Schwärze; tiefe, erdrückende, alles verschlingende Schwärze umgab Peter wie ein dichter Ring, der in vollkommen paralysierte. Er konnte weder atmen noch sich bewegen.
*Ist es so, wenn man tot ist?*, dachte er bei sich.
Die Sekunden dehnten sich zur Ewigkeit. Dieser Ring aus Dunkelheit schloss sich immer enger um ihn. Tiefe Furcht erfasste Peter, als er bemerkte, dass etwas in seine Gedanken eindrang. Ein Schmerz, ähnlich tausender kleiner Nadeln, die direkt in sein Gehirn einstachen, schoss durch seinen Körper. Der einzige Gedanke zu dem er noch fähig schien, bevor auch sein Verstand versagte, war ein gequältes *Nein.*
Von einer Sekunde zur anderen war der gesamte Spuk vorbei. Die Dunkelheit zog sich zurück und machte einer wunderschön gestalteten Landschaft Platz, wo die Sonne vom tiefblauen Himmel, dann und wann durchbrochen mit weißen Schäfchenwollen, auf die Erde schien.
Eine langgezogene Wiese mit leuchtend grünem Gras und bunten Blumen erstreckte sich bis zum Horizont, der in einem seltsam irisierenden Rot zu leuchten schien. Etwas weiter entfernt glitzerte etwas in den Strahlen der Sonne. Es war ein kleiner See, rundum von schattenspendenden Bäumen umsäumt, deren Wipfel sanft in der lauen Brise hin- und her schwangen.
Peter öffnete die Augen und gähnte herzhaft. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.
*Bin ich doch glatt mal wieder mitten auf der Wiese eingeschlafen.*
Elegant kam Peter auf die Beine und wanderte, leise vor sich hin pfeifend, in Richtung der kleinen Oase inmitten dieser Blumenwiese. Trotz der Augenscheinlichen Entfernung dauerte es nur wenige Sekunden, bis er den See erreicht hatte.
Eine weibliche Gestalt mit halblangen braunen Haaren und einer zierlichen Figur löste sich aus dem Schatten der Bäume und ging mit ausgestreckten Händen auf ihn zu. Ein glückliches Lächeln ließ Peters Gesicht aufleuchten, als er die Frau erblickte. Er ergriff die ausgestreckten Hände und zog die Frau in eine Umarmung.
"Mom. Tut mir leid, dass ich zu spät komme, ich bin mal wieder eingeschlafen", entschuldigte er sich.
Laura lachte melodisch und strich ihrem Sohn liebevoll über die Wange.
"Das macht nichts, Liebling. Doch nun komm in den Schatten, du bist ja ganz warm."
Peter genoss ihre sanfte Berührung, doch irgendwie kam sie ihm eigenartig vor, als ob etwas nicht so war, wie es sein sollte. Dieses merkwürdige Gefühl dauerte noch nicht einmal eine Sekunde und verging ebenso schnell, wie es gekommen war.
Peter folgte seiner Mutter in den Schatten und lehnte sich neben sie an den Baum, an dem sie sich nieder gelassen hatte. Laura klopfte neben sich auf den Boden.
"Komm her, Liebling."
Peter folgte ihrer Einladung, lies sich neben seine Mutter gleiten und legte seinen Kopf an ihre Schulter. Laura strich ihm sanft über die Haare. Peter seufzte zufrieden und schloss entspannt die Augen.
Ja, genau hier war er richtig, hier gehörte er hin, hier war sein Platz - an der Seite seiner Mutter. Vollkommen mit sich im Einklang, beschützt in der liebevollen Umarmung seiner Mutter und erfüllt von tiefem Frieden, drifte er ab in den nächsten Schlummer.
oooooooooo
Das Wartezimmer vibrierte vor Spannung, die man förmlich mit bloßem Auge erkennen konnte. 5 Personen warteten deprimiert, ängstlich und hoffnungsvoll zugleich auf Nachricht von Peter.
Die vergangene Stunde kam allen wie ein schlimmer Albtraum vor. Eben noch war es Peter gut gegangen und plötzlich war der junge Shaolin wieder von ihnen gerissen worden. Seltsamerweise konnte sich Niemand mehr daran erinnern, wie es dazu gekommen war. Egal ob es nun die hier anwesenden Personen betraf, oder das Rettungsteam, keiner wusste mehr etwas von dieser seltsamen Explosion. Es war, als hätte es sie niemals gegeben.
Kermit und Caine hatten sich sofort um Peter gekümmert, während Cara voller Panik hinaus gerannt war um den Arzt zu verständigen. Es hatte nicht einmal eine Minute gedauert, bis ein ganzes Team mit einem Notfallwagen angerückt war. Sie alle hatten unverzüglich den Raum verlassen müssen, um Platz für das Team zu schaffen, damit Peter versorgt werden konnte. Seitdem saßen sie hier und warteten auf Nachricht.
Die Türe öffnete sich. Dr. Sabourin betrat den Raum. Annie, die die Schritte der Ärztin sofort erkannte, erhob sich, ebenso wie all die anderen. Dr. Sabourin trat auf Annie zu und ergriff die ihr entgegen gestreckten Händen.
"Wie geht es meinem Sohn?", erkundigte sich Annie, bis ins Innerste aufgewühlt.
Der Gesichtsausdruck Dr. Sabourins verhieß keine guten Nachrichten.
"Wir konnten ihn wiederbeleben", fing sie an, worauf ein allgemeiner Seufzer der Erleichterung erklang. "aber er liegt wieder im Koma soweit ich das beurteilen kann."
Annie musste sich setzen, die erneute Verschlechterung von Peters Zustand traf sie sehr.
"Was heißt, soweit sie es beurteilen können?", erkundigte sich Kermit mit spröder Stimme.
Dr. Sabourin zog tief den Atem in ihre Lungen ein. "Das ist das Seltsame an dieser Situation. Die Reanimation führte innerhalb einer Minute zum Erfolg, Peters Herz schlägt wieder und auch seine Atmung ist normal. Ehrlich gesagt ist uns der Auslöser ein vollkommenes Rätsel und wir wissen auch nicht, weshalb er nicht mehr zu sich kommt. Das einzige, das wir bis jetzt feststellen konnten ist, dass sich sein Körper in eine Art Ruhestand begeben hat, sprich seine Körpertemperatur ist um zwei Grad gesunken und sein Herz- als auch sein Pulsschlag haben sich verlangsamt. Es liegt aber alles noch im Rahmen."
"Können wir denn zu ihm?", fragte Annie, deren Sorge man ihrer Stimme deutlich anhören konnte.
"Sicher", erwiderte Dr. Sabourin und schob ihre Hand unter Annies Arm. "Ich begleite sie noch zu ihm, ich wollte ohnehin noch einmal nach ihm schauen."
Annie drückte die Hand der Ärztin. "Danke", sagte sie so leise, dass nur Dr. Sabourin sie verstehen konnte.
Kurz darauf waren alle wieder um Peters Bett versammelt. Es war hart zu sehen, dass Peter erneut an den Herzmonitor angeschlossen war. Allen kam es so vor, als würden sie wieder vollkommen am Anfang stehen.
Dr. Sabourin hatte sich ein wenig abgesondert, um noch einmal intensiv die Krankenkarte von Peter zu studieren in der Hoffnung, einen Hinweis zu erhalten, was das Koma ausgelöst hatte.
Peter lag in dem selben Zimmer wie zuvor. Doch keine Trümmer lagen herum, keine Fensterscheiben waren zerschlagen, kein Blut befand sich auf dem Boden, geschweige denn eine Leiche. Sie war ebenso im Nichts verschwunden, wie all die anderen Anzeichen einer Zerstörung. Alles sah genauso aus wie immer. Auch daran, dass es einmal eine Schwester Carmen gegeben hatte, konnte sich niemand mehr erinnern.
Ein weiteres Mal wurde die Zimmertüre geöffnet. Eine Schwester eilte auf Dr. Sabourin zu, ein Chart in der Hand.
"Das müssen sie sich unbedingt anschauen Dr. Sabourin", meinte die Schwester und reichte ihr den Chart.
Dr. Sabourins Gesicht verdüsterte sich, als sie einen Blick darauf war. "Das gibt es doch nicht", sagte sie vollkommen verunsichert.
Bevor auch nur einer der Anwesenden Personen eine Frage stellen konnte, eilte sie mit fliegendem Kittel aus dem Zimmer.
"Was war das denn?", warf Kermit ein, dessen ungutes Gefühl in der Magengegend ihm mitteilte, dass dieser Ausspruch direkt mit Peter zu tun hatte.
"Was weiß ich", entgegnete Jody sarkastisch. "Du wirst wohl warten müssen wie wir alle auch, wenn du wissen willst, was das zu bedeuten hat."
Kermit schoss Jody ein eisigen Blick zu, enthielt sich aber einer weiteren Bemerkung.
Eine halbe Stunde später kehrte Dr. Sabourin, zusammen mit einem weiteren Kollegen zurück.
"Das ist Dr. Mathews, der Leiter der Neurologie", stellte sie den Kollegen vor, der zur Begrüßung kurz mit dem Kopf nickte.
Annie, die aus der Stimmlage der Ärztin deutlich die Niedergeschlagenheit heraus hören konnte, stellte tonlos fest: "Sie haben noch mehr schlechte Nachtrichten."
"Ja leider, Annie. Dr. Mathews wird ihnen alles weitere erklären."
Alle Blicke wandten sich dem Doktor zu, der sich kurz räusperte bevor er sprach. "Das EEG hat pathologisch veränderte Gehirnströme ergeben."
"Was heißt das?", wollte Annie wissen.
"Nun, das bedeutet, dass irreguläre Unterbrechungen der Gehirnströme aufgezeichnet worden sind. Genauer gesagt traten während des EEG's immer wieder unterschiedlich lange Pausen auf."
Annies Stimme zitterte. "Sie meinen, dass Peters Gehirnaktivität nicht mehr normal ist?"
"Genau das, die Aktivität lässt in unterschiedlichen Abständen immer wieder nach und steigt dann wieder an."
"Oh Gott."
Der Aufschrei kam von Jody. Sie schlug entsetzt die Hände vor den Mund. Tränen schimmerten in ihren Augen.
Auch den anderen war das Entsetzen anzusehen. Kermit trat zu Jody und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. Er rang sich zu der Frage durch, die allen anderen auf der Seele brannte.
"Und wie kann man das Behandeln?"
Dr. Sabourin übernahm das weitere Gespräch. Die Ärztin schaute die anwesenden Personen der Reihe nach bedauernd an.
"Ich möchte sie nicht belügen. Wir sind im Moment absolut machtlos. Es gibt keinerlei Anzeichen, warum diese Unregelmäßigkeiten bei Peter auftreten. Alle anderen Funktionen sind im Rahmen."
"Wollen sie damit andeuten, dass sie nichts für ihn tun können? Es muss doch einen verdammten Grund geben warum das so ist!", wandte Kermit mühsam beherrscht ein.
"Damit haben sie leider den Nagel auf den Kopf getroffen. Zwar stehen noch einige Testergebnisse aus, aber wenn diese auch nichts ergeben, dann..."
Der Sabourin ließ den Satz offen, aber es war allen auch so klar, was sie meinte.
"Aber...aber es muss doch etwas geben, was man dagegen tun kann", warf Annie mit tränenerstickter Stimme ein. Sie hielt Peters Hand wie einen Rettungsanker umklammert.
Dr. Sabourin zuckte hilflos die Schultern. "Es tut mir so leid, Annie. Im Moment gibt es nichts, was wir für ihn tun können. Wir können ihn nur weiter beobachten und abwarten."
Annie schüttelte vehement den Kopf. "Nein, das kann ich nicht glauben. Es muss etwas geben." Ihre Stimme wurde immer leiser, eine Träne lief ihr über die Wange. "Es muss einfach."
Die Ärztin senkte den Kopf. "Ich wünschte, es wäre anders. Wir können wirklich nur abwarten und hoffen."
Der Pieper Dr. Sabourins ertönte in der nachfolgenden bedrückenden Stille. Sie zog ihn aus der Tasche ihres Kittels und warf einen kurzen Blick darauf.
"Tut mir leid, ich muss gehen. Ich schaue nachher noch einmal herein."
Mit einem letzten bedauernden Blick auf alle verließ sie daraufhin eilig, inklusive Dr. Matthews, den Raum.
Das leise Klicken der Türe, als sie hinter der Ärztin ins Schloss fiel, löste die Erstarrung. Die Anspannung machte sich bei jedem anders bemerkbar.
Jody schluchzte leise vor sich hin. Kermit lehnte mit vollkommen unbeweglicher Miene an der Wand, die Arme fest ineinander verschränkt, um nicht der Versuchung zu erliegen, die zitternde Cara in die Arme zu nehmen und Annie hielt noch immer Peters Hand so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervor traten.
Caine löste sanft Annies Hand von Peters und nahm die Untersuchung seine Sohnes noch einmal auf. Mehrere Minuten ließ er in atemloser Stille, beobachtet von allen anderen, seine Hände dicht über Peters Körper wandern. Die hohe Konzentration war ihm deutlich anzumerken, denn bald perlte Schweiß auf seiner Stirn.
Irgendwann ließ er die Hände sinken, sie fielen an seiner Seite herab, als würden sie nicht zu ihm gehören, schüttelte dann traurig den Kopf und ließ sich schwerfällig im Schneidersitz auf den Boden gleiten. Dort schloss er mit einem müden Seufzer die Augen und versuchte auf diese Weise Kontakt mit seinem Sohn aufzunehmen. Keiner wagte dem Shambhala Meister die entscheidende Frage zu stellen, seine Reaktionen waren auch so deutlich genug.
Eine Weile später kehrte Caine aus seiner Meditation zurück, das Gesicht noch immer gezeichnet von der Anstrengung.
Cara, deren Augen keine Sekunde Caines Gesicht verlassen hatte, durchbrach die Stille. "Caine, kannst du ihm helfen?", fragte sie mit emotionsgeladener Stimme.
Caine schüttelte langsam den Kopf. "Das...kann ich nicht", erwiderte er. "Ich kann ihn nicht erreichen."
Cara konnte und wollte diese Antwort nicht akzeptieren. Mit unsicheren Schritten stolperte die auf Caine zu und sank vor ihm in die Knie. Tränen liefen ihr über die Wangen.
"Bitte Caine, du musst ihm helfen. Wenn ihm einer helfen kann, dann du", bettelte sie.
Caine ergriff ihre Hände und hielt sie fest. Tiefer Schmerz spiegelte sich in seiner Miene.
"Du musst das Unvermeidliche akzeptieren. Auch ich bin nur ein Mensch."
"Nein."
Cara entzog ihm ihre Hände und packte ihn stattdessen in ohnmächtiger Hilflosigkeit an den Aufschlägen seiner Jacke.
"Du hast es doch noch nicht einmal richtig versucht, bist einfach nur so dagestanden", rief sie verzweifelt. "Tu doch endlich was, Peter stirbt sonst!"
Caine löste sanft ihre verkrampften Finger von seiner Jacke und zog sie in die Arme.
"Ich kann nichts für meinen Sohn tun, nicht im Moment", meinte er leise.
"A...aber wie ist es mit deinen Kräutern, d...die haben bis jetzt doch immer geholfen", schluchzte sie an seiner Schulter.
Caine erwiderte nichts mehr, doch sein Gesichtsausdruck sagte alles.
oooooooooo
"Liebling, wach auf, es wird langsam spät", erklang Lauras Stimme dicht an Peters Ohr.
Peter bewegte sich leicht. Das zufriedene Lächeln hatte sein Gesicht nicht verlassen. Im Schlaf hatte er sich eng an seine Mutter geschmiegt, so wie er es auch immer als kleiner Junge getan hatte.
Verschlafen öffnete er die Augen und blickte zu seiner Mutter hoch.
"Oh, sage nur ich habe so lange geschlafen. Tut mir leid, Mom."
Laura lachte leise und wuschelte ihm liebevoll durchs Haar.
"Das war noch nie anders, Liebling. Du hattest schon immer einen Hang zum Schlafen und zum Essen."
Wie auf Kommando knurrte in diesem Moment Peters Magen, so dass beide in Lachen ausbrachen. Peter erhob sich, reichte seiner Mutter die Hand und half ihr galant auf.
"Da du schon von Essen sprichst", kicherte Peter.
Laura gab ihm einen leichten Schubs gegen die Schultern. "Dann lass uns nach Hause gehen, damit ich uns etwas gutes Kochen kann."
Peter nickte zustimmend, sammelte die Decke ein, auf der sie gelegen hatte und folgte dann eilig seiner Mutter, die schon ein paar Meter voraus gelaufen war. Mit wenigen Schritten holte er sie ein und legte ihr einen Arm um die Schultern.
*Nach Hause. Wie gut sich das anhört*, dachte er.
oooooooooo
Tiefste Stille herrschte in Peters Krankenzimmer. Jody und Cara hatten sich zwei Stühle besorgt und saßen nun neben Annie an Peters Bett. Kermit lehnte nach wie vor an der Wand und auch Caine saß wieder bewegungslos am Boden, die Augen in tiefster Konzentration geschlossen. Mittlerweile flossen keine Tränen mehr, sie hatten einfach keine mehr, die sie verschwenden konnten.
Das einzige Wort, das dann und wann laut wurde, waren Caras beschwörend geflüsterten Worte. "Du musst einfach gesund werden. Bitte lass uns nicht alleine."
Caines abrupte Aufwärtsbewegung erschreckte die anwesenden Personen, die allesamt so regungslos verharrt hatten. Aller Augen richteten sich auf ihn.
"Caine?", fragte Annie, die spürte, dass er etwas vorhatte.
"Ich habe eventuell einen Weg gefunden zu Peter vorzudringen", sagte Caine ruhig. "Bitte verlasst solange das Zimmer, ich muss mit meinem Sohn alleine sein. Annie, sie bleiben hier, ich werde sie brauchen."
Die anderen gehorchten Wortlos und verließen das Zimmer.
Endlose Minuten vergingen. Ein Schrei, ausgestoßen von Annie, laut genug, dass er auch von draußen gehört wurde, lies das Vierergespann als Einheit in Peters Krankenzimmer stürzen. Kermit, der die Situation als Erster erfasste, rief Jody zu den Arzt zu holen und eilte auf Caine und Annie zu.
Caine lag zusammengesunken über Peters Oberkörper und bewegte sich nicht mehr. Annie hingegen lag neben dem Stuhl auf dem Boden und versuchte schluchzend und mit zittrigen Händen irgendwo einen Halt zu finden, um sich daran hochziehen zu können. Cara eilte zu Annie und half ihr hoch. Kermit kümmerte sich derweilen um Caine, der keinerlei Lebenszeichen von sich gab.
Wie auch vor kurzem bei Peter war das Notfallteam schnell zur Stelle. Das letzte was sie sahen, bevor sie erneut aus dem Zimmer gescheucht wurden, war wie Caine auf das freie Bett neben Peter gehievt wurde.
Im Wartezimmer kniete sich Kermit vor die noch immer zitternde Annie und versuchte behutsam heraus zu bekommen, was gerade geschehen war. Annie atmete ein paar Mal tief ein und aus, um ihre Fassung zurück zu gewinnen. Sie schämte sich, dass sie sich so hatte gehen gelassen. Kermits warmer Griff um ihre Hände half ihr dabei sehr, sich zu beruhigen.
"Annie, kannst du mir sagen was passiert ist?", fragte Kermit leise.
Annie holte tief Luft. "Ich bin mir nicht sicher, Kermit. Es ging alles so schnell."
"Versuche es, Annie. Versuche dich an alles zu erinnern, was passiert ist. Auch das kleinste Detail könnte wichtig sein."
Annie dachte ein paar Sekunden nach.
"Nachdem ihr aus dem Zimmer gegangen wart, bat mich Caine, Peters Hand zu erfassen und mich nur auf ihn zu konzentrieren. Ich bin mir nicht sicher was er genau getan hat, aber ich denke er hat seine Hand auf Peters Brust gelegt, zumindest hörte sich das Rascheln von Peters Hemd so an.
"Er...er. Ich denke er versetzte sich in Trance oder so etwas. Jedenfalls wurden seine Atemzüge immer tiefer und ruhiger. Nach einer Weile hörte ich ihn stöhnen. Ich meinte, eine Art von Elektrizität zu spüren und dann sank Caine schon über Peter zusammen, ich spürte den Luftzug. Ich bin dann aufgesprungen und wollte Caine zu Hilfe eilen, dabei bin ich am Stuhlbein hängen geblieben und hin gefallen. Ich erschrak mich so, dass ich nur noch schreien konnte und dann seid ihr schon in das Zimmer gestürmt."
Kermit, der merkte wie ihre Hände bei der Erzählung wieder anfingen zu zittern, drückte sie beruhigend.
"Schon gut Annie", sagte er so leise, dass nur sie es verstehen konnte. Lauter meinte er: "Diese Elektrizität, die du gespürt hast, kannst du das etwas näher beschreiben?"
Annie zuckte mit den Schultern. "Ich weiß nicht wie ich es beschrieben soll. Diese Anspannung in der Luft hat auch nur zwei oder drei Sekunden angehalten."
"Versuche es, Annie, es könnte wichtig sein. Hast du vielleicht so etwas ähnliches schon einmal erlebt beziehungsweise gespürt? War es vielleicht schmerzhaft z.B. so, wie wenn man gegen einen Weidezaun läuft, der unter Strom steht?"
Annie dachte mehrere Sekunden angestrengt nach. Plötzlich erhellte sich ihr Gesichtsausdruck ein wenig.
"Nein, schmerzhaft war es nicht, es war irgendwie...anders. Oh ja, da fällt mir tatsächlich eine Situation ein, die weitgehendst vergleichbar ist. Bei einem Spaziergang bin ich einmal mit dem Gesicht in ein Spinnenetz geraten." Annie schüttelte sich leicht bei der Erinnerung daran. "So ähnlich hat es sich hier auch angefühlt. Es war hier auch so eine Art ganz feiner Widerstand, der richtiggehend auf der Haut kribbelte. Kannst du damit etwas anfangen, Kermit?"
Kermit erhob sich aus seiner knienden Position und setzte sich auf den freien Stuhl neben Annie, ihre Hände noch immer fest in den seinen haltend.
"Leider nicht, Annie."
Sein Blick wanderte zu Jody und Cara, die ihnen blass und verängstigt gegenüber saßen.
"Kommt euch bei Annies Erklärung etwas bekannt vor?"
Beide schüttelten stumm den Kopf.
"Ich verstehe einfach nicht, wie das geschehen konnte. Das ist alles so furchtbar", brachte Cara ihre Gefühle zum Ausdruck.
Jody, die selbst sehr mit ihren eigenen Gefühlen zu kämpfen hatte, legte Cara spontan den Arm um die Schultern.
"Das kann wohl niemand verstehen. Alles was uns bleibt, ist mal wieder zu warten und zu beten."
Erneut verfiel das kleine Grüppchen in Schweigen bis Dr. Sabourin sie vom Warten erlöste. Sie wirkte vollkommen ratlos, als sie zu ihnen trat und kam auch sofort zur Sache.
"Die Situation wird immer mysteriöser. Caine weist exakt dieselben Symptome auf wie Peter. Seine Vitalfunktionen sind ebenso stark verlangsamt und auch seine Gehirnfunktion weißt diese Pausen auf. Wir stehen vor einem vollkommenen Rätsel. Trotz intensiver Tests lässt sich keine Ursache für das Ganze finden."
"Das gibt es doch gar nicht", ließ sich Kermit hören, der über die Nachricht nur fassungslos den Kopf schütteln konnte.
"Leider doch, Detective. Von ein paar Tests stehen zwar auch noch die Endergebnisse aus, aber ich bezweifle, dass sie uns weiter führen werden. Ich fürchte, nun da auch Caine von diesem seltsamen Phänomen betroffen ist, gibt es keine Rettung mehr. Es sei denn es geschieht noch ein Wunder."
Man sah Dr. Sabourin deutlich an, wie schwer ihr diese Worte fielen, doch sie wollte keine Hoffnung aufkommen lassen, wo es keine Hoffnung gab.
"Aber wir können doch nicht hier herum sitzen und einfach zusehen wie beide sterben, etwas muss geschehen!", rief Cara erregt aus.
Dr. Sabourin warf ihr einen mitleidigen Blick zu. "Ich wünschte, ich wüsste eine Lösung. Wir sind mittlerweile soweit, alles zu versuchen, wenn es auch nur den Hauch einer Chance von Heilung gäbe."
Cara trat näher auf die Ärztin zu. Nur Jodys Hand auf ihrer Schulter verhinderte, dass sie die Ärztin an den Aufschlägen ihres Kittels packte.
"Ich kann ihre Aussage nicht akzeptieren. Sie müssen einfach etwas tun, sie sind Ärztin. Wollen sie einfach nur zuschauen, wie es den beiden immer schlechter geht?"
"Cara, ich versichere ihnen, wenn ich wüsste wie man dieses Phänomen behandeln kann, würde ich..."
"Nein, kein würde ich. Ich will ein 'ich werde' hören. Es muss doch so etwas ähnliches schon einmal vorgekommen sein, können sie sich denn an nichts erinnern?"
Die Ärztin, die sich langsam aber sicher in die Ecke gedrängt fühlte, meinte: "Herrgott noch mal, ja es gab schon einen Fall, der so ähnlich gelagert war."
"Und, was haben sie damals getan?", erkundigte sich Cara, neue Hoffnung schöpfend.
"Wir konnten nichts mehr für den Patienten tun. Er starb innerhalb von 72 Stunden."
Im gleichen Moment als die Worte ausgesprochen waren, hätte sich Dr. Sabourin selber in den Hintern beißen können, dass sie dem Druck nachgegeben hatte. Ihr war klar, dass sie mit dieser Bemerkung nichts gutes angerichtet hatte. Das sagten ihr schon die entsetzen Gesichter der anderen.
"Aber es muss ja hier nicht dasselbe sein. Immerhin gibt es noch einige Unterschiede zu dem anderen Fall", fügte sie schwach hinzu.
Keiner sagte etwas dazu. Dr. Sabourin sah ein, dass jedes weitere Worte die Situation nur noch verschlimmern würde.
Es war Cara, die erneut die drückende Stille unterbrach. "Dann lassen sie uns wenigstens zu ihnen", verlangte sie.
"Das können sie gerne tun. Caine liegt in dem selben Zimmer wie Peter", antwortete Dr. Sabourin und deutete zur Türe.
Auf diese Worte hin erhob sich das Vierergespann müde und machte sich zum x-ten Mal an diesem Tage auf den Weg zu Peters und Caines Zimmer.
oooooooooo
Eine tiefschwarze Wolke umhüllte ihn, paralysierte ihn. Caine kämpfte mit aller Kraft dagegen an. Einen kurzen Moment gelang es ihm, sich von dieser Wolke zu befreien. Bizarre Bilder huschten in Lichtgeschwindigkeit an ihm vorbei.
Alle Bilder hatten etwas gemeinsam. Es handelte sich Ausnahmslos um Menschen und Gesichter von schrecklich gequälten Personen, die um Erlösung flehten. Dann hatte ihn die Wolke mit solch einer Kraft wieder eingeholt, dass er dagegen nicht mehr ankam.
Ein dumpfer, scharfer, quälender Schmerz zog sich wie Feuer durch Caines Unterkörper. Der Schmerz breitete sich immer mehr aus, bis er auch sein Denken erreichte und alles komplett ausschaltete.
Caine erwachte auf einer sich endlos erstreckenden Wiese. Etwas weiter entfernt schimmerte das Strohdach einer kleinen Hütte in der untergehenden Sonne. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht.
*Ich scheine schon wieder mitten auf der Weise eingeschlafen zu sein.*
Elegant erhob er sich und schritt auf die kleine Hütte zu. Seltsamerweise hatte er nur einige Schritte hinter sich gebracht und das Gebäude stand vor ihm.
Er öffnete die Türe und trat ein. Verlockender Essensduft strömte ihm entgegen, doch der Anblick der Frau und des Mannes, die ihm entgegen sahen war ungleich verlockender.
"Paps."
"Kwai."
Laura und Peter sprangen auf und eilten ihm entgegen. Caine streckte die Arme aus und empfing die Menschen, die ihm das Liebste auf der Welt waren, mit einem strahlenden Lächeln. Er drückte seiner Frau einen Kuss auf die Lippen und seinem Sohn einen Kuss auf die Stirn.
Caine genoss es, seine beiden Lieben nach stundenlanger Abwesenheit wieder in die Arme zu nehmen, doch irgendwie kam es ihm doch eigenartig vor, als ob etwas nicht so war wie es sein sollte. Dieses merkwürdige Gefühl dauerte noch nicht einmal eine Sekunde und verging ebenso schnell wie es gekommen war.
"Hallo ihr beiden. Ich bin wieder Zuhause."
oooooooooo
Jody wünschte sich zum ersten Mal in ihrem Leben blind zu sein so wie Annie. Caine und Peter so blass und still in ihren Betten liegen zu sehen, angeschlossen an all diese Apparate, und zu wissen wie schlimm es um sie stand, tat ihr in der Seele weh.
Sie hätte nahezu alles dafür gegeben, Peter noch einmal lachen zu hören, seinen unwiderstehlichen Blick, den er immer aufsetzte, wenn er bei Frauen was erreichen wollte, zu sehen, oder freundschaftlich von ihm umarmt zu werden.
Wären nicht all diese Apparate und Schläuche um sie herum und die blasse Gesichtsfarbe, hätte man annehmen können die beiden Caines würden nur schlafen und jeden Moment aufwachen. Leider war das aber nicht der Fall.
Annie hatte ihren Stammplatz an Peters Bett wieder eingenommen, Kermit lehnte wie immer mit verschränkten Armen scheinbar lässig an der Wand. Cara stand zwischen den beiden Betten und konnte sich nicht entscheiden, zu wessen Bett sie hintreten sollte. Jody, die Cara den Vortritt an Peters Bett lassen wollte, obwohl alles in ihr danach drängte zu Peter zu laufen, nahm an Caines Seite Platz und ergriff mit gemischten Gefühlen seine Hand, die sich seltsam kühl anfühlte. Dennoch tat Jody der leichte Körperkontakt gut. Er zeigte ihr, dass es noch nicht zu spät war.
*Es tut mir leid, Caine. Ich weiß, ich sollte nicht so denken, aber ich würde doch lieber Peters Hand halten. Du weißt, er ist der Mann den ich liebe, doch wo er nun Cara hat, muss ich mich eben damit abfinden*, entschuldigte sie sich in Gedanken bei ihm.
Cara entschloss sich letztendlich ebenfalls an Caines Bett zu gehen und ergriff seine andere Hand, die, im Gegensatz zu Peters Hand, nicht an eine Infusion angeschlossen war. Den erstaunten und fragenden Blick, den sie dabei von Jody erntete, bemerkte sie nicht.
Cara schloss die Augen, versuchte sich auf das Gefühl zu konzentrieren, Caines Hand in der ihren zu spüren in der leisen Hoffnung, vielleicht so etwas heraus bekommen zu können.
Sie spürte nichts, rein gar nichts.
Zutiefst enttäuscht öffnete sie ihre Lider eine Weile später wieder. Heiße Tränen schossen ihr in die Augen. Ihre letzte Hoffnung war gnadenlos zerstört worden.
Kermit beobachtete mit vollkommen ausdruckslosem Gesicht das stumme Treiben um ihn herum. Er wünschte sich, etwas sagen oder tun zu können, um die anderen zu trösten, auch wenn es ihm innerlich auch nicht anders ging wie den restlichen Dreien. Diese ständige Warterei machte ihn noch vollkommen verrückt. Doch auch sein Gehirn war wie leergefegt, so dass ihn kein einziger Satz einfiel, womit er den anderen wenigstens wieder etwas Auftrieb geben konnte.
Minuten verstrichen in tiefster Depression und stummem Flehen. Plötzlich durchfuhr es Cara heiß und kalt. Ein Gedanke schob sich in ihr Gehirn, dem sie sich nicht entziehen konnte. Sie zog tief die Luft in ihre Lungen ein, um sich wieder zu beruhigen und die anderen nicht merken zu lassen, was in ihr vorging. In ihrem Kopf reifte ein Plan. Vielleicht hatte sie doch einen Weg gefunden, den beiden zu helfen. Doch ihr Vorhaben war so verrückt, dass sie den anderen nichts davon sagen wollte.
Mit aller Kraft riss sie sich zusammen. Peters und Caines schlechte Konstitution durfte sie jetzt nicht ablenken. Ein kurzer Blick unter halb geschlossenen Augenlidern bestätigte ihr, dass Kermit sie aufmerksam beobachtete. Sie konnte nicht einfach so verschwinden, ohne dass er sich an ihre Fersen heften würde.
Egal was vorhin zwischen ihnen passiert war, sie wusste, dass Kermit sie niemals alleine gehen lassen würde. Immerhin sah er die Sache vollkommen anders als sie. Das war in ihrem Streit mehr als deutlich geworden. Außerdem kannte sie in der Zwischenzeit Kermit einfach zu gut, so dass ihr klar war, wie er auf ein Verschwinden ihrerseits reagieren würde. Sie würde nicht alleine aus diesem Zimmer heraus kommen, wenn er wüsste was sie vor hatte. Doch genau das war notwendig, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.
Die rettende Idee kam ihr ein paar Sekunden später. Sie ließ Caines Hand los und wandte sich Richtung Türe.
Prompt erkundigte sich Kermit: "Wo willst du hin?"
Ohne in ihrer Bewegung zu stoppen erwiderte sie: "Ich muss mal."
Draußen vor dem Zimmer lehnte sie sich einen Moment erleichtert an die Wand, bevor sie entschlossen dem Ausgang zueilte. Der erste Teil ihres Planes war hiermit aufgegangen.
oooooooooo
Kermit blickte zum wiederholten Male auf die Uhr. Mittlerweile war eine Viertelstunde vergangen und Cara war noch immer nicht aufgetaucht. Langsam fing er an, sich Sorgen um sie zu machen.
"Jody, siehst du bitte mal nach Cara. Sie müsste schon längst wieder hier sein", meinte er.
Jody nickte und kam seiner Bitte nach.
Wenige Minuten später kehrte sie mit verwirrter Miene zurück.
"Ich konnte sie nicht finden. Die Schwester an der Information hat Cara auch nicht gesehen", bekannte sie ratlos.
Kermit schlug mit der Faust gegen die Wand, dass der Putz abbröckelte.
"Das gibt es doch einfach nicht. Nun ist Cara auch noch weg!"
Kapitel 8"Vielen Dank. Stimmt so."
Cara drückte dem Taxifahrer einen Geldschein in die Hand, stieg aus dem Taxi und schaute mit gemischten Gefühlen zu dem dreistöckigen Backsteingebäude empor. Die erste Etappe ihrer Reise war gelungen.
Knapp zwei Minuten später erreichte sie keuchend ihr vorläufiges Ziel, nämlich Caines Appartement.
*Nur gut, dass er nie abschließt*, dachte sie und trat ein.
Suchend schaute sich Cara in Caines Wohnung um.
"Komm schon", spornte sie sich selbst an. "Erinnere dich, wo Peter es hingetan hat. Er hat dir den Platz doch gezeigt."
Ihr Blick fiel auf die kleine Kommode neben dem Eingang zur Apotheke. Ein leichtes Lächeln erschien auf ihren Lippen. Ja, da musste es drin sein.
Caras Finger zitterten leicht, als sie die Kommode aufzog und einige Papiere zur Seite schob. Da war es, das beige Buch mit dem Sonnenzeichen darauf. Sie zog es hervor und drückte es an ihre Brust, als wäre es ein Rettungsanker. Tausend Schmetterlinge tanzten in ihrem Bauch, als sie daran dachte, was sie vorhatte.
Mit dem Buch in der Hand ging sie in den Meditationsraum. Sie legte es in die Mitte des Zimmers und überlegte einen Moment. Dann zündete sie sowohl ein paar der Räucherstäbchen an, die neben dem Goldenen Buddha in einem Glas auf dem Altar standen, als auch die beiden dicken Kerzen, die den Buddha links und rechts einrahmten.
Noch einmal dachte sie angestrengt nach. Ja, das war alles gewesen, was Caine immer getan hatte, wenn er meditieren wollte. In ihren Augen waren die Vorbereitungen hiermit abgeschlossen.
Cara kehrte zum Buch zurück und setzte sich im Schneidersitz davor. Ihre Finger zitterten, als sie das Sonnenzeichen von Shambhala aus ihrer Hosentasche zog.
"So, und nun wollen wir mal sehen, ob ich euch nicht erreichen kann", murmelte sie, während sie das Sonnenzeichen in die dafür vorgesehene Mulde legte.
Im Krankenhaus hatte sie sich an ein Gespräch mit Caine erinnert, der sie damals dazu überreden wollte als rechtmäßiger Besitzer des Buches von Shambhala dieses auch an sich zu nehmen. Er hatte ihr erzählt, dass man mit Hilfe des Buches in viele fremde Dimensionen reisen konnte und das war auch der auslösende Gedanke gewesen, weshalb sie hierher gekommen war.
Für sie stand einwandfrei fest, dass es sich bei Caines und Peters Koma um kein normales Koma handelte. Sie mussten sich in einer fremden Dimension befinden und genau dahin wollte sie sich nun begeben.
Wie hypnotisiert starrte Cara auf das Buch. Eigentlich musste es sich nun öffnen, schließlich war es damals, als sie mit Peter zusammen in die Hände der Sing Wah geraten war, auch so gewesen.
Es tat sich nichts.
"Na nun komm schon, geh endlich auf du verdammtes Ding", rief sie aus.
Das Buch reagierte nicht. Nicht einmal ein schwaches Glimmen wurde sichtbar.
Ungeduldig seufzte Cara auf. Um sich Mut zu machen redete sie weiterhin laut.
"Sag bloß es gibt ein Wort damit du dich öffnest, habe ich das damals einfach überhört? Also gut, probieren wir es mal mit Sesam öffne dich."
Nichts geschah.
"Abrakadabra."
Nichts.
Cara probierte alle Worte aus, die ihr in den Sinn kamen, um das Buch zur Mitarbeit zu bewegen, doch es verweigerte schlichtweg die Kooperation. Heiße Tränen stiegen Cara in die Augen. Die ganze Anspannung und die Sorge um die zwei Personen die ihr mehr als alles andere am Herzen lagen entlud sich in einem heftigen Weinkrampf.
In ihrer Hilflosigkeit und der tiefen Qual, die sie empfand schlug sie mit ihren Fäusten auf das Buch ein.
"Ich bin dein Besitzer, du hast mir zu gehorchen, nur mir!", schrie sie. Dann brach sie schluchzend über dem Buch zusammen.
Einige Minuten verstrichen bis Caras Weinen verebbte. Das einzige Resultat, das sie davon hatte, waren pochende Kopfschmerzen und aufgeschürfte Knöchel, die langsam anfingen zu brennen.
"Warum reagierst du nicht du dummes Ding. Es geht um Leben und Tod, kannst du das nicht erkennen?", redete sie auf das Buch ein als wäre es ein Mensch.
Irgendwann konnte sich Cara nicht mehr länger gegen den Gedanken wehren, dass nun hiermit auch ihre allerletzte Hoffnung zerstört wurde. Das Schicksal von Caine und Peter schien durch ihre Niederlage besiegelt. Die alten Selbstvorwürfe keimten erneut auf. Durch ihre Unlust alleine zu fahren, hatte sie nicht nur Peter, sondern nun auch noch Caine auf dem Gewissen.
Plötzlich stieg eine unbändige Wut in ihr auf. Cara ergriff das Buch und schmiss es mit aller Kraft gegen die Mauer. Es gab einen lauten Schlag, als das Buch gegen die Wand krachte, was Cara fast befriedigt registrierte. Erst auf dem zweiten Blick erkannte sie, dass sich das Buch geöffnet hatte und sanft in einem reinen weißen Licht zu glühen anfing.
"Was ist denn nun los?", brachte sie hervor.
Schwankend kam sie auf die Beine und ließ sich vor dem Buch nieder, dessen Glühen immer stärker wurde. Sie streckte die Hand aus, als müsse sie sich davon überzeugen, dass sie nicht träumte. In dem Moment, als ihre Finger das Blatt berührten, erfüllte ein gleißender Lichtblitz das Zimmer.
Wie vom Blitz getroffen fiel ihr Körper zur Seite. Kurz noch zuckten die Finger ihrer linken Hand, die Kontakt zu dem Buch hatten, dann lag sie absolut reglos und still da. Gleichzeitig verblasste auch das Glühen des Buches
oooooooooo
Annie saß an Peters Bett, seine Hand hielt sie nach wie vor fest umklammert. Das Laken unter ihr war feucht von ihren Tränen, die sie nicht mehr länger hatte zurück halten können, nachdem Kermit und Jody aus dem Zimmer gestürmt waren, um Cara zu suchen.
In Momenten wie dem jetzigen, fragte sie sich, wie lange sie das alles noch ertragen konnte. Zuerst hatte Paul sie verlassen, um seine Dämonen zu bekämpfen wie er sich ausgedrückt hatte. Die sporadischen Nachrichten, die sie ab und an von ihm erhielt, trugen nicht gerade zu ihrer Beruhigung bei. Sie vermisste Paul ungemein, besonders in Zeiten wie diesen und in den langen einsamen Nächten Zuhause in ihrem großen Doppelbett.
Nun lagen Peter und Caine hier im Sterben. Mit jeder Minute, die verging, wurde klarer, dass nur noch ein Wunder die Beiden retten konnte. Und nun war zu allem Überfluss auch noch Cara verschwunden.
Sie hob Peters schlaffe Hand hoch und drückte ihm einen Kuss auf den Handrücken.
"Oh Peter, bitte komm zu dir. Ich könnte es nicht ertragen, dich auch noch zu verlieren. Lass uns nicht alleine", flüsterte sie.
Eine leises Geräusch vor der Türe ließ Annie zusammen zucken. Obwohl es sehr leise war, hatte ihren scharfen Ohren es vernommen. Annie straffte sich, fuhr sich schnell mit den Händen über das Gesicht, um die Tränenspuren wegzuwischen und wartete bis die Türe geöffnet wurde.
Kermit und Jody traten ein. Schon an den schleppenden Schritten konnte sie erkennen, dass sie keinen Erfolg gehabt hatten. Dennoch erkundigte sie sich: "Habt ihr sie gefunden?"
Jody schüttelte den Kopf. "Nein, leider nicht. Cara scheint vom Erdboden verschwunden zu sein. Niemand hat sie gesehen, niemand hat etwas gehört."
"Jeden Stein haben wie hier umgedreht, nichts. Ich habe eine Vermisstenmeldung heraus gegeben", fügte Kermit noch hinzu, während er seinen Platz an der Wand wieder einnahm.
Jody trat an Peters Bett.
"Gab es hier irgendeine Veränderung?", erkundigte sie sich.
Annie konnte nur stumm den Kopf schütteln, sie traute ihrer Stimme nicht.
Jody streckte die Hand aus und strich Peter eine Haarsträhne aus der Stirn, ein tieftrauriger Ausdruck lag in ihren Augen.
*Ich hoffe nur, es war nicht das letzte Mal, dass ich das machen kann*, dachte sie.
oooooooooo
Cara stöhnte leise und hielt sich mit beiden Händen ihren Kopf fest, der fast zu zerspringen drohte.
"Oh Mann, eine Migräne kann ich jetzt aber absolut nicht gebrauchen", murmelte sie.
Mit einem weiteren Ächzen kam sie in eine kniende Position und schaffte es nach mehreren Versuchen auch, ihre Augen zu öffnen, die so stark tränten, dass sie im ersten Moment nichts erkennen konnte.
"Heiliges Kanonenrohr, wo bin ich denn hier gelandet?", rief sie aus, nachdem sich ihre Augen sich an das diffuse Dämmerlicht gewöhnt hatten, das sie umgab.
Die bohrenden Kopfschmerzen waren aufgrund der bizarren Landschaft, die sich vor ihr auftat, total vergessen.
Soweit sie schauen konnte sah sie nur verdorrtes grau-braun verfärbtes Gras, schwarze Felsen und die kläglichen, verkohlten Reste dessen, was einmal ein Wald gewesen sein musste. Der Himmel hatte eine ungesunde graue Färbung. Er war bedeckt mit rabenschwarzen Wolken, die fast bis zur Erde zu hängen schienen.
Eine eiskalte Windböe fegte durch die seltsame Landschaft und ließ Cara erschauern. Beschützend schlang sie die Arme um ihren Körper, in der Hoffnung, sich so ein wenig zu wärmen.
*Wenn ich gewusst hätte, wo ich hier lande, hätte ich mir einen dicken Pullover angezogen*, dachte sie sarkastisch.
Ein weiterer Windstoß brachte sie dazu, einen kleinen Schrei auszustoßen. Sie konnte sich nicht helfen, doch die düstere, trübe und auch eindeutig gefährliche Stimmung, die hier überall in der Luft lag, trug nicht unbedingt zu ihrer Beruhigung bei. Im Gegenteil. Sie spürte immer mehr, wie ihre eigene Angst ihre Glieder zu lähmen begann.
"Nein!"
Cara schrie das Wort mit aller Kraft. Den Klang ihrer eigenen Stimme zu hören, machte ihr wieder ein wenig Mut.
"Okay, nun reiß dich mal zusammen. Du bist hier, weil du eine Aufgabe zu erledigen hast, also schau gefälligst auch, wie du das bewerkstelligen kannst", sprach sie weiter. "Irgendwo hier sind Peter und Caine. Du musst sie nur finden."
*Na toll, und wie?* stellte sie sich in Gedanken die Frage.
Noch einmal schaute sie sich suchend um. Ihr Blick blieb an einer Art Gesteinshaufen hängen, den sie zuerst nicht bemerkt hatte. Mit viel Fantasie konnte das vielleicht eine zusammengefallene Hütte darstellen. Die Entfernung konnte sie nicht schätzen, es konnten 2 oder auch 20km sein. Alles sah in dieser Gegend merkwürdig verzerrt aus, selbst die Felsen. Irgendein Gefühl, das sie nicht näher bestimmen konnte sagte ihr, dass sie in diese Richtung laufen sollte. Sie zuckte die Schulter.
*Die Richtung ist genauso gut wie jede andere auch. Dann mal ran.*
Erneut fuhr ihr der Wind durch alle Glieder. Suchend schaute sie sich nach einer Möglichkeit um, dem kalten Wind ein wenig zu entgehen. Zum Waldrand wollte sie nicht gehen, der war ihr zu unheimlich. Zu ihrer Rechten entdeckte sie den sanften Abfall der Landschaft, das war ihr beim ersten Mal gar nicht aufgefallen. Sie trat näher an den Rand und entdeckte, dass es sich um ein ausgetrocknetes Flussbett handeln musste.
Ohne lange zu überlegen, kletterte sie die Böschung hinab und beschloss, ihren Weg in diesem Flussbett fortzusetzen. Es führte in die richtige Richtung und der Wind toste dort unten deutlich weniger um sie herum, weil er vom Rand der Böschung abgeschwächt wurde.
oooooooooo
Kermit lief wie ein Tiger hin und her und zermarterte sich das Gehirn, was mit Cara geschehen sein konnte.
Jody, die das nicht mehr mit ansehen konnte warf ein: "Kermit, beruhige dich um Himmels willen wieder. Das hier ist immer noch ein Krankenzimmer. Wir wissen nicht einmal, ob Peter und Caine in ihrem Zustand etwas mitbekommen oder nicht. Aber falls das der Fall ist, meinst du nicht, dass das sie beiden aufregen würde?"
Kermit stoppte mitten in der Bewegung. In einer fahrigen Geste strich er sich durch die Haare. Jody hatte eindeutig Recht. Es half niemandem, wenn er hier so herum tigerte. Wenn er so weiter machte, machte er noch Peter Konkurrenz, dem die zappelige Art mehr eigen war als ihm.
*Sogar das würde ich ertragen, wenn du nur wieder zu dir kommst*, dachte er.
Er zögerte einen Moment und rang sich dann zu einer Entscheidung durch, hier konnte er eh nichts tun.
"Jody, du bleibst hier bei Annie. Ich mache mich noch einmal auf die Suche nach Cara", meinte er entschlossen.
Jody nickte zustimmend, sichtlich erleichtert, Kermit nicht länger in dieser Stimmung ertragen zu müssen.
"Melde dich, wenn du etwas weißt", sagte sie einfach.
"Das werde ich."
Er ging zu Annie hinüber, um ihr einen Abschiedskuss auf die Wange zu geben, drückte Jody im Vorbeigehen kurz aufmunternd die Schulter und verließ das Zimmer.
Auf dem Krankenhausflur kam ihm eine Schwester entgegen. "Detective Griffin, sie suchen Miss Thompson, richtig?", erkundigte sie sich.
Kermit nickte bekräftigend. "Oh, yeah."
"Schwester Katherine erzählte mir gerade eben, dass Miss Thompson vor ungefähr zwei Stunden das Krankenhaus verlassen hat und in ein Taxi stieg."
"Verdammt, und warum erfahre ich das erst jetzt?", explodierte Kermit und starrte die Schwester düster durch seine Gläser an.
Die Schwester zuckte zurück. "Sch…Schwester Katherine musste bis jetzt bei einem Notfall aushelfen. Sie hat erst gerade eben erfahren, dass Miss Thompson gesucht wird, ich... "
Weiter kam die Schwester nicht, denn der Detective eilte schon mit großen Schritten auf den Ausgang zu.
Kermits Gedanken wirbelten wild durcheinander. Für ihn stand felsenfest, dass Cara etwas vor hatte, was er ganz sicher nicht gutheißen würde. Wo steckte sie nur? Je länger er darüber nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass sie sich eigentlich nur an drei Orten aufhalten konnte. Zuhause, in Caines oder in Peters Appartement.
Nachdem Kermit die Corvair erreicht hatte, schloss er auf, setzte sich hinter das Lenkrad und schoss mit quietschenden Reifen aus dem Parkplatz. Sein erster Halt fand vor Caras Haus statt. Er stieg aus und betrat ihre Wohnung. Von ihr war weit und breit nichts zu sehen, nur einige offene Schubladen, die aussahen, als wären sie in fliegender Hast durchwühlt worden, teilten ihm mit, dass sie da gewesen sein musste.
Ein dumpfes Gefühl machte sich in seiner Magengegend breit. Sie führte eindeutig etwas im Schilde, nun musste er nur noch herausfinden, was es war und hoffen, dass er nicht zu spät kam. Diesmal benutzte er das Blaulicht, um auf schnellstem Wege zu Caines und Peters Appartement zu gelangen. Irgendwie hatte er das Gefühl, er würde sie dort eher finden.
Leicht außer Atem erreichte Kermit Caines Wohnung, zum wiederholten Male diese vermaledeite Feuerleiter verfluchend. Kaum hatte er Caines Appartement betreten, da stellten sich die Härchen in seinem Nacken auf. Ein sicheres Zeichen, dass etwas nicht stimmte. Innerhalb einer Sekunde schaltete Kermit in den Söldnermode, der Eagle flog wie von selbst in seine Hand.
Vorsichtig und sich nach allen Seiten umsehend, startete er die Durchsuchung von Caines Loft. Alles war ruhig, nichts schien nicht an seinem angestammten Platz zu sein. Auch seine geschärften Sinne teilen ihm mit, dass keine unmittelbare Gefahr drohte, doch dieses mulmige Gefühl in seinem Magen wollte nicht weichen.
Als er in den letzten Raum, das Meditationszimmer, ging wusste er auch warum. Kermit stieß einen langgezogenen Fluch aus und überbrückte mit zwei schnellen Schritten die kurze Entfernung zu Cara, die regungslos auf dem Boden lag.
"Oh Mann, Mädchen, was hast du bloß wieder angestellt?", murmelte er.
Er kniete sich neben sie nieder und drehte sie vorsichtig zur Seite, um ihren Puls und ihre Atmung zu überprüfen. Zu seiner Erleichterung war alles kräftig und regelmäßig. Um sicher zu gehen, dass sie nichts gebrochen hatte, tastete er auf die Schnelle ihren Körper ab. Erleichtert atmete er auf, als er auch hier nichts finden konnte, dann fiel sein Blick auf das Buch.
"Oh nein, Cara, du hast doch nicht..." wisperte er.
"Doch du hast", gab er sich selbst die Antwort, denn dieses Buch kannte er nur allzu gut.
Bilder von Caine und Peter, wie sie reglos in ihren Betten lagen blitzten in seinem Gedächtnis auf. Er spürte wie nagende Angst ihn überkam. Was, wenn mit Cara dasselbe geschehen war wie mit den Beiden?
Tief zog er den Atem in seine Lungen ein, um sich zu beruhigen. Es nützte niemandem, wenn er jetzt die Nerven verlor. Nur einen kurzen Moment lang überlegte er 911 anzurufen, dann schob er den Gedanken zur Seite und entschloss sich dazu, Cara selbst ins Krankenhaus zu bringen. Das würde entschieden schneller gehen.
Vorsichtig schob er seinen Arm unter ihren Oberkörper und den anderen Arm unter ihre Beine, um sie vom Boden hoch zu heben. Es gelang ihm nur wenige Zentimeter Cara anzuheben, weiter ging es nicht.
"Na komm schon, so schwer kannst du in den letzten Stunden gar nicht geworden sein als dass ich dich nicht mehr hoch heben könnte, Prinzessin", redete er auf Cara ein.
Ein weiterer Versuch brachte dasselbe Ergebnis.
Kermit schüttelte verwundert den Kopf. Das konnte doch nun wirklich nicht wahr sein.
Sein Blick fiel auf Caras Hand, die noch immer auf dem Buch von Shambhala lag. Er ließ sie wieder los und griff nach ihrer Hand, um sie von dem Buch zu lösen. Sie gab keinen Millimeter nach.
"Das gibt es doch nicht!", rief Kermit erneut aus, dem immer mulmiger zumute war.
Mehrere Male versuchte er mit allen möglichen Tricks, Caras Hand von dem Buch zu lösen. Er hatte keinen Erfolg. Weder Caras Hand noch das Buch ließ sich von der Stelle bewegen.
Schließlich musste Kermit einsehen, dass er so nicht weiter kam. Emotional und auch körperlich erschöpft, ließ er sich gegen die Wand sinken.
Mehrere Sekunden verharrte er in dieser Position, bevor er nach seinem Handy tastete, um Hilfe zu rufen.
Seine Finger griffen ins Leere. Kermit fluchte laut, als ihm einfiel, dass er das Handy im Krankenhaus hatte liegen lassen, als er mit dem Revier telefoniert hatte. Es musste noch immer auf Caines Nachttisch liegen, wo er es abgelegt hatte, um Annie zu helfen.
Auf den Knien rutschte er ein wenig näher an Cara heran, hob ihren Oberkörper leicht hoch, so dass er ihren Kopf in seinen Schoß legen konnte. Zärtlich strich er Cara über die Stirn. In dieser Geste lagen all seine Gefühle, die er für sie empfand.
Zwei Seelen stritten in seiner Brust. Er war hin und her gerissen Hilfe zu holen, wollte aber gleichzeitig Cara nicht allein lassen.
Einen letzten Versuch, sie vielleicht doch noch aufwecken zu können, wollte er auf jeden Fall noch unternehmen.
Er klopfte ihr sanft auf die Wangen. "Komm schon Prinzessin, mach die Augen auf, dein Frosch ist hier", redete er in einer für ihn ziemlich unübliche Weise auf sie ein.
Sie reagierte nicht.
Kermit spürte, wie seine Hoffnung langsam dahin schwand. Noch einmal versetzte er ihr ein paar leichte Schläge auf die Wange.
"Prinzessin, du kannst mich doch nicht einfach alleine lassen, ich habe dich doch erst gerade gefunden", gab er seinen Gefühlen Ausdruck.
Angst griff mit kalter Hand nach seinem Herzen. Etwas musste hier geschehen und das so schnell als möglich.
Es geschah auch etwas, aber aus einer gänzlich unterwarteten Richtung.
Inzwischen war Kermit klar geworden, dass er sie verlassen musste, um Hilfe zu holen, ob er wollte oder nicht. Er war so vollkommen auf Cara fixiert, dass er nicht bemerkte, wie das Buch neben ihm zart zu glühen anfing.
"Okay Prinzessin, wenn du nicht zu mir kommen willst, dann muss ich eben zu dir kommen. Keine Angst, ich werde dich niemals alleine lassen, aber ich muss dennoch ein paar Minuten weg. Ich bin gleich wieder zurück", flüsterte er.
Falls sie ihn doch hörte, dann wusste sie nun immerhin, dass sie in ihrem Kampf oder was immer sie gerade erlebte nicht alleine war.
Kermit schloss die Augen und beugte sich über sie, um ihr einen Kuss auf die Stirn zu drücken. Seine linke Hand, hatte er auf die Stelle gelegt, an der sich ihr Herz befand. Die Heftigkeit seiner Gefühle, die er für Cara empfand, drohte ihn fast zu überwältigen. Von ganzem Herzen hoffte er, dass sie wenigstens das spüren konnte.
In dem Moment, als seine Lippen ihre Stirn berührten erstrahlte der Raum in einem blendend weißen Licht. Als das Licht wieder verebbte lag Kermit genauso reglos wie Cara auf dem Boden, seine linke Hand lag noch immer auf ihrem Herzen.
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Dr. Sabourin betrat leise das Krankenzimmer. Jody blickte auf. Als sie den müden und düsteren Ausdruck auf Dr. Sabourins Gesicht sah, legte sie instinktiv eine Hand auf Annies Schulter, die ihren Kopf ebenfalls in Richtung der Ärztin drehte.
Dr. Sabourin schluckte trocken in der Hoffnung, so den dicken Kloß, der sich in ihrer Kehle gebildet hatte, Herr zu werden.
"Wir haben inzwischen die endgültigen Testauswertungen bekommen", fing sie an.
Eine Pause entstand, Dr. Sabourin wusste nicht, wie sie das, was sie ihnen mitzuteilen hatte, formulieren sollte.
"Und?", fragte Jody, die das warten auf Antwort nicht länger aushielt. Nur den Bruchteil einer Sekunde tauchte ein Hoffnungsschimmer auf, doch dann begegnete sie den Augen der Ärztin und sie wusste, es gab keine Hoffnung.
Die Stimme der Ärztin zitterte leicht. "Nun, die weiteren Tests haben ebenfalls nichts brauchbares ergeben. Bis auf dieses EEG ist alles vollkommen Normal. Selbst Dr. Saunders, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Neurologie, dem wir das EEG zusandten konnte keinen Grund finden. Er meinte, er habe so etwas noch nie gesehen. Es... es tut mir leid, aber wir sind mit unserem Latein vollkommen am Ende."
Totenstille herrschte in dem Zimmer. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören. Nur langsam sank das eben gehörte in Jody und Annie und machte der bitteren Wahrheit Platz.
"D...d... das heißt, Peter und Caine haben höchsten noch drei Tage zu leben", flüsterte Annie, die ihre Hände so fest um Peters Hand geschlungen hatte, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.
Dr. Sabourin verspürte erneut heftige Gewissensbisse wegen ihrer hirnlos dahin gesagten Worte. Spontan trat sie zu Annie und legte ihr die Hand auf die Schulter.
"Das ist doch noch lange nicht gesagt Annie. Sie werden sehen, es wird schon", versuchte sie zu trösten.
"Worte, nichts als Worte", versetzte Annie bitter. "Woher wollen sie denn wissen, ob die beiden weiter leben, wenn sie nicht einmal die Ursache kennen?"
Dem konnte Dr. Sabourin nicht wiedersprechen. Mit einem letzen aufmunternden Druck um Annies Schultern und einem geflüsterten, "Es tut mir leid", verließ sie niedergeschlagen das Zimmer.
