Kapitel 3
Hermine Granger hatte Spaß. Sie hatte Spaß mit Draco Malfoy. Gab es noch Zeichen und Wunder?
Hier waren sie, auf der Hochzeitsfeier von Ron und Pansy, und sie unterhielt sich köstlich. Sie hatte gedacht, dass das hier eine reine Tortur sein würde, stattdessen war es angenehm.
Während sie in dem großen Garten spazieren gingen, warf er ihr verstohlene Blicke zu. Er hatte seine Hände hinter seinem Rücken verschränkt. Ihre Hände hatte sie vor ihrem Körper. Sie waren ganz offenbar ein Anblick der Gegensätze.
Sie schaute ihn ein weiteres Mal an und er fragte: „Habe ich etwas auf meiner Nase?"
Sie hielt an und schaute sich seine Nase genau an. „Ich sehe nichts, wieso?"
„Weil du mich immer wieder anschaust", sagte er.
„Entschuldige", sagte sie, atmete tief durch und lief weiter.
Er schloss zu ihr auf und sagte: „Sag mir, über was du nachdenkst."
„Wir sind so verschieden und ich denke, es ist merkwürdig, dass ich hier mit dir zusammen eine schöne Zeit habe."
„Wir sind nicht so verschieden", entgegnete er. „Wir sind beide Menschen. Wir beide haben einen Kopf. Wir beide müssen atmen."
Sie zog ihre Augenbrauen zusammen „Wir haben beide einen Kopf?", fragte sie. „Ist das wirklich etwas, von dem du sagen würdest, dass wir es gemeinsam haben? Einen Kopf?"
„Wir haben beide einen Kopf", sagte er mit einem Lachen.
„Fein, ich muss dir da zustimmen", gab sie zu.
Sie hielten an einem großen Baum an und sie lehnte sich gegen den Stamm. „Ich habe mehr daran gedacht, dass ich eine Muggelgeborene bin, du ein Reinblüter und daran, wie sehr wir uns in der Schule gehasst haben. Du weißt schon, solche Sachen."
„Oh", sagte er. Er stand genau vor ihr. „Ich verstehe. Du bist gut, ich bin böse, du bist klug, ich bin dumm, du bist arm, ich bin reich. Solche Sachen."
Sie schaute ihn für einen Moment mit einem amüsierten Lächeln an. „Ich bin nicht arm", war alles, was sie sagte. Es war ihr nicht möglich, die anderen Dinge abzustreiten. Hermine lachte und er stimmte mit ein. Er lehnte sich mit einem Arm gegen den Baum, direkt neben ihrem Kopf.
„Aber die andern Dinge stimmen, richtig?", sagte er, gefährlich nahe bei ihr stehend.
„Vielleicht bist du ja nicht böse. Ich kenne dich nicht gut genug, das zu beurteilen", sagte sie.
Er lehnte sich noch näher zu ihr, zwinkerte ihr zu und sagte: „Ich bin so böse, wie der Tag lang ist." Er stieß sich von dem Baum ab und ging davon. Sie blieb noch ein wenig länger bei dem Baum stehen und rannte ihm dann nach, um ihn einzuholen.
„Warum bist du nicht verheiratet, Malfoy?", lachte sie plötzlich.
Er drehte sich um und schaute in ihr neugieriges Gesicht. „Machst du mir einen Antrag?"
„Nicht heute", lächelte sie. Nachdem sie noch ein wenig darauf wartete, dass er antworten würde und sie erkannte, dass er ihr keine Antwort geben würde, stellte sie eine andere Frage. „Bist du nicht für eine Weile mit Pansy ausgegangen?"
„Nur in der Schule", gab er zu. Sie gingen langsam zurück zu der Meute. „Die Schlange beim Essen ist jetzt viel kürzer, vielleicht sollten wir zurückgehen."
„Ich bin am verhungern. Ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, weil mir so übel war", sagte sie.
„Der Gedanke an das glückliche Paar und ihre Hochzeitsnacht hat dich wohl beinahe dazu gebracht, dich zu übergeben, Granger?", fragte er.
„Das muss es wohl gewesen sein", scherzte sie. Sie hielt an, bückte sich und pflückte eine Wildblume. „Die ist hübsch." Es war eine einfache Aussage. Sie ging zu ihm und steckte die Blume in sein Knopfloch.
Er schaute hinunter zu der roten Blume. „Ist sie genauso schön wie ich?", fragte er.
„Fast", sagte sie grinsend. Sie machte sich daran die Blume wieder zu entfernen und er griff ihr Handgelenk. Sie zog ihre Hand so schnell zurück, dass er ihn fast erschreckte.
„Lass es, ich mag sie", sagte er. Er schämte sich plötzlich und er war sich nicht sicher, warum. Er schaute zu Boden und sie gingen zurück zum Buffet. Er nahm einen Teller und gab ihr einen.
Nachdem sie ihre Teller gefüllt hatten, gingen sie an einen anderen Tisch als den, an dem sie zuvor gesessen hatten. „Soll ich uns etwas Wein holen oder ein wenig Champagner?", fragte er.
„Nein, das Essen reicht mir, danke", antwortete sie.
Zum ersten Mal an diesem Nachmittag fühlte er sich komisch in ihrer Nähe und er wusste nicht, warum das so war. Er glaubte, dass es etwas damit zu tun hatte, dass sie so schnell ihre Hand von ihm zurückgezogen hatte. Er hatte nicht vorgehabt, sie zu verletzen. War er zu grob gewesen? Warum hatte sie sich so aufgeregt, als er sie berührt hatte?
Er war plötzlich nicht mehr sehr hungrig. Er schob seinen Teller zurück und sagte: „Ich verstehe es einfach nicht."
Sie schaute auf und fragte: „Was verstehst du nicht?"
„Dich und Wiesel", sagte er.
„Was meinst du? Es gibt kein Wiesel und mich", sagte er.
„Aber es war mal so. Warum, Granger? Warum, um Himmels Willen?", schüttelte er ungläubig seinen Kopf. Sie konnte nicht anders und musste wieder lachen.
„Vorrübergehende geistige Umnachtung?", bot sie an.
„Das hoffe ich doch", sagte er. „Wann habt ihr Schluss gemacht?"
„Als ich herausgefunden habe, dass er mit Pansy zusammen ist", entgegnete sie.
Was. So eine Geschichte und er wusste nichts davon? „Erkläre mir das bitte!", bat er.
„Wir waren für fünf Jahre zusammen gewesen, ohne, dass ich von ihm einen Ring bekommen habe. Und gerade als ich soweit war, ihm einen zu geben und, du weißt schon, mit der Beziehung voran zu kommen, erzählt er mir, dass er eine andere Frau kennengelernt hat. Er hat gesagt, dass er sich in jemanden anders verliebt hat und dass es ihm Leid täte. Das war vor neun Monaten. Keine große Sache", sagte sie, auch wenn sie nicht so aussah, als wäre es keine große Sache gewesen.
„Habt ihr zwei zusammen gelebt?", fragte er.
„Nein", sagte sie.
„Dann musst du spätestens nach dem zweiten und dritten Jahr gemerkt haben, dass es zwischen euch nicht funktionieren wird. Fünf Jahre? Wirklich, Granger, und ich habe geglaubt, du wärst schlau", scherzte er. Er hatte wieder Hunger und begann zu essen. Jetzt war sie nicht mehr hungrig. Sie schob ihren Teller zur Seite und stützte ihren Kopf auf ihrer Hand ab.
„Malfoy, denkst du, irgendetwas stimmt nicht mit mir?", fragte sie plötzlich.
„Wahrscheinlich", sagte er und stibitzte sich ihr Roastbeef.
„Das habe ich mir gedacht", sagte sie. Sie entschuldigte sich und ging aus dem Haus. Was hatte er gesagt? Sie hatte eine Frage gestellt und er hatte nur versucht ehrlich zu sein. Er war sich sicher, dass sie gleich wiederkommen würde und aß auf. Nachdem sie nach zehn Minuten immer noch nicht zurück war, ging er sie suchen.
Er war noch nie bei den Weasleys zu Hause gewesen. Er hatte Angst, irgendetwas anzufassen. Er schaute sich unten um, konnte sie jedoch nicht entdecken. Er ging nach oben und klopfte an der Tür, von der er vermutete, dass dahinter ein Badezimmer war.
Sie öffnete die Tür.
„Darf ich dir Gesellschaft leisten?", witzelte er.
Sie zog ihn hinein. Das hatte er nicht erwartet.
„Geht es dir gut?", fragte er.
„Ja, ich schaue mir nur etwas an", sagte sie. Sie ging zurück zu dem Spiegel. Sie schaute sich ihr Spiegelbild an. Er kam zu ihr und stellte sich hinter sie. Sie konnte die Wärme seines Körpers nah an ihrem spüren, wie sein Atem ihren Nacken streichelte.
„Und was siehst du dir an?", fragte er.
„Ich habe versucht zu erkennen, was mit mir nicht stimmt", antwortete sie.
War das ihr Problem? „Ich habe nicht gemeint, dass physisch irgendwas mit dir nicht stimmt, als ich dir deine Frage beantwortet habe. Du siehst eigentlich ganz gut aus, für jemanden der Muggelgeboren ist." Ihr Spiegelbild funkelte ihn an, bis er lächelte und damit zeigte, dass er einen Witz gemacht hatte.
„Was hast du dann damit gemeint?", fragte sie.
„Nur, dass du etwas nachweinst, was sowieso nie funktioniert hätte und dass du all die Jahre mit ihm verschwendet hast, obwohl du gewusst haben musst, dass es zu nichts führt. Das stimmt mit dir nicht. Du hast Angst. Angst davor, allein zu sein, Angst zu versagen und Angst vor dem, was die Leute von dir denken", erklärte er.
Sie drehte sich herum und schaute ihn an. Er schaute zu ihr hinunter. Er war recht groß, fiel ihr plötzlich auf.
„Denkst du das wirklich?", fragte sie.
„Ja", antwortete er.
Sie drehte sich zurück zum Spiegel und schaute sich selbst noch einmal an. „Genau das denke ich auch", gab sie zu.
Hermine drehte sich wieder herum. Er war nur Zentimeter von ihr entfernt. Sie berührten sich jedoch nicht. Seine Hand berührte den Ärmel ihres Kleides. Er zog leicht daran und rollte den Stoff zwischen seinen Daumen und Zeigefinger, ehe er seine Hand auf ihre Schulter legte. Er legte seine andere Hand auf ihre andere Schulter und für den Bruchteil einer Sekunde dachte sie, dass er sie küssen würde und dass das gar nicht so schlecht wäre. Stattdessen drehte er sie zurück zu dem Spiegel.
„Willst du wissen, was ich wirklich sehe, Granger?", fragte er. Sie schaute durch den Spiegel hindurch in seine Augen. „Ich sehe eine kluge Frau, die endlich zur Vernunft gekommen ist. Du wirst denselben Fehler nicht noch einmal machen."
„Das hoffe ich, Malfoy", erwiderte sie. Sie schaute nach unten in das Waschbecken.
Er trat zurück und sagte: „Geh jetzt raus. Ich kann genauso gut gleich die Toilette benutzen, wenn ich schon mal hier bin."
„Mach nur, es stört mich nicht", sagte sie mit einem Grinsen. Er trat um die Kommode herum und begann seinen Reißverschluss zu öffnen. „Ich habe nur einen Witz gemacht!", quiekte sie. Sie rannte aus dem Raum und wartete vor der Tür auf ihn. Sie konnte von draußen hören, wie er drinnen lachte.
Als er herauskam, sagte sie: „Hast du dir deine Hände gewaschen? Ich habe das Wasser nicht laufen hören."
„Bist du meine Mutter?", fragte er. „Und ja, ich habe meine Hände gewaschen."
Sie grinste wieder und es fühlte sich an, als ob es das hundertste mal an diesem Tag. Er setzte sich auf dem Boden im Flur. Sie ging zu ihm und setzte sich neben ihm. Er schubste mit seinen Schultern gegen ihre und fragte: „Und was für ein Spiel spielen wir jetzt?"
