Vorwort: Sorry, dass es diesmal so lange gedauert hat, Final Fantasy XII ist Schuld ///

Elbischkurs für Fortgeschrittene: "Mîr" bedeutet "Edelstein" und "Imladris" ist das elbische Wort für "Bruchtal" .

2. Kapitel

Nach nur wenigen Sekunden hörte Legolas auf, sich gegen Glorfindels Griff zu wehren, er hatte ja sowieso keine Chance. Selbst wenn er bei bester Gesundheit gewesen wäre, wäre er nie gegen den erfahrenen Krieger angekommen, im Moment jedoch war das einzige, was er erreichte, seine Schmerzen nur noch zu verschlimmern.
"Hab keine Angst", hörte er die sanfte Stimme seines Gegenübers. Als er ihm in die Augen sah, erkannte er Sorge und Erstaunen darin. "Komm mit zu unserem Lager, wir werden dir helfen. Kann ich dich loslassen, ohne dass du wieder versuchst abzuhauen?"
Nur einen Moment zögerte der junge Elb, dann schüttelte er langsam den Kopf. Nein, er würde nicht weglaufen.
Im Moment zumindest, denn er hatte ja keine Wahl ... und vielleicht war es auch besser so. Bestimmt würde er etwas zu Essen bekommen und man würde die Wunden versorgen, außerdem würde er nach endlos langen Jahren wieder ein paar Stunden mit anderen Elben verbringen. Weglaufen konnte er danach immer noch.

Kaum hatte der Fremde genickt ließ Glorfindel sein Handgelenk auch schon los. Gerne hatte er ihn sowieso nicht festgehalten, schließlich hatte er nichts getan und außerdem hatte er ein wenig Angst, ihm wehzutun, besonders wenn man seinen schlechten Zustand bedachte.
"Schön", meinte er dann mit einem, wie er hoffte, beruhigenden Lächeln. "Sagst du mir auch deinen Namen? Ich heiße Glorfindel und komme aus Bruchtal." Natürlich konnte es sein, dass diese Auskunft überflüssig war, aber der Ältere konnte ja nicht wissen, wie viel mitgehört worden war, solange der scheinbar um einiges jüngere Elb sich in der Nähe des Lagers aufgehalten hatte.
Nun sah Glorfindel ihn auffordernd an, wartete auf eine Antwort - allerdings vergeblich. "Möchtest du es mir nicht sagen?"
Hilflose blaugrüne Augen sahen zu ihm auf, dann deutete er auf seinen Hals und schüttelte gleichzeitig den Kopf.
"Du ... kannst nicht reden?" Was war ihm nur passiert, dass er so zugerichtet worden war - dass er nicht einmal mehr reden konnte? Oder war er bereits stumm geboren worden? Nun, jetzt war sicherlich nicht die richtige Zeit um ihn mit Fragen zu löchern. "Tut mir leid", sagte er leise. "Komm, lass uns zum Lager zurückgehen. Es ist schon spät."
Er ging recht langsam neben ihm her, damit er seine Verletzungen nicht unnötig überstrapazieren musste. Eine Weile sah er sich an, wie er sich abmühte, dann legte er schließlich einen Arm um ihn, um ihn ein wenig zu stützen. Wie hatte er es nur geschafft, so schnell wegzulaufen? Dafür musste er wirklich seine letzten Kraftreserven mobilisiert haben. "Komm, ich ..." '... helfe dir', hatte er eigentlich sagen wollen, aber dazu kam er nicht mehr.
Kaum hatte er seinen Arm um ihn gelegt wich der Fremde heftigst zurück. Zwangsläufig war Glorfindel ihm dabei ziemlich nahe gekommen, viel näher als in dem Moment als er sein Handgelenk gepackt hatte, denn da waren sie die ganze Zeit über mindestens eine Armlänge voneinander entfernt gewesen, aber diese direkte Nähe war ihm offenbar zu viel gewesen.
Erschrocken musste er zusehen, wie er ins Stolpern geriet, zu Boden fiel und mit großen, verängstigten Augen zu ihm aufsah.
"Ganz ruhig!" Schnell hob er demonstrativ die Arme um ihm zu zeigen, dass er ihm nichts tun würde. "Keine Angst, ich wollte dir nur helfen, wirklich. Komm, ich pass auch auf, dass das nicht wieder passiert. Versprochen." Was hatte ihm nur solche Angst gemacht?

Schon das Festhalten seines Handgelenks war für Legolas eine Geduldsprobe gewesen, aber den anderen so nahe zu spüren war absolut nicht auszuhalten. Die ganze Zeit versuchte er sich einzureden, dass er hier einen anderen Elben vor sich hatte, nicht etwa einen seiner Peiniger; immer wieder sagte er sich, dass Glorfindel es gut meinte, aber er konnte sich nicht beruhigen. Es ging einfach nicht. Die Berührung allein reichte schon aus um Panik in ihm aufsteigen zu lassen.
Sofort versuchte Glorfindel, ihn wieder zu beruhigen und trotz allem hatte er verhältnismäßig schnell Erfolg. Mit etwas Mühe riss Legolas sich zusammen, entspannte sich ein wenig und stand vorsichtig auf. Beschämt und mit gesenkten Blick ging er langsam mit zum Lager zurück, wo Erestor bereits auf sie wartete.

Als sein Freund nicht gleich zurückkam machte Erestor sich doch Sorgen. Entsprechend groß war seine Erleichterung als die beiden endlich den Wald verließen.
Doch kaum war die erste Erleichterung verflogen wurde sie auch schon von Neugierde und Überraschung ersetzt.
Er hatte mit einem Tier, oder schlimmstenfalls einem Ork, gerechnet, aber dass sie hier einen anderen Elb finden würden hätte er nie gedacht. Noch dazu sah der Fremde alles andere als gut aus, um genau zu sein war sein Zustand sogar erschreckend. Es fiel ihm offenbar sogar schwer, sich auf den Beinen zu halten. Warum half Glorfindel ihm denn nicht?!
Schnell ging er auf die beiden zu. "Wen hast du denn da mitgebracht?"
"Das wüsste ich auch gerne. Er war derjenige, der uns scheinbar aus dem Gebüsch heraus beobachtet hat." Glorfindels Stimme klang nicht vorwurfsvoll, stattdessen schwang eine gewissen Sorge darin mit. "Er ist schwer verletzt und ein paar der Verletzungen scheinen sich schon recht stark entzündet zu haben. Jemand muss ihm ziemlich übel mitgespielt haben." Dann wandte er sich an den Fremden. "Setz' dich doch, dann werde ich deine Wunden reinigen und verbinden." Er deutete auf eine Decke, die Erestor vor dem Feuer ausgebreitet hatte. Durch die vielen Verletzungen und den allgemein geschwächten Zustand schien der junge Elb doch sehr unter der Kälte zu leiden, ein klares Zeichen, dass es ihm sehr schlecht ging. Es war ja fast schon ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte, so dürr und ausgezehrt wie er aussah.
Kurz sah der Fremde mit seinen großen blauen Augen, die einen leichten grünen Schimmer aufwiesen, zu ihm hoch, dann senkte er den Blick wieder, nickte leicht und begab sich zu dem ihm zugewiesenen Platz.
Glorfindel erwischte sich dabei, wie er dachte, dass er, natürlich in gesundem Zustand, eine außergewöhnliche Schönheit sein musste, selbst nach elbischen Maßstäben.

Unwillkürlich rückte Legolas möglichst nahe an das Feuer. Die Wärme tat ihm unheimlich gut und half ihm sehr dabei, sich endlich ein wenig zu entspannen.
Zwar zitterten seine Glieder noch immer leicht, aber jetzt war es hauptsächlich das Fieber, das immer wieder abwechselnd heiße und kalte Schauer durch seinen Körper jagte.
Am liebsten hätte er jetzt einfach ein paar Bissen gegessen und sich dann neben dem Feuer zusammengerollt und ein wenig geschlafen. Natürlich war ihm jedoch klar, dass Glorfindel Recht hatte - die Wunden mussten versorgt werden, sonst würden sie nie richtig verheilen.
Trotzdem hatte er Angst davor, dass man ihn wieder anfassen würde. Er mochte Glorfindel, und auch Erestor schien sehr nett zu sein, aber trotzdem konnte er diese Abneigung gegen jegliche Art von Berührungen nicht abstellen, eine Abneigung, die sich über Jahre hinweg entwickelt hatte und absolut nichts damit zu tun hatte, wer derjenige war, der ihn berührte.
Normalerweise bewegten gesunde Elben sich fast lautlos, als Glorfindel sich ihm jedoch jetzt näherte, tat er dies bewusst geräuschvoll um ihn nicht zu erschrecken, was Legolas auch durchaus auffiel. Dankbar sah er zu dem anderen hoch und wurde mit einem leichten Lächeln belohnt als er sich neben ihm auf die Decke setzte.
"Ich habe ein Pflanzensekret in das Wasser gemischt, es hilft gegen die Entzündungen, aber dafür wird es sicherlich ziemlich brennen, also nicht erschrecken. Wenn ich fertig bin, gebe ich dir noch etwas gegen das Fieber." Noch einmal schenkte er ihm ein aufmunterndes Lächeln, dann nahm er den Lappen aus der Schüssel und begann vorsichtig die völlig verdreckten Wunden damit auszuwaschen.
Zwar achtete er dabei darauf, ihn möglichst wenig anzufassen, trotzdem zuckte Legolas immer wieder weg, diesmal aber eher aufgrund der Schmerzen. Das Mittel brannte wie Feuer und es fiel ihm schwer, so ruhig zu bleiben. Aber er war mittlerweile an Schmerzen gewöhnt und so beherrschte er sich irgendwie.
Außerdem beschäftigte ihn noch etwas anderes: Die ganze Situation war ihm mehr als unangenehm. Als er noch in Düsterwald gelebt hatte, war er es als jüngster Prinz gewöhnt gewesen, viel Aufmerksamkeit zu bekommen, jetzt jedoch machten Glorfindels Fürsorge und Erestors diskrete Blicke ihn unheimlich nervös.
Am liebsten wäre er im Boden versunken oder hätte sich wieder in seine Höhle verkrochen, weit weg von allen anderen.
Endlich hatte der Ältere seine Arbeit beendet und legte saubere Verbände an, dann gab er ihm ein ein bisschen Wasser zu trinken, mit dem er eine bittere Flüssigkeit verdünnt hatte, ohne eine Miene zu verziehen wurde auch das geschluckt, schließlich sollte es ja gegen das Fieber helfen. "So, jetzt hast du es endlich hinter dir. Möchtest du noch etwas essen bevor du dich hinlegst?"
Zwar war Legolas todmüde, aber bei der Aussicht, etwas von der Suppe zu bekommen, die er vorhin noch von Weitem beobachtet hatte, konnte er einfach nicht widerstehen. Also reagierte er auf die Frage mit einem leichten Nicken und beobachtete, wie der Blonde aufstand, zum Topf ging und eine Schale mit Suppe füllte.
Wenige Sekunden später wurde sie ihm hingehalten. "Hier, bitte."
Selbst nach all den Jahren hatte Legolas seine gute Erziehung nicht vergessen. Er nickte leicht bevor er sein Essen entgegennahm, noch immer war diese Bewegung von Respekt und Dankbarkeit geprägt, manche Dinge vergaß man eben nie. Auch wenn Thranduil immer gut zu seinen Söhnen gewesen war, hatte er großen Wert auf gutes Benehmen gelegt, Benehmen, das für Prinzen angemessen war.
Wohl auch deshalb fühlte es sich so gut für ihn an, wieder mit einem Löffel statt mit den bloßen Fingern zu essen, langsam, fast andächtig, nahm er Bissen für Bissen zu sich, genoss den köstlichen Geschmack.
Aus einem Augenwinkel heraus nahm er wahr, wie Erestor ein Zelt für ihn herrichtete und Glorfindel erklärte, dass er sich mit seinem Freund das Zweite teilen würde, sodass er ein Zelt für sich hatte. Dafür war er sehr dankbar, denn die Zelte waren doch ziemlich eng und er hätte es wahrscheinlich nicht ertragen, mit jemanden auf so engen Raum zusammen die Nacht zu verbringen.
Nach dem Essen stand er langsam auf und ließ sich von Glorfindel, der offenbar darauf achten wollte, dass er nicht auf einmal zusammenbrechen würde, zu seinem Schlafplatz bringen.
"Dann schlaf mal gut", meinte der Blonde und grinste leicht. "Und lauf nicht wieder weg, ja? Wir finden dich sowieso bestimmt, du weißt selbst sicher am besten, dass du momentan nicht allzu weit kommst. Wenn du noch was brauchst oder es dir nicht gut geht, kannst du uns jederzeit wecken." Er seufzte leise. "Ich würde dir gern noch etwas gegen die Schmerzen geben, aber ich bin kein Heiler. Sobald wir in Bruchtal sind, wird Elrond sich deine Verletzungen sicher persönlich ansehen und er wird dir um einiges besser helfen können als ich. Gute Nacht."
Mit diesen Worten ließ er die Zeltplane hinter sich zufallen und ließ Legolas allein.

"Was denkst du?"
Fragend sah Erestor zu seinem Freund, dessen Umrisse er trotz der Dunkelheit neben sich erkennen konnte, herüber. "Was meinst du? Dass es merkwürdig ist, dass er in dem Zustand so allein in der Wildnis herumirrt, weit weg vom nächsten bewohnten Gebiet? Dass die Verletzungen offenbar von irgendeinem Sadisten stammen?"
"Zum Beispiel, ja." Glorfindel seufzte leise. "Er tut mir leid, er hat sicher viel durchgemacht. Mal abgesehen von den Verletzungen, die wohl nur ein paar Tage alt sind, hat er auch Narben von alten, längst verheilten Wunden. Er muss sehr schwach sein, und wahrscheinlich zusätzlich seelisch schwer belastet, sonst wären diese Narben längst nicht mehr zu sehen oder zumindest schon stark verblasst."
"Da hast du allerdings Recht. Ob er deshalb nicht mehr spricht?"
"Keine Ahnung, schließlich gibt es auch die Möglichkeit, dass er das von Geburt an nicht konnte, aber zumindest setzt ihm das Ganze sehr zu." In wenigen Worten schilderte Glorfindel ihm, was im Wald passiert war, als er versucht hatte, den Fremden zu stützen. "Er war richtig panisch", schloss er seinen Bericht.
"Ist ja im Grunde kein Wunder, oder? Der, der ihm das angetan hat, muss das über einen längeren Zeitraum hinweg getan haben. Das kann er nicht einfach innerhalb von ein paar Stunden oder auch Tagen vergessen."
"Sag mal ..." Schon die ganze Zeit war Glorfindel dieser eine Gedanke nicht aus dem Kopf gegangen. "Dir ist doch sicher aufgefallen, dass er noch sehr jung zu sein scheint. Allerhöchstens 200 Jahre, wenn überhaupt. Schätze ich zumindest." Für einen Außenstehenden war es schwierig, das Alter eines Elben zu bestimmen, aber für andere Elben war es zumindest möglich eine ungefähre Schätzung abzugeben. Niemand hätte zum Beispiel Galadriel oder Celborn für jung gehalten, aus jeder ihrer Gesten sprach die Erfahrung und Weisheit vieler Jahre, der Blick ihrer Augen war von unzähligen Erinnerungen geprägt.
"Sicher. Worauf willst du hinaus?"
"Darauf, dass sein über hundert Jahren ein eine ziemlich bedeutende Persönlichkeit in dem Alter vermisst wird."
"Prinz Legolas?" Sicher hatte auch Erestor schon an diese Möglichkeit gedacht, aber die Chance war doch extrem gering. Bis auf König Thranduil glaubte kaum noch jemand daran, dass der Prinz noch lebte. Auch wenn 129 Jahre für ein Elbenleben nicht lange waren, war es doch eine schier endlose Zeit, wenn jemand verschollen war und man nicht die geringste Spur von ihm hatte. Die Möglichkeit, dass er sich so lange nicht hatte melden können und noch am Leben war, war so klein, dass sie für viele gar nicht mehr existent war.
"Ja, genau daran habe ich gedacht. Er sieht König Thranduil auch sehr ähnlich. Hast du ihm mal in die Augen gesehen?"
"Sicher, es besteht eine gewisse Ähnlichkeit, aber das allein ist noch kein Beweis. Am besten wir fragen ihn selbst morgen früh, aber ehrlich gesagt glaube ich nicht mehr daran, dass der Prinz noch lebt." Auch Erestor tat es leid, das zu sagen, denn er hatte Thranduil gesehen, wie er nach all den Jahren seinen Stolz überwunden und Bruchtal persönlich um Mithilfe bei der Suche nach seinem Sohn gebeten hatte. Eigentlich hatte Elronds Berater den Herrscher Düsterwalds immer für arrogant und unleidlich gehalten, aber an diesem Tag war er nichts von alledem gewesen, nur ein Vater, der sich furchtbar um sein jüngstes Kind gesorgt hatte, der verzweifelt gewesen war, furchtbar verzweifelt ... und ängstlich.
Selbst nach all den Jahren hatte er nie aufgegeben, Legolas zu suchen, und Bruchtal und Lothlórien unterstützten ihn natürlich nach Kräften, auch wenn die Chance auf Erfolg immer geringer wurde. Es gab nichts, was Erestor sich mehr wünschte, als dass der Fremde wirklich Legolas war, aber Erestor war schon immer ein logischer Denker gewesen, ein Realist, und daher konnte er nicht wirklich daran glauben.

Während dem Gespräch der beiden lag Legolas noch eine Weile wach um über alles nachzudenken, was passiert war.
Sollte er wirklich am nächsten Tag mit nach Bruchtal reiten?
Wahrscheinlich gab es keinen Ort - zumindest wenn er unter seinem Volk sein wollte - wo er vor Entdeckung durch seine Familie besser geschützt war. Sein Vater hatte nie einen Hehl aus der Abneigung gemacht, die er gegen Bruchtal und Lothlórien und ihre Bewohner hegte. Warum sollte er also gerade dorthin kommen und ihn finden?
Und er musste ja nicht für immer dort bleiben. Wenn es irgendwie riskant werden würde, konnte er immer noch heimlich verschwinden und wenn er gesund war, waren seine Chancen, allein zu überleben weitaus größer.
Allein ...
Plötzlich schossen ihm Tränen in die Augen. Nein, wenn er einmal dort war, würde er wahrscheinlich nicht mehr einfach so verschwinden können. Das würde er bestimmt nicht fertig bringen, da brauchte er sich im Grunde gar nichts vorzumachen.
Was hatte er denn schon hier draußen? Was würde ihn denn schon erwarten, wenn er sich wieder zurückziehen würde?
Die Antwort war viel zu einfach: Nichts, rein gar nichts.
Selbst wenn er allen jahrelang aus dem Weg gehen konnte, machte das die Sache nicht besser.
Schon während seiner Gefangenschaft hatte er sein Volk jeden Tag unendlich vermisst, aber zumindest hatte er Kontakt zu anderen Personen gehabt, so negativ dieser auch gewesen sein mochte. Aber ob er totale Isolation ertragen würde, wusste er nicht, allerdings tendierte er klar zu einem Nein.
Und gerade jetzt, wo er endlich wieder andere Elben getroffen hatte, würde es noch schwerer werden. Wenn nicht sogar unmöglich. Wahrscheinlich würde diese Einsamkeit ihn endgültig zerbrechen.
Trotz der vielen Gedanken, die ihm im Kopf herumschwirrten und ihn nicht loslassen wollten, übermannte ihn die Müdigkeit. Er merkte, wie seine Lider immer schwerer und schwerer wurden und schließlich zufielen.
Ruhig war sein Schlaf schon lange nicht mehr gewesen, trotzdem brauchte er ihn jetzt dringend.

Am nächsten Morgen wurde er von Erestors sanfter Stimme geweckt und obwohl schon lange niemand mehr auf so angenehme Art und Weise versucht hatte, auf sich aufmerksam zu machen - außer vielleicht Thian - war er doch sofort hellwach und sah sich mit weit geöffneten Augen um.
"Keine Angst", beruhigte der schwarzhaarige Elb ihn sofort. "Du bist in Sicherheit. Glorfindel wartet sicher schon mit dem Frühstück auf uns. Soll ich dir aus dem Zelt helfen?"
Scheinbar hatte er mit seiner Reaktion, einem Kopfschütteln, gerechnet, denn er nickte leicht und verließ den Eingangsbereich um ihm Platz zu machen. "Ist gut", sagte er nur und sah zu, wie der Jüngere von selbst herauskam.
Langsam und vorsichtig richtete Legolas sich auf und kletterte aus dem Zelt. Es ging ihm deutlich besser als noch am Tag zuvor, das Fieber war ein wenig gesunken und auch die Schmerzen kamen ihm erträglicher vor. Trotzdem hatte die Behandlung keine plötzliche Wunderheilung verursacht, das Fieber war zwar gesunken, aber noch war seine Temperatur längst nicht normal und natürlich setzten die Verletzungen ihm noch immer zu.
Trotz dieser Einschränkungen hatte er bis auf leichte Albträume, die schon gar nicht mehr wegzudenken waren, ganz gut geschlafen. Seine beiden Helfer hatten es ihm mit mehreren Decken bequem und warm hergerichtet. Ein wahrer Luxus im Vergleich zu den Schlafplätzen, die er in den letzten Nächten gehabt hatte.
Als er es endlich geschafft hatte, das Zelt zu verlassen, reichte Erestor ihm einen warmen Mantel, scheinbar einen, den die beiden als Reserve mitgenommen hatten. "Hier, heute ist es noch ein wenig kälter als gestern und deine Kleidung scheint nicht wirklich hilfreich zu sein." Nein, das waren die Fetzen wirklich nicht. Dankbar nahm Legolas den Mantel entgegen und zog ihn an. Das erste Mal seit Jahren, dass er ein nicht abgetragenes Kleidungsstück trug. "Wir würden dir gern noch mehr geben, aber allzu viel haben wir auch nicht dabei, wir haben ja nicht damit gerechnet, dich zu treffen und wir wollten nicht noch extra ein Packpferd mitnehmen." Glorfindel hatte sich so schon beschwert, dass sie zu viel Gepäck mitgeschleppt hatten.
Kaum waren die beiden in die Nähe des Feuers gekommen, wurde Legolas auch von Glorfindels freundlicher Stimme begrüßt. "Guten Morgen. Geht es dir besser?"
Er nickte leicht, dann setzte er sich auf seinen Platz, den er auch schon am Vortag eingenommen hatte, und war wieder einmal mehr als dankbar über die Wärme, die das Feuer ausstrahlte und trotz des Mantels, der ihn nun zusätzlich wärmte, unheimlich gut tat.
"Hier, ich hab ein bisschen Tee für dich gemacht. Außerdem haben wir Lembas und ein paar getrocknete Früchte, wenn du magst." Glorfindel reichte ihm eine Schale mit dem besagten Tee und dazu etwas von dem versprochenen Frühstück. "Du solltest etwas essen, wir haben einen langen Ritt vor uns."
Wie lange hatte sich schon niemand mehr so um ihn gekümmert? Es war ein schönes Gefühl, so schön, dass es ihm im ersten Moment schwer fiel, ein paar Tränen zu unterdrücken. Längst konnte er sich nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal gelächelt hatte, aber nun rang er sich ein winziges Lächeln ab, von dem er hoffte, dass es seine Dankbarkeit zumindest ansatzweise ausdrückte.
Ihm war zwar ein wenig übel, dennoch aß er mehr als er selbst geglaubt hatte, dass er schaffen würde und der Tee schmeckte ebenfalls wirklich herrlich. Selbst die Lembas, die er früher überhaupt nicht gemocht hatte, kamen ihm nun vor wie ein Festmahl. Hätte er früher so gedacht, hätte sein Vater das sicher sehr begrüßt; er wusste noch ganz genau, wie entnervt der gewesen war, wenn sein Sohn sich während der wenigen längeren Ritte, die ihnen vergönnt gewesen waren, bei jedem Essen über die Reiseverpflegung beklagt hatte.
Bei dem Gedanken an seinen Vater schossen ihm wieder Tränen in die Augen, und diesmal fiel es ihm noch schwerer, diese zu unterdrücken als vorher.
"Alles in Ordnung? Stimmt etwas nicht?" Glorfindels Stimme klang ein wenig besorgt und auch Erestor sah ihn von seinem Platz neben seinem Freund aus an.
Schnell nickte er, versuchte die traurigen Gedanken und Erinnerungen, die einmal schön waren und jetzt nur noch schmerzten, in den Hintergrund zu drängen und trank den Rest seines Tees aus.
Überzeugt wirkten die beiden zwar nicht, trotzdem ließen sie das Thema erst einmal sein, stattdessen ergriff der Dunkelhaarige das Wort. "Glorfindel und ich werden noch zusammenpacken, dann machen wir uns auf den Weg zurück nach Bruchtal." Er grinste kurz. "Eigentlich müsste ich mich bei dir bedanken, jetzt kann ich wenigstens nach Hause und muss nicht noch tagelang in der Wildnis herumirren."
"Was heißt hier herumirren?" Empört sah Glorfindel seinen Freund an, dann jedoch lachte er leise. "Außerdem werden wir das doch sicher bald nachholen."
"Nachholen?" Es war nicht schwer zu erkennen, dass er protestieren wollte, dann jedoch lachte er. "Von mir aus, aber erst im Sommer."
Legolas, der die Diskussion am Tag zuvor ja mitbekommen hatte, lächelte wieder leicht. Früher hätte er wohl ein Lachen unterdrücken müssen, allerdings auch nur aus Höflichkeit. Jetzt jedoch konnte er sich nicht vorstellen, dass er jemals wieder so lachen würde wie früher.
Bevor die beiden jedoch aufstanden tauschten sie Blicke aus, die Legolas nicht deuten konnte. Was war denn auf einmal?
"Wir möchten dich noch etwas fragen. Es war nur so ein Gedanke, der uns gestern Nacht noch gekommen ist. Vor mehreren Jahren ist der jüngste Prinz aus Düsterwald verschwunden. Ich weiß, die Chance ist unheimlich gering, aber ... du bist nicht zufällig Legolas, oder?"

Als Glorfindel diese Worte aussprach zog sich das Herz des jungen Prinzen zusammen.
Legolas ...
Wie lange hatte er niemanden mehr seinen Namen aussprechen hören?
Und doch durfte er sich nichts anmerken lassen, musste sich beherrschen und völlig ruhig bleiben.
Er sah Glorfindel und Erestor an, als wäre er völlig überrascht, diese Vermutung zu hören - was absolut nicht der Fall war, denn wenn ein Elbenprinz spurlos verschwand, würde man das wohl zwangsläufig überall erfahren, wo dieses Volk zu Hause war, ob die dort Lebenden nun mit dem Vater des Verschwundenen befreundet waren oder nicht. Dann schüttelte er leicht den Kopf um zu bekräftigen, dass er nicht Legolas war.
Für einen Moment fürchtete er, dass er nicht überzeugend genug gewesen war, aber dann lächelte Glorfindel leicht. "Naja, haben wir uns fast gedacht, aber fragen wollten wir trotzdem. Vergiss es einfach." Mit diesen Worten stand er auf und begann, die herumliegenden Sachen aufzusammeln, ebenso wie Erestor.
Legolas jedoch atmete erst einmal erleichtert auf. Zumindest für den Moment würden sie hoffentlich die Fragen sein lassen und vielleicht würden auch später nicht mehr allzu viele nachkommen und er würde endlich in der Lage sein, wieder halbwegs normal zu leben. Wenigstens für eine Weile.
Zumindest hoffte er das.

Eine Weile beobachtete er, wie die beiden die Zelte abbauten und die Sachen, die sie mitgebracht hatten, zusammenpackten.
Einmal wollte er zwar mit anpacken, Glorfindel hinderte ihn jedoch sofort daran, da er nicht wollte, dass sein Zustand sich wieder verschlimmerte. Er meinte, dass der Ritt nach Bruchtal wohl schon anstrengend genug für ihn sein würde und Legolas sah das auch irgendwie ein.
Zuerst wollte er sich wieder hinsetzen, aber dann fiel sein Blick auf die beiden Pferde, die ihm schon am Abend zuvor aufgefallen waren.
Schon immer hatte er Pferde sehr gemocht, zum Verdruss seines Vaters hatte er dabei die temperamentvollen Tiere den ruhigen, gehorsamen vorgezogen. Als er sich den beiden nun näherte stellte er fest, dass der Hengst wohl genau zu dieser Sorte gehörte. Abgesehen davon, dass er mit seinem dunkelbraunen, fast schwarzen Fell und dem edlen Körperbau eine wahre Schönheit war, hob er sofort den Kopf als Legolas sich näherte. Dabei sah er ihn aufmerksam und wachsam an - allerdings ohne übermäßig nervös oder gar ängstlich zu wirken. Sicher gehörte er zu der Art Pferd, die seinem Besitzer gegenüber stets treu war, Fremden gegenüber jedoch eher misstrauisch, wenn nicht sogar gefährlich, falls jemand einfach versuchte, sie zu reiten oder sich ihr auch nur näherte.
Wie Legolas' eigene Stute Mîr. Er hatte sie selbst aufgezogen nachdem ihre Mutter kurz nach der Geburt gestorben war, sie war voll und ganz auf ihn bezogen gewesen. Es war fast, als hätte sie gewusst, dass er der einzige gewesen war, der von Anfang an an ihr Überleben geglaubt hatte, denn direkt nach ihrer Geburt war sie ziemlich schwach und kränklich gewesen.
Später hatte Thranduil oft über sie geschimpft, da sie sich von niemanden sonst hatte anfassen lassen, geschweige denn reiten, und außerdem hatte der König sie für zu ungestüm gehalten; Legolas hatte sich aber immer auf sie verlassen können und sich da auch nicht reinreden lassen.
Bis sie getötet worden war.
Als man den Prinz gefangengenommen hatte, hatte man auch das Pferd mitgenommen, als sie sich aber nach einigen Wochen noch immer nicht von den Menschen hatte bändigen lassen, hatte man sie vor Legolas' Augen mit einem Schwert erstochen und qualvoll verbluten lassen. Auch wenn sie "nur" ein Pferd gewesen war, tat ihm die Erinnerung an diesen Tag noch immer unendlich weh. Nie würde er den Blick ihrer Augen vergessen, wie sie ihn bis zum letzten Moment angesehen hatte als hätte sie Hilfe von ihm erwartet, als hätte er etwas tun können. Immer und immer wieder hatte er ihr wunderschönes, silbergraues Fell vor Augen, von Blut besudelt.
Jetzt versuchte er jedoch, die Erinnerungen zu verdrängen und sich auf die beiden Tiere vor ihm zu konzentrieren. Die Stute ließ sich sofort von ihm streicheln, sie war absolut vertrauensselig und sanft, als er seine Hand jedoch nach dem Hengst ausstreckte, warf dieser den Kopf hoch und legte drohend die Ohren an.
Unwillkürlich musste Legolas lächeln. Ja, er war genau nach seinem Geschmack, ein Pferd mit Charakter.
Da die beiden anderen noch immer beschäftigt waren - Erestor füllte die Wasserflaschen am Bach auf und Glorfindel packte die Zelte zusammen - hatte er noch ein wenig Zeit.
Wieder war seine Unfähigkeit zu sprechen mehr als hinderlich, denn ihm fehlte die Stimme um sanft auf den Hengst einzureden, der jede seiner Bewegungen genau beobachtete. Daran ließ sich jedoch im Moment nichts ändern, also machte er das Beste aus der Situation und streckte langsam seine Hand aus damit er daran schnuppern konnte. Ansonsten bewegte er sich um keinen Millimeter, selbst sein Atem war ganz flach und ruhig, trotz des noch immer vorhandenen Fiebers und der permanenten Schmerzen.
Wieder lächelte Legolas leicht als er endlich die weichen Nüstern an seiner Handfläche spürte. Oft hatte man ihn dafür bewundert, dass er selbst mit den schwierigsten Pferden recht schnell umgehen konnte, es war als konnten die Tiere spüren, dass er es gut mit ihnen meinte. Offenbar hatte er dieses Talent nicht verloren.
Wenige Minuten später erlaubte der Hengst ihm, ihn sanft am Hals zu streicheln, auch wenn sein Blick noch immer aufmerksam war, jetzt jedoch eher neugierig und weniger drohend.
Er war voll und ganz auf das schöne Tier vor ihm konzentriert und so zuckte er leicht zusammen als er plötzlich von hinten angesprochen wurde.

"Hey, sieh mal, dein Pferd wird dir untreu." Erestors Stimme klang leicht amüsiert, wenn nicht sogar sarkastisch.
Sein Freund allerdings erschrak ziemlich als er den Fremden vor Iûl stehen sah, da es nicht das erste Mal gewesen wäre, dass der Hengst sich rabiat gegen jemanden gewehrt hätte, der versuchte, ihn anzufassen.
Sofort wollte er auf die beiden zustürmen, doch Erestor hielt ihn zurück, indem er eine Hand auf seinen Arm legte. "Warte doch mal, schau hin."
Erst neigte er dazu, den Berater als wahnsinnig zu erklären, dann aber sah er, was er meinte. Iûl war seltsam ruhig und umgänglich, ließ sich sogar am Hals streicheln.
Nach der ersten Überraschung grinste Glorfindel leicht. "Scheinbar ist Iûl der Meinung, dass er vertrauenswürdig ist. Sowas hab ich wirklich noch nie erlebt." Langsam näherte er sich dem jüngeren Elb. "Ihr beiden versteht euch ja gut." Etwas verlegen lächelnd sah er ihn als er zusammenzuckte. "Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken."

Legolas war erleichtert, dass Glorfindel offenbar nicht wütend darüber war, dass er einfach sein Pferd angefasst hatte.
Stattdessen erzählte er ihm, dass er zuerst ein wenig erschrocken gewesen war, da Iûl normalerweise Fremden gegenüber sehr misstrauisch war und bisher nie so reagiert hatte.
"Eigentlich solltest du mit Erestor auf Glî reiten, aber wenn du möchtest, kannst du mit mir auf Iûl, ich glaube nicht, dass er etwas dagegen hat."
Der Gedanke, mit jemanden ein Pferd zu teilen, war ihm zwar unangenehm - schon allein der Gedanke an diese Nähe machte ihn nervös - aber er sah ein, dass es nicht anders ging und der Gedanke Iûl zu reiten war auch sehr verführerisch, also antwortete er mit einem leichten Lächeln und einem Nicken.
Trotzdem schien Glorfindel zu merken, dass er sich Gedanken machte. "Keine Angst, du sitzt vor mir und ich versuche, möglichst Abstand zu halten. Soweit es eben geht. Meinst du, das hältst du aus?"
Wieder ein Nicken, diesmal verbunden mit einem dankbaren Blick.

Ja, es war erträglich gewesen, irgendwie hatte Glorfindel es geschafft, ihn während des gesamten Rittes nur sehr selten leicht zu berühren. Dennoch war es mehr als anstrengend für ihn gewesen, denn das Fieber war wieder gestiegen und obwohl Iûls Gänge sehr ebenmäßig und bequem waren tat ihm wirklich fast alles weh. Kurz, er fühlte sich furchtbar.
Allmählich wurde ihm immer deutlicher vor Augen geführt, dass er zu Fuß erst recht nicht mehr weit gekommen wäre.
"Sieh mal, das ist Imladris."
Auf Glorfindels Worte hin hob Legolas den Kopf ein wenig. Schon seit geraumer Zeit ritten sie über einen Bergpfad und nun war endlich das Tal, das von diesen Bergen - der junge Prinz nahm an, dass es sich um das Nebelgebirge handeln musste - umgeben war.
Es war wunderschön, genau wie es in den Büchern, die er früher einmal gelesen hatte, beschrieben war und er konnte sich nur zu gut vorstellen, dass man sich dort sehr sicher fühlen konnte. Es wirkte so friedlich ...
"Jetzt hast du es gleich hinter dir, Elrond wird dir sicher um einiges effektiver helfen können als ich." Erestor war schon vor etwa einer Stunde vorgeritten um Elrond die Lage zu schildern.
Legolas nickte nur leicht und schloss dann seine Augen wieder zur Hälfte. Er war völlig erschöpft.
Nur wenige Minuten später fielen ihm die Augen ganz zu, sein Körper wurde schlaff und er reagierte nicht einmal mehr als Glorfindel schnell seine Arme um ihn legte bevor er vom Pferd fallen konnte, ebenso wenig wie er mitbekam, wie dieser versuchte, ihn durch Rufen und leichtes Rütteln auf sich aufmerksam zu machen.

"Es wird ein paar Tage dauern, bis er sich völlig erholt hat, aber es ist nicht lebensgefährlich." Besorgt sah Elrond, der Herr Bruchtals, auf seinen Patienten herab, der während der gesamten Behandlung nicht einmal aufgewacht war und noch immer mit geschlossenen Augen vor ihm im Bett lag. Er tat ihm leid, noch nie hatte er einen Elben in solch einem schlechten Zustand gesehen. "Er hat viel durchgemacht. Ich hoffe, dass er stark genug ist, um damit leben zu können."
Sein Blick fiel auf Glorfindel, der neben dem Bett stand und auf den Fremden herabsah und nun das Wort ergriff: "Ich glaube, dass er stark genug ist, sonst wäre er gar nicht mehr am Leben. Und es stimmt schon, dass es ihm im Moment schlecht geht, aber er ist mir nicht so vorgekommen, als hätte er schon aufgegeben."
Ein leichtes Lächeln schlich sich auf das Gesicht des Halbelben, er kannte den Blonden lange genug um sagen zu können, dass er den jüngeren Elben durchaus sympathisch fand und sich auch um ihn sorgte. "Er scheint dir zu vertrauen, zumindest mehr als sonst jemanden. Du solltest versuchen, dich mit ihm anzufreunden. Das wird ihm sicher helfen." Wenn sie mit ihrer Schätzung des Alters auch nur annähernd Recht hatten war der Altersunterschied zwischen den beiden zwar enorm und meist zogen sehr alte Elben es vor, sich mit Gleichaltrigen anzufreunden, da diese ihnen an Erfahrung ebenbürtig waren und ihre Interessen doch eher teilten, aber es gab Ausnahmen und Elrond hoffte aufrichtig für den Jungen, dass Glorfindel für ihn eine Bezugsperson werden konnte, denn eine solche würde er dringend brauchen.

Das erste, das Legolas spürte, waren die bequeme Matratze und die weichen Daunendecken, mit denen man ihn zugedeckt hatte. Nur konnte er dieses Gefühl im ersten Moment gar nicht einordnen und es fiel ihm schwer, sich überhaupt zu orientieren, oder sich auch nur daran zu erinnern, was passiert war, wie es sein konnte, dass er nicht in der Scheune lag, die in letzter Zeit sein Schlafplatz gewesen war.
Noch immer kam ihm seine Lider so schwer vor und er traute sich nicht wirklich zu, die Augen zu öffnen.
Also versuchte er erst einmal, sich daran zu erinnern, was eigentlich passiert war und wie es möglich war, dass er hierher - wo immer "hier" auch war - gekommen war. Er war sich mittlerweile absolut sicher, dass er in einem Bett lag, auch wenn es schon lange her war, dass er diese Erfahrung hatte machen dürfen.
Dann fing er langsam an, sich an alles, was in den letzten Tagen geschehen war, zu erinnern, wenn auch anfangs nur schemenhaft.
Die Flucht, die Tage allein draußen im Wald, die Angst, dass seine Peiniger ihn wiederfinden würden, aber auch die Angst, nach Hause zu gehen, und dann Glorfindel und Erestor, die ihn gefunden hatten. Die beiden hatten ihn nach Bruchtal bringen wollen.
Ja, genau, er musste in Bruchtal sein.
Nun zwang er sich dann doch die Augen zu öffnen, schloss er sie aber gleich wieder, da das Licht ihn blendete. Beim zweiten Versuch ging es besser und er konnte sich in dem Zimmer, in das man ihn gebracht hatte, umsehen.
Zu seiner Überraschung sah er eine wunderschöne Elbin neben seinem Bett sitzen.
Ihr Haar wirkte wie reines Silber und fiel leicht gewellt über ihre Schultern, ihr wohlgeformter Körper war mit einem dunkelblauen Gewandt bekleidet, das mit aufwendigen Stickereien verziert war, ihr Gesicht hatte sanfte Züge und ihre strahlend blauen Augen richteten sich nun auf ihn.
Sie lächelte ihn an. "Endlich bist du wach, wir haben uns bereits Sorgen gemacht. Mein Name ist Celebrian und ich bin Elronds Frau. Willkommen in Bruchtal."
Ja, er hatte von ihr gehört, sie war die Tochter von Galadriel und Celborn aus Lothlòrien und jene, die ihre Schönheit besungen hatten, waren weit davon entfernt gewesen, zu übertreiben.
Gerne hätte Legolas sie mit höflichen Worten begrüßt und sich für die Gastfreundschaft und die Hilfe, die ihm zuteil geworden war, bedankt. Natürlich konnte er das nicht und so senkte er leicht beschämt den Blick.
"Keine Sorge, Glorfindel hat mir erzählt, dass du nicht reden kannst." Ihre Stimme war sanft, verständnisvoll und schaffte es irgendwie tatsächlich, Legolas seine Bedenken zu nehmen.
Nun aber stand sie auf. "Ich hole meinen Mann, er wollte nach dir sehen, wenn du wach bist. Wir sind gleich zurück." Noch einmal schenkte sie ihm ein warmes Lächeln, dann verließ sie das Zimmer.

Der gute Eindruck, den Legolas durch Celebrian gewonnen hatte, wurde durch Elrond nur noch verstärkt.
Er war sehr sanft und geduldig, während er sich die Verletzungen noch einmal ansah nahm er sehr viel Rücksicht darauf, dass es ihm unangenehm war, angefasst zu werden.
"Die Verletzungen heilen jetzt ganz gut", stellte er schließlich fest während er frische Verbände anlegte. "Und das Fieber ist auch stark gesunken, in ein paar Tagen bist du sicher wieder auf den Beinen. In der Zwischenzeit werden wir dafür sorgen, dass du genügend zunimmst", fügte er lächelnd hinzu.
Als er seine Arbeit beendet hatte stand er auf und ging zu dem kleinen Schreibtisch, der am Fenster stand. Dort nahm er ein Pergamentblatt und eine Feder und reichte beides seinem Gast.
"Kannst du mir deinen Namen und deine Herkunft aufschreiben?"
Die Gedanken des jungen Prinzen überschlugen sich. Sollte er sich etwas ausdenken und irgendetwas hinschreiben? Nein, im Moment würde es sicher einfacher sein, wenn er zu einer weiteren Notlüge griff, auch wenn es ihm schrecklich unangenehm war, die zu belügen, die ihm so geholfen hatten.
Trotzdem wollte er zumindest im Moment unangenehmen Fragen aus dem Weg gehen und so schüttelte er den Kopf.
"Kannst du nicht schreiben?"
Wieder ein Kopfschütteln.
Elrond seufzte leise, wirkte dabei aber keineswegs entnervt, eher mitfühlend und besorgt. "Ist nicht so schlimm, wenn du möchtest können wir es dir beibringen, aber werde erstmal richtig gesund."
Damit, dass man ihm das Schreiben beibringen wollen würde, hatte Legolas gerechnet, aber das war auch in Ordnung. In der Zwischenzeit würde er genügend Zeit haben, sich in aller Ruhe eine glaubwürdige Geschichte auszudenken.
"Du warst wohl noch sehr jung als du von deiner Familie getrennt wurdest, oder?"
Wieder beeilte er sich, zu nicken. Es war nur von Vorteil, wenn man glaubte, dass er noch ein Kind gewesen und nicht bei seinem Volk aufgewachsen war. Zwar war ein 34-jähriger Elb in den Augen seines Volkes tatsächlich noch fast ein Kind, aber zumindest würde niemand mehr auf die Idee kommen, dass er Legolas war, denn gerade er als Prinz hatte eine ausgezeichnete Erziehung genossen.
"Nun gut, ich will dich nicht weiter drängen. Man wird dir gleich etwas zu essen bringen, dann kannst du noch ein wenig schlafen." Wieder lächelte der Herr Bruchtals. "Mach dir keine Gedanken, du kannst gerne so lange bleiben, wie du möchtest."

Wird fortgesetzt