Kapitel 2 – Hoffnung

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Das dachte ich einmal. Ich hatte immer Hoffnung, und wenn es nur ein Funken war. Die Hoffnung ist das letzte das stirbt. In gewisser Weise stimmt das wohl. Selbst in hoffnungslosen Momenten hofft man. Auf ein Zeichen. Auf ein Wunder. Auch ich habe gehofft. Ich habe gehofft, ich könnte aus dem Schatten meines Bruders treten. Ich habe gehofft, dass der Druck der auf mir lastet geringer wird. Ich habe gehofft, dass die Traurigkeit, die immer mehr Überhand nimmt, irgendwann verschwindet. Ich habe gehofft, meine Krankheit zu überwinden, die ich so lange verleugnet habe. Und ich habe gehofft, Goten und ich könnten wieder Freunde werden. Freundschaft. Meine größte Hoffnung. Doch ich bin selbst schuld. Ich habe unsere Freundschaft ruiniert. Ich habe sie kaputt gemacht. Aber ich habe gehofft, dass sich die Dinge wieder fügen werden. Schicksal nennt man das wohl. Doch die Dinge haben sich nicht gefügt. Das Schicksal hat es nicht gut mit mir gemeint. Und jetzt? Jetzt ist es zu spät. Ich habe das Schicksal herausgefordert und verloren. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Meine Hoffnung ist gestorben."

Bra

*Flashback*: Bra – 17 Jahre, Goten – 29 Jahre

„Es ist nicht das wonach es aussieht, Goten!", schrie Bra verzweifelt.

„Dann erklär mir doch bitte, wonach es dann aussieht.", wollte Goten eine Erklärung.

Sie sah ihm seine Wut aber auch Enttäuschung an.

„Ich…Es ist…Mir ist einfach schlecht.", versuchte Bra ihm zu verdeutlichen. „Was für eine dämliche Ausrede. Du bist so ein Idiot, Bra.", dachte sie sich. Dennoch hatte sie die Hoffnung, er würde ihr diese, nicht sehr kreative Ausrede, abkaufen. Doch sie hoffte vergebens.

„Warum tust du so etwas, Bra?", fragte er sie besorgt. „Du hast das nicht nötig." Er pausierte als er sie eindringlich ansah. „Du bist so hübsch und intelligent, Bra."

Typisch, Goten. Nur weil sie hübsch und intelligent war, schloss das eine, das andere nicht aus. Aber das war Gotens Denkweise. Naiv, könnte man dazu sagen.

Sie seufzte. Um ehrlich zu sein, wusste sie selbst keine Antwort auf Gotens Frage. Sie war irgendwie in diese Sache hineingeschlittert. Es ging alles so schnell, dass sie selbst den genauen Zeitpunkt, wann es begonnen hatte, nicht mehr feststellen konnte. Und auf einmal war Bra an einem Punkt, an dem sie nicht mehr zurück konnte. Im Prinzip war es keine große Sache in ihren Kreisen. Alle machten es. Auch ihre Freundinnen an der Schule.

„Es ist keine große Sache, Goten. Ehrlich nicht.", lächelte sie ihn an und versuchte es schön zu reden.

„Wenn es keine große Sache ist, dann hör auf damit."

„Also, dass…dass geht nicht.", sagte sie mit leiser Stimme und blickte beschämt zu Boden.

„Soviel dazu, dass es keine große Sache ist. Du brauchst Hilfe. Ich kann dir helfen, Bra", ermutigte Goten sie und versuchte ihr eine Strähne aus dem Gesicht zu streichen. Doch Bra schlug seine Hand weg und schnauzte ihn an: „Willst du damit sagen, dass ich krank bin?"

Als Goten nicht darauf reagierte sondern sie nur eindringlich ansah, wusste sie seine Antwort.

„Ich bin nicht krank. Kapier das endlich. Jeder macht es. Es ist nichts Schlimmes. So kann ich essen was ich will und bleibe schlank. Das ist wichtig in meinem Business. Aber davon verstehst du nichts, Goten!", schrie Bra ihn an, obwohl sie nicht sicher war ob sie selbst glaubte, was sie da sagte. Aber das spielte keine Rolle. Sie hatte hier schließlich einen Ruf zu verteidigen.

„Weißt du eigentlich wovon du da sprichst? Hast du dir selbst schon einmal zugehört?"

„Ich weiß sehr wohl, wovon ich spreche. Ich bin nicht verrückt, sondern noch sehr klar bei Verstand. Danke, Goten."

Bra war sauer. Wieso machte er so eine große Sache daraus, wenn es doch keine große Sache war.

„Ich weiß nicht Bra. Nachdem du anscheinend alles auskotzt, hast du dir vielleicht auch schon ein paar Gehirnzellen ausgekotzt.", gab er ihr kalt zurück.

Sie wusste nicht ob es die Art wie er es sagte, oder was er sagte war, die Bra kräftig schlucken ließen. Natürlich konnte man sich sein Gehirn nicht auskotzen und dennoch versetzte ihr dieses Statement einen Stich. Sie versuchte den Kloß und die aufsteigenden Tränen zu schlucken. Oh Nein! Sie würde nicht weinen. Sie war Bra Briefs. Die Erbin des größten und erfolgreichsten Unternehmens der Welt und nicht zu vergessen - eine Sayajinprinzessin. Nein, sie weinte vor niemandem. Sie weinte nie. In der Hinsicht war sie wohl wie ihr Vater Vegeta.

„Verpiss dich Goten. Kümmer dich um deinen Scheiß. Ich brauche keine Hilfe. Weder von dir noch von sonst jemanden!", schrie sie ihn an.

„Das heißt, du lehnst meine Hilfe ab?", fragte er noch einmal ohne eine Mine zu verziehen.

„Das hast du richtig erkannt. Denn, wie ich schon mehrmals sagte, ich brauche keine Hilfe. Danke Goten", antwortete sie ihm schnippisch und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.

„Deine Entscheidung.", gab er ihr zurück als er sie am Handgelenk packte, zu sich zog und ihr mit eiskalter Stimme zuflüsterte: „Das war das erste und letzte Mal, dass ich dir meine Hilfe angeboten habe. Komm dann ja nicht zurückgekrochen. Hast du verstanden, Prinzessin?"

Bra rann ein Schauer über den Rücken. So hatte sie Goten noch nie erlebt. Er war immer freundlich, hilfsbereit, naiv. Wie sein Vater Goku. Aber diese Seite kannte sie noch nicht von ihm. Es machte ihr Angst, aber gleichzeitig fand sie es auch anziehend und attraktiv. Bra schüttelte ihren Kopf um ihre Gedanken zu ordnen. Wie konnte sie in so einem Moment daran denken wie attraktiv Goten sein konnte. Als Bra sich wieder fasste entzog sie ihm ihr Handgelenk und antwortete gleichgültig: „Ich brauche dich und deine Hilfe nicht. Weder in diesem noch im nächsten Leben."

Das sie diesen Satz einmal zutiefst bereuen würde, war ihr zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst.

Goten drehte sich ohne ein Wort um und war schon fast aus der Tür, als er sich noch einmal umblickte und mit einer Stimme die Bra nicht deuten konnte, sagte: „Du hast die falschen Freunde. Wenn ich dir einen Rat geben darf such dir neue Freunde. Die die du im Moment hast scheinen dir nicht wirklich gut zu tun. Du bist nicht mehr du selbst Bra. Diese Bra, die ich hier vor mir sehe, kenne ich nicht."

Und damit verschwand er aus dem Badezimmer und ließ Bra alleine zurück. Sie seufzte laut, als sie sich auf den Boden sinken ließ. Das war wirklich übel. Mehr als übel. Goten hätte das niemals sehen sollen. Niemand hätte das jemals sehen sollen. So war das alles nicht geplant. Aber es war ihre eigene Schuld. Sie hatte nicht genug aufgepasst. Sie war nachlässig geworden mit der Zeit. Zu Beginn wartete sie immer ab bis keiner im Haus war oder sie schlich sich nachts auf die Toilette, wenn alle schliefen. Manchmal ging sie auch einfach in näher gelegene Restaurants um sich zu übergeben. Später ließ sie die Dusche im Badezimmer laufen, damit niemand mitbekam was sie wirklich machte. Oder sie verwendete einfach die Toilette, die am weitesten von allen entfernt war. Doch dieses Mal beging sie einen Fehler. Sie benutzte das untere Badezimmer, weil sie dachte, dass sowieso zu viel Trubel sein würde. Denn heute hatte ihre Mutter Bulma wieder zum alljährlichen Sommerfest eingeladen, an dem sich alle Freunde versammelt hatten. Viele Leute, laute Musik – perfekt für Bra um sich kurz davon zu schleichen und ihrer Sache nachzugehen. Nur einmal war sie unaufmerksam. Nur einmal hatte sie vergessen abzuschließen. Und genau dieses eine Mal war ihr zum Verhängnis geworden. Wäre Goten nur ein paar Minuten später hereingeplatzt. Hätte sie doch nur abgeschlossen. Wäre, hätte, könnte – das spielte jetzt sowieso keine Rolle mehr. Sie konnte die Zeit nicht zurückdrehen. Goten war nun mal auf die Minute genau hereingeplatzt, als Bra sich über die Kloschüssel beugte und den Finger in den Rachen steckte.

Alle ihre nachträglichen Erklärungsversuche scheiterten. Goten war vielleicht naiv, aber nicht von gestern. Er wusste sofort, dass sie nicht krank war. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass er nichts ihren Eltern oder ihrem Bruder Trunks erzählen würde. Bei dem Gedanken wurde ihr tatsächlich übel.

In den darauffolgenden Tagen und Wochen passierte allerdings nichts. Goten schien niemandem etwas erzählt zu haben. Alle waren so wie immer. Nur Trunks warf ihr hin und wieder seltsame Blicke zu oder sah sie eindringlich an, wenn er dachte sie bemerkte es nicht. Für ihren Geschmack, fragte er sie viel zu häufig nach ihrem Befinden. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. Wenn Goten ihrem Bruder tatsächlich etwas gesteckt hatte, dann nicht die komplette Wahrheit, sonst hätte sie schon die Hölle auf Erden. Trunks würde ohne Zögern Bulma und Vegeta Bescheid geben, das wusste sie. Und genau das, konnte Bra nicht riskieren. Sie musste sich etwas einfallen lassen. Wer weiß wie lange Goten noch dicht halten würde. Sie musste ihm etwas vorspielen. Das erforderte nicht einmal große Anstrengung. Sie war eine gute Schauspielerin. Eines der sinnvolleren Dinge, die man lernt, wenn man im Rampenlicht aufwächst. Lächeln, lächeln, lächeln. Einfach alle Gerüchte und Vermutungen weg lächeln. Oder eine Schlagzeile, einfach durch eine bessere Schlagzeile ersetzen. Oja, damit kannte sich Bra aus. Und wenn ihr die Öffentlichkeit das abkaufte, wieso nicht auch Goten?

Dazu mussten Goten und sie aber zu allererst wieder ein wenig annähern. Doch das hatte sich Bra einfacher vorgestellt als es war. Sie versuchte wochen- und monatelang mit ihm in Kontakt zu treten, doch er ignorierte sie. Wenn sie ihn anrief, hob er nicht ab. Wenn sie auf ihn zuging, drehte er sich weg. Bei Begrüßungen oder Verabschiedungen gab er ihr zwar die Hand, jedoch würdigte er sie keines Blickes.

So hatte sie sich das nicht vorgestellt. So sollte ihr Plan nicht aussehen. Wie sollte sie Goten etwas vorspielen, wenn sie ihn nicht einmal dazu brachte, kurz mit ihr zu sprechen.

Doch das Schlimmste war, das es weh tat. Es tat richtig weh. Nicht die Tatsache, dass Goten nicht mit ihr sprach, sondern wie er sich ihr gegenüber verhielt wenn sie sich sahen. Es war kein ignorieren mehr, es war Abweisung. Doch was hatte sie sich erwartet?

Ich brauche dich und deine Hilfe nicht. Weder in diesem noch im nächsten Leben."

Das hatte Bra ihm deutlich gesagt. Sie würde ihn nicht brauchen. Und er hatte ihr klipp und klar gesagt, sie bräuchte nicht angekrochen kommen.

Als sie sich diesen Satz nochmal durch den Kopf gehen ließ, wurde ihr plötzlich das Ausmaß ihrer Worte bewusst. Was sie damit angerichtet hatte. Sie hatte ihm nicht nur gesagt, dass sie seine Hilfe nicht brauchen würde, sondern noch schlimmer, dass sie ihn nicht brauchen würde. Ihn. Goten. Derjenige, der immer für sie dar war. Derjenige, der sie wie seine eigene Schwester behandelt hatte. Er hatte sie getröstet wenn sie traurig war. Er erlaubte ihr mitzuspielen, als Trunks es verboten hatte, weil er Ruhe vor seiner kleinen Schwester wollte. Er hatte ihr das Fliegen beigebracht. Und was hatte sie gemacht? Sie hatte ihn weggestoßen. Sie hatte ihn ausgeschlossen. Ausgeschlossen aus ihrem Leben. Und jetzt bekam sie die Rechnung präsentiert. Sie, Bra, hatte die Freundschaft zerstört. Mit wenigen, aber bedeutungsvollen Worten. Als ihr das langsam dämmerte, ließ sie sich langsam auf ihr Bett sinken. Und dieses Mal ließ sie all den Tränen, welche sie so lange zurückhielt, freien Lauf.

„Was habe ich nur getan?"

*Flashback* Ende

Ich habe gehofft. Aber was ist, wenn alles hoffnungslos erscheint?"