist ordentlich zu kämpfen und einen wirklichen Beitrag zu leisten. Ihr könnt mich alle mal!"

Scott sah sichtlich erschrocken aus, doch es kümmerte Lydia recht wenig, dass sie ihn vielleicht sogar mit ihren Worten verletzt hatte. Wie verletzt sie die letzten Monate war, hatte genauso wenig jemanden von ihnen gekümmert. Ohne zu zögern ließ sie ihn stehen und eilte hastig den Flur zum Ausgang entlang.

Heute Abend würde ihre Mutter Lydia mit Sicherheit eine ordentliche Standpauke halten, da sie erneut nicht zum Unterricht erschienen war. Bis jetzt wusste Lydia noch nicht, was sie ihr dieses Mal erzählen würde, allerdings war ihr klar, dass nun definitiv nicht die Zeit für einen achtstündigen Schultag war.


Lydia sprang in ihren blauen Toyota und startete den Motor. Sie wusste nicht, wo sie nach Jordan suchen sollte und verfluchte sich dafür, dass sie eigentlich überhaupt nichts über ihn wusste. Bisher hatte sie sich nie für seine Vorlieben oder Orte interessiert, an denen er sich gerne aufhielt. Das einzig sinnvolle wäre, erst einmal bei ihm Zuhause vorbeizufahren. An eine Entführung wollte sie nicht mal denken. Sie hoffte darauf, dass Scott zumindest in diesem Punkt recht hatte und er sich wirklich selbst entlassen hatte. Auch wenn es Lydia unerklärlich war, wie er das mit seinen Verletzungen nur hatte anstellen können.

Lydias Handy klingelte, als sie vom Schulparkplatz fuhr. Wie nicht anders zu erwarten war, konnte sie Stiles auf dem Display lesen, doch sie hatte keine Lust ihren Streit mit Scott mit Stiles fortzuführen. Unbeeindruckt drückte sie ihn weg und konzentrierte sich auf die Straße.


Als Lydia Jordans Wohnung im vierten Stock erreichte, war sie dankbar dafür, dass Sheriff Stilinski gestern mit seiner Pistole das Schloss beschädigt hatte. Problemlos öffnete sie sachte die Tür und trat herein.

„Jordan?", rief sie fragend in die Stille.

Niemand antwortete. Ihr kleiner Funke Hoffnung, ihn hier anzutreffen, begann allmählich wieder erlöschen. Angesichts der gestrigen Situation konnte sie das ungute Gefühle, dass diese vier Wände in ihr auslöste, nicht unterdrücken. Fast schon befürchtete sie, wieder dem geflügeltem Monster zu begegnen. Nur die Tatsache, dass ihr Körper nicht so wie gestern reagierte, sagte ihr, dass es nicht da war und sie zumindest jetzt vor dem Wesen sicher war.

Lydia erreichte das Wohnzimmer. Sofort fiel ihr Blick durch die große Fensterfront auf den Balkon und ihr Herz fühlte sich an, als würde es für eine Sekunde zu schlagen aufhören. Voller Entsetzen blieb sie stehen und schlug sich die Hände vor den Mund, um ihren Schrei zu unterdrücken.

Jordan stand mit dem Rücken zu ihr auf dem Geländer seines Balkons. Sein Blick war in die Ferne gerichtet und seine Körperhaltung strahlte deutlich aus, dass er bereit zum Springen war. Am liebsten wäre Lydia auf ihn gestürzt und hätte ihn vom Geländer gezerrt, doch damit würde sie wahrscheinlich erreichen, dass er überstürzt sprang oder versehentlich das Gleichgewicht verlor.

Ihre Beine zitterten, als sie sich wieder langsam in Bewegung setzte und auf die geöffnete Balkontür zu ging. In ihren Ohren dröhnte ihr schneller Herzschlag und ihre Hände fühlten sich plötzlich schwitzig an. Gestern war Jordan ihr noch dankbar dafür gewesen, weil er glaubte, sie hätte ihn von den Toten zurückgeholt. Heute wollte der sich selbst in den Tod schützen? Das ergab doch alles keinen Sinn! Bisher hatte er auf sie noch nie den Eindruck erweckt, dass er selbstmordgefährdet wäre. Was war in den letzten Stunden bloß geschehen, was ihn so aus der Bahn geworfen hatte?

„Jordan?", sagte Lydia so ruhig wie möglich, als sie schließlich geschafft hatte geräuschlos den Balkon zu erreichen.

Überraschte wandte Jordan seinen Kopf zu ihr und Lydias Magen zog sich krampfhaft zusammen, da sie befürchtete, er würde gleich die Balance verlieren.

„Was machst du hier?", fragte er verwirrt.

„Du fragst mich ernsthaft, was ich hier mache, während du dort oben stehst?"

Plötzlich schien er sich seiner Situation bewusst zu werden. Vielleicht war es auch der Schock in Lydias Gesicht, der ihm vor Augen führte, was er gerade im Begriff war zu tun. Ohne große Mühe oder das Gleichgewicht zu verlieren, sprang er vom Geländer auf den sicheren Balkonboden zurück. Erst jetzt wurde Lydia bewusst, wie mühelos er sich bewegte. Dabei litt er gestern noch unter starken Schmerzen.

„Warum wolltest du das tun?", fragte Lydia verständnislos.

„Das hast du falsch verstanden. Ich wollte mich nicht umbringen."

„Ach ja?" Plötzlich verfluchte sie ihn, für diese innere Ruhe und Gelassenheit, obwohl die aktuell ganz und gar nicht angebracht war. Genauso wenig wie es angebracht war, dass sie ihm jede Information aus der Nase ziehen musste. Es hatte zumindest danach ausgesehen, als würde er sich jeden Augenblick vom Balkon stürzen wollen, wie konnte er dann meinen, dass mit einem schlichten Das hast du falsch verstanden, alles gesagt sei? „Ist dann das so etwas wie ein neues Hobby? Ungesichert auf irgendwelchen Balkongeländern herumspringen? Und das auch noch, obwohl man eigentlich mit Prellungen im Krankenhaus liegen sollte?"

„Du bist wütend", stellte Jordan fest, was Lydia dazu veranlasste noch wütender zu werden.

„Ja, ich bin wütend!", schrie sie aufgebracht. Sie bemerkte, dass sie an diesem Punkt nicht weiterkamen und holte tief Luft, als ihr Scotts Behauptung wieder einfiel und ein Grund, der sie ebenfalls wütend auf ihn werden ließ. „Scott meinte, du hättest uns gestern etwas verschwiegen. Stimmt das?"

Zum ersten Mal war so etwas wie eine Gefühlsregung in seinem Gesicht zu erkennen. Plötzlich sah Jordan ertappt aus und Lydia war unendlich enttäuscht. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er in den letzten Monaten zu einem der Menschen geworden war, denen sie am meisten vertraute, doch er schien ihr dieses Vertrauen nicht entgegen zu bringen.

„I-ich wollte-" Jordan hob beschwichtigend die Hände und kam einen Schritt auf sie zu, doch Lydia wich vor ihm zurück.

„Lass das. Bleib weg."

Er blieb wieder stehen und verzog verletzt das Gesicht. Zumindest sah er so aus, wie sie sich aktuell fühlte.

„Es tut mir wirklich leid. Ich wollte dich nicht belügen. Lass uns bitte reingehen, Lydia, dann erzähl ich dir die ganze Wahrheit."


Fortsetzung folgt